Alpe Sücca und Nenzinger Himmel.
Das winterliche Studium von Ingenieur Rheinberger’s schöner Karte der Rheinthal- und Arlbergbahn war nicht ohne Erfolg geblieben: es regte die Verbindung zweier Ausflüge zu einer genussreichen zehntägigen Tour an, die uns von den Gestaden des jungen Rheins zu jenen des wilden, aus Gletschern und Bergseen seine Wasser sammelnden Engadinerkindes führte und ausser manch herrlicher Berg- und Thalschau noch die unbestreitbaren Vortheile bot, dass wir die Eisenbahn am ersten Tage nur drei, am letzten etwas über fünf Stunden zu belästigen brauchten, alle übrige Zeit aber uns auf Wanderwegen bewegen durften, auf denen die Modetouristik sich noch nicht allzu breit gemacht hat.
Fürchte nicht, lieber Leser, dass ich Dir mit beliebter chronistischer Genauigkeit die zehn von mir verlebten Tage schildere und für jeden anmerke, wann der Aufbruch erfolgte, wann gefrühstückt und ob in der That diese oder jene Bergspitze gesehen wurde, und wie sehr oder wenig wir mit den Entfernungsangaben unseres Reisehandbuches zufrieden waren. Vielmehr sei mir gestattet, aus meiner Wanderschaft nur einige Punkte herauszuheben und gegenüber den Reisebücher, welche, wie nur billig, die Touren den Schoppenweinen gleich nach ihrer «Pfennigvergeltlichkeit» gegen einander abwägen, dem vollen Reiz des «in den Tag hinein Wanderns» sein Recht zu geben.
Wir versetzen uns also an das Ufer des Rheins, nach Vaduz auf die Terrasse des Gasthofs Löwen und lassen uns, da schon am Anfang unseres Spaziergangs ein Regenguss und ein sich über Hohenliechtenstein spannender Regenbogen uns zu Unterstand und Augenweide gefesselt haben, gerne bereden, dem nun bevorstehenden Uebergang vom gewohnten Bier zu ausschliesslichem Weintrunk kräftigen Vorschub zu thun. Lange aber halten wir uns nicht auf, sondern steigen, ob nun angeregt von jenem Wein, der vom Ardetzenberg bis Balzers reift, oder im Gefühle jener Weltfreudigkeit, wie sie uns alte wie junge Studenten am ersten Ferien- oder Urlaubstage erfüllt, trotz des niederrieselnden Regens zu dem Höhenzuge empor, der in nordöstlicher Richtung, vom Dreischwesternberge bis zum Naafkopf gesehen, die lieblichen Weingelände von Vaduz und Balzers vom grünen alpenreichen Saminathale trennt.
Auf einer wohlgepflegten, erst schattigen, dann aber sonnigen und steilen Strasse erreichen wir in drei Stunden die Einsattelung des «Kulm», 1459 m und damit einen schönen Aussichtspunkt des liechtensteinischen Landes. Durch den Kulm ist ein kurzer Tunnel gebohrt, von dessen Westöffnung aus wir das ganze Rheintal von den Vorbergen des Säntis an bis in die bündischen Lande hinein überschauen, während auf der anderen Seite der Blick auf das innere Saminathal und seine weltentrückten Alpenmatten erfreut.
Auf der dem Saminathale zugekehrten Seite des von uns erstiegenen Bergrückens liegt, 1450 m, die Alpe Sücca. Hier erhebt sich seit Kurzem ein kleines Alpencurhaus, das von den Liechtensteinern zu Nutz und Frommen all derer hinaufgestellt ist, die nach Luft und Ruhe, stetem Blick ins Grüne und den Freuden eines reinen Gebirgslebens begierig, auf ebene Wege und Promenadenbänkchen aber nicht angewiesen sind. Hotelcomfort ist keiner da, dafür jedoch der Mittags- und Abendtisch recht lobenswerth, die Bedienung aufmerksam, die Gesellschaft und Unterhaltung endlich, wie meistens da, wo nur anspruchslose Menschen zusammenkommen, gut und anregend.
Wenn etwas störend ist, so ist es der Umstand, dass das zum Aufenthalt der Gäste dienende Gebäude, das «Sanatorium», zugleich dem – ursprünglichen – Zwecke der Sennerei gewidmet und nur wenige Schritte von dem grossen gemeindlichen Viehstalle entfernt ist. Was hier im Gefolge schlechter Witterung liegt, bedarf keiner Ausführung. Vielleicht gefällt es den wackeren Vätern von Triesenberg und zwar, da doch der Besuch des Sanatoriums sich verdientermassen mehrt, in Bälde mit des heiligen Joder und einiger warmgeherzter Menschen Hilfe die Gasträume in einen neuen, um einer Terrasse höheren Holzbau zu verlegen. Dann wird die Alpe Sücca, vorausgesetzt, dass der dadurch erhöhte Grad der Reinlichkeit und Annehmlichkeit der Güte der Verpflegung nicht und ihrer Billigkeit nur kleinen Eintrag thut, unter den Sommerfrischen rhätischer Lande einen geachteten Platz einnehmen. Auch in seiner jetzigen Gestaltung hat mir der Aufenthalt sehr wohl gefallen und ich wünsche dem Unternehmen glückliche Entwicklung.
Das lustige Völkchen, das da oben in Sücca seine Sommerfrische hält und, weil durch die bucklige Umgegend auf Bergtouren verwiesen, des schönen Wetters sehr bedürftig ist, hat einen untrüglichen Wetteranzeiger nahe und gratis zu seinen Diensten: dadurch, dass der den Kulm durchsetzende Tunnel die gerade Richtung von West nach Ost hat, lohnt sich die abendliche Erforschung der Windrichtung in den meisten Fällen, und auch wir vertrauten mit Erfolg dem kräftigen Ostwinde, der uns den Tunnel hindurch und zu dessen Westpforte förmlich hinaus jagte, als wir uns den wetterbeobachtenden Curgästen angeschlossen hatten.
Von Sücca führt ein schmaler Weg hinab zur Alpe Steg, die, im innersten Kessel des Saminathales liegend, mit ihrer Kapelle und ihren vielen aneinandergereihten Sennhütten einem Strassendorfe nicht unähnlich sieht. Nach Südosten uns wendend, gewinnen wir durch eine kleine Schlucht, deren Seitenwände sich von der gegenüberliegenden Sücca wie Theatercoulissen ausgenommen hatten, die prächtige Alpenstrasse des Malbunthales, die uns zur Malbunalpe und damit an den Fuss des Sareiser Jöchels geleitet. Mässig steigt diese, wenn auch nicht an Breite, so doch an Sauberkeit gar manche flachländische Schwester hinter sich lassende Strasse in dem nach Ausgang der Schlucht breiter werdenden Thale gegen die südlichen Berge empor; hoch oben liegt, gegen Süden an die überragende Bergwand gelehnt, die Alpe Malbun, deren aus weissem Stein gebautes Hauptgebäude dem aus der Ferne herankommenden Wanderer den völligen Eindruck einer Burg gewährt: es hätte mich nicht sonderlich Wunder genommen, wenn uns ein Zug von Reisigen entgegengekommen oder auf der Zinne ein Wächter zu spähender Umschau erschienen wäre.
Doch lassen wir die Alpe, die beim Näherkommen allmählig ihren burgartigen Charakter verloren hat, und klimmen über einen steilen Graskopf empor, der den Steig zum Sareiser Jöchl vermittelt. Bald haben wir die Spitze erreicht und geniessen die nicht umfassende, aber malerische und durch Gegensätze ausgezeichnete Aussicht.
Gegen Westen zu verfolgt der Blick die feinen Contouren der den Lauf des Rheins begrenzenden Bergzüge, hinter denen das gewaltige Massiv des Säntis, losgelöst von den umliegenden Hügeln, zu den Wolken aufsteigt. Vor uns, gegen Südosten, der Panuelerschrofen, des Scesaplanastocks mächtiger Abfall, über dessen starre graue Gesteinsmasse der im Frühlicht glänzende Brandnerferner hereinschaut. Im Osten aber eröffnet sich uns ein prächtiges Bild: zu unsern Füssen liegt der innerste und höchste Alpboden von Gamerdona, genannt der Nenzinger Himmel.
Haben wir die Alpe Steg ein Dorf genannt, so erhebt der Nenzinger Himmel mit seinen über hundert auf dem weiten Thalboden zerstreuten Hütten und seinem Kirchlein begründeten Anspruch auf Namen und Freiheit eines Marktfleckens.
Hier, auf diesem herrlichen Alpenplatz lässt sich’s gut wohnen, lässt sich’s mit grossem Genuss recht wohl ein, acht oder auch mehr Tage verbringen und, da so nahe an die mächtigsten Erhebungen des Rhätikon hinaufgerückt, eine wirkliche Sommerfrische halten: so war, nachdem wir, vom Sareiser Jöchl abgestiegen, einen heissen Nachmittag und eine nicht sonderlich kühle Nacht hinter uns gebracht hatten, am nächsten Morgen der ganze umsäumende Bergkranz bis tief herab beschneit, und zahlreiche Schneestreifen, die auf dem Thalboden selbst glänzten, zeigten uns an, dass auch er in erster Frühe ein weisses Kleid getragen hatte. Und nun halten wir, indes die Sonne mit Schnelligkeit die blendende Schneedecke wegnimmt und die im Thale flatternden Nebel zerfliessen macht, Umschau über unsern irdischen Himmel.
Wir befinden uns auf einem kreisrunden (Gamperdon, campo rotondo), mit saftigem Grün bedeckten Alpenboden, der 1363 m hoch gelegen und von einem geschlossenen Kranz der mannigfaltigsten Berggestalten umgeben ist. Zahlreiche niedere Sennhütten lagern sich um das Kirchlein zu St. Rochus, ein Försterheim und einige sorglicher gebaute Hütten, die wohlhabenden Städtern zugehören, heben sich durch die noch helle Farbe des zur Zimmerung verwendeten Holzes von den braunen Wandungen und Dächern der übrigen Wohnstätten ab.
Gegen Norden senkt sich dem Mangbache folgend das Gamerdonathal in drei Terrasssen dem Walgau zu, in vier Stunden ist Nenzing erreicht und damit das Illthal, aus dem, wie aus weiter Ferne, die den Fluss begleitenden Berge in blauen Schattengestalten hereinschauen. Die schmale Lücke, die den obenerwähnten Ausblick in die nördlichen Gaue gewährt, ist durch den Fundelkopf und Rauhen Berg flankirt, zwei mächtige Bergklötze, welche zu dem Gesammtbilde des uns umgebenden Felscircus einen guten Theil beitragen. Im Westen zieht vom Rauhen Berg über den Kamm des Sareiser Jöchl die Bergkette zum Gorvion und Naafkopf, im Osten steigen die Höhen, die Einsattelung des Amatschonjochs und damit den Uebergang ins Brandnerthal deutlich erkennen lassend, allmählig zu dem gewaltigen Felskoloss des Panuelerschrofen empor, der mit praller Wand unmittelbar vor dem Beschauer über tausend Meter aufragt.
Der schönste Blick ist der nach Süden. Auf der einen Seite wirft die Panuelerwand ihre dunklen Schatten auf die zu ihr aus dem Nenzinger Himmelboden ansteigenden lärchenbestandenen Terrassen des Solaruelthales, auf deren höchster, kurz, ehe sich unter der Felswand der Weg zum Solarueljoch und ins Prättigau abzweigt, die Wellen eines kleinen Bergsees ihr weltverlorenes Spiel treiben, und wie der Name des Sees «Hirschbad» andeutet, des Nachts sich stolzer Gesellschaft erfreuen. Auf der anderen Seite fesselt uns die kurze weissschimmernde Cascade des Mangbachs, der aus enger Schlucht vom Barthümmeljoch herabkommt und sich unterhalb des Nenzinger Himmels mit der über jene Terrassen des Solaruel herabrauschenden Schalanza verbindet, in welcher man, und wohl mit Recht, wegen ihrer Klarheit und Eiseskälte, den durch die Spalten des Panuelerschrofens sickernden und filtrirt zu Tage tretenden Schmelzwasserabfluss des Brandnerferners erkannt hat. Die Verbindung der Bergumrahmung endlich zwischen Solaruel und Barthümmelschlucht stellt ein begrünter Felsriegel her, die auf ihm liegende Alpe Panuel beherbergt vieles und schönes Vieh, dessen Geläut dem Glockengetön der unter dem Amatschonjoch auf Alpe Setsch weidenden Herde munter respondiert.
Muss nun noch des sanften, stetigen Windes gedacht werden, der von den Bergkämmen her über unsere Häupter weht, sowie des Umstandes, dass Tritt und Schritt von den schönsten Alpenrosen, die allenthalben wachsen, begleitet wird, ja dass im Solaruelthal an nicht einmal beschwerlich zu erreichenden Stellen Edelweiss gefunden wird, so ist getrost zu behaupten, dass es wenige Alpenthäler in tirolischen und vorarlbergischen Landen gibt, die so nach allen Seiten hin ihre Reize entfalten und so wohlthätigen Eindruck auf den der Stadt entronnenen Wanderer ausüben.
Was aber, höre ich aus der Zahl der Leser bedenklich fragen, gibt es denn im vielgerühmten Nenzinger Himmel neben der gepriesenen Einsamkeit und Schau ins Grüne an leiblicher Ergötzung? Gerne enthüllt sei Euch Ansehen und Inneres der Herberge, die uns zum Ausgangspunkt so schöner Wanderungen gedient hat.
«Hotel Himmelssonne» heisst die das Wirthshaus vorstellende, aus Erdgeschoss und niederem Oberbau bestehende Alphütte, eine Bank mit Tisch davor dient an heiteren Tagen zum Speiseplatz, und eine wenige Schritte abgelegene Hütte, die eine Anzahl ebenerdiger Gemächer birgt, ist die zur Aufnahme schlafbedürftiger Gäste bestimmte «Dependance». Laubsäcke versehen die Stelle der Kissen und Plumeaux, in den Gelassen hat ein hochgewachsener Mann Mühe, aufrecht zu stehen, aber was thuts: ich möchte den Touristen sehen, der, vom Panueler Schrofen oder auch vom Sareiser Joch nur kommend, auf diesen Laubsäcken nicht ganz prächtig schliefe und nicht bald, dem Reiz der Gegensätze unterliegend, sich herzlich mit der pytagorischen Einfachheit der Dinge hier befreundete, zumal Alles, was man hier zu essen und trinken kriegt, ganz vortrefflich ist. Schmarrn und Wein, die geräucherte Ochsenzunge mit tüchtig geschlagenem Kartoffelpürree, und – welche Freude wär’s für unseren theuren seligen Steub gewesen – auch der Kaffee ist gut und mundet vorzüglich. Was aber, und nicht zum Mindesten, den Gast so angenehm berührt, das ist die Sorglichkeit, mit der die Hauswirthin im Nenzinger Himmel, Pepi Wolf, des Posthalters zu Nenzing wackere Schwester, sich um das Wohl Derer kümmert, die sich ihr anbefohlen, wie an jenen schönen, aber sonnenreichen Julitagen, die wir bei ihr gerastet, auf der Suche nach dem Schatten um das Haus herum meiner Frau den Schemel und die Polster nachtrug und auch unseres kleinen Hundes nicht vergass. Ein freundlicher Dank sei ihr hier gesagt, ihr «Hotel Himmelssonne» aber blühe und gedeihe.
Der Uebergang vom Nenzinger Himmel nach Brand am Fusse der Scesaplana, über das Amatschonjoch ist sehr lohnend und auch auf dem «oberen Wege», falls man nicht, wie wir, der frühen Jahreszeit wegen, in den steilen Einschnitten des Berghanges hartgefrorenen Schnee antrifft, ganz ohne Beschwer. Wer nicht mit Bergstock und tüchtigen Schuhen versehen oder nicht dazu zu haben ist, auch einmal über geneigte Schneerinnen Stufen zu hauen, mag lieber den unteren Weg von der Alpe Setsch aus durch das Gagenfeld wählen und über Wiesböden in gerader Richtung zum Joch ansteigen. Aussicht bietet das Joch keine, dafür aber sehr schöne Einblicke in die Felsformationen des Fundelkopfs und Rauhen Bergs. In ein paar Stunden vom Joch weg ist Brand und damit ein Abschnitt unserer Wanderung erreicht, bei dem ich den Leser verlassen und ihm anheim geben will, ob er auf dem schönen Waldwege nach Bürserberg und Bludenz heraus oder zum Lünersee aufsteigend noch einmal in die Schönheiten der Berge des Rhätikon eindringen will, um dann durchs Gauerthal nach Schreins und über Gaschurn auf die Bielerhöhe zu gelangen. Doch genug, nur ungern lässt sich, wer im Gebirg zu wandern gewohnt ist, auf mehr als drei Tage hinaus eine Route vorschreiben und schliesslich finden wir, die wir uns in dem um den Arlberg gelegenen Gebiete umtreiben, über kurz oder lang uns doch zusammen, sei es nun in Stuben oder an den Ufern des Inns, auf der Post zu Landeck, oder aber in Pians in der guten Hut von Frau Mauroner.
(Von Alfred Lunglmayr in Lindau)
(Quelle: Alpenfreund 1895)
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Streifereien in Vorarlberg u. Tirol.
Ueber Triesnerberg nach Alp Sücken im Samina-Thal. Auf die Drei Schwestern (2025 M.)
Am 11. August 1876 fuhr ich auf der Eisenbahn nach Sevelen, um von da Vaduz mich zuzuwenden. Fast eine Geduldprobe ist der Gang durch die ganze Weite des Rheinthals. Der Zollwächter an der Rheinbrücke, auf einer Bank sein Mittagsschläfchen haltend, liess sich nicht stören. Im Schlafdusel frug er, ohne sich zu erheben, ob ich nichts Zollbares habe, und liess mich passiren. Wäre was daran gelegen gewesen, ich wäre unbemerkt hinüber gekommen. Etwas südwärts von Vaduz auf der grossen Thalstrasse angelangt, verfolgte ich sie eine Strecke weit in der Richtung gegen Balzers und schlug dann das nach Triesnerberg hinaufführende, gut angelegte Strässchen ein, da und dort auf Fusssteigen die langen Kehren abschneidend. Weiter, grossartiger entfaltet sich mit jedem Schritte zu Füssen das Rheinthal und sein Gebirgsrahmen. Triesnerberg, 1 – 1 ½ Stunde von Vaduz, ist ein höchst anmuthendes, terrassenartiges Gelände, von Obstwald bebuscht, aus dem freundlich die von Wohlhabenheit zeugenden Häuser blicken. Schon längst, wenn ich von drüben herüber sah, gelüstete es mich, einmal zu sehen, wie es da sei. Den Vaduzer trinkt man in meiner Vaterstadt besser, denn beim Bäcker, der die eine Wirthschaft führt. An geistigem Gehalt wird er übertroffen von dem liberalen Wiener Blatt, das sich der Bäcker hält. Noch höher, in nordöstlicher Richtung, dem Fusse des Grates nahe, der nach den Drei Schwestern führt, soll von Bergmatten umgeben, eine primitive Kuranstalt oder Sommerfrische sein, die ich ein andermal heimzusuchen gedenke. Da Milchwirthschaft oder Sennerei damit verbunden, müsste es ganz meine Sache sein. Hoch thront man auf der Mattenterrasse, hat noch weit umfassenderen Ausblick denn hier. Was man risikirt, wenn man nach Obstalden geht oder nach Wildhaus: dort in eine Kolonie hausbackener St. Galler Bürger zu gerathen, denen man sich glücklich für eine Zeit entronnen wähnt, hier in eine Clique Züricher Stockbürger, die auf hundert Schritte weit ihre Herkunft verrathen, gefährdete man sicherlich hier oben nicht.
In endlosen Kehren, zum Theil durch Wald, gewinnt die Strasse den Fuss des in Fels- und Rasenhängen jähanstrebenden Grates, mit Staunen sieht man sich vor der Mündung eines kunstgerecht angelegten Tunnels, der den Grat durchschneidet, überwindet. Drüben heraustretend, hat man mit einem Schlag das Saminathal unter sich. Engdurchschluchtet, schwarz-blau von Schatten, Duft und Tannenfinster verlieren sich seine tieferen Partien (zwischen Drei Schwestern und dem jenseitigen Gürtisspitz und Gallinakopf), die wilde Scenerie bieten sollen. Golden glänzen drüber hin im Abendschimmer die zwischen Wallgau und Laternserthal nahe Feldkirch liegenden Höhen. Um das reiche Prangen des scheidenden Tages an den östlichen Höhen und den Rückblick nach der Schweiz voll zu geniessen, ersteige ich den Grat und lagere mich neben die beiden Finanzwächter, die von Triesnerberg her mich eingeholt haben und mir vorangeeilt sind. Gluthroth ragen über den grünen Hängen des gegenüber mündenden Malbunthals die Schrofen und Firnzinnen der Scesaplana.
Die «Finanzer» erzählen von ihrem Treiben und spähen nach dem Hintergrunde des Saminathales. Da hinten, wo etwa Schwärzer herüberkommen, beginnt mit einbrechender Nacht ihr Tagewerk – indes soll es ohne Belang sein, was noch geschmuggelt wird.
Das in südlicher Richtung sanft dem Abhange entlang niederführende Fahrsträsschen verfolgend, erreiche ich in wenig Minuten Alp Sücken, mein Nachtquartier – auf der eidgen. Karte durch zwei Punkte bezeichnet. Das von Vaduz herüberführende Strässchen hat die Karte nicht, wiewohl es seit 15 – 20 Jahren oder länger bestehen mag. Sücken bietet willkommenes Unterkommen Allen, die da hinten ihrem Berufe oder Vergnügen nachgehen – Holzhackern, Zimmerleuten, Maurern, Beerensammlern, Jägern, Finanzern, Vagabunden, Touristen. Es hat eine allgemeine Küche, wo Jeder sich kochen kann, mit Tischen und Stühlen, und eine getäfelte Wirthsstube. Wein, Brod, Käse, Milch, Mehlspeisen sind zu haben. Mir mundeten vortrefflich die köstlichen Kartoffeln mit der feinen Butter.
Als man mit der Laterne nach dem allgemeinen Lager mich führte, der weiten Heudiele über dem Stall – das Vieh ist auf der Weide – lag da schon allerlei Volk. Doch hatte man mir, dem Touristen, genügend Raum reservirt und hatte nun sogar die Rücksicht, mir über das alte, verlegene, wie der Senne selber sagte, belebte Heu ein gewaltiges Bündel frischen Heues zu breiten. Zuletzt rückte auch der Jäger an, der spät in der Nacht erst mit zwei Begleiterinnen von Frastanz hergekommen, deren eine – schlanke, dunkle Brünette, mit grossen, vielverrathenden, kohlschwarzen Augen – eine überraschende Erscheinung. Wie ich es deuten sollte, dass der Senne neben mir ihnen das Lager anwies, überlasse ich Ihnen, Herr Professor, zu entscheiden. So viel ist sicher: Nur dem süssern Blut meiner Nachbarinnen hatte ich’s zu danken, dass die Flöhe, die bekanntlich feiner Witterung haben, mich unbehelligt liessen. Dennoch war die Nacht eine schlaf- und ruhelose. Erst spann der Jäger, unbekümmert um die Andern, mit seinem Schlafnachbar einen langen «Yarn» ab. Dann, bis in den frühen Morgen, bald lautes Stöhnen und Klagen, bald wieder «Gegigel» meiner geplagten Nachbarinnen. In der Frühe wollten sie beeren gehen.
Wie es hell genug war, um in der mir fremden Gegend mich zurecht zu finden, ging ich wieder hinan, am Tunnel vorbei, dem östlichen Abhang entlang den Drei Schwestern zu – ein angenehmer Gang, zum Theil durch lichtes Tanngehölze. Eine Zeit lang bleibt man nahe dem Rande des westlichen Absturzes – ein paar Schritte, und man hat, weit entfaltet, das Rheinthal zu Füssen. Dann hebt sich rasch und bedeutend der Kamm, indes der Pfad, sanft ansteigend, in der Tiefe bleibt und um eine Ecke nach einer weiten Ausbuchtung hinauf einlenkt, in deren hohem Hintergrunde, dicht unterhalb des Kammes zerstreut, einige Hütten winken. Ihnen mich zuwendend, ersteige ich die weite Kammeinsenkung darob, dann den nordwärts breit sich erhebenden Rücken und stehe auf einem weiten Gipfel, oder wenn man will, einem vom Hauptkamm ostwärts abspringenden kurzen Sporn (Garsilen), angesichts einer unumschränkten Ausschau.
Zum ersten Mal erblickt man da die höchste Spitze der Drei Schwestern, noch ziemlich entfernt und zwar, was man am wenigsten erwartete und Einen fast entmuthigt, durch eine weite, sehr tiefe Mulde oder Einbuchtung von dem betretenden Gipfel getrennt. Bis zum Kuhgrat, der dominirenden Spitze zwischen hier und Drei Schwestern, ist der Hauptkamm, wild zerklüftet, unbegehbar. Nichts Anderes bleibt mir, als entweder die Partie aufzugeben, oder in den sauren Apfel zu beissen: eine halbe Stunde abzusteigen, bis fast zu dem einsamen Hüttchen, das Sie auf der Karte sehen und von da etwa eine Stunde hoch und steil wieder anzusteigen! Einmal zu Letzterem entschlossen, ging es auf vielbegangenem, theilweise in Fels gehauenen Steig die wildzerklüftete, malerische Partien bietende Nordwand hinab, in tollen Sätzen und Sprüngen, dann über weite Schutthänge und zuletzt eben fort über hügeligen, von Legföhren überwucherten Weideboden, mit da und dort einer Tanngruppe. Drüben am Fuss des Kuhgrates ging’s stracks wieder empor, aber, so genau ich von oben mir den Steig gemerkt zu haben glaubte, ich verlor ihn, und einmal im jähen, heissen, dichtverschlungenen Legföhrendickicht drinn, war ich im besten Zuge in ein rechtes Schwitzbad mich zu rennen – da kam ruhige Ueberlegung. Eine Strecke weit wieder absteigend, bis zum Fuss des Abhanges, übersah ich mir ihn noch einmal und gewann wieder die freilich zuweilen ausgehende Fährte.
Wie ich hoch oben an der Wand des Kuhgrates eine vorspringende, aussichtsreiche Ecke betrat, wo plötzlich, eine Zeit lang unsichtbar, der Gipfel der Drei Schwestern wieder auftaucht, sah ich an seinen obersten Rasenhängen eine Heerde grasen – Ziegen wohl. Aber die Unruhe, in die sie geriethen, wie sie mich erspäht, die Evolutionen, die sie ausführten – denen der Schafe ähnlich, wenn der Hund hinter ihnen – hatten nichts mit dem Gebahren der Ziegen gemein: ein Rudel von etwa dreissig Gemsen war’s. Zu gerne hätte ich sie oben noch beisammen gesehen. Nachdem ich aber eilends den Kuhgrat ganz umstiegen, den Grat überschritten, der mit den Drei Schwestern ihn verbindet – wüst durchschluchtet tieft sich unterm Fuss, noch in Morgenlüster liegend, die Westwand ab – nachdem ich endlich das Ziel erreicht, war Alles zerstoben bis auf drei Thiere, die in rasender Flucht durch ein westliches Couloir hinabstürzten, das lose Gestein in Bewegung, in gewaltigen Aufruhr bringend.
Ein herrliches Thronen auf dem von Windstille umgebenen, sonnenwarmen Gipfel! Kaum eine andere der zwischen Sargans und Bodensee dem Rheinthal entstrebenden Höhen wird einem so vollkommenen, wohlthuenden Ueberblick desselben bieten, da keine derselben so weit vortritt, so unmittelbar das Thal beherrscht. Endlos erglänzt drüben, an den Fuss der Alvier-Gruppe und des Säntis-Stockes geschmiegt, Dorf an Dorf, endlos sieht man, in der Sonne spiegelnd, den Rhein sich winden. Enttäuscht fand ich mich vom Anblick der Appenzeller-Berge, die, nicht genügend beherrscht vom weit zurücktretenden Säntis und Altmann, nur als langgezogener Wall sich präsentiren. Noch können Alvier – und Churfürsten-Gruppe, von andern Seiten her einen so fesselnden Anblick bietend, zu ihrem Vortheile sich zeigen. Was hinter ihnen aus der Glarner und Bündner Gebirgswelt etwa auftaucht, kann auch nicht zu rechter Geltung kommen, da unser Standpunkt zu tief und zu nahe dem compacten Gipfelgros. Vollends verschlossen durch den Rhätikon ist der Blick nach den reichgegipfelten Gebieten des mittlern und östlichen Bündens. Was in sich selbst der Rhätikon bietet, ist nicht sein Schönstes, entschädigt nicht für das, was er entzieht. Glanzvoll aber ist die Ausschau gen Nord und Ost, wo man in den mannigfaltigsten Gebilden, zahllos das Gipfelheer Vorarlbergs, Bayern, Tirols im lichten Morgenduft sich zacken sieht. Bewandert in diesem Gebiete, habe ich genug zu thun, liebe alte Bekannte herauszufinden und zu begrüssen.
Garsellakopf, der Gipfel nördlich der Drei Schwestern, ist um 23 M. höher denn dieser und mag wohl nur von Nord oder Ost her zu erklimmen sein. Ganz unbegehbar erscheint der die beiden Gipfel verbindende Grat. Nur bedeutend tiefer lässt sich an der Ostseite der Drei Schwestern ohne nutzloses Klettern weiter kommen.
Dass ich von Sücken 2 ½ Stdn. hinauf gebraucht, hätte ich beinahe zu sagen vergessen. 9 ½ Uhr trat ich den Rückweg an – zwar ungerne und von Durst geplagt, da diese Wände sehr wasserarm sind. 12 Uhr war ich in Sücken zurück, wo ich das Ränzel gelassen.
Hungrig suche ich in der Wirthsstube vergebens den Wirth, während in der Küche draussen es hiess, er müsse doch drinn sein. Und nun erst erkenne ich ihn in der Figur, die, bis ans Kinn in ein weisses Tuch gehüllt, das Gesicht voll Seifenschaum, unfähig zu reden, regungslos in Mitte der Stube sitzt. Aber erst der Nimrod von gestern, sonst ein hübscher Mann, wie der seine Würde eingebüsst hat! Nicht der Vervollkommnung entgegenstrebend, wie der Falter – Symbol der Vergeistigung – entpuppt er sich, sondern als Bartschaber, und übt, mit der seine Sippe nie verleugnenden Grazie und Behendigkeit, seine Kunst am Wirth. Unterdessen bietet mir die hier aufliegende ultramontane Augsburger Post-Zeitung geistige Speise. Erst wie auch sein üppiges Haupthaar unter der Scheere gefallen, geht der Wirth, meine leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen.
Durch’s Malbunthal nach St. Rochus, in Gamperton. Gestern hatte der Barbier die Absicht geäussert, mit seinen beiden Schönen nach dem vier Stunden entfernten St. Rochus hinüber zu gehen, was ich mit Vergnügen vernommen, da es auch mein Weg. Nun aber ist keine Rede mehr davon, die Beiden streifen noch in den Heidelbeeren. Nachmittags 2 Uhr, wie die grösste Hitze vorüber, breche ich nach dem Malbunthal auf, von dem sich, wie von den guten Frauen, wenig sagen lässt. Krystallklar entströmt ihm ein reicher Quellenbach. Auf dem Wurzelwerk einer von ihm bespülten Tanne mich niederlassend, nehme ich ein köstliches Fussbad. In des Thales Gründen bis weit hinauf an seinen Wänden grünen sorgsam gepflegte Matten, wie man sie so tief im Gebirge nicht mehr suchte. Dort wo, in Mitte des Thales, die Karte die Hütte hat, steht, an der rechten Seite jedoch, auf angenehmer, freier Rasenterrasse, ein bewohntes Maiendörfchen. Oben an der Grenze der Matten vereinzelte Heugaden, im Hintergrunde des Thales noch ein einsames Maiensäss. Stillen Frieden athmend, bietet in malerischer Beziehung das Thal nichts, seine östlichen und südlichen Hänge zumal sind monoton, der in seinem Hintergrunde ragende Gipfel nichtssagend. Gegen einen Hirten über den milden, wohlthuenden Charakter des Thales mich äussernd, theilte er mir mit, dass man damit umgehe, hier eine Sommerfrische zu erstellen. Da wo der Weg im Zickzack zum Uebergangspunkt emporzustreben beginnt, steht ein neuer Brunnen mit köstlichem Wasser. Das zum Auswinden nasse Hemd wird an die Sonne gelegt und ein Säuberungsprocess vorgenommen.
Hoch stand noch die Sonne, als ich das Joch betrat. Die ansprechende nächste Umgebung, der Rückblick nach dem glanzvollen Westen, wo duftverschleiert die Umrisse des Säntis-Stockes sich erkennen lassen, namentlich aber der aus blaudämmernden Tannschluchten in schaurig kahlen, tiefgerötheten Wänden sich aufbauende Hintergrund von Gamperton, gekrönt von den Eiszinnen der Scesaplana, laden zu langem Rasten und Bewundern ein. Ein Bündelchen hinter einem Felsblock lässt ahnen, dass Jemand um die Wege – der Schäfer wohl, von dem im Thal die Rede war. Und alsbald taucht ein junger Bube auf, prächtiges Gebirgskind, neben mir lagernd und kindlich naiv mit mir sich einlassend. Was er mir – er ist von Triesnerberg – von seinen heimischen Schulverhältnissen erzählte, von den Prärogativen, die der Geistliche noch auf die Schule übt, machte mich staunen.
«Da in keiner der vielen Hütten die Unterkunft zu empfehlen, schreiten wir lieber gleich auf C. Meyr’s reinliche und neue Alphütte zu, in der sich eine Art Hôtel «zur Schalanza» aufgethan hat, das seinem bescheidenen Zwecke entspricht» – lässt Max Vermunt sich vernehmen (Stille Winkel in Vorarlberg, Jahrbuch des österreichischen Alpenvereins, 1870), St. Rochus nahend. Was Wunder, wenn ich, darauf bauend, die letzte grosse Bratwurst den Weg alles Fleisches gehen lasse und die fast volle Flasche sogenannten Vaduzer’s aus Sücken, mit Wasser und Zucker trinkbar gemacht, mit dem Schäferjungen theile. En reserve bleibt nur das Fläschchen Cognac. Dann, wie die Schatten höher wachsen und der letzte rosige Hauch verglommen an den Riesenwänden der Scesaplana und am himmelumsäumten Brandner-Ferner trete ich eilends den Abstieg an, geleitet eine Strecke weit vom Jungen. Wäre ich alleine gewesen, bis hinab hätte ich den vielbegangenen Pfad verfolgt und wäre so zu weit links und thalab gerathen. Zwar ein Stück weit gehen auch wir den Steig, verlassen ihn dann aber, rechts uns haltend. Der Junge gibt mir noch einige Andeutungen und geht den Schafen nach. Pfadlos schritt ich die sanftabfallende Weideterrasse hinab. Weit vortretend, gestattet sie einen Blick in die Tiefe, Orientirung erst, wenn man ihren Rand erreicht, was glücklich bei mir eben da geschah, wo sie nicht mehr, wie mehr links, in unpractikabeln Felsrunsen, sondern in leicht begehbaren Rasenhängen abschiesst, die hinab im Zickzack der Steig führt. Da kann ich mich gehen lassen und erreiche durch eine grasreiche Flucht in sehr kurzer Zeit den tief zu Füssen liegenden Thalgrund just da, wo der Steg über den vom Barthümmeljoch herabkommenden Mangbach nach dem weiten Triftengrunde setzt, auf dem einsam, in Mitte des ergreifend schön sich gestaltenden Thalschlusses, die weisse St. Rochus-Kapelle steht. Drüben, am rechten Ufer der Schalanza, die dem östlichen Seitenthal Solaruel entströmt, dehnt sich in langer Linie das Alpendorf selbst. Dämmerung ist kaum angebrochen.
Auffallend und ein schlechtes Omen ist, dass die Kühe, die ich aus der Höhe auf der zweiten Allmend gehen zu sehen glaubte, in der Nähe betrachtet in Galtvieh sich umwandeln, und dass in dem näher rückenden Alpendorf nichts sich regt, es wie ausgestorben aussieht. Ein halb Dutzend mir entgegenkommender Sommerfrischlerinnen, in buntes Farbengemensel gekleidet, geben dem in kaltes Abendgrau sich hüllenden Bilde wohlthuende Staffage. Es waren ungeschlachte, verwitterte Bäuerinnen und ein paar Kleinstädterinnen, die sich Airs gaben und sich etwas darauf zu Gute thaten, für ihre unbeholfenen Gefährtinnen das Wort zu führen, als ich an sie heran trat und über Dies und Jenes mir Auskunft erbat. Nach wie vor bewohnt der genannte Meyr die letzte Hütte thalein der langen Hüttenreihe, aber mit Staunen höre ich, dass seine Wirthschaft eingegangen ist. Man denke sich meine Enttäuschung! Ob noch was bei ihm zu kriegen, Speise, Trank oder Nachtlager, wissen die Frauen nicht. Vielleicht, meinten sie, würde sich der Förster meiner erbarmen, der dort in der neuen hübschen Hütte wohnlich eingerichtet sei. Milchvieh und Hirten seien noch auf den 1 – 1 ½ St. entfernten Hochalpen – wer Milch wolle, müsse sie dort oben holen. Aber wie denn sie hier es machten, frug ich. Sie wohnten zusammen in einer Hütte und Alles, was sie brauchten, hätten sie aus dem Thal heraufgeschleppt, erwiderten sie. Wo Sechs Platz haben, da sei auch ein Siebenter unterzubringen, hatte ich auf der Zunge zu entgegnen, fand aber, als darauf nicht eingeschulter Junggeselle, doch nicht den Muth in mir, dem Sturm der Entrüstung zu begegnen, den ich heraufbeschworen hätte.
Verstimmt zog ich von dannen. Angesichts der gigantisch sich thürmenden Felswände der Scesaplana, im Bereich des murmelnden Stromes hat Meyr’s Hütte eine ansprechende Lage. Unter dem einladenden Vordach hätte sich mit einer Flasche Wein behaglich der Abend verträumen lassen. Eine Sommerfrischlerin, da hausend mit ihrem jungen Dienstmädchen und eben mit Kaffeerösten beschäftigt, empfängt mich mit zuvorkommender Artigkeit. Meyr sei nach der Alpe Milch holen, sagt sie, dürfte aber bald zurück sein – was sie mir indes bereiten solle – etwa Kaffee? … ich habe nur zu befehlen, hungrig sei ich sicherlich. Und das mit einem Anstande, mit einer Herzensgüte, die wie Musik klang und gleich zu Hause mich stimmte. Das Türkenmus, das ich mir auserbeten, mit Milch zubereitet, war das Schmackhafteste, das ich je gegessen. Von Spirituosen, hiess es, sei nichts im Hause.
Es scheint, die Bauern, wie sie sahen, dass Meyr’s Wirthschaft guten Erfolg hatte, wurden neidisch und wussten ihm auf alle erdenkliche Weise die Sache verleiden, ja unmöglich zu machen. Milch und Butter, für die er auf sie angewiesen war, verweigerten sie ihm. Als er endlich kam, sagte er mir ein Bett zu.
Zum «Heimgarten» kam der Förster herüber – kein übler junger Mann, etwas von Weltschmerz angehaucht, der Schlimmes von den Uebergriffen der Bündner Jäger auf vorarlbergisches Gebiet zu erzählen wusste. Und eine Bande Sonntagsjäger rückte an, breit sich machend und spektakelnd in meinem winzigen Schlafgemach – wohl das ehemalige Wirthszimmer – in dem Alles sich concentrirte. Hohn war die Zumutung: schlafen zu gehen, wann ich wolle – und zwar nicht bloss Lärms, Tabakqualms, übeln Geruches halber, sondern auch der ekligen Unsauberkeit des Bettes wegen, in das mich zu legen, ich möglichst weit hinausschob, so müde ich war. Stunde um Stunde verging mit Singen von Schnadahüpfeln und patriotischen Tiroler-Liedern … Erst nach Mitternacht ging die Bande auseinander, Zweie ins eine Bette meines Gemachs sich legend.
Gamperton, die schönste Alpe Vorarlbergs, mit etwas hundert Alphütten und 1100 Stück Vieh, Eigenthum der Gemeinde Nenzing, nennt man auch den Nenzinger Himmel. Im Frühsommer, wenn stattliche Kühe, bis ans Euter im üppigen Grase watend, diese Triftengründe beleben, wenn endloses Glockengebimmel darüber klingt und Sonne und Himmel darein lachen und ihren Zauber darüber breiten, dann mag es schon so eine Art Hirten-Eden sein. Jetzt, zu dieser Jahreszeit und schlecht angefahren wie ich bin – Samstag Abends und Sonntag früh strömt eben Alles da hinein, was loskommen kann – spüre ich nicht den Hochschimmer davon. Himmelweit wünschte ich mich fort!
(Quelle: Aus der Firnenwelt. Gesammelte Schriften von J. J. Weilenmann. Dritter Band. 1877. Dieser Bericht, auf Anregung von Herrn Prof. Ulrich geschrieben und in Briefform ihm mitgetheilt, war eigentlich nicht für einen grössern Leserkreis bestimmt.)