Wiesenbau.
… Die Wildheuplanken liefern einen grossen Teil des Winterfutters für das am Südabhange gehaltene Vieh. Die «mäckernde» Kuh Quintens ist fast ausschliesslich auf sie angewiesen. Allein das Wildheuen da droben – in Betracht kommt hauptsächlich die grosse Terrasse Sulzli – und der Transport des Futters nach der Thalsohle sind mit grossen Schwierigkeiten verbunden.
2 ½ Stunden oberhalb dem Dörfchen Quinten dehnt sich die Heualp Sulzli, östlich begrenzt von der Alp Säls, westlich sich verlierend in den Felsschründen gegen Amden, in einem Längsgebiete von über einer Stunde aus. Alljährlich, am letzten Sonntag im Juli, wird jedem Quintener Bürger sein Teil zugelost und dazu ein «Kamm», der an Steilheit gewöhnlich nichts zu wünschen übrig lässt. Anfangs August beginnt die Heuernte. Auf der eigentlichen Terrasse bietet das Heuen bei gutem Wetter keine besondere Schwierigkeiten, obgleich das «Mahd» auch dort wegen der vielen im Laufe des Jahres sich einbettenden Steine «eifriges Wetzen und Selbstgespräch» verursacht, wie der «Bote am Walensee» s. Z. berichtete. In den Kämmen jedoch ist das Heuen mit mancherlei Gefahren verbunden. Oft sind die zu mähenden Partien so steil, dass ein Ausgleiten den sichern Tod zur Folge hätte. Mit peinlichster Vorsicht hackt sich der Heuer mittelst der Fusseisen fest, Schritt vor Schritt neuer Gefahr vermehrte Aufmerksamkeit schenkend. – Das gewonnene Heu wird auf der Laubegg, unterste Partie der Sulzli-Terrasse, in den vielen kleinen Heustadeln aufgespeichert bis zum Herbst. – Nach Angabe meines Gewährsmannes werden auf diesen Terrassen und Kämmen jährlich über 1000 Zentner der duftenden Futters gesammelt und im Spätherbst auf Schlitten zu Thale gebracht.
Alpwirtschaft.
… Nicht am wenigsten sind es die Eigentumsverhältnisse, die den stationären Betrieb bedingen und einen Hemmschuh für jede Verbesserung bilden. Von den 18 Alpen – von denen, nebenbei bemerkt, nur 5 auf dem Südhang liegen, also 13 der Nordseite angehören – sind 11 im Besitze von Privatgenossenschaften; nur 4 sind Gemeindeeigentum, … Vernachlässigung der Weide in verschiedenen Richtungen, Verschwendung an Zeit und Material jeder Art und schlechtere Verwertung der Milch sind die überall zu Tage tretenden Folgen dieses Systems, das der Selbstsucht, dem Eigennutz und dem Misstrauen seine Existenz verdankt. … In den genannten Hochalpen ((Sellamatt, Breitenalp, Selun)) wird Vieh aus 55 Alpen und Weiden der Umgebung und aus stundenweiter Entfernung aufgetrieben, daselbst in 173 Senten gehalten und die Milch in 84 Hütten mit 173 Molkereien verarbeitet. Es gibt wohl kein zweites Beispiel ähnlicher (Miss-)Wirtschaft im ganzen schweizerischen Alpengebiet. … Auf den 13 Alpen des Nordabhanges löst sich der Betrieb in 268 Einzelalpungen und 3 kleinere Genossenschaftssennereien auf. Wer diese 268 köpfige Zwergalpung mit einem richtig geführten Genossenschaftsbetriebe vergleicht, der wird sich bald überzeugen, welchem Systeme der Vorrang zukommt und welches zur allgemeinen Anwendung gelangen sollte. Nur auf genossenschaftlichem Wege lassen sich die Anlage- und Betriebskosten auf das niedrigste beschränken und kann eine Wirtschaft erzielt werden, die in jeder Beziehung: Alppflege, Gebäudewesen, Milchverwertung, allen Anforderungen eines rationellen Alpwesens zu entsprechen vermag. Die Betriebszerstückelung ist der Anlass zum Schlendrian, das Hemmnis jeder Verbesserung, die Ursache des Rückganges.
Die Weise geniesst nirgends die Pflege, die ihr gebührt. Durch Reutungen, Räumungen, Verbauungen und Entwässerungen liessen sich noch manche Weideflächen nutzbar machen. Besonders den Räumungen wird viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt; harren doch noch ausgedehnte Flächen der Entsteinung….
Für Trinkwasser wurde besonders in den letzten Jahren derart gesorgt, dass ein wirklicher Wassermangel auf keiner Alp mehr zu befürchten ist. In mehreren Alpen hat man Wasser aus grossen Entfernungen in eisernen Leitungen auf die Weideflächen und zu den Gebäuden geführt, so in Schrina, Sellamatt und Iltios-Obersäss (Käserruck). An letzterem Ort ist eine zirka 200 m lange Eisenleitung erstellt worden zur Herleitung von Schneewasser (da anderes fehlt) auf die Weide. …
Die Einfriedungen bestehen zum weitaus grössten Teil aus natürlichen Abfriedungen. Anstelle des den Wald so schwer schädigenden Holzzaunes treten immer mehr die viel vorteilhafteren Mauern, sodass wir heute schon mehrere Alpen haben, die gar keinen Holzzaun mehr aufweisen. … Nicht bewährt haben sich Drahtzäune. Meines Wissens dient im ganzen Gebiete kein solcher mehr als Abfriedung.
Forstwirtschaft.
Ein Hauptübelstand in unserer Waldwirtschaft ist das Fehlen geeigneter Waldwege, weshalb meist noch die beiden ursprünglichen Transportarten, Schleifen und Riesen, die den Wald schwer schädigen, zur Anwendung kommen. Für das Riesen gelten fast überall noch dieselben Rechte und Pflichten, wie sie schon in uralten Zeiten festgesetzt wurden. … Es mag Verhältnisse geben, wo diese Art Holztransport, das Riesen nämlich, noch ihre Berechtigung hat, wie z. B. ob Quinten; im allgemeinen aber ist sie durchaus verwerflich, zumal sich eine richtige Pflege und Benützung der Waldungen nicht denken lässt. …
(Quelle: «Das Curfirstengebiet in seinen pflanzengeographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen», dargestellt von Dr. Gottlieb Baumgartner. Inaugural-Dissertation. St. Gallen. Zollikofer’sche Buchdruckerei, 1901)