Ein sonnerhellter Juliabend führte uns, drei Freunde, begleitet von einer jugendfrischen Knabenschaar, dem tief in den Thalkessel gebetteten Dörfchen Stein im Obertoggenburg zu. Unten die rauschende, geschwätzige Thur, hier in ihrem Oberlaufe ihr krystallhelles Wasser noch in schmalem Bette fortwälzend, rechts und links Weide und Wald mit Vogelschall, über uns die Häupter der nahen Bergriesen, des Schindelnbergs im Osten, der Churfirsten im Südosten, des Speers und Grobenbergs im Westen und höher über all der Pracht den tiefblauen Himmel – wer sollte da nicht begreifen, dass die heiterste Stimmung bald durchgebrochen! Wir überschreiten beim Dörfchen Stein die hölzerne Thurbrücke und gelangen nach einer Viertelstunde nach der Klus «Burg», wo sich die Hauptstrasse und die Thur mühsam zwischen den hier zusammentreffenden breiten Füssen des Hädernbergs und Schindelnbergs durchwinden.
Tief unten wälzt der Fluss die schäumenden Wogen, die durch eine natürliche Quermauer aus hartem Kalkfels, die halbe Breite des Bettes einnehmend, gebrochen werden. Die interessante Klus, die weiter keinen Ausblick gewährt, hat ihren Namen von der frühern Feste Starkenstein, deren Ruinen noch sichtbar sind, am westlichen Ende des zur Gemeinde Alt St. Johann gehörenden Weilers Starkenbach. Aus der Klus heraustretend, sehen wir diesen vor uns ausgebreitet. Mit dem Dorfe Alt St. Johann und dem noch östlicher vorgeschobenen Weiler Unterwasser bildet er eine der vielen Thalschaften, die, gleichsam wie Stockwerke übereinander liegend, in alter Zeit die Betten von Seen gebildet haben mögen, deren Wasser sich durch gewaltsamen Durchbruch der Hindernisse nachmals sichtbar vereinigten. Die nahen Vorberge haben inzwischen unser Reiseziel, das Haupt des westlichst vorgeschobenen Berges der sieben Churfirsten, des Seluns, dem Auge entrückt, um so lieber weilt es auf dem stillen Bergthal und dem im Nordosten auftauchenden Säntis. Ostwärts liegen die höchstgelegenen Dörfer der toggenburgischen Landschaft: Alt St. Johann und Wildhaus, letzteres mit 1011 Meter absoluter Höhe seinem Namen namentlich in der rauhern Jahreszeit alle Ehre machend. Da beginnt nun der ernstere Aufstieg, anfangs durch Vorweiden, dann durch den grossen Bergwald, der glücklicherweise den mühsamsten Theil unserer Tour nicht offen legt, ein Weg mit 77 langen Windungen. Allmälig geht die Sonne zur Rüste; nur der Säntis ist seines Sieges gewiss, am schönen Abend der Gegend das letzte Glühen als Scheidegruss entgegenzustrahlen. Endlich führt uns der Weg hinaus aus dem Waldesdunkel auf die freie, ausgedehnte Seluneralp. Die hereinbrechende Dämmerung mahnt, ein schützendes Obdach zu suchen, das uns denn auch bald ein freundlicher Senne in seiner Hütte gewährt.
Für die Jungen ist ein Heulager für die Nachtruhe ausersehen, die erwachsene Mannschaft soll indessen besser gebettet sein. Vorher aber noch ein kräftiger Imbiss, ächte Alpenkost. Das Lager wird aufgesucht; den süssen Schlummer findet man leicht. Doch nicht so Einer aus der Gesellschaft der hart nebeneinander Gebetteten, was die Veranlassung zu einer lustigen Episode bieten sollte. Er beneidet die Andern um den zeitkürzenden Schlaf und ist Schalk genug, seinen dritten Nebenschläfer zu rütteln. Dieser, schlaftrunken, weiss sich im Moment nicht zu orientiren, glaubt sich ernsthaft angegriffen und wirft sich mit Todesverachtung über den schuldlosen, schlummernden Nebenmann her, der aus denselben Gründen das Faustrecht geltend macht. Diese nächtliche Schlacht zweier Getreuer hat uns später viel Freude gemacht. Natürlich konnte sie nur in vollkommener Dunkelheit geschlagen werden.
Der Morgen weckte uns zu früher Stunde; galt es ja, den langen Bergrücken bis zum Sonnenaufgang noch zu erklimmen. Ein hehrer Friede lag auf dem Alpengelände am thauigen Sommermorgen. Nun nach dem Gipfel! eine etwas anstrengende Arbeit und doch auch wieder so leicht und angenehm im ermunternden Vorgefühl winkenden Genusses. Es dämmert herauf: Zeit und Weg sich kürzend wird manch’ stummer Genosse der Alpenflora gepflückt, von den Knaben natürlich in Menge die durch ihren geliebten, intensiven, feinen Geruch bevorzugte «Kammblume», Nigritella augustifolia, deren nächste Verwandte N. suaveolens hin und wieder, doch bedeutend seltener, auch in den Toggenburger Bergen, namentlich am Lütispitz, getroffen wird. Beide werden von den Aelplern, in Menge gepflückt, gedörrt in den Kleiderkästen zur Abwehr der schädlichen Schaben oder Motten aufbewahrt und dienen so auch einem praktischen Zweck.
Halb 5 Uhr haben wir endlich den Gipfel erreicht, beiläufig 2200 Meter hoch. Die Klarheit des Morgens ist überraschend; erst nimmt man mit einer allgemeinen Uebersicht des dem Auge sich darstellenden Gemäldes vorlieb, um nachher um so genauer Revue zu halten. Vorher aber stärkt man sich noch mit einem Morgenimbiss und wärmenden Trunk. Im Osten, unserm Standpunkt in gerader Linie vorgelagert, erheben sich die Häupter der übrigen Churfirsten (nicht Kurfürsten, wie nach falscher Ableitung oft noch geschrieben wird) die Firsten mit dem Ausblick auf die Herrschaft Chur, des Frümsel, Brisi, Zustoll, Scheibenstoll, Hinterruck und Kaiserruck, alle mit dem Selun, um mit Jung Stilling, der diese Berge vom Hohentwiel aus bewunderte, zu sprechen, eine Säge bildend, mit der man Planeten spalten könnte*. Ueber diese benachbarten Berge hinaus werden auch die Berge im Vorarlberg sichtbar. Gegen Südosten erglänzt im Morgensonnenstrahl das stolze Rhätikongebirge, während südwärts der graue Mürtschenstock mit seiner weissschäumenden Wasserader Murg ins Auge fällt. Ganz malerisch aber nimmt sich auf dieser Seite der zu Füssen liegende Wallensee mit der Eisenbahn am Ufer aus. Man glaubt, Sorge tragen zu müssen, um nicht in das Riesenwasserbecken zu purzeln. Unwillkürlich kam mir da eine auf einer Säntistour miterlebte Episode in den Sinn. Meinte dort ein junger Westschweizer, der mit dem Deutschen auf noch etwas gespanntem Fusse lebte, als er einen schmalen Weg über dem Seealpsee auf Meglisalp passiren sollte: «Nein, da wollen wir nicht; man könnte da unten ertrinken! Natürlich, nachdem man, wie im «Gemsjäger» steht, schon längst die Ewigkeit «erdrohlet» hätte. Gegen Westen erblicken wir den Eingang in’s romantische Glarnerländchen mit seinen stolzen Riesen, gegen Norden einen Theil Zürichs und Thurgaus, während der nahe gegenüberstehende Alpstein oder Säntis die Aussicht nach Norden und Nordosten theilweise beschränkt. Rund um uns her aber all’ die schönen Thalschaften und Ortschaften mit ihren Verkehrslinien: einer der Knaben meinte, das wäre die wahre Geographie und ich stimmte ihm freudig bei und bildete mir seither die Idee, man sollte der Jugend wirklich solche Genüsse zu verschaffen suchen. Sie sind so edel und nicht nur von momentaner Wirkung. Nun zum Abstieg! Es wird den gewaltigen Schneelagern zwischen Selun und Frümsel noch ein Besuch gemacht; gar so gerne hätten die Jungen auch eine Gemse, die hier oben noch gute Zuflucht findet, erspäht. Die Churfirsten sind als Kalkgebirge, ähnlich dem Jura, vielfach unterirdisch zerklüftet und zeigen auf der Nordseite kein oberirdisches, zu Tage tretendes, grösseres Gewässer. Das Wasser sammelt sich in sogenannten Milchbächen am rechten Ufer der Thur – nachdem es sich also unter dem Bette dieses Flusses durchgearbeitet – aus dem Erdinnern. Eine der grossen Verklüftungen heisst «Donnerloch» und ist von unergründlicher Tiefe, eine andere, am Eingang horizontal führende ist beim Volk unter dem der Sagenzeit entstammenden Ausdruck «Wildlimannshöhle» bekannt. Sonderbar sind auch die sog. Wetterlöcher, denen zu verschiedenen Zeiten warme und kalte Luft entströmt, den Aelplern als Wetterpropheten auf regnerische oder gute Witterung deutend. Von höchster Bedeutung für das Volk des hochgelegenen Thales sind aber die prachtvollen Alpweiden, die mehrern Hunderten von «Stössen» Vieh reichen Unterhalt gewähren. Sie heissen von Westen nach Osten Seluneralp, Breitenalp, Selenmatt und Iltios. Es wäre noch interessant gewesen, diese Gebiete alle zu durchschreiten und von Alp Iltios den zwei tief eingebetteten, fischreichen Schwendiseen einen Besuch zu machen, um nachher in die Landstrasse beim Dorf Wildhaus einzulenken. Doch die Zeit drängte und so wurde von Breitenalp aus rasch der letzte Theil des Abstieges wieder durch einen langen Wald nach dem Weiler Starkenbach im Thalesgrunde zurückgelegt.
(Quelle: Alpenpost Nr. 6, VI. Band, 7. Februar 1874. Autor unbekannt)
* Johann Heinrich Jung (genannt Jung-Stilling), 1740-1817, deutscher Augenarzt, Staatsrechtler, Wirtschaftswissenschaftler und pietistischer, mystisch-spiritualistischer Schriftsteller
Zitat aus: Heinrich Stillings Lehr-Jahre. Eine wahrhafte Geschichte. 4. verbesserte Auflage. Stuttgart bei Eberhard Friedrich Wolters, 1828. Seite 114:
Auf dem Wege von Tuttlingen nach Schaffhausen – wenn man nämlich über die Höhe fährt, giebt es einen Ort, von dem man eine Aussicht hat, die für einen Deutschen, der noch nie in der Schweiz war und Sinn für so Etwas hat, erstaunlich ist: man fährt von Tuttlingen aus, allmälich die Höhe hinan, und über diese hinaus, bis vorn auf die Spitze; hier hat man nun folgenden Anblick: linkerhand gegen Südosten, etwa eine Stunde weit in gerader Linie, steht der Riesenfels, mit seiner nunmehr zerstörten Veste; Hohen-Twiel, und rechter Hand gegen Südwesten, ungefähr in der Entfernung trotzt einem sein Bruder, ein eben so hoher und starker Riese, mit seiner ebenfalls zerstörten Veste, Hohenstaufen – der Postillon sagte: der hohe Stoffel – entgegen. Zwischen diesen beyden Seiten-Pfosten zeigt sich nun folgende Landschaft: links, längs Hohen-Twiel hin, etwa drey Meilen weit, glänzt einem der Bodensee, weit und breit wie schmelzend Silber entgegen; an der Südseite desselben übersieht man das paradisische Turgau und jenseits die Graubündtner Alpen; mehr rechts den Canton Appenzell mit seinen Schneebergen, den Canton Glarus mit seinen Riesengebürgen besonders den über alle emporragenden Glärnitsch, der hohe Sentis mit den sieben zackichten Kuhfirsten, liegt mehr östlich; so sieht man die ganze Reihe der Schneeberge, bis in den Canton Bern hinein, und man überblick einen grossen Theil der Schweiz – für Stilling war das eine herzerhebende Augenweide. Wenn man die ganze Alpenkette längs dem Horizont hinliegen sieht, so kommt sie einem wie eine grosse Säge vor, mit der man Planeten spalten könnte.