Nicht weit von Stein steht auf einem Bergvorsprung eine Alphütte, die mir nicht aufgefallen wäre, wenn sich daran nicht eine Geschichte knüpfte, die mich in hohem Grade interessiren musste. Das Lokal heisst Iltishag und mag wohl dem darin bezeichneten Gethier seinen Namen verdanken. Für Menschen ist sie im Winter unwohnlich, hat aber doch einmal in kältester Jahreszeit als Familienwohnung dienen müssen …
Im Weiler Starkenbach luden «die drei Eidgenossen» zur Einkehr ein. Bestimmungsgrund zum Eintritt war für uns aber weniger die durch das Wirthshausschild vergegenwärtigte Rütlisage als vielmehr die Sage, dass hier treffliche Forellen zu haben seien und wir fanden, dass diese Sage vollkommen mit der Wahrheit übereinstimmte. …. Nachdem wir so ein Stündchen bei den drei Eidgenossen verplaudert hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderung, deren Genuss sich noch steigerte. Ein «Bild stillen Friedens» that sich auf vor unsern Blicken, die ganze Poesie eines Alpthals wurde zur Wirklichkeit, als wir die Krümmung der Strasse überwunden und das Dorf Alt St. Johann, das Zentrum des Thalgrundes vor uns hatten. Zwei schlanke Kirchthürme erheben sich über die zahlreichen, von der Nachmittagssonne beglänzten Schindeldächer der Wohnhäuser, und weit und breit an den Berghängen und hoch hinauf sind Häuschen und Hütten zerstreut, welche kundthun, dass hier das Alpenleben die Herrschaft hat, ganz wie an der andern Seite des Säntis im Appenzeller-Ländli, wo auch die grünen Abhänge mit Alpenhütten übersäet sind.
Die Lieblichkeit dieses Thals wird erhöht, oder vielmehr man wird sich ihrer erst bewusst, wenn man aufblickt zu den Repräsentanten der grossartigen Gebirgswelt in unmittelbarer Nähe. … Die Kurfirsten haben wir schon auf dem Weg hieher geschaut und gefunden, dass sie von dieser Seite, wo sie aus der Einfassung zweier Vorderberge hervortraten, sich ganz anders zeigten als am Walensee. Da in der Höhe schon viel frischer Schnee gefallen war, so erschienen sie nicht als kolossale Felswände und nackte Felspyramiden, sondern als befirnte Gebilde der höhern Region. Im Thalgrund von St. Johann sind die Kurfirsten durch die Vorberge bedeckt, steigt man aber von den Kirchen auf dem Fusswege die Halde hinan, so treten sie nahe und schön hervor, und da sieht man auch, dass sie nach dieser Seite weit hinauf grüne Alpen tragen. Der imposante Beherrscher des Thals ist jedoch der Säntis, den man sogleich erblickt, wenn man von Starkenbach auf Alt St. Johann zu sich nur einige Minuten entfernt hat. Man darf auch von einer Säntisgruppe reden und dazu selbst die Kurfirsten und den Speer rechnen. … Die geschützte Lage in einer Höhe von ungefähr 3000’ macht das Thal sehr geeignet zu einem Luftkurort für diejenigen, welche einen erfrischenden Aufenthalt in der Alpenwelt wünschen, denen aber die strengere Gebirgsluft auf die Dauer nicht zusagt, und ich zweifle nicht, dass fortan, da jetzt die Eisenbahn an das Obertoggenburg heranführt und da die Zahl der Sommerfrische suchenden Menschen, der «Luftschnapper», wie Karl Vogt sagt, alljährlich zunimmt, – ich zweifle nicht, dass dieses Thal für den genannten Zweck in Aufnahme kommen wird. Daher möchte ich auch den Johannitern den Rath ertheilen, nicht unter dem Titel Hôtel et Pension eine Kaserne zu bauen, sondern eine Einrichtung nachzuahmen, welche sich in der französischen Schweiz sehr gut bewährt, die Ausrüstung von Chalets für die Sommerzeit zur Aufnahme von Fremden. … Grade die Menschen, welche den grössten Theil des Jahres hindurch grossstädtisch leben, spricht es am meisten an, wenn sie im Gegensatz zu ihrem gewöhnlichen Leben einige Wochen ein idyllisches Hüttenleben führen können, und wenn sie sich dabei der Uebernahme einiger Entbehrungen bewusst werden, so steigert das nur das Gefühl, dem arkadischen Hirtenglück recht nahe gekommen zu sein. Alt St. Johann hat manches schmucke Häuschen, das sich für den genannten Zweck eignen würde, und einige tausend Franken auf eine vollständige derartige Ausrüstung eines Hauses verwendet, würden ohne Zweifel gute Zinsen tragen. …
… Es war schon spät am Nachmittag, als ich mich aufmachte, um nach dem eine gute Stunde entfernten Wildhaus zu gelangen, welches 700-800 Fuss höher liegt als Alt St. Johann. Auf der guten Strasse wird man sich der Steigung kaum bewusst, aber an dem Fehlen des Baumwuchses merkt man, dass man höher in die Alpenregion gekommen ist. … Die Strasse, auf welcher ich wandelte, war einsam; da hörte ich Herdengeläute, eine grosse Rinderherde, von dem frühen gefallenen Schnee auf der höheren Region vertrieben, zog herab, aber bald war alles wieder still und ich war wieder allein, in einer Stimmung, die sich zur Andacht erhob, als die scheidende Sonne von ihrem Strahlenglanz am Säntis und am Schafberg den Farbenton zurückliess, den man Purpur zu nennen pflegt, der aber ein Farbenspiel ist von Purpur und Goldglanz, kontrastirt durch die Schatten, welche langsam die Niederung überziehen. …
… Der Säntis pflegt von Wildhaus nicht erstiegen zu werden, weil der Aufgang von Alt St. Johann bequemer ist, dagegen scheuen gute Bergsteiger nicht den ziemlich langen Gang auf der Kaiserruck (7333’), von wo die ganze Säntisgruppe sich herrlich präsentiren soll, ausserdem die Vorarlberger und verschiedene Berge Graubündens, die grauen Hörner, sowie der Speer und der Walensee überschaut werden. Wer diesen Höhepunkt erreichen will, hat es am leichtesten, wenn er auf der Landstrasse nach Alt St. Johann bis nach Unterwasser hinabgeht und dann zu den beiden durch einen Tannenwald getrennten Schwendiseen aufsteigt, wozu er nur eine halbe Stunde gebraucht. Wer auch nicht weiter vordringen will, verschafft sich durch den Besuch dieser stillen Seen, in denen sich die hohen Berge spiegeln, einen Genuss; wahrhaft zauberisch sollen sie im Morgensonnenschein sein. – Der gegen 8000’ hohe Schafberg ist ohne Gefahr von Wildhaus aus zu ersteigen, häufiger wird aber Alt St. Johann zum Ausgang gewählt. – Sehr zu empfehlen ist der nicht beschwerliche Gang zu den Hütten und dem kleinen See von Schönenboden. … Das Klima von Wildhaus, des höchsten Dorfes im Toggenburg, ist im Winter sehr winterlich, besonders soll der Schneefall enorm sein. Dagegen ist die Luft des Mittsommers im hohen Grade wohlthuend für die Athmungsorgane und die Aussicht, dass Wildhaus sich zu einem besuchten Luftkurorte erheben werde, begründet. Ein ansehnliches Dorf ist es schon. …
… Meine Erwartung im Obertoggenburg noch eigenthümliche Sitten zu finden, wurde zwar nicht getäuscht, aber kräftige Ausdrücke des Volkslebens sind schon abgeschwächt und seit das Ländchen mehr in den Weltverkehr hineingezogen ist, verschwindet manche Eigenart der Bevölkerung.
(Quelle: Wanderstudien aus der Schweiz. Erster Band. Von Eduard Osenbrüggen. Fr. Hurter’sche Buchhandlung, Schaffhausen, 1867)