Über den Vilan nach Maienfeld

Am schnellsten und bequemsten erreicht man Maienfeld von Schiers aus natürlich per Schmalspur- und Normalbahn über Landquart. Schöner ist eine Fusswanderung über Malans und Jenins. Der schönste Weg nach Maienfeld führt aber über das Gebirge, speciell über den Vilan, denn er bietet reichlichen Genuss, prächtige Gebirgs- und Thalbilder und dabei nicht die geringsten Schwierigkeiten. Es ist, wie man hier bezeichnend sagt, eine „Spazierreise”. Ich habe die Tour wiederholt und mit verschiedenen Variationen ausgeführt, das letzte Mal am 1. November 1891 mit Herrn Dr. Flury und Herrn Zwicky, gleichsam zum Schluss der Saison, denn dass wir 8 Tage später noch die Todtalpgruppe würden durchwandern können, hätten wir damals nicht gedacht. Wir brachen um 6 Uhr Morgens in Schiers auf und erreichten Seewis etwas nach 7 Uhr. Der Fussweg von Grüsch nach Seewis führt an den zerfallenen, aber immer noch mächtigen und sehenswerthen Ruinen der Burg Solavers vorbei, ist aber meistens steil, dazu sehr steinig und holperig und überhaupt in sehr vernachlässigtem Zustand. Ohne Aufenthalt in Seewis stiegen wir gleich weiter, zuerst längere Zeit rechts, dann links haltend, um die Steigung über die im Ganzen ziemlich steilen Grashalden zu vertheilen. Unser Weg führte uns über die Punkte 1115, 1268, 1573, 1911 und 2200 m auf die Spitze. Wir hatten von Schiers aus mit Einschluss einer mehr als halbstündigen Rast 4 ½ Stunden, vom Fuss des Berges aus 4 Stunden gebraucht. Bald nach unserer Ankunft auf der Spitze stiess ein Herr Langenegger zu uns, der von unserer Tour vernommen hatte und uns nachgeeilt war. Er hat von Schiers aus 3 ¼, von Grüsch aus 3 Stunden gebraucht, ist aber auf einer directern Linie angestiegen, nämlich von Seewis über Punkt 1115 m, dann längs dem Sägenbach nach dem Maiensäss Fromaschan (2063 m) und über Punkt 2200 m. Die gleiche Zeit hatte ich einige Monate früher gebraucht, als ich allein auf demselben Weg aufstieg, um mit Führer Enderlin und einigen Churer Clubisten auf dem Vilan zusammenzutreffen. Enderlin war damals durchs Glecktobel und über die Punkte 2039 m (Kamm) und 2178 m, die Churer von Malans an der Ruine Wyneck vorbei, dann über das Hocheck (Heuberg, Unter- und Oberälpli) und ebenfalls über Punkt 2178 m aufgestiegen. Erwähnen wir noch den Weg von Jenins an der Ruine Aspermont vorbei und über die Jeninser Alp Ortensee, sowie den von Fadera (westlich hinter Seewis) über die Maiensässe Canschiersch, Larnoz und Matär, so haben wir die Hauptwege bei einander.
Die Aussicht auf dem Vilan ist sehr schön, namentlich fesselt der Blick ins Prätigau und ins Rheinthal. Das erstere überschaut man in seiner ganzen Länge bis Klosters, das letztere von oberhalb Chur bis Sargans. Das Seezthal erscheint wie eine Fortsetzung des Rheinthals, was es ja einmal auch war. Als wir im Juni oben waren, fand in Chur gerade das kantonale Schützenfest statt, und wir hörten deutlich die 22 Kanonenschüsse, mit welchen die von Maienfeld herkommende Kantonalfahne begrüsst wurde. Auch die Gebirge ringsum präsentiren sich in schöner Gruppirung; in der Nähe die das Prätigau, Rheinthal und Seezthal einschliessenden, in der Ferne die mächtigen Massen der Silvretta- und Albulakette und über letztere hinaus in glänzender Firnenpracht die stolzen Häupter der Berninagruppe. Es ist doch ein weites Gebiet vom Säntis bis zum Bernina und von der Silvretta- bis zur Adulagruppe!
Den Abstieg nahmen wir über die Alp Ortensee, den Kamm und das Glecktobel nach Maienfeld. Bis zum Gleckkamm (2074 m) geht’s angenehm über mattengrüne Hochflächen, die sich sanft nach Osten abdachen, nach Westen zum Rheinthal aber in meist steilen und wildzerklüfteten Schieferwänden abbrechen. Am Gleckkamm machten wir einen längeren Halt, um den Blick in das liebliche Rheinthal und auf die schönen Alpen länger zu geniessen und die gewaltigen Wände des Gleckhorns, die in kühnen Formen und mit wunderbaren Schichtenverbiegungen sich vor uns aufthürmen, anzustaunen. Die Stelle fesselt auch durch ansprechende Bilder aus Geschichte und Sage. Dort unten liegt Stürvis, jetzt eine Alp, einst aber ein freundliches Bergdörfchen mit eigenem Kirchlein, dann im Anfang des 16. Jahrhunderts von seinen Bewohnern verlassen, die, der Abgeschiedenheit, der langen und strengen Winter und der weiten und beschwerlichen Wege überdrüssig, nach Maienfeld zogen und sich dort einbürgerten. Nach andern Berichten soll das Dörfchen zur Pestzeit ausgestorben sein. Hier aber in unserer unmittelbaren Nähe, zu oberst im Glecktobel, finden wir den Ellystein, dessen traurige Geschichte im Itinerar für 1890/91, Seite 16-17, nachzulesen ist. Wenige Schritte unter uns ist auch eine schöne Quelle, das Kalte Bad, „ist auch würklich ein kaltes Bad an einem Berg zu, under einem pochen Felsen, ist eine enge und nicht tiefe Grub, mit Wasser angefüllet. Dahin begeben sich jährlich von unterschiedlichen Orten her Leuth, die an der Sciatic laboriren oder das Hüft-Weh haben, sich darinnen zu baden, sie mögen aber keine wegen übernatürlicher Kälte eines Vaterunser lang darinnen erleiden, etwelchen hat es geholfen, etwelchen auch nicht”. (Sererhard, Einfalte Delineation). Im obern Theil des Glecktobels findet sich ein ziemlich grosses Gypslager, das man an der Farbe schon aus einiger Entfernung erkennt und das zeitweilig abgebaut wurde. Unterhalb desselben ist der Weg, der durch’s Tobel führt, durch eine grosse, von der linken Thalseite gekommene Rüfe auf eine längere Strecke verschüttet, dann aber ist er wieder gut und führt meist durch schönen Wald hinunter gegen die Luziensteig und nach Maienfeld. Wir kamen bald nach 4 ½ Uhr hier an und hatten, da der Zug nach Landquart und ins Prätigau erst um 6 Uhr abfuhr, noch ordentlich Zeit zu einem gemüthlichen Zusammensitzen mit dem gastlichen Führer Enderlin.
In Schiers aussteigend vernahmen wir die traurige Kunde von dem schweren Brandunglück, dem an diesem für uns so schönen Tag das schmucke Meiringen zum Opfer gefallen war. Auch wir hatten auf dem Vilan und auf dem Weg nach dem Glecktobel den Föhn gespürt. Aber wie ganz anders muss er in Meiringen aufgetreten sein! Wir empfanden ihn in der Höhe als einen mässig starken und kühlen Wind, in der Tiefe des Haslithals aber wüthete er als ein Verderben bringender Gluthwind!

Werfen wir zum Schluss einen kurzen Rückblick auf das Gebiet, dessen Begehung hier dargestellt wurde, so müssen wir sagen, dass das Falknisgebiet sich neben den andern Stücken des Rhätikon wohl sehen lassen darf. Tschingel, Naafkopf und vor Allem der Falknis gehören zu den schönsten Aussichtspunkten des Rhätikons und des Prätigaus und dürften darum weit mehr besucht werden, als dies thatsächlich geschieht. Dazu kommt die leichte Zugänglichkeit dieses Gebirgstheiles, die Möglichkeit, die Routen bei Auf- und Abstieg in der mannigfaltigsten Weise zu combiniren, und die geringen Schwierigkeiten und Gefahren, mit denen hier der Wanderer zu rechnen hat, was aber nicht ausschliesst, dass es auch Partien gibt, die hohe Anforderungen an Kraft und Ausdauer, an Schwindelfreiheit und Geschicklichkeit, an Muth und Vorsicht stellen. Von unternehmenden Bergsteigern und gewandten Kletterern könnte auch noch die Lösung neuer Aufgaben versucht werden, wie etwa der Aufstieg vom Jesfürkli auf den Naafkopf, der Uebergang vom Falknis auf die Grauspitzen und zum Jesfürkli mit möglichst geringer Abweichung vom Grat, endlich der Aufstieg von Maienfeld durch’s Glecktobel und über die Gleckwand hinauf direct zur Tiefen Furka und von da auf das Gleckhorn. Dieser letztere Aufstieg ist zwar vor Jahren einmal von einem Maienfelder Jäger gemacht worden, aber seitdem soll sich das Terrain verschlimmert haben, und es ist der Aufstieg nicht mehr versucht worden oder doch nie mehr gelungen. Dem Falknis wäre vielleicht auch von der Nordseite, von Lavena oder Mazoura, beizukommen, wenigstens gibt es dort einen „grünen Gang”, der von den Jägern benutzt wird und der weit hinaufführt. Auch der Hornspitz ist auf der Schweizerseite noch von keinem Touristen bestiegen worden, obwohl die Besteigung recht gut möglich wäre. Wer in die Gegend kommt, geht eben lieber und zwar mit Recht auf die Scesaplana, zur Ausnahme einmal auf den Tschingel, aber der im Hintergrund versteckte und in seinen wilden Formen nicht gerade einladende Hornspitz bleibt unbeachtet. Meine eigenen Absichten auf den Berg wurden bis jetzt mehrmals durch die Ungunst der Witterung vereitelt. Ich hoffe aber auch da: „Nit nahla gwinnt!”
(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1891)

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