… Zunächst fällt dem Beobachter das durch einen fetten Moorgrund, das Münzenried genannt, westlich sich schlängelnde Gewässer auf; es ist die Thur, welche rechts bey jener kleinen Tanne den Ursprung hat. … Sie fliesst in westlicher Richtung dem Alt St. Johanner-Thale zu und bekommt ihren ersten Zuwachs aus der freyen Alp unter dem Namen Tobbach, den zweyten vom Fusse des Kaiserrucks aus den Weyern von Hinter-Seba (rhätisch), den dritten unter dem Namen der kalten Thur aus der Thurwiese in der Alp Gämplät (Campus Intei), und den vierten unter dem Namen Starkenbach unweit dem Starkenstein, wo sie auch das stille Thälchen von Alt St. Johann verlässt. … so nimmt die Thur hier einen wilden brausenden Lauf und stürmischen Charakter an, bis sie bey Ebnat … ihren frühern glatten Lauf wieder fortsetzt. Gerade darum, weil die Thur aus der Kalksteinformation in die Nagelfluh- und Sandgebilde übergeht und sie durchschneidet, so findet der Geognost an den Ufern der Thur reichen Stoff zu Untersuchungen. – Nur etwas östlich vom Ursprunge der Thur fängt das Gelände an, sich gegen den Rhein hinunter zu senken. – Auf der sonnigen Höhe liegt das Dorf Wildhaus mit seinen ordentlichen Kirchen und einigen guten Wirthshäusern. … Sie liegt in einem sehr angenehmen Hochthale, südlich durch die sieben Kurfürsten und die daran stossende Schollbergkette vom Wallensee und dem Sarganser-Lande, nördlich durch die Säntiskette vom Kanton Appenzell getrennt. … Hier werden jährlich auch 2 Jahrmärkte gehalten. – Ist einmal der nicht mehr nur bloss im Plane liegende, sondern jetzt äusserst thätig betriebene Strassenbau durch das Toggenburg und besonders die Fahrbahrmachung des Passes in’s Rheintal gegen den Schollberg hin ausgeführt, so wird dieser Ort seiner hohen Lage ungeachtet, ungemein sich heben. …
… Ueber der Thur ist die Strasse von Wildhaus nach Alt St. Johann und weiter in’s Toggenburg hinabführend. Links erhebt sich aus dem schmalen Thalgrund die Berghalde der Kurfürsten, Herrenwald genannt; ein Wald, der in ältern Zeiten zu den Klostergütern gehörte; dann eine Domaine des Kantons St. Gallen wurde, in neuerer Zeit aber an Holzhändler verkauft und jetzt gänzlich abgeholzt wird. … Unter den übrigen Gebäuden des Dorfes ((Alt St. Johann)) zeichnet sich besonders das Wirthshaus Rössli aus. Die übrigen Wohnungen der Gemeinde sind meistens an den Berghängen zerstreut, welche, von den Abendsonne leuchtend, eine liebliche Landschaft bilden. – Die Bewohner dieser Gemeinde, so wie von Wildhaus leben noch fast einzig von dem Ertrag ihres Bodens, von Viehzucht und Alpenwirthschaft. …
… Unter dem Dorfe Alt St. Johann breitet sich im Thalgrunde die Häusergruppe Starkenbach aus. Hinter derselben erheben sich die Ruinen der alten Burg Starkenstein (gewöhnlich nur Burg genannt) … Hier befindet sich eine sehr beschwerliche Strassenstrecke, welche nun bey dem neuen Strassenbau durch’s Toggenburg von der Gemeinde Alt St. Johann beträchtlich verbessert wird. … Bey Alt St. Johann sprudeln mehrere sehr starke Quellen hervor, welche aus dem Weiher in der Alp Gräppelen den Ursprung haben mögen. …
In überraschender Aehnlichkeit erheben sich die Kurfürsten von Osten gegen Westen. An denselben aus dem Alt St. Johannerthal hinan finden sich die trefflichsten Waldungen und Viehalpen, wie z.B. die Alpen Iltios, Seelmatt und Selun. Einige dieser Kolosse können sogar bis zur höchsten Kuppe von dem Vieh abgeweidet werden, obschon sie von Norden her ziemlich kahl erscheinen. Der Zustoll und Frümsel lassen sich dagegen nur von geübten Alpenwandrern ersteigen. Diese sieben im Sonnenglanz vergoldeten Häupter werden bey hellem Wetter nicht nur in der nördlichen Schweiz sondern sogar weit in Deutschland hinaus erblickt. – Der östlichste von ihnen nennt man den Kaiserruck (Castra Caesaris). Auf diesem leicht und ganz gefahrlos zu besteigenden Berge (7123’) geniesst man eine der erhabensten Fernsichten in die Bündner- Glarner – Tiroler Gebirge und Eisfelder. Gerade zu seinen Füssen erblickt man das Städtchen Wallenstadt und den obern Theil des blaugrünen beständig tosenden Wallensees. Das den 23. Augustmonat 1445 dem räuberischen oestreichischen Hauptmann, Grafen Wilhelm von Werdenberg-Sargans hier gelieferte Treffen gab einer Gegend auf diesem Berge den Namen Schlachtboden und lange hernach wurden noch zerbrochene Waffen gefunden. Die mündliche Tradition dieses Treffens hat sich sogar bis auf unsere Zeiten erhalten. Allein von einem römischen Wachtposten und dem daher abgeleiteten Namen Castra Caesaris weiss man nichts Bestimmtes.
Der zweyte, durch einen schmalen, geognostisch sehr merkwürdigen Bergrücken mit dem ersten verbunden, heisst der Hintere Ruck. Von diesem an sind die Verbindungen herausgerissen und jeder der übrigen fünf Kurfürsten, steht isoliert auf dem an der Südseite sogenannten Ochsenkamm. –
Der dritte gegen Westen ist der Scheiben-Stoll; der vierte durch sein rundliches Haupt ausgezeichnet, der Zustoll; der fünfte breitschultrig ist die 7160’ hohe Brisi; der sechste zuckerhutförmige ist der Frümsel und endlich schliesst die Reihe der 6883’ hohe Seluner-Ruck, an dessen östlichen Seite das merkwürdige Wildemännleins-Loch befindlich ist.
Weiter nach Westen hört nun alle Regelmässigkeit ganz auf. Je mehr sich der Uebergangs-Punkt in die Nagelfluhformation gegen den 6625’ hohen Speer hin, nähert, desto mehr zeigt sich chaotische Wirrung.
In der Nähe von Neu St. Johann sind auch häufige Spuren von Steinkohle-Legern bemerkenswerth. Gegenwärtig macht ein unternehmender Privatmann den Versuch dieselben zu Tag zu fördern. Er ist schon bey 100’ eingedrungen. Schade, dass sein wichtiges Unternehmen noch nicht mit hinreichendem Erfolg gekrönt worden ist.
(Quelle: Schweizerische Ansichten aufgenommen im Osten und Norden unsers Vaterlandes. Von Johann Baptist Isenring, Landschaftsmaler. Lütisburg im Toggenburg, 1825. Erste Sammlung: Thurgegenden. Eine Sammlung malerischer Landschaften an und in der Nähe der Thur. Mit naturhistorischen, geschichtlichen und geographischen Erklärungen und Bemerkungen)