Das neue Scesaplanahaus.
Sonntag, den 16. Juli dieses Jahres, wurde am Fuss der Scesaplana ein neues Berg-Gasthaus eingeweiht, das zugleich bestimmt ist, den Clubisten einen Ersatz zu bieten für die zerfallene Schamellahütte. Letztere war im Jahr 1882 von der Sektion Rhätia des S. A. C. in hoher und schöner Lage erbaut worden und hat seither den Scesaplana-Besteigern gute Dienste geleistet, da von ihr aus die stolze Königin des Rhätikon leicht in zwei Stunden auf mehr oder weniger gebahntem und markiertem Pfad zu erreichen war. Dass sie einem Bedürfnis entsprach, beweist der Umstand, dass sich in den letzten Jahren allsommerlich je etwa 300 Besucher eingeschrieben haben. Aber über der Hütte hat von Anfang an ein ungünstiger Stern gewaltet. Sie war schlecht oder gar nicht fundamentiert und ebenso schlecht gemauert, obwohl sie sich im fertigen Zustand von aussen ganz hübsch präsentierte. Schon nach einem Jahr zeigten sich Risse in den Mauern, die sich dann von Jahr zu Jahr vermehrten und vergrösserten, so dass häufige Reparaturen nötig wurden. Dem Übel konnte aber damit nicht auf die Dauer abgeholfen werden: die Mauern stellten sich schief, blähten sich auf, und die Risse erweiterten sich zu breiten Lücken, durch die man gelegentlich ein- und ausgehen konnte. Die Klagen über die Hütte nahmen trotz allen Reparaturen kein Ende: mündlich, schriftlich und durch die Presse wurden sie laut und immer lauter. Seit Jahren waren die näher Beteiligten von der Notwendigkeit eines Neubaues überzeugt, konnten aber einem solchen aus Mangel an Mitteln nicht auf die Beine helfen. Die junge Sektion Prättigau war dazu zu klein und finanziell zu schwach. Die Sektion Rhätia hatte die Hütte längst an den Gesamtverein des S. A. C. abgetreten und war durch anderweitige Aufgaben, insbesondere auch durch weitere Hüttenbauten zu sehr in Anspruch genommen, um sich wieder der Schamellahütte annehmen zu können. Andere Sektionen, die man ins Interesse zu ziehen suchte, lehnten die Übernahme aus verschiedenen Gründen ab. Die Centralkasse des S. A. C. endlich war seit Jahren so sehr geschwächt, dass die jeweiligen Central-Komitees den Neubau so lange wie möglich durch Reparaturen hinauszuschieben suchten.
Unterdessen reifte in einem Privatmann, Herrn Jost, Zimmermann und Führer von Seewis, der Plan, ein Berg-Gasthaus in schöner Lage am Fuss der Scesaplana zu bauen, etwa in der Art der Pension Sulzfluh in Partnun-St. Antönien. Herr Jost rechnete dabei auf die moralische und materielle Unterstützung des S. A. C., da sein Haus den Clubisten alle Vorteile einer bewirtschafteten Hütte bieten und den Verein von der Last des Neubaues befreien musste. Die etwas langen und mühsamen Verhandlungen haben endlich dazu geführt, dass das Central-Komitee des S. A. C. Herrn Jost eine Subvention von 1000 Fr. an sein Haus bewilligte und die völlig defekt gewordene Schamellahütte eingehen liess. Was von dieser Hütte und ihrem Inventar noch brauchbar war, wurde Herrn Jost für das neue Haus zur Verfügung gestellt. Dafür verpflichtete sich letzterer, das Haus nach einem vom Central-Komitee genehmigten Plan zu bauen und letzterem ein grösseres Zimmer mit Heulager zu reduziertem Preis einzuräumen. Auch Hüttenordnung und Lebensmittelpreise wurden den Wünschen des Central-Komitees gemäss eingerichtet. Ferner steht dem S. A. C. das Rückkaufsrecht an das Haus zu. Dagegen kann Herr Jost sich von seinen Verpflichtungen nicht loskaufen. – Diese Lösung der lange schwebenden Frage erschien als die unter den obwaltenden Verhältnissen günstigste und erhielt schliesslich die Zustimmung aller näher Beteiligten und Interessierten.
Nun steht das Haus fertig da. Es ist ein hübscher und stattlicher Bau, auf gut fundamentierten Grundmauern in Holz ausgeführt. … Kurz: es ist ein nettes, heimeliges Haus, das allen seinen Besuchern für kürzere oder längere Zeit ein trautes Heim werden wird.
Das Haus steht etwa in der Mitte zwischen der Alphütte von Fasons und der alten Schamellahütte in einer Höhe von 1900-1950 m. Es hat eine prächtige Lage inmitten einer grossartigen Gebirgslandschaft, aber doch in weitem Umkreis von blumenreichen, grünen Matten umgeben. Frische Wasser springen von den Felsen, in der Nähe winkt der Wald mit seinem Schatten, und Alpenrosen blühen überall. Dem Bergsteiger steht ein beträchtliches Exkursionsgebiet offen. … So ist denn wohl anzunehmen, dass das neue Haus ähnlich wie etwa die Pension Sulzfluh in Partnun sowohl von Touristen, als von Sommerfrischlern, Botanikern u. a. fleissig besucht und auch etwa zu längerem Aufenthalt gewählt werden, dass es sich zu einer «Pension Scesaplana» ausgestalten wird.
Die Einweihung fand unter ordentlicher Beteiligung von Clubisten und der nächstwohnenden Bevölkerung bei schönem Wetter statt. … Allgemein wurde dem Erbauer, der nun auch als trefflicher Wirt funktionierte, volles Lob gespendet für das schmucke und gut eingerichtete Haus, wie auch für seine Wirtschaft… .
Nicht ohne Wehmut haben wir Abschied genommen von den Trümmern der alten Schamellahütte, die uns trotz ihrer Mängel so oft ein gastliches Obdach gewährt hatte. Aber es ist ein Neues geworden. Mögen die daran geknüpften Hoffnungen sich erfüllen. Den Touristen und Sommerfrischlern aber rufen wir zu: Kommt und seht, es wird Euch gefallen. Glückauf dem neuen Scesaplanahaus! (Dr. Ed. Imhof)
(Quelle: Alpina 1899)
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Manchem Freunde der Scesaplana ist es vielleicht willkommen zu vernehmen, dass man auch jetzt noch, trotz der vorgerückten Jahreszeit, in der Scesaplanahütte recht gut aufgehoben ist. Herr Bergführer Jost befindet sich nämlich kaum eine Viertelstunde unter der Hütte auf Palus, wo er bis Ende Dezember sein Vieh besorgt. Er ist jederzeit bereit, einem Rufe in die Hütte zu folgen. Gerade gegenwärtig ist eine Scesaplanabesteigung noch ausserordentlich lohnend und, weil auf der Südseite der Neuschnee stark weggeschmolzen ist, gar nicht anstrengend. (Dr. L. Jecklin, Prättigau)
(Quelle: Alpina 1902)
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Der Berichterstatter des C. C., Centralhüttenwart Rau, skizziert die Geschichte dieser Hütte folgendermassen:
Im Jahre 1883 erstellte die Sektion Rhätia die sog. Schamellahütte. Vierzehn Jahre später war der S. A. C. vor die Notwendigkeit gestellt, an Stelle dieser baufällig gewordenen Hütte einen Neubau erstellen zu müssen. Es gelang mit Führer Jost einen Vertrag abzuschliessen, wonach Jost den Bau auf eigene Kosten erstellte und dem S. A. C. 15 Schafplätze zur Verfügung stellen musste, gegen eine Subvention des C. C. in Neuenburg von Fr. 1000. Die Aufsicht über diese Plätze wurde der Sektion Prättigau übertragen. Leider blieben die Einnahmen hinter den Erwartungen zurück und Führer Jost gelangte fast jährlich an die verschiedenen C. C. mit einer Bitte um einen Beitrag an seine Betriebsdefizite. Das C. C. Winterthur fasste den Beschluss, eine jährliche Subvention bis zur Fr. 200 zu verabfolgen. Die beiden schlechten Sommer 1912/13 und die beiden Kriegsjahre bewirkten, dass die finanzielle Lage von Jost unhaltbar wurde, sodass die Veräusserung des Objektes nicht mehr zu umgehen war. Das C. C. sah sich lange vergeblich nach einer kauflustigen Sektion um, bis sich endlich die kleine Sektion Pfannenstiel bereit erklärte, den Bau, der von Fachleuten auf Fr. 22,000 geschätzt wird und mit Mobiliar und Zubehör einen Wert von Fr. 28,400 repräsentiert, für Fr. 18,000 und mit einer Subvention von 50%, im Maximum Fr. 9000, der Centralkasse zu erwerben. – Die Gefahr, diese Hütte in fremde, sogar ausländische Hände übergehen zu sehen lag nahe; der wackeren Sektion Pfannenstiel gebührt der Dank des Gesamtclubs. Der Berichterstatter empfiehlt warm die Bewilligung der verlangten Subvention.
In der Abstimmung werden der Sektion Pfannenstiel einstimmig die gewünschten Fr. 9000 bewilligt.
(Quelle: Alpina 1916)
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Sektion Pfannenstiel. Hüttenweihe.
… Die Sektion Pfannenstiel ergreift nun mit heute Patronatsitz der schönen Schirmhütte am Fusse der Scesaplana. Sie übergibt aber zugleich das wohleingerichtete Haus dem gesamten S. A. C. Dankesworte an den bisherigen Besitzer, Führer Jost, an das C. C. für die Subvention, an den Spender des ersten grossen Beitrages schliessen die begeisterte Ansprache. … Im Jahre 1883 fasste hier oben der S. A. C. Vorposten, indem die Schamellahütte erstand. In den 90er Jahren kam aber ihr Verfall und Führer Jost erstellte die neue Scesaplanahütte. Heute steht ihr Besitzer an der Schwelle des Alters, er sehnt sich nach Ruhe. Gerne tritt er sein schönes, sorglich gepflegtes Besitztum an die Sektion ab. Wohl presst ihm die Wehmut des Abschiedes die Träne ins Auge. Doch er weiss, dass das, was er so lange gehütet, in gute Hände übergeben worden ist. …
(Quelle: Alpina 1916)
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Während bei unsern grossen Schwesternvereinen einige der schönsten Klubhütten dem Kriege zum Opfer fielen, waren wir in der beneidenswerten Lage, folgende Neu-Einweihungen vorzunehmen:
… Die Scesaplanahütte der Sektion Pfannenstiel an der Scesaplana mit 50 Schlafplätzen, Totalkosten Fr. 22,300, Subvention der Zentralkasse Fr. 9000.
(Quelle: SAC Jahrbuch 1916)
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… Die Hütte, sein ((Andreas Jost)) Berghaus selbst, war ihm sein Herzens- und Schmerzenskind. Mit schweren Sorgen hatte er zu kämpfen, als im Sommer 1913 die Viehseuche und endloser Regen, und 1914, 1915 und 1916 der Krieg den Touristenverkehr zu ihm hinauf sperrte und so seine Herberge leer stehen blieb. … Im Sommer 1916 fand die Uebergabe der Hütte an die Sektion Pfannenstiel statt. Obwohl tränengefüllten Auges Andreas Jost den Festakt mitmachte, wurde es ihm doch leichter ums Herz, … blieb er bis zu seinem Hinschiede der getreue Hüttenwart der Sektion, stets der gleiche freundliche Herbergsvater und verwaltete sein einstiges Sorgenkind redlich und fürsorglich wie sein Eigentum. …
(Quelle: Alpina 1919)