Auf dem rechten Ufer der Tamin an den bebauten Abhang der Gebirge führt ein Fussweg von dem Kloster nach dem Bade Pfeffers. In der Entfernung von einer halben Stunde erblickt man in schwindelnder Tiefe des grässlichen Taminschlundes senkrecht unter sich das lange Badehaus; man muss von dem Fusssteig einige Schritte weg an den Abgrund treten, um diesen wunderbaren Anblick zu haben. Nicht weit von diesem Punkt steigt man über steile Treppen in die Kluft hinab, deren Wildheit durch Bäume und Buschwerk mahlerischen Charakter erhält. Eine Brücke hoch über dem rauschenden Strom schwebend leitet auf die linke Seite in einen angenehmen Buchenwald, durch welchen ein gut unterhaltener drei Fuss breiter Weg abwärts und öfters zickzacklaufend bis zur engen Schlucht des Bades hinunter führt. Erstaunen und Beängstigung sind die ersten Empfindungen jedes neuen Ankömmlings an diesem Ort, der an sonderbaren und grässlichen Natur-Eigenthümlichkeiten schwerlich seines Gleichen hat. Schwarzgraue Felsen in den drohendsten Stellungen und Formen steigen auf allen Seiten aus der Tamin bis zur Höhe von 664 Fuss empor, mächtige Trümmer im Bette des Bergstroms zwingen seinen schnellen Lauf zu einem wunderbar mannigfaltigen Bewegungs- und Farbenspiel, und erhöhen bei hohem Wasser sein wildes rasendes Getöse auf einen unglaublich schauerlichen Grad. Von allen Seiten aufs engste eingeschlossen dringt Blick und Fuss nirgends weiter als höchstens einige Schritte; von dem schönen Himmelsgewölbe zeigt sich nur ein schmaler Streif, und das erquickende Sonnenlicht weilt selbst im Sommer wenige Stunden.
In dieser Gefängnishöhle liegen die berühmten Heilquellen des Pfeffers-Bades, wo alljährlich viele Menschen Erleichterung von körperlichen Leiden und Gebrechen suchen; denn hierher reist eine müssige reiche Welt nicht, um sich die Langeweile eines arbeitslosen Lebens durch Badebelustigungen zu vertreiben. Man muss wahrhaft ernsthaft leiden, um die freie weite Natur und alles, was uns in derselben lieb ist, zu verlassen, um lebendig in die schwarzen Eingeweide der Erde herab zu steigen, wo jeden Augenblick grässliche Felsen und ein rasender Bergstrom den schwachen Menschen zu zertrümmern oder zu verschlingen drohen. An dem Ort, wo der Schlund durch die Kunst noch mehr erweitert worden ist, steht das Badhaus unmittelbar auf dem linken Ufer der Tamin, und nimmt den ganzen Raum bis an die Felsen ein. Es ist schmal, lang, vier Stock hoch, und grösstentheils aus Steinen sehr fest und solid ausgeführt, so dass es allen Erschütterungen des tobenden Stroms und den Steinen von oben trotzt. Die Heilquelle ist von diesem Gebäude 6 bis 700 Schritt entfernt, und liegt südwärts in dunkler Nacht verborgen. Dicht vor dem Eingange des Badhauses treten die Felsen näher zusammen und neigen fürchterlich drohend ihre nackten wunderbar zerrissnen Seiten gegen einander. Das graue Licht, welches die vordern Wände hellt, wird tiefer hinein schwarze Nacht, aus welcher sich die wilden Wasser zischend und tobend herauswälzen. Durch diesen grässlichen Schlund geht es zur Quelle, und zwar auf einem Wege, der nicht weniger gefahrvoll, als der Anblick dieses Höhlenperspektivs schaudernd ist. Bretter, von hölzernen Keilen, welche in die Felswände eingesteckt sind, unterstützt, tragen den Wanderer 600 Schritt weit über den Strom, der oft 30 bis 40 Fuss unterhalb braust; die vorspringenden Steinmassen erlauben selten aufrecht zu gehen, die Bretter sind schmal, oft sogar schlüpfrig, an dem gefährlichsten Punkt trennt nur ein einziges Brett den kühnen Neugierigen vom schwarzen Abgrund der Tamin, bisweilen verschliessen sich die Felsen oben ganz, und es herrscht feuchte dunkle Nacht, bisweilen kann man sich mit den Händen nicht anhalten, und oft fallen Steine von oben herab. Das Ganze dieser Scene erregt Grausen und Angst, der Gang ist entsetzlich, und wenige haben den Muth ihn zu wagen. Eine unerschrockene Frau, welche vor einigen Jahren die Badkur zu Pfeffers brauchte, betrat diesen Weg zur Quelle; mitten im Schlunde brach ein Brett unter ihren Füssen, und sie sank; der entschlossne Führer erwischte die Unglückliche beim Arm, und rettete sie durch seine Besonnenheit.
Ein stets aufsteigender Dampf zeigt sogleich den Ort an, wo die Heilquellen in den Felsen des rechten Taminufers liegen. Nur die unterste und grösste Quelle wird in einer Grotte, welche 24 Fuss lang, 8 bis 10 Fuss hoch und 4 Fuss breit ist, gesammelt. Hölzerne Röhren leiten ihr Wasser aus dem Schlunde nach dem Badhause. In der Grotte ist die Hitze desselben 31 Grad Reaumür, verliert aber während des Laufes von 6 bis 700 Schritten nach den Bädern einen Grad. Die einzige eingefasste Quelle ist so reich, dass sie vom Monat Mai bis September unaufhörlich fliesst, und den Bädern mehr liefert als man braucht; im Winter vertrocknet sie ganz. Zwei Jäger des Klosters sollen sie im Jahre 1038, nach andern im Jahre 1240 entdeckt haben. Im Anfange krochen die Kranken mit Lebensgefahr hierher, und badeten in dem Felsenkessel der Quelle selbst, worin das Heilwasser Manns hoch stand. Durch Sprengung wurde so viel Raum gewonnen, dass vier elende Hüttchen angelegt werden konnten. Man sieht hier noch oberhalb der Quelle die Löcher, in denen die Balken eingelassen waren, welche jene Hütten über die Tamin schwebend trugen. Die Kranken konnten nie anders als mit Hülfe von Stricken und Leitern in diesen fürchterlichen Abgrund herabsteigen, wo sie mit der Gefahr, jeden Tag von den überhängenden Felsen zerschmettert zu werden, Gesundheit suchten. Erst seit 1630 leitete man das Heilwasser an dem Ort des Schlundes hervor, wo das grosse Badehaus steht, welches im Anfange dieses Jahrhunderts vom Kloster ausgeführt worden ist. Die Bequemlichkeit der sichern Wohnung hat den Zufluss der Gäste ausserordentlich vermehrt und den Ruhm des Pfeffersbads allgemeiner gemacht. Man trifft öfters hier in den Monaten Juni, Juli und August eine Gesellschaft von 200 Badegästen, früher und später lässt sich die Kur nicht machen, weil die Atmosphäre in dem tiefen Schlunde zu kühl und feucht ist und der Aufenthalt unerträglich wird. Ist der Himmel bedeckt, das Wetter regnigt und windig, so ruht im Badehause und dessen Wohnzimmern halbdunkel und graue Dämmerung, die angeschwollene rasende Tamin erschüttert mit schrecklichem Getös die Grundfeste der Wohnung, und wildes Sausen und krachendes Fallen einzelner Felsbrocken herrscht über dem Haupt. Um das Badehaus giebt es keinen Raum zu spatzieren, der einzige Ausweg ins freie Thal führt ½ Stunde bergan; in der Wohnung selbst giebt es kein andres Unterhaltungsspiel als Billard. Diejenigen Kurgäste, welche hierher kommen, ehe zahlreiche Gesellschaft sich eingefunden hat, sind deswegen in bedauernswürdiger Lage. Uebrigens ist die Bewirthung und Bedienung im Badehause so gut als es hier möglich seyn kann und in billigem Preise. Ein Zimmer mit 4 Betten kostet wöchentlich 9 Gulden, mit 2 Betten 4 und 3 Gulden. Die ganze Gesellschaft speist zusammen Mittags um 11 Uhr und Abends um 6 Uhr. Die Mahlzeit ohne den Wein wird mit 36 Kreuzer, an der Bediententafel mit 25 Kreuzer bezahlt (60 Kreuzer machen 1 Gulden, und 4 Kr. Einen Batzen); das Bad kostet wöchentlich wenige Batzen.
Das Heilwasser von Pfeffers geniesst in und ausser der Schweiz einen grossen Ruf. Seine Wirksamkeit in einer Menge verschiedenartiger langwierigen Krankheiten ist durch die Erfahrung mehrere Jahrhunderte ausser den Zweifel gesetzt. … Ueber die Bestandtheile, welche dieses Quellwasser aufgelöst in sich trägt, und denen es seine Heilkraft verdankt, kann man nichts befriedigendes sagen. Es setzt nie etwas ab weder auf dem Boden noch auf seiner Oberfläche, es ist ohne Geschmack, Geruch und Farbe, krystallhell, rein, und leicht wie Regenwasser; alle chemischen Reagentia bringen nicht die geringste Veränderung hervor, und nach allen bisher angestellten Versuchen muss man vermuthen, dass es durchaus keine fremdartigen Substanzen mit sich führe. …
Die Kur der Kranken besteht im Trinken, oder Baden, oder beides verbunden, je nach der Meinung des Arztes; gewöhnlich geschieht nur ersteres. Die Trinkstube ist nicht angenehm, sie liegt sehr tief, und die Fenster sind hoch an den Wänden, daher wird es nie hell darin. Auf die Badeanstalten ist nicht die Sorgfalt verwendet, welche in andern Bädern angetroffen wird. Es giebt hier nur sechs grosse Badekasten, worin sich die Kranken gemeinschaftlich baden, ein Gebrauch, welcher vielen Bädern der Schweiz gemein ist. Der Grund dieser Einrichtung liegt in der Art, wie die Bäder gebraucht werden. Die Kranken bleiben anfänglich eine Stunde im Bade, steigen aber nach und nach dergestalt, dass sie 5 bis 7 Stunden täglich darin verweilen. Wenige Personen würden im Stande seyn der Langweile zu widerstehen, wenn sie täglich allein so lange in einer Badewanne sitzen sollten. … Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass durch diese Bademethode in der Schweiz mehrere Kranke wieder hergestellt werden, als es in den warmen Bädern Deutschlands geschieht, wo man diese Art der Badekur nicht anwendet.
Das Kloster Pfeffers ist Eigenthümer dieses Bades. Alles, was zur Sicherheit und Bequemlichkeit der Kranken und Kurgäste an diesem grauenvollen Orte geschehen konnte, ist ausgeführt worden, und es gereicht dem Kloster zum grossen Verdienst, für eine so gemeinnützige Anstalt weder Kosten noch fortgesetzte Aufmerksamkeit gespart zu haben. Die Kranken, welche noch zu Pferde sitzen können, reiten auf einem guten Wege von Ragaz über Valenz bis an den Schlund, und gehen dann zu Fuss ganz bequem in einer halben Stunde ins Badehaus; die andern, welche weder zu reiten noch zu gehen im Stande sind, lassen sich von Ragaz aus tragen. Das Klosters lässt die Wirthschaft im Bade durch einen Amtmann besorgen, und hält für die Bedürfnisse der Kranken einen Arzt. … Die Einkünfte, welche das Kloster aus der Kurzeit und besonders aus der Versendung des Pfefferswassers, welches in und ausserhalb der Schweiz sehr beliebt ist, zieht, sollen sehr ansehnlich seyn. Während des Winters bewohnt das grosse neue Badehaus ein Schuster mit seiner Familie; diese Personen sind in jener Jahreszeit in den finstern Schlund vergraben, denn alle Verbindung mit der obern Welt ist ihnen durch Klafterhohen Schnee mehrere Monate abgeschnitten.
(Quelle: Ebel 1802 «Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz»)