Im Banne der Churfirsten – Selun-Ostgrat 1928

… Da drang der Name «Churfirsten» das erstemal an mein Ohr. Mit Spannung lauschte ich den Worten des Erzählers, dessen Schilderung manchmal vom Brüllen des Donners unterbrochen wurde. Aus seinen Worten drang eine heisse Liebe zu jenen Bergen, deren Kenner und Erschliesser er war. …

Jahre vergingen seit jenem Abend. Immer wieder erzählte mir ein Brief von gelungenen Fahrten, sandte mir ihr Kenner ein Bild von ihren Wänden und Graten. Aber nirgends sonst las ich, hörte ich von ihnen. Bis dann die Stunde kam, da ich sie am Morgen eines Wintertages das erstemal sah. Da wusste ich auch, dass ich sie lieben werde wie der Erzähler in jener Gewitternacht, in dessen Heimat ich nun fuhr.

Wenn man, von Feldkirch kommend, bei Buchs die Schweizer Grenze überschritten hat, erreicht man nach dreiviertelstündiger Bahnfahrt die Ufer des Wallensees. Blaugrün sind seine Wasser, wundervoll, malerisch ist die ihn umrahmende Landschaft. Während an dem südlichen Ufer gerade Platz genug für den Schienenstrang ist, ragen steile Felswände im Norden aus seinen Fluten. Nur an wenigen Stellen ist Platz für ein Häuschen und einige Obstbäume. Am östlichen Ende des Sees liegt der freundliche Ort Wallenstadt, in seinem Hintergrund die Wandflucht der Churfirsten. Vom Ort führt eine ziemlich steile Strasse in eindreiviertel Stunden zum bescheidenen Kurhaus Schrina-Hochruck, 1300 Meter, auf der ersten Talstufe, die sich als breite Terrasse von West nach Ost senkt. Im Norden entsteigt dieser Terrasse eine 150 bis 200 Meter hohe Wand, die dem eigentlichen Gipfelmassiv der Churfirsten vorgelagert ist. Eine ganze Reihe von Kletterpfaden aller Schwierigkeitsgrade durchzieht diese Wand, die wie geschaffen ist zum Üben. Benützt man nun einen dieser Wege oder umgeht auf schmalem Steiglein das westliche Ende dieser Wand, so erreicht man auf ihrem Scheitel die zweite Terrasse mit den oberen Almen. Ihren Matten entsteigen die Trümmerhalden und Felsflanken der eigentlichen sieben Churfirsten, durchweg Berggipfel, die eine Höhe von 2200 Meter erreichen. Überwältigend, abweisend sind die riesigen Wände mit ihren Überhängen und mehr als eine Bergflanke wartet hier noch heute auf ihren ersten Bezwinger. Der erste, der in die Geheimnisse dieser Grate und Wände näher eindrang und ihnen gar manchen Weg abtrotzte, er war es, unter dessen Führung ich mich überzeugen konnte von der Unberührtheit dieser Berggruppe. Gibt es doch da noch Routen, die seit mehr als zehn Jahren immer noch auf eine zweite Begehung warten. Und dies alles in einem Gebiet nahe der österreichischen Grenze, wenige Stunden oberhalb eines internationalen Schienenstranges. Man ist sicher, am Gipfel ungestört seine Bergfreuden zu geniessen; höchstens das Läuten der Viehglocken, das Jauchzen der Sennen dringt herauf. Und das erhöht nur das Gefühl herrlicher Bergeinsamkeit.

Selun-Ostgrat, 2208 Meter.

An einem heissen Sommernachmittag war es, als ich das erstemal zu einer Bergfahrt in diese Gruppe rüstete. Von Zürich kam ich im dunstigen Bahnwagen nach zweistündiger Fahrt an das Ufer des dunkelgrün leuchtenden Sees und nach Wallenstadt. Die Sonne stand schon ziemlich tief im Westen; ihre Strahlen drangen in die kleinsten Schluchten und Risse und zeigten die Wände in wundervoller Klarheit und Übersicht. Bald folgte ich dem rüstig steigenden Strässlein oder seinen vielen «Abschneidern» und konnte mich abwechselnd an den Durchblicken auf einen der Gipfel oder den Tiefblicken auf die leichtgekräuselte Seeoberfläche erfreuen. Höher oben dann, als der abendliche Wind von den Almen den Duft von frischem Bergheu herabwehte und der Wald zurückblieb, lagen im Westen und Süden vor mir die Umrisse der Glarner und Flumser Berge, unmittelbar über dem See der Felszahn des Spitzmeilen. Schüchtern, blinzelten die ersten Sternlein am Himmel, unhörbar kam aus den Tälern eine laue Sommernacht. Langsam stieg ich höher, vorbei an vereinzelten, riesigen Ahornen, deren tiefschwarze Umrisse sich deutlich von dem etwas helleren Hintergrunde abhoben. Bis plötzlich vor mir ein Lichtlein auftauchte und die Nähe des Hauses kündete. Von meinem verehrten Führer schon erwartet, bummelten wir noch ein Stündlein im nächtlichen Dunkel. Über unserm Haupte glänzte das Heer der Sterne, tief unten am See und weit draussen im Rheintal flimmerten die Lichtlein menschlicher Siedlungen. Von der nächsten Alphütte brachte ein Lufthauch verklingende Weisen einer Handharmonika.

Am frühen Morgen des folgenden Tages. Drüben in den Glarnern leuchteten die ersten Gipfel in den Strahlen der aufgehenden Sonne, während See und Tal noch unter dem Pfuhl grauer Nebelschwaden schlummerten. Schwerer Tau lag auf Gräsern und Blumen, die in üppiger Fülle den Almboden überwucherten.

Während wir auf schmalem Steiglein der oberen Terrasse zustrebten, trieben unten die Sennen mit lauten Zurufen das Vieh aus den Ställen. Wie liebliche Musik tönte das melodische Gebimmel der vielen Glocken zu uns empor.

Nach dreistündigem Steigen erreichten wir das Rappenloch, die Scharte, die zwischen unserm heutigen Ziel und dem Nachbargipfel liegt. Hier machten wir kurze Rast und freuten uns an dem Spiel der Sonnenstrahlen, die den letzten Dunstwölkchen über dem See herrliche Regenbogenfarben entlockten, um sie dann in ein Nichts aufzulösen. Bald aber wandten wir unsere Aufmerksamkeit der Fortsetzung unseres Weges zu. Mit einem senkrechten Grataufschwung setzt hier der Ostgrat an; scharfkantiges, festes Gestein verspricht eine genussreiche, luftige Kletterei. Die erste Seillänge ist die schwierigste des ganzen Weges und somit der Schlüssel zu dieser Tour…

Dem geübten Felsgeher bietet der Grat durch sein herrlich festes Gestein und seine Ausgesetztheit wahre Kletterfreuden. Vom Ostgipfel, wo die eigentliche Kletterei zu Ende ist, führt ein scharfer, felsdurchsetzter Rücken zum Hauptgipfel des Selun.

Wir grosse Eidechsen streckten wir unsere Leiber in die Sonne und freuten uns an dem umfassenden Rundblick, der sich dem Auge bot. Vom nahen Säntismassiv reichte der Blick hinüber ins Gebiet der Drei Schwestern, in deren Hintergrund vereinzelte Berghäupter der Rhätikon- und Silvrettagruppe hervorlugten. Uns gegenüber aber ragten die vielen Gipfel der Glarner Alpen in die föhnklare Luft, tief, tief unten wie ein dunkler Spiegel der klare See. Lange lagen wir so, ganz dem beseligenden Schauen in Weite und Tiefe hingegeben. Bis dann die Sonne zum Abstieg mahnte. Vom Gipfel in westlicher Richtung verfolgten wir den Kamm bis zur nächsten Scharte und turnten über Wandeln und Schrofen, durch grasige Rinnen und Stufen einer vorspringenden Felsrippe durch die Südabstürze unseres Berges. In der Gluthitze der Nachmittagssonne, die erbarmungslos auf uns niederbrannte, erreichten wir wieder die obere Terrasse. Auf einem malerischen Hügel, den einige grosse Blöcke und zerzauste Wettertannen zierten, liessen wir uns ins weiche Moos nieder zur letzten Rast. Immer wieder zog es die Blicke zurück, zur riesigen, grell leuchtenden Wandflucht, der die einzelnen Gipfel in erdrückender Wucht oder formenschöner Pyramide entstiegen. Jetzt erst packte mich so richtig ein Freudentaumel über die genossenen Stunden und ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit gegen die über alles geliebten Berge überkam mich, da wir in schweigendem Sinnen dem Hause zustrebten.

(Quelle: Der Naturfreund, 1928. Von Josef Langhammer, Zürich)

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