Geografische Natur des Gebietes

Mit dem Namen «Curfirsten»* bezeichnet man jene charakteristisch geformte, durch tiefe Einschnitte in elf fast gleich hohe Spitzen oder Rücken getrennte Bergkette zwischen Walensee und Oberthurtal, also die elf Berggipfel, welche zwischen 6° 52’ und 7°2’ Länge, sowie 47° 7 1/2’ und 47° 12’ Breite liegen. In dieser Begrenzung sind die Curfirsten sozusagen ein für sich abgeschlossenes Ganzes, eine kompakte, natürlich abgeschlossene Einheit mit folgenden Grenzen: Im Süden der Walensee und der in diesen mündende Fabrikkanal, im Osten der dem Kanal zufliessende Widenbach, der Niederenpass, der Schlewizbach mit dem Voralpsee, weiter der Stofelbach, der Gamperfinbach und der Blutlosenbach, im Norden die Simmi, das Munzenriet und die Thur, im Westen der Leistbach, der westliche Felsgrat des hintern Leistkamm und der in den Walensee stürzende Lauibach.**

(*Diese Schreibweise dürfte wohl die richtige sein, obwohl häufiger «Churfirsten» oder «Kurfirsten» geschrieben wird. Irrtümlich und durchaus ungerechtfertigt ist dagegen der Name «Kurfürsten», dem wir auch noch hie und da begegnen, und der sich dann nur auf sieben Berggipfel, statt auf elf beziehen soll. Unsere Bergkette verdankt nämlich nicht der alten «Kurfürsten»-Institution ihre Benennung, sondern sie erhielt den Namen «Curfirsten» als die Bergfirsten, die das einstige Currhätien von dem deutschen Gebiete trennten; es sind also die Firsten, die gegen das alte Curwelschland so wunderhübsch Front machen.)

(**Die Grenze gegen SW wird weniger durch die Natur, als vielmehr durch die Gemeinde- und Alpgrenzen bedingt.)

… In dieser Umgrenzung umfasst es Teile der im Kanton St. Gallen gelegenen Gemeinden Wildhaus, Grabs, Walenstadt, Quinten, Amden und Alt-Johann.

Die tiefste Talsohle haben wir auf der Südseite am Walenseeufer bei 423m über Meer, auf der Nordseite bei 893m über Meer (Starkenbach). Zwischen diesen beiden Tiefen erhebt sich die Curfirstenkette, vom Thurtal aus bis auf die höchsten Gipfel sanft ansteigend und dann nach der Walenseeseite scheinbar senkrecht abfallend. Diese Gipfel erreichen – aufgezählt von Osten nach Westen – folgende Höhen: Gamserruck 2072m, Käserruck* 2266m und dessen Ausläufer Tristenkolben 2179m, Hinterruck 2309m, Scheibenstoll 2238m, Zustoll 2239m, Brisi 2280m, Frümsel 2268m, Selun 2208m, Scheere 2201m, Nägeliberg 2165m und Leistkamm, vorderer 2094m, hinterer 2105m. Die höchste Erhebung zeigt somit der Hinterruck mit über 2300m.

(*Die Schreibweise «Kaiserruck», der wir auch noch hie und da begegnen, ist ebenso irrtümlich, wie diese selbst: hat doch jener Bergrücken den Namen der an seinem nördlichen Abhange befindlichen Alp «Käsern» (früher «Astra-Käsern», ursprünglich «Astra») angenommen, und der Name selbst beruht wiederum auf der Tatsache, dass auf ihr zuerst «gekäset» worden ist, d. h. zu einer Zeit, da auf allen andern Alpen das ursprüngliche «Ziegern» (Zieger bereiten) noch allgemein üblich war.)

Die zwischen den genannten Erhebungen befindlichen Einschnitte oder Lücken, die ein schwindelfreier Klubist sämtlich passieren kann, sind folgende: Niedere 1833m, Gluristhal 2021m, Stollenthal 1957m, Brisithal 2012m, Frümselthal 2028m, Kaltthal 2031m, Wart 2038m und Gocht 1959m. Alle diese Punkte liegen auf der Wasserscheide. Zwischen Käserruck und Hinterruck scheint der zwischen den andern Gipfeln obligate Einschnitt noch nicht ganz fertig zu sein; denn von Norden her durch die sogenannten «Kammern» und von Süden durch das Falzloch zu einer tiefen Trennung geneigt, sind die beiden Rücken immer noch durch das «Joch» derart mit einander verbunden, dass man mit Leichtigkeit vom einen auf den andern gelangen kann, ohne in die Tiefe steigen zu müssen.

… Abgesehen vom romantischen Walensee *, der den Südfuss des Gebirges umspült, finden sich in unserem Gebiete noch drei weitere, kleinere Bergseen: der Voralpsee und die beiden Schwendiseen.

Der Voralpsee, 1116m hoch gelegen und entstanden durch einen vermutlich in postglacialer Zeit niedergegangenen grossen Bergsturz vom Kapf («rote Wand») her, welcher eine Stauung der aus Schlewiz, Naus, Voralp etc. kommenden Bäche verursachte, hat trotz des beträchtlichen Wasserzuflusses keinen oberirdischen Abfluss. Das Wasser fliesst unten durch die Bergsturzablagerungen ab. Das ist wiederum der Grund, weshalb der See zu verschiedenen Zeiten sehr ungleiche Dimensionen annimmt. Im Frühjahr, zur Zeit der Schneeschmelze, umfasst die Seeoberfläche oft 250,000 m2 und darüber; die grösste Tiefe mag dann 20-30m betragen.

(*Wie schon Götzinger («Die römischen Ortsnamen des Kantons St. Gallen») gesagt hat, haben «Walensee» und «Walenstadt» mit «wallen» nichts zu thun, sondern sind auf romanische Ansiedlungen zurückzuführen: Walh, Walch = Romane. Ursprünglich hiess der See lacus rivanus, und Walenstadt hiess früher Riva oder Ripa.)

(Quelle: «Das Curfirstengebiet in seinen pflanzengeographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen», dargestellt von Dr. Gottlieb Baumgartner. Inaugural-Dissertation. St. Gallen. Zollikofer’sche Buchdruckerei, 1901)

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