Das Bad Pfäffers. Wo der junge Rheinstrom aus dem Bündnerland bei dem Dorfe Ragaz hervorbricht, geht südwärts ein Fussweg ins Gebirg hinauf bis zu den Hütten des Dorfes Valens. Es liegt beinah 3000 Schuh über dem Meere, in einem heitern Bergthal zwischen den grauen Hörnern und Gebirgsstöcken des wildzerrissenen Calanda und Monteluna. Vom Kirchlein des Dorfes hinweg windet sich seitwärts ein Pfad durch Wiesen bis zum Rand einer Bergschlucht, deren Tiefe die den Sardonagletschern entsprungene Tamina durchrauscht. Ein ziemlich steiler Weg führt hier, bei 700 Fuss tief, in den Felsenschlund hinunter, wo, zwischen Waldstrom und Felsen eng eingeklemmt, die Gebäude eines der berühmtesten Schweizerbäder ruhn. Die Strahlen der Sonne, selbst im Sommer, während ihres höchsten Standes am Himmel, tauchen kaum vier Stunden lang in die Gruft hinunter.
Wie schauerlich immerhin auch beim ersten Anblick der Aufenthalt in solcher Felsspalte scheint, wird er doch von Kurgästen aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Italien alljährlich zahlreich besucht. Hier ist aber kein Ort des Vergnügens, kaum einiger Bequemlichkeit. Nur durch Wunderkraft des krystallhellen, geschmack- und geruchslosen, 30° Reaumur warmen Mineralwassers wird Pfäffers ein Ort des Heils für Leidende und ist es seit vielen Jahrhunderten. Die Römer kannten ihn nicht. Erst spät wurden diese Gebirge bevölkert, vielleicht erst, seit der heilige Pirmin, Bischof von Meaux, in dieser Gegend ein Klösterlein St. Maria, zu Anfang des achten Jahrhunderts (im J. 731) gestiftet hatte, um welches sich denn das Dörflein Pfäffers anlegte.
Im Winter aus dem Abgrund emporsteigende Dampfwolken mussten bald zur Entdeckung der warmen Quelle führen. Allein urkundlich wird ihres Daseyns erst im J. 1050 gedacht, als Kaiser Heinrich III. dem Kloster das Eigenthum des Gesundbrunnens bestätigte. Dreihundert und zwei und dreissig Jahre später lieh der Abt des Klosters noch das Bad, bei dem sich blos eine kleine Hütte mit Küche und Stube befand, um 6 Gulden und mit der Bedingung aus, dass die Personen des Gotteshauses Pfäffers das «Wildbad» unentgeldlich benutzen könnten. Freilich die Benutzung war damals nicht nur ziemlich mühselig, sondern auch lebensgefährliches Wagstück. Denn man musste sich an Seilen zwischen den Klippen in die Tiefe hinunterlassen; dann zwischen den Felsen die Tamina aufwärtskriechen, bald von Seilen gehalten, bald auf Leitern und hangenden Brücken bis zu den Quellen, wo man eine Woche lang im Wasser liegen blieb, darin ass und trank und schlief, bis jeder der verzweifelten Kur müde ward oder sich genesen glaubte. Wo heutiges Tages die Badehäuser in einem künstlich erweiterten Platz der Felsenspalte liegen, wurden erst im J. 1630 Hütten aufgeschagen, dann (im J. 1716) die jetzigen Gebäude vollendet, zu denen das Badwasser in Röhren von der Quelle geleitet wird, fast 700 Schritt weit.
Es ist der Mühe werth, durch das etwas grauenhafte Helldunkel der engen Schlucht bis zum Ursprung der Quellen zu wandern. Es ist ein Gang, als wär’ es ein Weg durch die geborstene Erdrinde zum Orkus oder zu den unterirdischen Pallästen der Gnomen. Doch möchte’ ich ihn nicht dem unsichern Fuss ängstlicher Frauen, unbehutsamer Kinder oder ungelenker Männer empfehlen, sondern nur denen, welche schwindellos etwa, wenn sie kein höheres Interesse ruft, von Zeit zu Zeit starke Gemüthserschütterungen bedürfen, um ein in Uebersättigung erschlafftes Gemüth aufzuregen oder welche Brennstoff für die erkaltete Phantasie nöthig haben, oder auch wohl Bergspitzen und Gletscher erklimmen, um mit Gefühl eigner Sicherheit behaglich Empfindungen der Furcht und des Entsetzens zu geniessen, wie Kinder beim Hören der Gespenster- und Räubergeschichten.
Der Pfad des Taminaschlundes führt bei den Badhäusern sogleich zur Pforte der schmalen Felsenhalle. Er ist schlüpfrig, kaum zwei Schuh breit, nur von Brettern, die auf steilen Felsenstäben in die Felswand getrieben, über einem 30-40 Fuss tiefen Abgrund schweben. Hier waltet ewige Dämmerung und Feuchte. Nacktes Gestein schwarzen Marmors, den weisse Spatadern durchschlängeln, thürmt sich links und rechts einige hundert Schuh hoch. Es drohn die überhangenden Klippen, die sich droben einander bald zuneigen, bald verschränken, bald auseinandergehen, furchtbaren Einsturz. Helles Grün der Gebüsche leuchet von den Felsenhöhen am Himmel wie aus einer schönern Welt nieder, die wir nun verlassen. Man athmet in einem dreissig Schuh weiten Grabe. Die Tamina heult, ein unterirdischer Höllenstrom, aus der Tiefe herauf. Der lange hölzerne Steg, an Felsen geklebt, zittert. Nach einer bangen Viertelstunde kommt man zum «Beschluss» in die volle Finsternis einer Höhle. Sie ist etwa zehn Fuss über dem Bach erhaben. In ihr bricht die unterste und reichste Quelle hervor, welche den Bädern in jeder Minute gegen anderthalbtausend Mass ihres Heilwassers spendet, während der Ueberschuss desselben in die Tamina rinnt. Eine andere Höhle erscheint seitwärts, ohngefähr 20-30 Fuss hoch, tief und weit, von der Gewalt der Fluthen im harten Marmor eingewühlt und ausgeglättet. Heutiges Tages wird sie nicht mehr vom Strom erreicht, dessen Oberfläche schon gegen vier Fuss unter ihr liegt. Welchen Aufwand von Jahrtausenden brauchten die Tamina-Wellen, bis sie den festen Kalkstein sechs Klafter weit einwärts auswuschen und das eigne Flussbett über 20 Fuss tiefer im Felsboden einfrassen?
Wenn man die ausserordentlichen Heilkräfte der Mineralquelle erwägt, welche schon dem Mittelalter nicht unbekannt waren, mag es befremden, dass die Mönche von Pfäffers erst nach 800 Jahren auf den gemeinnützigen Einfall kamen, Hütten oder Gebäude zum Baden und Trinken auf die Stelle hinzupflanzen, wo sie sich gegenwärtig befinden. Dazu gehörte keine Kunst, welche die Erfindungsgabe früherer Zeiten überstiegen hätte. Sinnreich genug waren die Gottgeweihten dagegen schon vor acht Jahrhunderten in Pflege ihrer Andacht und Saumseligkeit sowohl im Kloster St. Gallen als Pfäffers. Das lernen wir aus des alten Eckehard von St. Gallen Hauschronik und Gebetbuch, diesen Fundgruben zur Sittenkunde des Mittelalters. Ausser dem gewöhnlichen Wildpret und Fleisch zahmer Haustiere assen sie damals auch vom Fleisch der Steinböcke, Murmelthiere, Auerochsen und Wisentochsen, dazu Schwäne, Fasanen, Pfauen, Rebhühner, Kapaunen, Turteltauben und andres Geflügel. Sie schmeckten Alles aus. So gross aber war ihre Andacht, dass sie sogar für jede Art der Speisen, die auf ihrer Tafel erschien, eigene Tischgebete hatten. «Gesegnet sey das Biberfleisch!» beteten sie; «mögen keinem die in Schlingen gefangenen Vögelchen schaden!»; «segne uns Gott die tausend gekochten Fischlein!».
Die Gebäude längs den Tamina Ufern, im Klosterstyl gebaut, mit 400 Fuss langen Gängen verbunden, ermangeln noch manche Bequemlichkeit. Sie haben zwar 70-80 bewohnbare Zimmer, aber sind fast ohne Oefen und theilweise schlecht meublirt. Und dennoch reichen sie mehrmals nicht zur Beherbergung aller Gäste hin, die der Heilquelle froh werden möchten. Weit besser ist es übrigens mit dem ganzen Institute in neuerer Zeit geworden, seit das Kloster aufgehoben wurde und seine Besitzungen in die Hände des Staates überging. Aus den Stiftsgebäuden wurde eine Kantonalirrenanstalt, aus den Hofgebäuden in Ragaz ein ausgedehntes und comfortables Kuretablissement, in welches die Therme mit ganz unbedeutendem Wärmeverlust von der Quelle geleitet wird und statt des Hochweges über Valens geht und fährt man jetzt die neuangelegte Strasse längs der Tamina.
(Quelle: Die Schweiz in ihren klassischen Stellen. Heinrich Zschokke. 1858)