Die Kurfürsten. Von J. B. S. [Johann Baptist Stoop]
«Seit Ebel haben alle prosaischen Zöpfe sich abgemüht, die echt poetische und volkstümliche Benennung «Kurfürsten» zu verdrängen». Zitat Iwan Tschudi.
In den letzten Jahren sind die Kurfürsten durch Besteigungen vom Toggenburg aus wieder bekannter geworden als Aussichtsberge, welche dem Säntis, Alvier, Speer u. a. ebenbürtig sind. Einzig schön ist der Niederblick von den Kurfürsten auf den Walensee und seine Umgebung. Von der nächstgelegenen Eisenbahnstation Wallenstadt aus ist der Besuch immer noch ein auffallend spärlicher geblieben. Vermutlich schrecken die drohenden Steilwände auf der Südseite ab. Allein gerade von Wallenstadt aus sind die Kurfürsten ein Exkursionsgebiet, das an Mannigfaltigkeit und eigentümlichen Reizen seinesgleichen sucht. Ich will hier einige Aufstiege näher bezeichnen. … Unterkunft finden die Touristen in den genannten Alpen Bülz, Tschingla, Schrina, Schwaldis und Sälz überall sehr gute. …
Pfingsttour im Churfirstengebiet. Von Meier (S. Uto)
Wie das letzte, so sah uns auch dieses Jahr Pfingsten in Walenstadt und auf den Churfirsten.
Der Hahn hatte den Morgen noch nicht angesagt, als am Pfingstsonntag die Schritte von vier Männern, zwei Touristen, Führer Thoma und dessen jungem Sohn (Bergführerkandidat) in den Strassen von Walenstadt widerhallten. Gemessenen Schrittes ging’s alsdann dem Weissenberg zu und durch prächtigen Buchenwald stiegen wir zur Alp Büls (1368m) hinan, wo ein kräftiger Stärkungshalt die dieses Jahr noch nicht für Gebirgstouren trainierten Beine erfreute. ¾ Stunden später war das Kammsässli (1736m) erreicht. Ein herrlicher Punkt, welch ein Ausblick! Aber nur schade, dass das Wetter nicht so klar war, wie letztes Jahr am gleichen Ort, zur gleichen Zeit. Nun ging’s steil hinan über Zieregg bis unter die Hänge des Hinterruck. Diesen und denjenigen des Scheibenstoll folgend, gelangten wir zum «Schnürligang», nicht ohne dass es nötig war, auf den sehr schmalen und an vielen Stellen noch sehr nassschlüpfrigen Bändern grosse Vorsicht walten zu lassen. Wieder vollzog sich der Übergang über diesen gefahrvollen Pfad glücklich und 10.15 Uhr sassen wir auf einer aperen Stelle inmitten eines grossen Schneefeldes in der «Stollenfurkel» (der Name findet sich nicht auf dem T. A., wir möchten ihn aber vorschlagen, da sich hier thatsächlich die beiden Stollen gabeln). Nach einer Rastpause mit darauf folgender kurzer Rutschpartie auf gutem Schnee ward der Zustoll über den Grat (2120m) in Angriff genommen und in ca. 1 ½ Stunden bezwungen (2239m). Umsonst verlängerten wir unsere Gipfelrast; die Aussicht blieb immer mittelmässig. (Bemerkt sei noch, dass es nicht nötig ist, das Zustollband, welches von Osten nach Westen traversiert, zu benützen, man kann vielmehr den Gipfel vom östlichen Anfang genannten Bandes aus direkt sehr leicht und rasch, kletternd, erreichen). Die Abfahrt vollzog sich auf gutem Schnee sehr rasch, und sogleich ward der Scheibenstoll in Angriff genommen. Von der Sohle des Thales zwischen beiden Stollen aus war er schon in 1 ¼ Stunden erobert (2238m). Unterdessen hatte Pluvius seine feuchten Heerscharen in erschreckende Nähe herangeführt, und aus der Ferne liess Donar seine Blitze zucken und seine gewaltige Stimme hören. Also Aufbruch und rascher Abstieg! Unten erreichte uns, wenn auch nicht das verheissene Gewitter, so doch ein ausgiebiger Regen, und wir waren froh, als wir auf der allerdings noch nicht bestossenen Selamattalp nach manchem Pochen an festverschlossene Thüren doch endlich eine Unterkunft, freilich eine sehr primitive, fanden. Auf den Pritschen lag eine Spur von einem undefinierbaren Etwas, das wohl viele Jahre früher Heu oder ähnliches gewesen sein mochte. Kurz, wir waren froh, als die ersten Strahlen der Montags neu erwachenden Sonne wieder Leben in unsere froststeifen Glieder brachte und wir aufbrechen konnten. Heute galt es dem Hinter- und seinem Nachbarn und Freunde Käsernruck. Beim Schäferhüttli auf dem Sattel (1908m) wurde zum ersten Mal kurz gerastet, dann nach einer Stunde der Gipfel (2309m) erreicht. Aussicht keine! Das ganze Hochplateau lag noch in tiefem Schnee. Hatten wir schon am Tage vorher auf Alp Büls einen feisten Gemsbock auf Schussesnähe gesehen, so entfloh nun vor uns ein ganzes Rudel dieser Bergfexen, die so behende klettern. «Durch den Riss geborstner Klippen trägt sie der gewagte Sprung.» Der Übergang auf den Käsernruck (2266m) auf prächtiger Schneeschneide vollzog sich rasch und leicht; aber jetzt ging ein Strich durch unsern am Morgen gefassten Plan; das Falzloch war infolge überhängender Schneetische nicht zugänglich. So nahmen wir unsern Weg rutschend gegen Alp Schlewiz und zur Niedere (1833m).
Bald war die Alp Lüsis (1277m) und von hier aus in raschem Tempo in 1 ¼ Stunden Walenstadt erreicht. Der letzte Zug brachte uns an den Zürichsee und damit ins Alltagsleben zurück. Die Churfirsten aber sind und bleiben für diese Jahreszeit ein herrliches und zugleich reichlich lohnendes Trainierungsgebiet.
Zwei neue Pfade in der Churfirstenkette. Von Meier, Erlenbach, S. A. C. «Uto».
Sonntag, den 11. August 1901, brachen Clubgenosse und Freund Richard Schweizer und ich morgens kurz nach 4 Uhr oberhalb Amden auf, wo wir in frischem Heu herrlich eine gewittervolle Nacht geruht, und erreichten nach prächtiger Morgenwanderung 5.30 Punkt 1673. Ein herrlicher Tag schien uns zu werden; denn Papa Sentis und seine zahlreiche Kinderschar leuchteten hell und klar zu uns herüber. Dann ging’s auf dem bekannten Gochtwege ins Thälchen zwischen Hinter- und Vorderleistkamm. Diesem letztern galt es heute; d. h. seinem nördlichen Turm (Punkt 2081), der seiner kühnen und trotzigen Form wegen unsere Kletterlust schon früher gereizt hatte. Zuerst rekognostizierten wir von Punkt 2094 aus; aber keine schwache Stelle ward entdeckt; alsdann umgingen wir den Trotzigen und griffen ihn durch ein kleines mit spärlichem Rasen ausgekleidetes, sehr steiles Couloir auf der Nordseite an und bezwangen ihn kletternd. – Eine entzückende Rundsicht! – Auf dem weichsten Polster ist’s nicht so weich zu ruhen, wie hier oben auf dem dichten Moose, das 1-3 Fuss tief den ganzen Kamm bedeckt, so dass man Schritt für Schritt tief einsinkt. Für diese sofort in die Augen springende, imponierende Berggestalt, die der topogr. Atlas als Zeichnung auffallend vernachlässigt und mit dem wenig zutreffenden Namen «Glattkamm» bezeichnet hat, möchten wir daher eine Umänderung in den Namen «Mooskamm» in Vorschlag bringen. Ob er von Touristen auch schon bestiegen worden ist, erscheint uns sehr fraglich, da oben auch nicht die geringsten Spuren menschlicher Arbeit zu finden sind. Zuoberst alles locker, verwittert, lose Felsen hart am Abgrunde, kein Steinmann, keine Gipfelflasche, die sonst ja in dieser Gegend sozusagen nirgends fehlt, wo Touristen hinkommen. So ward denn schnellstens ein Steinmännlein aufgerichtet und dessen sorglicher Obhut die Gipfelflasche anvertraut, die zu diesem Zwecke erst extra gehöhlt werden musste. Uns etliche Male auf sehr faulem Gestein abseilend, stiegen wir dann über den nördlichen Grat ab und überschritten das Bergsturzgebiet des Nägeliberges. Dieser Gipfel war ca. 11 Uhr zu unsern Füssen; dann verfolgten wir den Grat gegen die beiden Scheeregipfel, die wir nach längerem Aufenthalt ca. 1 Uhr verliessen, um noch die bescheidene Wart zu besuchen. Unterdessen war es, unsern nochmaligen Aufenthalt mitgerechnet, 2 ½ Uhr geworden, und der Himmel machte böse Miene, es hiess also eiligst aufbrechen, besonders auch deswegen, weil wir bestimmt im Sinne hatten, den letzten Zug zur Rückkehr an unseren schönen Zürichsee zu erreichen. Wir stiegen also zwischen Scheere und Wart ab, um den «Schleichübel»-Pfad zu verfolgen; aber oh weh! von einem, auch nur dem geringsten Weglein keine Spur. So hiess es, einen eigenen «Weg» – oder den sonst gebräuchlichen per Zufall – finden. Wir hielten uns zunächst, da Steinschlag nicht zu fürchten war, in der Runse des Gandbaches, welche hier oben ganz trocken war, und kletterten sorgfältig ein schönes Stück hinab; aber jetzt? Rechts uns haltend, gelang es, eine weitere Staffel hinabzusteigen. Nun aber wurde die Lage ziemlich schwierig, das Terrain immer steiler und auf glattem Fels und lockerem, spärlichem Rasen nur sehr wenig Halt bietend. Dazu kam, dass unter uns, überm Walensee, ein heftiges Gewitter losgebrochen war und auch uns bedrohte; rasch und rascher kam’s und hüllte uns ein. Wir mussten annehmen, uns in oder in der Nähe der Hagelbildungsregion zu befinden; denn mitten im dichten Regen und Nebel fielen mit ziemlich geringer Geschwindigkeit mächtige, halbfeste, halb sulzige Hagelkörner nieder. – Im Nu sind wir total durchnässt, und der Abstieg gestaltet sich doppelt schwierig. Eine heikle Stelle wird, dank des Seiles trotz des glatt und schlüpfrig gewordenen Terrains, glücklich überwunden. Noch einige Griffe, und ein Weiterkommen scheint unmöglich zu sein. Doch – da können wir ja, links und rechts uns abseilend, auf einige Rasenstufen hinunter gelangen. Es ist gethan; aber das Seil ist jetzt ganz angestreckt, wir können es nicht über den Felsen schlingen. So muss sich denn wohl oder übel auf diesem gefährlichen Standpunkt der eine vom Seil losbinden, damit es der andere ziehen kann. Nun wird zur Stärkung der Runse zugesteuert, die jetzt selbstverständlich Wasser genug, wenn auch nicht vollkommen klares, führt. Nach kurzer Rast steigen wir über die nassen, steilen Grasplanken zur Alp «Schwaldis» ab, die wir ca. 7 ½ Uhr erreichen. Die guten Sennen, die uns bereitwilligst alles Ess- und Trinkbare, was sie besitzen, anbieten, können nicht genug ihr Erstaunen darüber ausdrücken, dass es möglich gewesen, da herunter zu steigen. – Bald waren wir gestärkt und hatten uns von der zeitweise fast übermenschlichen Anstrengung erholt. Ca. 8 Uhr schlugen wir den Weg über Schrinenalp, Hohe Rugg – mit den munteren Kurgästen -, Walenstadterberg nach dem Hotel Hirschen Walenstadt ein, wo wir gegen 10 Uhr anlangten und wie früher schon aufs trefflichste aufgehoben wurden. Der erste Montagmorgenzug führte uns an unsern lieben Zürichsee.
(Quelle: Alpina IX – 1901)