Die Drusenfluh

Auf meinem touristischen Wunschzettel für den Sommer 1890 stand die Drusenfluh neben Piz Kesch und Fluchthorn obenan. Die Führer unserer Gegend hatten sich mit Begeisterung zu einem Versuch bereit erklärt. Ich selber hatte den Berg ringsum umgangen und genau durchmustert, um die zugänglichen Stellen ausfindig zu machen, auch bei Jägern und Hirten nach solchen mich erkundigt. So war ich zur Ueberzeugung gekommen, dass die Besteigung von der Südseite unmöglich oder doch nur mit den allergrössten Schwierigkeiten und Gefahren verbunden sei. Ob ein gewandter Dolomitkletterer zu anderer Ansicht käme, lasse ich dahingestellt, bezweifle es aber doch sehr, da die Dolomitgipfel bei allen Schwierigkeiten und Gefahren, die sie bieten, nach allen Beschreibungen doch weniger glattwandig sind und bessern Griff bieten. Mehr Hoffnung auf Erfolg schien mir, ausser der von den Oesterreichern — Führer Chr. Zudrell 1870 und die Herren C. Blodig und E. Sohm 1888 -eingeschlagenen Richtung, die Nordwestseite des Berges vom Schweizerthor bis zum Oefenjoch zu bieten. An zwei oder drei Stellen muss da der Aufstieg bis weit hinauf möglich sein. Am leichtesten schien er mir vom Oefenpass direct südlich zu sein. Ich war sicher, dass man dort bis auf den Grat östlich der Höhenzahl 2633 m müsste kommen können. Wie es aber von dort östlich über den Grat weiter ginge, war ich von unten auf und von umliegenden Punkten aus nicht im Stande sicher zu erkennen. Das konnte nur ein Versuch zeigen. Verschiedene Umstände, besonders das meist schlechte Wetter, liessen es aber den ganzen Sommer über nicht zu einem solchen kommen und im Herbst schien es wegen Mangel an Zeit erst recht nichts daraus zu geben. Schon war der prächtige September vorbeigezogen, ohne dass ich einen Versuch gemacht hätte, und der Winter sandte bereits seine Vorboten ins Land. Aber auch der October liess sich gut an, und so hiess es dann am ersten Samstag und Sonntag desselben: entweder jetzt oder dann nicht mehr in diesem Jahr!
Also eilte ich Samstag Nachmittags den 4. October nach Seewis, in der Hoffnung, dass von dort zwei Führer die Tour mitmachen könnten. Stattdessen konnte aber nur einer mitkommen: Johann Sprecher, ein junger, kräftiger und gewandter Mann, der als Führer und Jäger viel in den Bergen herumkommt. Sein Bruder Martin, der die Tour sehr gern mitgemacht hätte, war zu unserem und seinem Leidwesen durch Militärdienst verhindert. Auch der Vater konnte nicht mitkommen, da in dieser arbeitsvollen Zeit nicht alle männlichen Mitglieder der Familie von Hause abwesend sein durften. Die Aussichten für ein gutes Gelingen waren damit bedeutend herabgemindert. Dennoch beschlossen wir Zwei, das schöne Wetter nicht unbenutzt zu lassen und uns wenigstens über die Beschaffenheit des Grates östlich vom Punkt 2633 Sicherheit zu verschaffen. Doch wollten wir nichts erzwingen und uns nicht verwagen und also von der Erreichung des höchsten Punktes abstehen, wenn die Gefahren sich häufen sollten. Wir wollten uns auf eine möglichst genaue Recognoscirung des Berges, besonders des nordwestlichen Theiles desselben, beschränken, um dann im nächsten Jahr mit um so grösserer Sicherheit vorgehen zu können. Wir nahmen darum zwar wohl einen Pickel, aber kein Seil mit, um uns nicht durch dasselbe zu etwas Gewagtem verleiten zu lassen. Die folgende Darstellung wird zeigen, dass und wie aus der Recognoscirung eine fertige Besteigung wurde.
Um 3 Uhr marschirten wir von Seewis ab und erreichten über Ganey und Fasons um 6 Uhr 20 Min. die Schamellahütte, um hier die Nacht zuzubringen. Leider fanden wir diese erst vor acht Jahren erbaute und seither schon mehrfach reparirte Hütte in sehr schlimmem Zustand. Das Mauerwerk zeigt grosse Sprünge und droht auseinanderzufallen, so dass zu befürchten ist, dass die Hütte den Winter kaum mehr überdauern wird. Uns thut sie aber den Dienst noch, und wir bringen eine gute Nacht darin zu. Morgens 2 Uhr stehen wir auf und um 3 ½ Uhr machen wir uns auf den Weg. Es ist zwar etwas dunkel, aber wir kennen den Weg und finden uns gut durch. Um 5 Uhr passiren wir das Cavelljoch und treten damit auf die Nordseite des Rhätikon. Dann geht es über eine ziemlich weite Schutthalde hinter den Kirchlispitzen durch nach dem Verrajöchl, das wir um 5 Uhr 45 Min. erreichen. Unterwegs mustern wir auch die Nordhänge der Kirchlispitzen, um die zugänglichen Stellen herauszufinden. Als solche erscheinen uns jeweilen die rothen Bänder von Seewerkalk, der leichter verwittert als der hellgraue Kalk, aus dem die Hauptmasse des Berges besteht. Geissbuben, denen viel möglich ist, denen aber hie und da noch mehr angedichtet wird, sollen übrigens den ganzen zackigen Grat vom Schweizerthor bis zum Cavelljoch der Länge nach überklettert haben. Da ich selbst schon solche Geissbuben hoch oben auf dem Grat ihren Ziegen nachjagen sah, so will ich die Möglichkeit der genannten Ueberkletterung nicht ohne Weiteres in Abrede stellen. Für Touristen mag darin immerhin ein Fingerzeig liegen.
Vom Verrajöchl an nahmen wir nun die Drusenfluh scharf auf’s Korn. Um 6 Uhr waren wir auf dem Schweizerthor und um 6 ½ Uhr auf dem Oefenpass, dem von uns zunächst in Aussicht genommenen Angriffspunkt. Der Fuss des Berges wird dort durch mehrere glatte und ziemlich hohe Felsenstufen gebildet, unter denen wir mit nur geringer Steigung noch etwa ½ km weiter östlich gehen mussten bis zum ersten Felskopf, der zwischen zwei Steilmulden vorspringt. Nach einer Rast von 15 Minuten versuchten wir zuerst durch die östliche Mulde emporzusteigen, so dass wir dann über das erste u im Namen Drusenfluh der Excursionskarte direct gegen die höchste Spitze (2829 m) gekommen wären. Allein die Steilheit dieses Kars und die glatten Felsplatten und Felsstufen, die weder dem Fuss sichern Tritt, noch der Hand guten Griff gewährten, zwangen uns, davon abzustehen und unser Glück am Felskopf selber zu probiren. Aber auch dieser wollte sich nicht so bald ergeben, so dass wir schon daran dachten, es weiter westlich zu versuchen. Doch gelang es uns endlich dann nach längerem Suchen, mit Händen und Füssen kletternd, die untern, steilsten Partien des Kopfes zu überwinden, und zwar Jeder auf einer andern Linie. Ueber den untersten Steilabsätzen folgte ein theilweise berastes, theilweise immer noch plattiges und mehr oder weniger mit Schutt bedecktes Gehänge, das aber dem Aufstieg keine Schwierigkeiten entgegenstellte. Wir hatten eine Stunde gebraucht, um hieher, d.h. in eine Höhe von etwa 2400 m, zu kommen. Auf den Rasen- und Schuttboden folgten bald wieder steile Platten, die wir nur mit der äussersten Vorsicht, hie und da nur kriechend überwinden konnten. Einige übereiste Stellen konnten wir umgehen, sonst wären wir wohl zur Umkehr gezwungen gewesen. Weiter oben folgte harter Schnee, der das ganze Kar bis auf den Grat hinauf erfüllte, und auf dem wir rasch und sicher über das r im Namen Drusenfluh der Excursionskarte vorwärtskamen. Man konnte da ganz gut auf dem steil ansteigenden, aber ziemlich ebenen oder etwas wellenförmigen Boden der Felsmulde im Zickzack hin- und hergehen. Nur an den steilsten Stellen hielten wir uns an den linken Rand, um uns an der dort herabziehenden Felsrippe mit den Händen festhalten zu können. So kamen wir denn ohne weitere nennenswerthe Schwierigkeiten um 8 Uhr 30 Min. auf den Grat etwas östlich vom Punkt 2633 m, gerade südlich vom r des Namens Drusenfluh in der Karte. Der Punkt mag etwa 2700 m hoch sein, also etwa 400 m über dem Oefenpass liegen. Und für diese Strecke hatten wir 2 ¾ Stunden gebraucht, wovon 1 Stunde für den untersten Felskopf und etwa 1 ½ Stunden für die letzten 300 m! Die letzteren hätten wir leicht schneller zurücklegen können, allein wir gingen absichtlich langsam und blieben öfters stehen, um uns das Terrain genau zu betrachten und uns dessen Beschaffenheit für ein andermal, sowie für den Abstieg einzuprägen. Auch prüften wir die ganze Gegend, so weit sie uns sichtbar war, auf ihre Gangbarkeit und kamen zu der Meinung, dass man wahrscheinlich auch vom Schweizerthor, südöstlich über Platten- und Schuttstufen ansteigend, den Punkt 2633 erreichen und von da auf dem Grat weitergehen könnte. Wir oder Andere werden das im Sommer 1891 probiren. So ist es begreiflich, dass wir etwas viel Zeit brauchten Wir glauben, ein andermal auf demselben Weg und bei ähnlichen Schneeverhältnissen in 1 ½ Stunden vom Oefenpass auf den Grat zu kommen und speciell für den untersten Felskopf wenig mehr als ¼ Stunde nöthig zu haben.
Auf dem Grat gingen wir eine Weile hin und her, besuchten auch den Punkt 2633 und trafen dort ein ganz kleines Steinmännchen von sechs Steinen. Dann stiegen wir auf den verwitterten Grat unserem Ziele entgegen, das in Gestalt eines vielzackigen, von Nord nach Süd streichenden Grates in geringer Entfernung vor uns stand. Aber südlich vom ersten u im Namen Drusenfluh der Karte mehrten sich die Schwierigkeiten derart, dass wir am Weiterkommen zweifelten und uns vorläufig zu einer Rast niedersetzten.
Schon hier genossen wir eine über alles Erwarten herrliche Aussicht, die vom Piz Linard über die ganze Albulakette und Berninagruppe bis zur Adula- und Medelsergruppe reichte, auch den Tödi, die Sardona-Ringelspitzgruppe und die Grauen Hörner, sowie die Vorarlberger Alpen umfasste. Besonders reizend und anziehend ist der Blick auf die tief zu unseren Füssen ausgebreiteten Alpen, auf die sanften Formen der grünen Berge zu beiden Seiten des Prätigaus und hinaus nach Schuders, Schiers, Valzeina und Furna. Das Grossartigste ist aber die Drusenfluh selber, deren gewaltige Felsmassen, die nach Süden senkrecht in schwindelnde Tiefen abstürzen, deren Thürme und Obelisken und deren zerklüftete Wände einen überwältigenden Eindruck machen. Dieser Anblick allein, dem sich im Rhätikon nichts an die Seite stellen lässt, macht es der Mühe werth, den Grat, auf dem wir ruhen, zu besuchen.
Mittlerweile war es 9 ¼ Uhr geworden. Der Führer hatte aber auch das Terrain bereits recognoscirt und noch ein gutes Stück gangbar befunden. Also wurde wieder aufgebrochen. Es folgte zunächst eine kurze, aber etwas unheimliche Passage auf einem schmalen Felsband an der linken Seite der Gratschneide. Rechts konnte man sich zwar mit den Händen gut halten, aber links stürzten die Felsen in glattgeschliffenen Stufen in bedeutende Tiefe. Wäre man da gestrauchelt oder ausgeglitscht, so wäre man unaufhaltsam von Stufe zu Stufe in immer grössere Tiefen gestürzt und zerschlagen, vielleicht als formlose Masse weit unten im Kar liegen geblieben. Der Schwindelfreie und Furchtlose kann die Stelle wohl passiren, aber auch er muss sorgfältig Schritt für Schritt abwägen. Ich muss sagen, dass es mir angenehm gewesen wäre, hier nicht nur einen Führer vor mir, sondern auch einen hinter mir zu wissen und mit ihnen durch ein Seil verbunden zu sein.
Nach diesem Felsgesimse kam ein grosser, runder Felskopf, den man von Schiers aus ganz gut an seiner gelblichen Färbung erkennen kann. So unheimlich derselbe aussieht, so bietet er doch guten Griff und kann darum verhältnissmässig leicht überklettert werden. Von da an ist man nicht mehr auf dem Grat, sondern an der südlichen Bergwand auf einem schmalen, steil ansteigenden Gang, den man im Winter, wenn Schnee drauf liegt, ebenfalls von Schiers aus erkennen kann. Derselbe sticht schon aus einiger Entfernung, z. B. von unserem letzten Rastplatz aus, auch durch seine Färbung von der übrigen Wand ab, denn während diese aus hellgrauem und etwas ins Bläuliche spielendem Kalk, wahrscheinlich aus einem Jura- oder Kreidekalk besteht, wird unser Gang von einem dunkleren, schieferigeren und poröseren Kalk, der dem Arlbergkalk am Lünersee ähnlich sieht und wohl auch Arlbergkalk ist, gebildet. Derselbe scheint leichter zu verwittern, als der übrige Fels, und so entsteht denn jener steil ansteigende Gang, der zwar nicht rechtwinklig aus der Bergwand vorspringt, sondern nur eine weniger steile Partie derselben bildet und mit Schutt bedeckt ist, so dass, wer schwindelfrei ist, durch denselben aufsteigen kann. Als wir durchkamen, lag ausser dem Schutt auch noch einiger Schnee darauf, der das Gehen ebenfalls erleichterte. Auch hier könnte ein Seil gute Dienste leisten. Der Gang reicht bis südlich unter den höchsten Punkt und wird dort nahe an 2800 m Höhe haben. Nun folgt die schlimmste Stelle, indem der Gang um eine vorspringende Kante herum und dann in eine dahinter folgende ausserordentlich steile Runse oder Steinschlagrinne einbiegt, dabei zugleich sich etwas senkt und allmälig ausgeht. Da ist denn die allergrösste Vorsicht und einige Beherztheit geboten und namentlich hier wären drei Mann und ein Seil angenehm. Ist die Runse überschritten, so folgt eine zwar nicht gar lange, aber namentlich im ersten Theil etwas schwierige Kletterei über eine steil ansteigende Kante, die direct auf den Gipfelgrat führt.
Hurrah! um 10 Uhr 10 Min. ist Alles überwunden und die erste, südlichste Spitze des Gipfelgrates erreicht. Dieser selber bietet keine Schwierigkeiten mehr und mit Leichtigkeit schreitet man über denselben von Spitze zu Spitze, wenn man auch nicht überall auf der Schneide bleiben kann, sondern stellenweise am östlichen Hang hingehen muss. Der Grat ist in fünf oder sechs grössere und mehrere kleinere Zacken zerschnitten, und man hat ohne Instrument einige Mühe, zu entscheiden, welches die höchste ist. Immer wenn man auf einer steht, meint man, die nächstfolgende oder die eben verlassene müsse es sein. Jedenfalls ist der Höhenunterschied zwischen der mittleren und nördlichsten Zacke nur sehr gering. Um 10 Uhr 25 Min. war auch die letztere erreicht und damit der ganze Gipfelgrat abgeschritten. Auf der mittleren und wahrscheinlich höchsten Zacke fand sich in einem kleinen Steinmännchen eine Flasche mit zwei Zetteln. Leider war aber auch Wasser in die Flasche gedrungen, so dass die Zettel unleserlich waren und beim Herausnehmen in Fetzen zerfielen. Nur ein Name konnte noch gelesen werden, nämlich der von Hrn. Emil Schaller aus Nürnberg. Derselbe war im August oder September auf unserer Spitze. Welchen Weg er eingeschlagen hat und wer mit ihm war, konnten wir nicht lesen. Wahrscheinlich hat er von der Sporenalp aus die Route der Herren Blodig und Sohm gewählt. Seine Expedition ist also die dritte, unsere die vierte gewesen. Zwei, wahrscheinlich drei Expeditionen (Zudrell 1870, Blodig und Sohm 1888, Schaller 1890) gingen von der Sporenalp aus durch den sogenannten Thiergarten hinauf, die vierte vom Oefenpass aus.

Die Aussicht war wirklich grandios und natürlich noch ausgedehnter, als die vorhin skizzirte vom Grat aus. Sie erstreckte sich auch auf den Bodensee, die Bayerischen Alpen, die ganze Silvrettagruppe, den ganzen Rhätikon und die Drusenfluh selbst mit ihrem zerklüfteten Gletscher.
Ich weiss nicht, was uns diese Aussicht so grossartig und herrlich hat erscheinen lassen. War’s die Freude über das Gelingen unseres Unternehmens, war’s der wundervolle Tag mit seiner überaus klaren und durchsichtigen Luft, war’s der auf den höhern Gebirgen (Silvretta-, Albula-, Bernina-, Oetzthaler-, Ortler-, Tödi- und Adulagruppe) liegende, silberglänzende Neuschnee, waren’s die ungeheuren, gewaltigen Felsmassen der Drusenfluh oder waren’s alle diese Dinge zusammen? Genug, der Eindruck auf uns war ein überraschender und lässt sich unmöglich durch Worte wiedergeben. Mögen Andere kommen und selbst sehen und selbst erleben! Interessant müsste auch der Uebergang vom Punkt 2829 m über das Eisjöchl nach dem Punkt 2828 m sein. Der Anblick von unserem Punkt aus erweckt keine grossen Hoffnungen für einen directen Uebergang. Jedenfalls kann man aber dem Punkt 2828 m auf anderem Weg beikommen und es muss ein schöner Punkt sein, der auch dem unserigen puncto Aussicht kaum etwas nachgeben kann. Er stellt, im Gegensatz zu unserem Zackengrat, ein schönes, kleines Plateau dar, auf dem eine grössere Gesellschaft sich tummeln könnte.
Um 11 Uhr 10 Min. wurde der Abstieg auf dem gleichen Weg angetreten. Einen neuen Weg durften wir schon in Rücksicht auf die vorgerückte Zeit nicht versuchen; auch war es von Interesse, zu erfahren, wie sich der Abstieg auf unserem Weg machen würde. Endlich hatte Joh. Sprecher sein „Stutzerl” unterwegs abgelegt, und das konnten wir doch nicht im Stiche lassen. Der Abstieg über die Gipfelkante und der Durchgang durch die Runse und den oben erwähnten langen Gang war natürlich nicht leichter, als der Aufstieg, wurde aber doch, sammt der Passage über den runden Kopf und das daran sich anschliessende Felsensims, in 25 Minuten zurückgelegt. Auf dem Grat machten wir einen Halt von fast einer halben Stunde, und begannen dann um 12 Uhr den Abstieg durch die Steilmulde. Auf dem harten Schnee und weiter unten auf dem theilweise vereisten Schutt- und Grasboden und den glatten Platten war dieser Abstieg wesentlich schwieriger, als der Aufstieg, und musste zum Theil sitzend und langsam rutschend oder auf allen Vieren bewerkstelligt werden. Am untersten Felskopf ging’s an einem Ort durch ein kurzes Kamin in der Weise hinunter, dass man, den Rücken gegen den Berg gekehrt, mit den Händen und Ellbogen sich gegen die Felsen stemmte, bis die Füsse an vorspringenden Stellen einigen Halt gewonnen hatten, und man so, halb schwebend, halb aufliegend, sich etwas hinunterlassen konnte. Doch dauerte das nicht lange, bald befanden wir uns wieder unter den Felsen, und um 1 Uhr 20 Min. waren wir auf dem Oefenpass, hatten also vom Grat 1 Stunde und 20 Minuten gebraucht.
Ich stelle noch einmal die wichtigsten Zeitangaben zusammen und setze daneben in Klammern die Zeiten, die uns ein andermal bei ähnlichen Schnee- und Eisverhältnissen als genügend erscheinen, wenn man keine Zeit mit Suchen verliert:
Aufstieg vom Oefenpass bis zum Grat 2 Std. 45 Min. (1 Std; 30 Min.)
Vom Grat bis auf die Spitze 1 Std. – Min (-Std. 40 Min. )
Abstieg im Ganzen1 Std. 40 Min. (1 Std. 20 Min.)
Für Auf- und Abstieg ohne Rasten 5 Std. 25 Min. (3 Std. 30 Min.)
Würde man am untersten Felskopf und oben vom Grat bis zum Gipfel auch nur ganz geringe Wegverbesserungen anbringen, was sich mit Hülfe eines Steinhauerpickels und einiger Sprengungen machen liesse, so könnten die Schwierigkeiten wesentlich gemindert werden, ohne dass deswegen der Berg für Bergsteiger an Reiz und Werth verlieren würde.
Vom Oefenpass setzten wir unseren Marsch sogleich weiter fort und kamen über das Schweizerthor um 2 Uhr 40 Min. zur Partutsquelle, bei der wir eine halbe Stunde verweilten. Dann ging’s durch die schönen Alpen and Wälder hinaus nach Schuders und über Busserein nach Schiers, wo wir um 6 Uhr 15 Min. ankamen.
Wir waren und sind noch von unserer Tour aufs Höchste befriedigt, hatten wir doch neue Erfahrungen gemacht und neue, grosse Eindrücke erhalten, und war es uns gelungen, nicht nur überhaupt auf den Berg, der unser Interesse in besonderem Masse in Anspruch nahm, zu kommen, sondern auch einen höchst interessanten und für uns Prätigauer nicht zu langen Weg zu finden, den wir geübten, schwindelfreien und vorsichtigen Bergsteigern, aber auch nur solchen, empfehlen dürfen.
(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1890)

***

Am 18. Juli wanderte ich in Begleitung von Fritz Eyth, Bregenz, wiederum zur Ob. Sporer-Alpe, wo Joseph Both uns erwartete. Unser Besuch galt diesmal der Königin des Gauer-Thales, der stolzen Drusenfluh … Both hatte mir viel von dieser interessanten Viergipfeltour erzählt und mich besonders durch seine lebhafte Beschreibung jenes überhängenden, auf geneigter, glatter Platte fussenden Kamines, der nur durch Abseilen überwunden werden konnte, recht neugierig gemacht und ich trug daher grosses Verlangen, diesen famosen Kamin durch eigene Anschauung kennen zu lernen. Auf meine Frage, ob er denn glaube, dass wir den Kamin im Aufstiege werden bewältigen können, meinte B.: wenn ich ihm wieder erlaube, dass er auf meinem Kopf stehe, werde es schon gehen …
(Victor Sohm, Sekt. St. Gallen)
(Quelle: Alpina 1900)

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