Die Alvierkette aus Sicht des Talwanderers

… Scala, Scalberg / Schalberg / Scolberg / Scholberg / ob Sargans / ward zu alten Zeiten Scala, das ist / Läyter ((Leiter)) / Rhaetisch genant / weil der Weg daselbst hindurch nicht viel besser war / als wann man über eine Stiege oder Layter hette steigen müssen. Aus Scalberg ist mithin aus verbösserung und abgang der Raetischen Sprach / Schalberg / oder Scholberg gemachet / und darmit nicht nur die Gelegenheit des bösen Wegs / sonder das ganze umligende Gebirg bezeichnet worden: zu unserer Zeit hat es ein gute wolgebahnete Landstrass; dann die VII Ohrt der Eydgnossschaft / so über Sargans herrscheten / haben A. 1603 die harten Felsen unten am Fuss des Bergs mit grossem Unkosten aushauen / und einen guten breiten Wagen-Weg machen lassen. Dieser Berg spitzet sich aus gegen der Statt und Schloss Sargans / spaltet sich dannen hinterwerts gegen Mittnacht / und streket sich sehr weit aus in zween von einander zerthane Armen in form einer Furken: deren der rechte neben dem Rhein und Rheinthal wol hinablanget bis gegen den Boden-See / der linke erzeuht sich neben dem Sarganser-Land / Walchen-See / Gaster und Uznach / bis neben der Zürich-See.
… In der Graffschaft Sargans sind Berghöhlen bey dem Dorff Bertschis / bey St. Geörgen Capell.
(Quelle: Helvetiae stoicheiographia. Orographia et Oreographia. Oder Beschreibung der Elementen/Grenzen und Bergen des Schweizerlands. Der Natur-Histori des Schweitzerlands. Erster Theil. Johann Jakob Scheuchzer. Zürich 1716)

… Das Schloss Forstegg … Ich stieg am folgenden Morgen auf den noch stehenden Thurmstock, von welchem man das ganze Thal überschauen kann. In einer Entfernung von 2 Stunden nach Südwest glänzt hoch an Felsen das Schloss Werdenberg. Oberhalb demselben links südwärts nach Graubünden ziehen sich die hohen Gebirge der Schweiz und der deutschen Seite immer näher zusammen, bis sie sich zu vermischen scheinen, und rechts westnordwärts nach Toggenburg treten sie so weit zurück, dass die am Fuss der Berge fortlaufende Thallinie von Werdenberg bis Forstegg eine ovale Kesselform darstellet.
… Das Schloss Werdenberg, welches über dem Städtchen ins Weite schaut, liegt stets im Auge, weil der Weg gerade darauf zuführt. Die Gebirge hinter denselben sind waldigt, wild und rauh. Desto reizender breiten sich rechts der Grabser- und Gambserberg aus. Herrlich ist der Anblick ihrer breiten und hohen Gelände, welche ganz bebaut und mit Obstbäumen und einzelnen Wohnungen besetzt sind. … Diese beyden fruchtbaren Bergabhänge sind die einzigen heitern, sanften Züge in der rauhen Felsenphysiognomie dieses Thals, und deswegen ruht das Auge mit desto grösserm Wohlgefallen auf deren lachendem Grün. …
… Im Jahr 1795 zählte man in der Landschaft Werdenberg 1100 Haushaltungen, welche eine Volksmenge von 5 bis 6000 Menschen vermuthen lassen. Die Einwohner haben in ihrem Gebirge zwischen Toggenburg und Sargans gute Alpen und Wälder, … doch wird nicht mehr Butter und Käse in den Alpen gemacht, als die Werdenberger selbst brauchen. …
Von dem Städtchen Werdenberg führt die Landstrasse bei einem Teiche vorbei zwischen Gärten und Obstbäumen nach Buchs, und von hier im ebnen Thale weiter durch Sevelen in die Herrschaft Wartau. Die Gebirge rücken dem Rhein immer näher, und das Thal wird schmäler; hinter Sevelen geht es zwischen lebendige Matten aufwärts, und bald findet man sich in einer lieblichen mahlerischen Berggegend. …
… Das Thal ist hier sehr schmal, und die Gebirgsketten auf beiden Seiten des Rheins drängen sich bis an seine Ufer. Links zwischen Felsmassen verborgen liegt der enge Pass Luciensteig, welcher von der deutschen Seite den Eingang in Rhätiens Thäler beschützt, rechts fällt senkrecht in den Fluss die hohe Wand, an welcher sich der mit Mühe gesprengte Weg fortwindet. Hier hebt auf einmal erhabner Styl der Gebirgs-Natur an; grosse Züge, starker Thon in Färbung, Kraft und Kühnheit in Massen und Formen überraschen den Wanderer, der aus dem Rheinthal herkommt. Auf Graubündens Grenze zieht sich ein fruchtbarer Felsenzweig, das Rhätikon-Gebirge, abstufend bis ans rechte Rheinufer, und auf der Grenze von Sargans gerade gegenüber steigt der Schollberg bis zur hohen Wand herab, dessen Fuss der Rhein bespült. Ohne weitere Untersuchung springt es in die Augen, dass diese Felsen einst in ununterbrochener Verbindung standen, und das Sarganser Gebiet nebst ganz Rhätien von dieser Seite schlossen.
(Quelle „Schilderung des Gebirgsvolkes“, 1802, Johann Gottfried Ebel)

… Eine Sennerey besteht in diesen Gegenden aus 20, 30, 40, 50 bis 60 Kühen, je nachdem sich die Bauren miteinander verstehen. In einigen Sennhütten stellen mehr als 20 Bauren zusammen; … und diese werden dann durch gemeinschaftlich gemiethete Sennen besorgt und zum Buttern und mager Käsekochen benutzt. – Zehn Tage nach der Alpfahrt wird das Määsen vorgenommen, d. h., es gehen alle Bauren auf einen Tag in die Alp um die Milch ihrer Kühe nach dem Pfund genau abwägen zu lassen. … Je nachdem die Kühe nun mehr oder minder Milch gegeben haben, je nachdem erhält jeder von seiner Kuh im Herbste mehr oder minder Butter und magere Süss- und Sauerkäse. Eben so werden auch die Hirtenlöhne und die Alpenkosten alle Jahre verhältnismässig vertheilt. … Gewöhnlich ist man 12 bis 15 Wochen mit dem Vieh auf den Alpen, …

Der Tag der Aufalpfahrt sind den hiesigen Aelplern oder (wie man sie her nennt) den Alpknechten, nicht so festlich, wie die der Vonalpfarth. Da in diesen Alpen die Milch immer am gleichen Tage gemolken und gemessen wird, auch am Ende die Milchprodukte nach dem gleichen Maasstabe vertheilt werden, so macht dies den Ehrgeiz der Sennen unter sich rege, und jeder wetteifert mit dem ander, um am meisten Butter und Käse zu erhalten. Von dem oder denjenigen Knechten, die ein ziemliches weniger austheilen können als andere, sagt man: sie haben den Hund, d. h. spottweise: ein Hund sey gekommen, und habe ihnen viel davon gefressen; die Kinder sammeln sich dann vor diesen Hütten und necken die Knechte, indem sie wie Hunde heulen und bellen; auch auf der Heimfarth mit dem Molken (Milchprodukten) welches an einem Tag miteinander weggeführt wird, bewillkommt man sie hin und wieder mit diesem Greuelgeschrey! Von denjenigen hingegen, die von der erhaltenen Milch am meisten Butter und Käse verfertigten, sagt man: sie haben zu höchst. Diese Sennen und Zusennen – welches meistens ledige Burschen sind, zeigen solches ihren Mädchen an, die grosse Blumensträusse von Majoran, Rosmarin u. dgl. sammeln, sie mit einer Menge seidener Bänder von verschiedenen Farben zusammenbinden, und mit Flittergold behängen, und selbige ihren Liebhabern zur Belohnung für ihre Treue und Geschicklichkeit in die Alpen schicken. Am Tage der Alpabfahrt wird nun der ersten Schellkuh aus einem solchen Sentum ein einfüssiger Melkstuhl auf den Kopf gebunden, und dieser wird ganz mit den erhaltenen seidenen Bändern, Kränzen und Sträussen eingefasst; auch den übrigen Schellkühen werden Kränze und Sträusse aufgebunden, und so zieht alles in die Dörfer, wo Junge und Alte sie jubelnd empfangen. …
Schweine. Schweine hält man sehr viele. Es giebt Gemeinden, in welchen man 2 bis 300 Stück findet. Des Sommers leben einige davon auf den Alpen; andere bey Hause in den Ställen; wieder andere in zusammengestossenen Heerden, frey auf der Allment laufend, unter der Leitung eines Hirten, den man Schweiner nennt. Auf den Alpen bekommen sie des Sommers neben der für sie offenen Alpweide täglich einmahl Schotten; wegen den vielen, die Alpen durchstreichenden Bettlern, bekommen sie zu wenig von dieser Nahrung, daher sie diese Alpen sehr mager verlassen. Auf jede Kuh rechnet man 4 Schweine…
(Quelle „Beschreibung der Schweizerischen Alpen- und Landwirthschaft“, 1804, Johann Rudolf Steinmüller)

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