… Der Voralpsee, 1116m hoch gelegen und entstanden durch einen vermutlich in postglacialer Zeit niedergegangenen Bergsturz vom Kapf («rote Wand») her, welcher eine Stauung der aus Schlewiz, Naus, Voralp etc. kommenden Bäche verursachte, hat trotz des beträchtlichen Wasserzuflusses keinen oberirdischen Abfluss. Das Wasser fliesst unten durch die Bergsturzablagerungen ab. Das ist wiederum der Grund, weshalb der See zu verschiedenen Zeiten sehr ungleiche Dimensionen annimmt. Im Frühjahr, zur Zeit der Schneeschmelze, umfasst die Seeoberfläche oft 250,000 m2 und darüber; die grösste Tiefe mag dann 20-30 m betragen. Ende Mai 1899 fand ich ihn in einer wohl selten vorkommenden Ausdehnung; ein grosser Teil der Voralp, also wirkliches Weideland, war unter Wasser. Leider hatte ich damals meinen photographischen Apparat nicht zur Stelle und war mir daher eine diesbezügliche Fixierung unmöglich. Ein ganz anderes Bild bot sich mir dar, als ich im Juli und August wiederum jenen Talkessel besuchte. Der See war successiv auf ¼ bis 1/5 der früheren Ausdehnung zurückgegangen, bis endlich am 12. September nur noch eine «Pfütze» zu sehen war. Mit dem ersten, Mitte September eintretenden Schneewetter fing er sodann wieder zu wachsen an und erreichte bald wieder die normale Grösse. Einen Älpler in Schlewiz, der mir mitteilte, er sei bereits schon 30 Sommer auf dieser Alp, befragte ich, ob während dieser Zeit der Voralpsee auch schon völlig ausgetrocknet sei. «Nein», sagte er, dagegen habe ihm sein verstorbener Vater erzählt, dass am Anfange dieses Jahrhunderts der See einmal ganz leer geworden sei. …
… Der Voralpsee ist bekanntlich eine sehr variable Grösse, und infolge seiner kolossalen Niveauschwankungen fehlt ihm denn auch eine charakteristische Uferflora vollständig; bald steht an seinem Rand eine Fichte im Wasser, bald bildet der Weiderasen seine Uferflora, bald wiederum sind es die nackten Steine, die ihn begrenzen. ….
… Der Voralpsee beherbergt keine Fische, weil sein Wasserstand zeitweise so stark zurückgeht, dass solche nicht existieren können, besonders aber auch deshalb, weil die Zuflüsse im Winter gänzlich versiegen, zu Eis werden, was bewirkt, dass nicht nur kein Wasserzufluss unter die Eisdecke stattfindet, sondern auch keine Luftzufuhr; bei gänzlichem Luftabschlusse können aber Fische selbstverständlich nicht am Leben bleiben. Im Sommer wäre der See eine Zeitlang für Fischaufzucht (Bachforellen, Regenbogenforellen, Karpfen etc.) gewiss sehr geeignet. Und wirklich beschäftigt sich das kantonale Oberforstamt, einer privaten Mitteilung zufolge, auch schon damit, den Voralpsee während des Sommers für Fischereizwecke – Aufzucht von einsömmerigen Edelfischen oder zur Gewinnung von Speisefischen – nutzbar zu machen.
(Quelle «Das Curfirstengebiet in seinen pflanzengeographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen», dargestellt von Dr. Gottlieb Baumgartner. Inaugural-Dissertation. St. Gallen. Zollikofer’sche Buchdruckerei, 1901)
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Der Thalkessel des Voralpsees ist von wunderbarem Reiz. Steht man östlich des Sees oder auf der «Höhe», so bilden die kühnen spitzigen Köpfe, die hohe und weit sich hinziehende Kapfwand, der gewaltige Gemsberg, der elegante Schönplank-Sichelkamm, der pyramidale Bau des Glatthaldenstockes, der trotzige Turm des Tristenkolben mit dem anschliessenden Rosenboden und die an Tafelberge erinnernden Gestalten des Kaiserruck und Gamserruck ein überaus fesselndes Panorama. Ich konnte mich, als ich an einem schönen Sommerabend für einige Zeit von dem Gebiete Abschied nahm, an dem herrlichen Bilde nicht satt sehen.
Als ich im Herbst den See nochmals besuchte, bot er einen gar seltsamen Anblick. Er war fast ausgetrocknet, nur noch einige kleine, ganz seichte Tümpel erinnerten an seine Existenz. Der fast ebene Seegrund sah aus wie eine grün-gelbe Wiese, da er von kleinen Pflänzchen ganz bedeckt war. An vielen Stellen war er, trotz des Regens vom 4. Oktober, von zahllosen, durch die vorangegangene lange Trockenperiode verursachten Rissen durchzogen. Die Gräben der einmündenden, jetzt fast versiegten Quellbäche waren weithin zu verfolgen. …
(A. Ludwig, Lehrer)
(Quelle: „Bericht über die Thätigkeit der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft während des Vereinsjahres 1894/1895“ St. Gallen. Zollikofer’sche Buchdruckerei, 1896)