Wenige Tage nach der Falknis – Gleckhorntour wurde dem Tschingel (2545 m) ein Besuch gemacht. Am 24. Juli waren Herr Zwicky und ich nach Seewis gekommen, um die bei uns jährlich wenigstens einmal wiederkehrende Scesaplanatour anzutreten. Im Hotel Scesaplana vernahmen wir durch Herrn Major Walser, dass noch andere Partien das gleiche Vorhaben hatten, darunter der Redactor des Jahrbuches des S.A.C., Herr Wäber, mit zwei Söhnen und Herr Bergwerkdirector Hilbeck aus Dortmund. Die mitgehenden Führer waren Martin Sprecher von Seewis und Fortunat Enderlin von Maienfeld. Es gab also grosse Gesellschaft und Aussicht auf ein fröhliches und anregendes Clubhüttenleben. Doch zogen wir nicht alle miteinander aus, Zwicky und ich gingen voraus und marschirten um 12 ½ Uhr ab, weil wir unterwegs noch den Abstecher auf den Tschingel machen wollten. Ueber Ganey und Fasons stiegen wir in der Richtung auf die Kleine Furka bis zur Höhe von etwa 2100 m, bogen dann links um in das Thälchen des Augstenberges, das uns mit geringer Mühe auf die Grosse Furka brachte (2367). Unterwegs beobachteten wir fleissig den Hornspitz, um eine allfällige Aufstiegsroute zu finden, die wir auch trotz des wilden Aussehens des Berges glauben entdeckt zu haben. Doch sind wir bis jetzt nicht dazu gekommen, dieselbe auch praktisch zu versuchen, und daran ist hauptsächlich das Wetter schuld. Aber aufgeschoben ist noch nicht aufgehoben.
Von der Grossen Furka stiegen wir über den stellenweise ziemlich steilen und meist felsigen Nordgrat des Tschingel empor. Derselbe besteht aus ostwestlich streichenden und steil aufgerichteten dünnen Schieferschichten – nach Theobald mittlerer und oberer Jura – über deren schmale Kanten man hinwegschreiten muss, was bei der starken Verwitterung und Zerrissenheit des Grates an mehreren Orten einige Vorsicht erfordert, sonst aber keine Schwierigkeiten bereitet. Um 5 Uhr 15 Min. waren wir auf der Spitze, die uns mit einer ganz herrlichen Aussicht belohnte. Dieselbe ist derjenigen der Scesaplana sehr ähnlich, aber, der geringen Höhe entsprechend, etwas beschränkter, reicht aber doch bis zum Bodensee und zur Bernina. Schön ist besonders der Blick hinunter ins Gamperdonathal mit der grünen Fläche des Nenzingerhimmels, und mächtig erheben sich die gewaltigen Felsenbauten der Scesaplana, der Drusenfluh und der Sulzfluh, von dem weiten, in der Abendsonne leuchtenden Bergkranz ringsumher gar nicht zu reden.
Um 6 Uhr begannen wir den Abstieg, und zwar über die Südostkante des Berges und durch die Mulde des Heuberges hinunter nach der Alp Fasons und von da weiter zur Schamellahütte, wo wir mit der oben genannten Gesellschaft zusammentrafen und mit ihr einen freundlichen Abend verlebten. Von der am folgenden Tag ausgeführten Scesaplanabesteigung will ich aber hier nicht erzählen, da ich im vorigen Band des Jahrbuches schon von einer solchen berichtet habe, die nur wenige Tage später erfolgte. Im gleichen Jahre kam ich noch einmal auf den Tschingel. Ich wollte eine Recognoscirung am Hornspitz vornehmen und wo möglich gleich ganz hinaufgehen, wagte es aber, da ich allein war, nicht und stieg statt dessen wieder über die Grosse Furka auf den Tschingel und dann von da über die Westkante nach dem Pass „Auf den Platten” und nach Jes und Stürvis hinunter. Wir haben also am Tschingel drei Auf- und Abstiegsrouten: über den Nordost-, den Südost- und den Westgrat.
(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1891)