Der Naafkopf 1886 und 1891

… Unsere Reise galt zugleich dem Gipfel, der, in der Mitte zwischen Falknis und Scesaplana, den Scheitelpunkt des ausspringenden Winkels unserer Grenze bildet. Die letzte Instanz, das Blatt 273 des topographischen Atlas, lässt uns in Bezug auf seinen Namen im Stich; wir nennen ihn daher nach der österreichischen Karte den Naafkopf.
Am alten Schlosse Liechtenstein ob Vaduz vorbei führt ein Fahrsträsschen durch Wald und Wiesen bergan, vereinigt sich oberhalb des weitverstreuten Dorfes Triesenberg mit dem Hauptweg und zieht sich in vielen Windungen, fortwährend die schönste Aussicht ins Rheinthal, auf die St. Galler- und Appenzellerberge bietend, empor bis zur Uebergangsstelle am Grate des Bergzuges, der das Rheinthal vom Saminathal scheidet. Ein kurzer Tunnel führt unter der Schneide des Grates durch, und mit einem Schlage ist die Scenerie verwandelt. Statt des dörferbesäeten, weiten Thales, durchströmt vom jungen Rhein, an dessen Ufer die Bahnzüge nord- und südwärts rollen, öffnet sich ein idyllisches, weltabgeschiedenes Alpenthal, von dessen Weiden sich dunkler Tannwald hinabsenkt zum Saminabach, der in tief eingeschnittenem Bette der Ill zueilt.
Am Ausgang des Tunnels steht ein Wegweiser. Nach links zeigt sein Arm zur Alp Vallorsch; gradaus zieht sich das Strässchen zur breitesten Stelle der Thalsohle hinab und dringt ins Malbunthal hinein, aus dem das Sareiser-Joch nach St. Rochus im Gamperthon führt; thalaufwärts geht’s über Sükken nach der Valünen-Alp, und in den nahen Hütten von Sükken bezogen wir am Abend des 3. September unser Nachtquartier.
Am frühen Morgen des folgenden Tages wanderten wir thalauf, der Valünen-Alp (1397 m) zu. Bis hier ist der Weg immer noch so, dass Ross und Wagen durchkommen können. Dem schäumenden Saminabach entlang aufwärts, dem Thalschluss zu, geht’s über lange Schutthalden zum Jes-Fürkle hinauf; wir verliessen aber den Bach und stiegen an der östlichen Thalseite zur Alp Gritsch (1907 m) hinan, auf einem Wege, der in Anlage und Unterhaltung das Muster eines Alpweges genannt werden kann. Was wir von Vaduz bis zur Gritsch-Alp, bei einer Höhendifferenz von 1500 m, an Weganlagen gesehen haben, gibt uns einen hohen Begriff von den Leistungen des kleinen Fürstenthums Liechtenstein auf diesem Gebiete.
Die Hütten der Alp liegen am Fusse eines wild zerklüfteten Felsstockes, des gemsenreichen Gorvions, und zwischen dieser Spitze und unserem Ziele, dem aus Geröllhalden und Schneefeldern in steilen Wänden aufstrebenden Naafkopf, führt ein Pass über das „Bettlergrätli” zur Vermales-Alp im Gamperthonthal. Seinem Sattel streben wir über reiche Alpweiden zu und sehen bald von der Uebergangsstelle nach dem „Nenzinger Himmel” mit seiner St. Rochus geweihten Kapelle hinunter. Uns gegenüber steigt der Hornspitz, überragt von der Scesaplana, empor, und rechts von der weiten Lücke der grossen Furka erhebt der Tschingel sein felsiges Haupt.
So lieblich das Gamperthonthal ist, so wild und unwirthlich ist der Thalschluss, gebildet durch die gewaltigen Karrenfelder, die sich in verschiedenen Stufen vom Fusse des Tschingels herüberziehen zum Naafkopf.
Wir wenden uns unserem Ziele zu; der Grat wird rauher und felsiger; ein breiter Felskopf mit überhängenden Partien, auf unserer Skizze rechts, wird umgangen, und wir blicken in die starre Felsenwildniss des Nordabsturzes unseres Gipfels hinein. Hier verlassen wir den unpassirbar werdenden Grat und steigen auf dem Ostabhang des Stockes über Geröll und Platten und Schneeflecke steil, aber ohne Gefahr, zur Spitze empor, die wir um 11 Uhr erreichen.
Die Aussicht von diesem vorgeschobenen Eckthurme der Grenzkette ist ungemein lohnend. Ihr Hauptbild ist wohl die Pyramide der Scesaplana mit ihren Gletschern, umgeben von ihren Trabanten Tschingel, Hornspitz und Alpstein, und an sie schliessen sich die Berge von Vorarlberg in den mannigfaltigsten Formen an; als imposanter, kühner Felsstock tritt besonders der Findelkopf hervor, an dessen Abhang das Matschon-Joch von St. Rochus nach dem Brandner Thal hinüberführt. Die beiden Thäler von Gamperthon und Samina, auf deren Scheide wir heraufgestiegen sind, geben dem Panorama mit dem Grün ihrer Weiden und Wälder einen lieblichen Vordergrund. Fern im Nord, über dem Grate der Drei Schwestern mit seinen weissglänzenden Kurhäusern Gaflei und Maseschen, glänzt der blaue Spiegel des Bodensees. Die Säntisgruppe hat sich schon während des Aufstieges immer schöner entwickelt und bildet nun ein prächtiges Massiv; am Alvier vorüber sehen wir ins Thal des Walensees hinein, und die Spitzen der Glarner- und Bündner Berge grüssen über die grünen, weidereichen Gipfel des Prättigaus herüber. In unserer nächsten Umgebung sieht’s abenteuerlich aus. In wilden Klippen senkt sich der Grenzgrat zum Jes-Fürkle hinab und erhebt sich jenseits der Passscharte wieder zum Grauspitz und Schwarzhorn und zum Felshaupt des Falknis, das wir um einige Meter überragen. Am Nordhang des Naafkopf, da wo die Dufourkarte einen in Wirklichkeit nicht vorhandenen Gletscher angibt, breitet sich ein öder, kahler Kessel aus, in seinem oberen Theile mit Firn bedeckt, das „G’Neef” genannt. Von ihm hat wohl unsere Spitze den im Liechtensteinischen und in Vorarlberg allgemein gebräuchlichen Namen „Naafkopf” bekommen. Der nämliche Kessel, dessen Schnee die Sommersonne nie ganz zu schmelzen vermag, hat dem Gipfel den auf Schweizerseite gebräuchlichen Namen „Schneethälispitz” gegeben. Der weniger gebrauchte Namen „Dreiländerstein”, den er mit einem Gipfel der Silvrettagruppe und vielen anderen gemein hat, erklärt sich durch einen Blick auf die Karte von selbst; auf seiner Spitze treffen die Grenzen von Liechtenstein, Vorarlberg und Bünden zusammen.
Dieser Namenreichthum ist wohl Schuld daran, dass ihn unsere topographische Karte namenlos gelassen hat. Sie gab ihm dafür eine um so genauere Höhenquote, 2574,4 m. Der Name „Grauspitz”, den die Dufourkarte dem Gipfel verleiht, kommt nicht ihm zu, sondern seinem Nachbar nach Südwesten, der jenseits des Jes-Fürkle seine hellgrauen Wände erhebt. An ihn reiht sich das Schwarzhorn an, wie uns in Uebereinstimmung mit der Dufourkarte von Ortskundigen berichtet wurde. Herr Ingenieur-Topograph Held, der das Blatt Jenins des Siegfried-Atlas und mit ihm diese Berge aufgenommen, nennt diese beiden Gipfel „Vorder- und Hintergrauspitz” und vermuthet, dass sich der Name „Schwarzhorn” nur aus der Dufourkarte eingebürgert hat. Eine dunklere Färbung der Felsen liess uns auch den letztern Namen erklärlich erscheinen; die Farben des Terrains haben hier vielerorts die Nomenclatur beeinflusst.
Nach langer Mittagsrast stiegen wir über Fels, Geröll und Schnee, dem Grenzgrat in südöstlicher Richtung folgend, gegen „die Kellern” hinunter. Die Dufourkarte zeigt auch hier am Nordhange des Grates Firn, der nicht mehr existirt. Wir kamen bald (etwas unterhalb Punkt 2498 der topographischen Karte) zu der Uebergangsstelle des einzigen der Pässe zwischen Falknis und Scesaplana, den wir noch nicht betreten hatten. Den Namen „Pass” verdient übrigens der „Schwarze Gang”, obschon von Jägern und Landbewohnern oft benutzt, kaum. Der Boden der Passhöhe ist ganz bedeckt mit den feinen Splittern eines schwarzen Schiefers; auch hier ist es also die Farbe, die der Stelle zum Namen verholfen hat. Hier geht’s direct hinab zu den Hütten von Jes; auf halber Höhe hat eine eisenhaltige Quelle die Felsen roth gefärbt; der Punkt heisst denn auch „die rothe Platte”.
Die Hütten von Jes waren verlassen, als wir Nachmittags halb vier Uhr dort einrückten, aber es hatten sich schon andere Gäste angemeldet und durch den eingesteckten Löffel Quartier belegt. So viel Löffel an der Thür, so viel Jäger gedachten hier zu übernachten, und im Milchkeller hing eine Reihe frisch geschossener Murmelthiere.
Wir überliessen das Quartier nach genossenem Imbiss den Jägern. Die Sonne stand schon tief, als wir dem stillen Hochthal von Jes Valet sagten und die bekannte Felstreppe am Wasserfall des Jesbaches hinabstiegen. Die stattlichen Hütten von Stürvis unter uns lassend, überschritten wir den schäumenden Bach und wandten uns nochmals bergan, der Fläscher Alp Sarina zu, die wir im Abenddunkel erreichten.
(R. Wäber, Section Uto)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1886)

***

Der Naafkopf und die Grauspitzen.
Fast ein Jahr verging, bis wir unsere Pläne in den Bergen von Jes ausführen konnten. Am 27. Juni 1891 begab ich mich über Seewis und Ganey nach Stürvis, nachdem ich Führer Enderlin davon benachrichtigt hatte in der Hoffnung, er werde ebenfalls kommen. Wäre er nicht gekommen, so hätte ich eine Solopartie auf den Naafkopf unternommen und wäre dann über das Bettlerjoch ins Saminathal gegangen und über Sücca und den Triesner Kulm wieder in die Kulturregion zurückgekehrt. Aber er kam, und zwar durch das Glecktobel und über die Alp Sarina. Dazu hatte er von Maienfeld kaum drei Stunden gebraucht, während ich von Schiers aus 3 ½ Stunden benöthigt hatte, nämlich 1 bis Seewis, 1 ½ bis Ganey und wieder 1 bis Stürvis. Die Hütte, in der wir einkehrten, ist gross und bequem eingerichtet und enthält neben den gewöhnlichen Räumen noch ein besonderes, reiner gehaltenes Zimmer mit Tisch und Bänken, doch ohne Holzboden und Tafel und ohne Heizeinrichtung. Hier konnten wir unsere Sachen ablegen und den Abend im Verein mit den Sennen und Alpknechten zubringen. Mit geringen Kosten könnte man diesen Raum in ein angenehmes Gastzimmer verwandeln, um so leichter, als Maienfeld etwas weiter oben am Wallabach, zwischen Stürvis und Sarina und mitten in ausgedehntem Waldrevier, eine eigene Säge besitzt. Auch zu einer kleinen Wirthschaft würde dann wohl Rath werden.
Am Morgen brachen wir früh auf, um 3 ½ Uhr, und machten uns über die Stägen hinauf nach Jes, trotzdem das Wetter wieder zweifelhaft geworden war und die Nebel überall umherstrichen. Von Jes führte uns ein wenigstens theilweise erkennbarer Weg über mehrfach mit Schutt überführte Grashalden rechts hinauf zu dem Pass „Auf den Platten” oder „In den Kellernen”, den wir um 4 ¾ Uhr erreichten. Hier staken wir nun in ziemlich dichtem Nebel, der uns jede Aussicht verwehrte, auch unsern weitern Weg und die kellerartigen Vertiefungen oder kleinen muldenförmigen Dolinen der Gegend verbarg, von denen der Pass den Namen hat. Diese Bodeneinsenkungen finden sich namentlich östlich vom Pass gegen den Tschingel und gegen das Tschingelthäli und heissen hier im Volksmund „Kellernen”. Hinter Partnun, gegen Tilisuna, finden sich ähnliche Erscheinungen und die Vertiefungen heissen dort „Gruben”. An beiden Stellen haben die vorbeiführenden Pässe nach diesen Vertiefungen den Namen, hier also „Kellernenpass”, dort „Grubenpass”, oder „In den Kellernen” und „In den Gruben”. Der letztere heisst auch „Partnunpass”, der erstere nach der plattenförmigen Absonderung der Felsen auf der Nordseite auch „Auf den Platten”.
Trotz des Nebels schritten wir muthig weiter, dem Naafkopf zu, uns möglichst an den Grat haltend, der keine Schwierigkeiten bereitet und nur unbedeutende Gegensteigungen aufweist. Der Nebel wurde aber immer dicker und unheimlicher; wir sahen bald rein nichts mehr. Als wir dem Naafkopf schon nahe sein mussten, machten wir auf einem rundlichen Felsrücken Halt und hielten Kriegsrath, ob weiter zu gehen oder umzukehren sei. Da erschien uns durch den Nebel in scheinbar ungeheurer Entfernung und Höhe die wohlbekannte Form des Naafkopfs. Wir meinten im ersten Augenblick, uns tüchtig verirrt zu haben. Aber ein von Jes heraufkommender Wind fegte Wolken und Nebel in zwei bis drei Minuten sauber weg und der kurz vorher so entfernt und hoch scheinende Naafkopf stand nun unmittelbar vor uns, so dass wir ihn mit wenigen Schritten erreichen konnten. Es war 6 Uhr 15 Min., wir hatten also von Stürvis herauf 2 ¾ Stunden gebraucht. Bei hellem Wetter würden uns wohl 2 ¼ Stunden genügt haben.
Jetzt hatten wir prächtigen Sonnenschein und eine wunderschöne Aussicht. Das Gebirgspanorama ist demjenigen des Falknis natürlich sehr ähnlich, aber der Blick in die Thäler und in die nächste Umgebung doch ziemlich verschieden. Man sieht tief hinab in die obern Theile des Samina- und Gamperdonathales mit den schönen, hüttenbesäeten Böden von Steg und St. Rochus, dann Stücke des Prätigaus und des Rheinthales mit Chur und weiter unten Buchs, Werdenberg, Grabs und Gams. An Gebirgen hat man vor Allem das ganze, weite Gebiet der Bündner Alpen: die stolze Reihe der Albulakette mit dem Piz Kesch als Centralstock, dem Piz d’Aela und Tinzenhorn einerseits, dem Flüela Schwarz- und Weisshorn andererseits als stattlichen Flügelmännern, darüber hinaus die blendend weisse Berninagruppe, rechts die ausgedehnten Massen des Bündner Oberlandes mit dem Rheinwaldhorn und seinen Trabanten, links die hörnerreiche und schön vergletscherte Silvrettagruppe vom Piz Linard bis zum Fluchthorn und im Mittel- und Vordergrund das Plessurgebirge in schöner Gruppirung und den kühn gebauten Rhätikon mit seinen südlichen und nördlichen Vorbergen. Die Scesaplana vor Allem imponirt gewaltig mit dem senkrechten Absturz des Gipfels nach Norden und mit den colossalen, wild zerrissenen Wänden des Panüeler Schroffen, deren Charakter sich auch in den vielgezackten Ketten des Zimbaspitz und des Fundelkopf wiederholt. Im westlichen Ausschnitt des Horizontes schliessen den Kreis die östlichen Theile der Tödikette mit der Sardonagruppe und den Grauen Hörnern, weiter draussen der Glärnisch und Mürtschenstock und endlich die Alvier-Churfirstenkette und die Appenzellerberge mit Säntis und Altmann. Gewiss ein Panorama von grosser Erhabenheit und Schönheit und wohl werth, dem so leicht und auf verschiedenen Wegen zugänglichen Naafkopf eine grössere Zahl von Besuchern zuzuführen.
Um 7 Uhr 15 Min. machten wir uns wieder auf den Weg, denn wir hatten viel noch im Sinn. Durch den Schwarzen Gang, von Punkt 2498 m gegen das Weiss Sand, stiegen wir hinunter in den Hintergrund von Jes. Der Gang ist interessant, führt über Felsenstufen und stellenweise über kleinere Schutthalden und sogenannnte „Härtelen” oder „Härdelen”, d.h. erdige, aber unbewachsene Stellen – Härd = Erde – westlich und nordwestlich an den Südwänden des Naafkopfs hinunter, mit den Felsen mehrfach ein- und ausbiegend und vielleicht nicht für Jedermann passirbar. Vom Weiss Sand weg überschritten wir mehrere Felsrippen und stiegen dann auf einer derselben westlich hinauf zum Punkt 2391 m. Die Felsrippen waren schneefrei, die kleinen Thälchen dazwischen aber mit ziemlich weichem Schnee erfüllt. Von Punkt 2391 m an führte uns der Grat nordwestlich an den hintern Grauspitz, den wir an seinen Südflanken auf schmalen Felsbändern traversirten, um die Einsattelung zwischen beiden Spitzen zu erreichen. Die Felsbänder werden gebildet durch die einander treppenförmig ablösenden Schichtenköpfe der hier auf kurzer Strecke westlich fallenden rothen, weissen, grauen und dunklen Kalkschichten und bieten überall guten Stand und Griff, erfordern aber Schwindelfreiheit und einige Beherztheit. Am meisten Schwierigkeiten bereitete ein Couloir, das wir abwärtskletternd überwinden mussten. Vom Sattel kamen wir dann mit leichter Mühe und in wenigen Minuten um 10 Uhr 15 Min. auf den vordern Grauspitz, der mit 2601 m der höchste Punkt der Falkniskette ist. Wir hatten also vom Naafkopf an mit Einschluss von 45 Minuten für Rasten genau 3 Stunden gebraucht.
Die Aussicht ist mit Ausnahme der nächsten Umgebung von derjenigen des Naafkopfs und des Falknis so wenig verschieden, dass sie hier nicht weiter braucht geschildert zu werden. Nur die schönen Blicke in die umliegenden Alpthäler Jes, Radaufis, Samina und Lavena seien besonders erwähnt, sowie die prachtvollen Schichtenverbiegungen, die die Felsen in diesem Gebirgstheil aufweisen und die in Folge der verschiedenen Färbung (roth, weiss, braun, hell- bis dunkelgrau und schwarz) der Jura- und Seewenschichten ein deutlich gebändertes Aussehen erhalten.
Um 10 Uhr 45 Min. wandten wir uns dem hintern Grauspitz zu und erreichten denselben, grossentheils auf dem Grat marschirend oder kletternd, um 11 Uhr 15 Min. Hier fanden wir eine Flasche, aber keinen Zettel. Diese Spitze ist also schon früher bestiegen worden, nur ist unbekannt, von wem. Auf dem vordern Grauspitz fanden wir keine Spuren einer frühern Besteigung.
Der oberste Theil des Lavenathals – auf der Excursionskarte fälschlich Lauenenthal – gegen die Grauspitzen hinauf heisst Temerathal, nicht Pemerathal wie auf der gleichen Karte steht. Dasselbe wird gegen Samina begrenzt durch das aus der Nähe des hintern Grauspitz herabziehende Temeragrätli, welches die Kette der Drei Schwestern oder die Saminakette mit dem Rhätikon verknüpft. Ueber dieses Grätchen stiegen wir nun hinunter bis gegen den Punkt 2360 m und sausten dann in einer lustigen Rutschpartie mehr als 400 m tief über die schneeigen Hänge westlich hinab ins Thal. So waren wir bald wieder aus der Region des Schnees heraus, der in den nördlich geneigten, schattigen Thälern noch bis unter 2000 m und stellenweise bis unter 1800 m reichte, während die südlichen Thäler, die sonnigen Gräte alle schneefrei waren. Aus dem Temerathal marschirten oder stolperten wir, je nach der Beschaffenheit des Bodens, über theilweise sehr steile Schutt- und Grashalden um den Nordfuss des Falknis nach Westen und dann wieder hinauf auf den Mazoura- oder Guschagrat, den wir um 2 Uhr erreichten. Eine kurze Rast auf der sonnigen Höhe, die gerade im prächtigsten, farbenreichsten Blumenschmuck prangte, war nach den Anstrengungen der letzten zwei Stunden und vor dem uns bevorstehenden kniebrechenden Marsch über die steilen Gras- und Waldhalden hinunter nach Guscha, Luziensteig und Maienfeld gerade kein Luxus mehr und ebenso wenig die zwei Fläschchen, die wir uns auf der Steig verschrieben. Bis Guscha direct westlich, wenn nöthig im Zickzack, absteigend und von da nach der Steig wählten wir die kürzesten, dafür aber auch steilsten Wege und schritten rasch und kräftig aus. Dann aber nahmen wir es etwas gemächlicher, da wir bis zur Abfahrtszeit des Zuges, der mich wieder nach Schiers zurückbringen sollte, alle Zeit hatten. Enderlin hatte nicht genug daran, mir ein ausgezeichneter Führer gewesen zu sein, zum Schluss war er mir auch noch ein aufmerksamer Wirth, beides nicht um Geldes willen, sondern aus treuer Freundschaft und weil ihm das Wandern selber der schönste Lohn ist, wie dem Sänger das Lied. Ehre solchen Männern!
(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1891)

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