Samstag den 17. September [1892] machten drei Mitglieder der Sektion einen letzten Versuch, die Falknistour auszuführen, und wider alles Erwarten fiel dieselbe verhältnismässig günstig aus. Zwar als der Eisenbahnzug abends 6 Uhr sich der Station Maienfeld näherte, senkten sich immer zahlreicher schwarze Wolken zur Erde hernieder und während unseres kurzen Aufenthaltes in Maienfeld löste sich bereits ein kleiner Platzregen aus dem Wolkenmeer. Der Führer Fortunat Enderlin, der uns abgeholt hatte, war jedoch der Ansicht, dass sehr wahrscheinlich der Föhn den Regen verjagen werde, wie es an den vorhergehenden Tagen der Fall gewesen sei. Unter allen Umständen schien es ratsam zu sein, dass wir noch bis zu den sog. Bargün hinaufgehen, um für morgen einen bedeutenden Vorsprung zu haben. Nachdem wir uns zur Wanderung im Hotel Vilan gestärkt hatten, holten wir unseren Führer, der vorausgeeilt war, um die nötigen Reiseutensilien zusammenzupacken, in seiner Wohnung in der sog. Bündt (eine Viertelstunde nördlich von Maienfeld) ab und zogen in die dunkle Nacht hinein. So lange der Weg durch Wiesen führte, ging es auf dem guten Pfade ganz herrlich, aber nur zu bald nahm uns der Wald auf, der freilich einerseits einen Schutz gegen den niederprasselnden Regen bildete, anderseits jedoch wegen der vollständigen Finsternis das Gehen auf dem holperigen Pfade bedeutend erschwerte. Der Schein der Laterne, welche angezündet werden musste, half uns ordentlich weiter. Als wir durch den in der Niederung des Glecktobels liegenden Wald dahinzogen, wurde unsere Aufmerksamkeit durch die äussere Umgebung nicht stark abgelenkt; in der geheimnisvollen Beleuchtung hörten wir nichts als von Zeit zu Zeit das Rauschen eines Wassers, das bald von einem Bergbach, bald von einem Regenschauer herrührte.
Aber drückend war die Temperatur und der vom Führer in Aussicht gestellte Föhn wollte immer noch nicht auftreten. Nach einer Stunde Gehens erreichten wir den Hauptbach, der durch das Tobel hinabströmt, und gelangten bei dem täuschenden Laternenschein nicht ohne etwelche Hindernisse auf die rechte Seite desselben. Bis zum Bache hatte sich der Weg in gleichmässiger, nicht gerade bedeutender Steigung dahingezogen. Um zu unserm heutigen Wanderziel zu gelangen, musste nunmehr eine steile Halde erklommen werden, die grösstenteils mit nicht sehr dichtem Walde bekleidet ist. In frühern Zeiten führte kein ordentlicher Weg hinauf; die wenigen Leute, die zur Höhe emporstiegen, wählten die geraden, sehr steilen Lichtungen, durch die jetzt noch im Winter das Wildheu hinabgeschlittet wird.
An dieser steilen Halde hat nun der wackere Führer Enderlin einen bequemen Zickzackweg erstellt, welcher die Mühe des Steigens sehr erleichtert. Schade, dass die Dunkelheit die Aussicht verhinderte. Obschon der Wald immer lichter wurde, konnte in der Ferne nichts deutlich unterschieden werden. Nur einige Sterne leuchteten hell am Firmament und flössten uns gute Hoffnung ein. Bald standen wir am Rande eines sanftgeneigten Plateaus. Der Führer liess seine Stimme erschallen und erhielt bald Antwort aus einer der Hütten, die in der Nähe lagen, aber noch nicht sichtbar waren. In einer derselben fanden wir gastliche Unterkunft. Es war niemand mehr oben, als ein einzelner Mann aus Fläsch, der uns freundlich begrüsste und seine Dienste zur Verfügung stellte. Die Hütte, in der wir einkehrten, sowie alle übrigen, bestehen aus einem einzigen Raum, in welchem sich, abgesehen von dem abgespeicherten Heuvorrat, nur wenige Geräte für die allernötigsten Lebensbedürfnisse vorfanden. Bevor wir uns zur Ruhe begaben, traten wir vor die Hütte, um noch einmal das eigentümliche Nachtbild zu betrachten. Der Regen hatte ganz nachgelassen, und vor einem leichten Winde waren die finstern Wolken gewichen, so dass blinkende Sterne den Himmel erhellten und uns in frohe Hoffnung wiegten. Einen wunderbaren Anblick bot die elektrische Beleuchtung in Ragaz, die sich durch die Dunkelheit so deutlich abhob, dass man die Strassen und die grossen Gasthöfe genau unterscheiden konnte, und das ganze Dorf wie eine beleuchtete Planskizze zu unsern Füssen lag.
In der Nacht begann auf dem Schindeldache leise jenes knatternde Geräusch, welches so oft schon die im süssen Schlummer liegenden Bergwanderer aufgeschreckt und frohe Hoffnungen zerstört hat. Immer lauter und lauter werden die Töne, bis die Musik zuletzt in gleichmässigem Rhythmus und gleicher Höhe sich fortbewegt, stundenlang ohne Pause. Wir glaubten ganz verlorenes Spiel zu haben. Am Morgen gewahrten wir durch die breiten Lucken, die sich zwischen den einzelnen Balken der Hüttenwände befanden, dass die ganze Landschaft in Nebel und Regen gehüllt war. Man konnte zunächst nichts anderes thun, als wieder ins Heu zu liegen und besseres Wetter abzuwarten. Die Zeit verkürzte Enderlin durch Erzählungen aus seiner Führerlaufbahn, die er nun seit bald 30 Jahren gewandelt ist. Um 8 Uhr unternahm ich mit dem Führer eine Rekognoszierungstour, um doch wenigstens die nähere Umgebung und die Wegrichtung in Augenschein zu nehmen. Die Bargün, welche von einem Komplex von etwa 12-15 Heuschobern gebildet werden, liegen gar lieblich auf der hohen Bergterrasse; sie sind von einem lichten Walde umgeben, welcher die Anmut der Gegend noch um vieles erhöht. Das Plätzchen hat etwas Idyllisches an sich und ladet zu längerem Aufenthalt ein.
Allmählich weichen die Nebel aus den benachbarten Thälern und am südlichen Himmel waren bereits blaue Streifen in der bekannten Föhnbeleuchtung sichtbar. Schnell wurde aufgepackt und etwa um halb 9 Uhr nahmen wir Abschied vom wackren Wildheuer. Auf schmalem Zickzackweg geht es steil hinauf an den Fuss der sog. Thürme, welche wie eine hohe, von Zeit zu Zeit mit Thürmen versehene Mauer die Südwand des Falknis umgürten und dem Berge ein eigenartiges Gepräge geben. Am Fusse derselben angekommen, wenden wir uns, nun meist in horizontaler Linie oder wenig ansteigend, nach rechts, bis der letzte östliche Thurm umgangen ist. Bei dieser Traverse gab es noch einige unangenehme Kletterstellen, die nach Aussage des Führers in nächster Zeit bequemer gemacht werden sollen. Jetzt gilt es noch die Grashalde emporzuklimmen, die zwischen dem letzten Thurm und dem kleinern Gleckhorn (2344 m) sich emporzieht. Der Abhang ist äusserst steil, so dass man immer darauf bedacht sein muss, festen Fuss zu fassen. An vielen Stellen sehen wir das Gras ganz niedergetreten von den zahlreichen Lawinen, die nach dem grossen Schneefall der vorhergehenden Wochen abgestürzt waren. Nach halb 11 Uhr erreichten wir das Fläscherfürkli und entschlossen uns nach kurzer Rast, auch noch den höchsten Gipfel zu besteigen. Es fehlte uns kaum noch eine Strecke von einer halben Stunde, als wir die Nutzlosigkeit unseres Vorhabens einsahen. Der oberste Gipfel war beständig in Nebel gehüllt, zudem blieb nicht viel Zeit übrig, wenn wir auf den letzten Zug nach Zürich nicht zu spät kommen wollten. Auf dem Fläscherfürkli genossen wir längere Zeit die herrliche Aussicht. Die höchsten Spitzen waren zwar in Nebel gehüllt, um so lieblicher erschienen aber die niedrigeren Höhen und die Thalschaft. In scharfem Gegensatz zu den von der siegreichen Sonne beleuchteten Gegenden zeigte sich das Fläscherthäli, welches in seinem Schneegewande mit einer Winterlandschaft verglichen werden konnte.
Um 11 Uhr 50 Minuten machten wir uns auf den Abstieg. Der Weg zieht sich zunächst horizontal in westlicher Richtung ob den Thürmen hin, quer über die steilen rasenbekleideten Gräte, die vom Falknis herab zu den Thürmen hinab sich senken. Zwischen den Gräten sind breite Grasmulden wenig tief eingebettet. Die sog. Thürme, die von Süden aus gesehen nach allen Seiten hin freistehend zu sein scheinen, lehnen sich thatsächlich mit der Rückwand ganz an den Berg an, so dass derjenige, welcher von unserm Wege aus die Spitze eines Thurmes erreichen will, auf den einzelnen Gräten hingelangen kann, ohne emporsteigen zu müssen.
Ich kenne kaum einen erhabenern Genuss in den Alpen, als auf schmalem Pfade an hoher Bergeswand dahinzuwandern, wenn der Blick immer eine schöne Landschaft umfassen kann. Freilich war auch hier stete Aufmerksamkeit auf den Weg ein dringendes Gebot der Vorsicht. In ¾ Stunden langten wir „auf dem Gyr“ an. Mit diesem Ausdruck wird der Grat bezeichnet, welcher von der Falknishöhe nach dem Gyr sich erstreckt. Die Spitze des Gyr selbst (2167 m) liegt etwas westlicher und weniger hoch als die Stelle, wo wir den Grat überschreiten. Wir bleiben einige Minuten auf dem Grat; denn ein überraschendes Bild bietet sich unsern Augen dar. Während bis jetzt unsere Blicke über steile Halden hinab die gesegneten Gefilde der Herrschaft überschaut hatten, öffnete sich nun in scharfem Gegensatze dazu vor uns das tief eingeschnittene Guscher-Tobel mit seinem hohen Rande, der von unserm Standpunkte aus in schön geformtem Bogen gegen das Mittelhorn sich auf- und niedersenkt; und über das Tobel hinaus erblicken wir nach Norden und Westen das Rheinthal mit den Bergketten, welche dasselbe umgeben.
Vom Grate weg steigen wir zunächst die stotzige Halde hinab, bald aber nimmt uns ein gut sichtbarer Fusspfad auf, der in horizontaler Richtung zu Punkt 2150 führt, einer Einsattlung im Guschergrat, die den Übergang in das Lavenathal bildet. Sowohl hier als auch auf dem Gyr werden prächtige Edelweiss gefunden. Rasch eilen wir dann den steilen Weg hinab, über Weiden und Wald. Die Sonne, die allmählich Siegerin geworden, brennt heiss und gerne benutzen wir ein schattiges Plätzchen in dem kleinen Wald beim obern Stafel, um uns gegen die sengenden Gluten zu schützen. Die Bewohner von Guscha, welche nicht mehr als drei Familien bilden, wechseln von Zeit zu Zeit ihren Wohnsitz, wie es in Gegenden, wo Alpwirtschaft herrscht, häufig vorkommt. Jetzt trafen wir sie im obern Stafel, während die Hauptwohnungen in Guscha leer standen.
Es ist ein netter Fleck Erde, dieses Guscha. Einige Häuser präsentieren sich recht ansehnlich, während andere allerdings, weil sie nicht mehr benutzt werden, dem Verfall entgegengehen. Rings um das Dörfchen breiten sich fruchtbare Wiesen aus und auch der Feldbau scheint in dieser Höhe zu gedeihen. Nimmt man dazu noch die wundervolle Aussicht in Thal und Gebirge, so kann man sich nichts anderes denken, als dass ein glückliches und gesegnetes Völklein hier oben wohnen müsse. Es ist wahr, die arbeitsamen Leute finden ihre Existenz, aber der Wohlstand muss mit harter Arbeit und Mühsal errungen werden. Von den drei Brüdern Jost, deren Familien allein noch das einsame Bergdörfchen bewohnen, ist einer, Namens Christian, am 4. Januar 1888 verunglückt. Er ging mit seinem jüngern Bruder in die obern Mähder, um das dort aufgespeicherte Heu herunterzuschaffen, was nur im Winter geschehen kann. Als sie im Begriffe waren, herunterzufahren, ereilte sie eine Staublawine, der jüngere wurde auf die Seite geschleudert und war so gerettet, während den ältern die Schneemassen erfassten und in eine tiefe Schlucht hinabrissen, wo er nach 4 Stunden von seinen Brüdern und bereitwilliger Hülfsmannschaft aus Maienfeld und Fläsch als Leiche ausgegraben wurde.
Von Guscha führt ein Strässchen auf die nahe Luziensteig hinunter. Wie angenehm war es, nach der Hitze, unter der wir in den höhern Regionen zu leiden hatten, nunmehr durch schattigen, kühlen Laubwald hinabzusteigen. Noch ziemlich hoch oben kamen wir an einem Festungswerke vorbei, das uns die schweren Kämpfe in Erinnerung brachte, welche im Jahre 1799 hier stattgefunden haben. Bald betraten wir die immerschöne Steig, die als grüner Rasenteppich zwischen Fläscherberg und Falknis eingebettet ist, und erlaben uns im Wirtshaus bei der Kapelle durch einen köstlichen Trunk Maienfelder Weines. Mühelos durch lichten Wald und Baumgärten dahinschlendernd, erreichten wir dann die Wohnung Enderlins, der es sich nicht nehmen liess, uns aus seinem Keller mit Eigenem aufzuwarten. Als wir um 6 Uhr Maienfeld verliessen, waren die Nebel wieder tief hinabgestiegen. Das Glück schien uns an jenem Tage wider alles Erwarten seine Gunst zugewiesen zu haben.
Über die Art und Weise, in welcher die Besteigung des Falknis in den verschiedenen Jahreszeiten ausgeführt wird, lasse ich den Führer Enderlin reden: „Um die Verschiedenheit der Eindrücke und Verhältnisse bei Bergtouren auch im Winter kennen zu lernen, habe ich eine solche in der zweiten Hälfte des November 1885 und eine andere den 4. April 1886 auf die Spitze des Falknis ausgeführt und habe gefunden, dass in Bezug auf Ausführbarkeit dieselben am leichtesten im Frühjahr zu bewerkstelligen sind. Am schwersten sind die Touren im Vorwinter auszuführen. Ich habe eine solche, wie oben bemerkt, in der zweiten Hälfte des November 1885 allein unternommen. Ich ging 7 Uhr morgens von meinem Hause zur Bündte weg, schlug den nächsten Weg gerade durch den Falknis nach dem Schäferhüttli ein, bis wohin ich beinahe schneefrei gelangen konnte. Da der Aufstieg auf dem gewöhnlichen Weg wegen des lockern Schnees unmöglich war, so musste ich mich auf die Sonnenseite des Berges wenden. Der Schnee war jedoch mit einer Eiskruste überzogen und deswegen das Steigen an der steilen Halde schwierig und gefährlich. Doch gelang es mir nach zweistündiger anstrengender Arbeit, die Spitze zu erreichen. Die Aussicht ringsum war zwar eine grossartige, aber eine winterliche, ganz ohne Abwechslung. Den Rückweg nahm ich durchs Fläscherthäli in der Voraussetzung, dass der Schnee dort nicht sehr tief liege. Vom Gipfel hinunter bis zum See ging es ganz ordentlich, denn das Sprichwort sagt: „Abwärts helfen alle Heiligen, aber eben oder aufwärts nur einer“. Das letztere musste ich auch erfahren. Denn bis zur Thalegg brauchte ich volle zwei Stunden, während sonst der Weg in nicht ganz einer Stunde zurückgelegt werden kann. Überhaupt zeigte sich der Rückweg anstrengender als der Aufstieg. – Viel leichter war die Tour am 4. April 1886. Auch diesmal konnte ich bis zum Schäferhüttli ohne Schnee gelangen. Da zu dieser Zeit der Schnee meistens ganz körnig und fest ist und deshalb leicht zu begehen, und da die meisten Tobel und sonstigen Vertiefungen durch Schneewehen und Lawinen ausgefüllt sind, so gestaltet sich der Weg über dieselben kürzer und leichter als zur aperen Zeit, weil alsdann auf den schneefreien Schutthalden der Abstieg erschwert wird. Im Nachwinter dagegen oder im Frühling kann der Abstieg durch das schnelle, lustige Abfahren über den harten, glatten Schnee vielfach erleichtert und abgekürzt werden. Diese Abfahrt wird von Geübten oder unter Anleitung von solchen an den meisten Orten ohne Gefahr und mit vielem Vergnügen ausgeführt. Bei dieser Tour brauchte ich zum Aufstieg fünf, zum Abstieg drei Stunden.“
Der Kuriosität wegen sei bemerkt, dass Enderlin einst mit einem jungen Amerikaner eine Nachttour auf den Falknis ausführte. „Um 12 Uhr nachts (23. August 1888) sind wir von der Bündte abgegangen und um 9 Uhr morgens waren wir wieder dort. Es kommt einem alles so schwermütig, ich möchte fast sagen, geisterhaft vor.“
…
Die Besteigung des Falknis bietet in der Regel weder grosse Schwierigkeiten noch Gefahren. Doch darf man nie vergessen, dass sowohl beim Weg über Bargün als auch bei demjenigen über Guscha steile Grashalden zu überwinden sind, die stete Vorsicht erfordern. Wenn der Rasen nass ist, so steigert sich die Gefahr, so dass Enderlin selbst zur Äusserung veranlasst wird: „Ich werde bei nassem Wetter den Aufstieg nie mehr durch den Falknis (d.h. über Bargün) nehmen“. Wie sehr Unachtsamkeit verhängnisvoll werden kann, beweist das Unglück vom 14. August 1887, welches Enderlin ausführlich erzählt. Wir glauben den authentischen Bericht dem Leser nicht vorenthalten zu sollen, sowohl zur Warnung als auch wegen der netten Art der Darstellung:
„Heute den 17. August 1887 sind in Maienfeld drei junge, vor drei Tagen noch hoffnungsvolle Menschen gemeinsamer Ruhestätte übergeben worden, sie haben einander im Augenblick der Gefahr und des Todes nicht verlassen, und so sollen sie auch im Grabe nebeneinander ruhen.“
Sonntags den 14. d. M. gingen fünf junge Leute von Maienfeld aus, um am folgenden Tag den Falknis zu besteigen, und für diesen Abend in der Maienfelder Alp Quartier zu nehmen. Der ältere der beiden Brüder Bohner, Pankraz, von banger Ahnung ergriffen, konnte sich nur schwer von seinem lieben jungen Weibe, einer kaum genesenen Wöchnerin, trennen. Unbewusst mochte er fühlen, dass das der letzte Abschied sei. Fräulein Hepp dagegen, mit unerklärlicher Hast zur Reise drängend, musste als Werkzeug zur Vollziehung des Schicksals dienen. So wurde am folgenden Morgen bei immer noch anhaltendem Regen der Gang angetreten, der sie so bald in den Tod führen sollte. Obwohl der Weg, den die Gesellschaft beim Eintritt aus dem Fläscherthal in den Falknis einschlug, nicht der gewöhnliche ist, der nach Guscha führt, so ist derselbe, für Kundige wenigstens, gefahrlos. Gerade rechts, wo man von der zweiten kleinen Spitze des Gyr in die obersten Guschner Mähder eintritt, sind die Unglücklichen noch etwa einen Schuss weit vorwärts gegangen. Der ältere Bohner und Adolf Ranalder aus Chur hatten sich vorn und hinten ans Seil gebunden, und Fräulein Hepp ging nicht ans Seil gebunden in der Mitte. Etwa 200 Meter ob dem verhängnisvollen Felsband muss Fräulein Hepp ausgeglitscht und die zwei wackern Männer ihr beigesprungen sein. Bei diesem Rettungswerke sind sie mit ihrer Begleiterin, eines das andere fortreissend, über den senkrechten Felsen hinunter zu Tode gefallen. Es ist mit ziemlicher Gewissheit anzunehmen, dass das Zusammenbinden die Hauptschuld am gemeinsamen Unglücke war. Bald brachten die zwei Übriggebliebenen, August Siegert aus Deutschland und Andreas Bohner von hier, die nicht angebunden gewesen und dem gleichen Schicksal mit genauer Not entkommen waren, die Nachricht von dem Vorgefallenen nach Maienfeld, wo sich alsbald drei Männer, Tobias Muzner, J. Peter de J. P. und J. Peter de Fort. Enderlin aufmachten, um in Gemeinschaft mit den noch auf Guscha wohnenden Brüdern Florian, Christian und Andreas Jost die Verunglückten den Hinterbliebenen zu bringen. Erst bei einbrechender Nacht gelangten sie an die Stelle, wo die Leichen lagen. Für diesen Abend war nichts anderes zu machen, als die Verunglückten in eine ordentliche Lage zu bringen und sie den kaum begonnenen Schlaf auf den kühlen Bergeshöhen fortsetzen zu lassen. Dann kehrten sie in die Guschner Alp zurück. Bei Anbruch des folgenden Tages wanderten die mutigen Männer wieder nach der Unglücksstätte, um von hier die Leichen unter unsäglichen Beschwerden und grosser Lebensgefahr nach dem sogenannten Säss zu tragen, von wo sie auf Schlitten bis in die Laubdohle, von da aber mit Wagen nach Maienfeld gebracht und hier den ihrigen übergeben wurden. Wer hier die drei Leichen, nachdem sie gereinigt und ihre Wunden verbunden worden waren, so still nebeneinander liegen sah, musste tief gerührt und ergriffen deutlich sehen, dass der Tod zu früh geerntet, dass er Blüten geknickt hatte. So wie sie hier in stiller Kammer ruhten, ruhen sie bei einander im kühlen, gemeinsamen Grabe, bis der Allmächtige sie auferwecken wird. Gebe ihnen der himmliche Vater alsdann eine fröhliche Auferstehung! – Die Spur seines verunglückten Herrn verfolgend, ist das kleine, hübsche Hündchen Bohners am gleichen Orte heruntergefallen, und so das Opfer seiner Treue und Anhänglichkeit geworden. –
Wenn wir die verschiedenen Wege, die auf den Falknis führen, nach ihrer Länge, Bequemlichkeit und andern Rücksichten vergleichen, so kommen wir zum Resultat, dass der Weg von Seewis über Stürvis und das Fläscherthäli unstreitig für diejenigen der bequemste ist, welche grosse Steigungen fürchten. In zirka sechs Stunden kann der Berg auf diesem Wege erreicht werden, die Höhendifferenz von 1600 Meter verteilt sich auf eine ordentlich lange Strecke. Interessanter sind alle Wege, welche von Maienfeld ausgehen, aber auch steiler, weil Maienfeld hart am Fusse des Falknis und zudem weniger hoch als Seewis liegt. Über die Entfernungen und die Gangbarkeit der Wege mögen folgende Angaben Enderlins erwünschte Auskunft geben:
Der Weg von Maienfeld über Guscha, von da bis zum Guschasattel oder Mazoragrat wieder zwei Stunden, von hier bis zum Falknisgrat ob dem Gyr zirka eine Stunde, wieder von da durch die ganze Breite des Falknis ob den Thürmen bis zum Schäferhüttli oder Fläscherfürkli abermals wohl eine Stunde, und dann noch die letzte Station bis auf die Spitze eine Stunde, zusammen also sieben Stunden. Dieser Weg lässt sich für sichere Bergsteiger etwas abkürzen: Man kann nämlich vom Mazoragrat (Punkt 2150), wo sich der Berg von Triesen über Lavena und derjenige von Guscha treffen, entweder links durch den sogenannten grünen Gang und von dort direkt auf der Nordseite zum Falknis aufsteigen, oder man geht vom vorgenannten Ort beinahe immer dem Grat nach zur Spitze. Bei diesen beiden Wegen gewinnt man ungefähr eine Stunde, aber alle Wege von dieser Seite, d.h. vom Mazora- oder Guschasattel, sind bei Nacht, bei gefrornem Boden oder gar bei Schnee gefährlich.
Der zweite Weg zum Falknis, der über Kaltbad, Alp Sarina und das Fläscherthäli hinaufführt, nimmt wenigstens sieben Stunden in Anspruch, ist aber für Wegkundige unter allen Umständen ungefährlich. Bis Kaltbad selbst kann man zwischen zwei Routen wählen, der etwas nähern, aber steilern durchs Glecktobel und derjenigen über Jenins.
Den dritten Weg, direkt „durch den Falknis“ über Bargün haben wir ausführlich beschrieben. Er wird erst seit einigen Jahren benützt, soll nun aber bis zum nächsten Frühling so hergestellt werden, dass er auch von grössern Gesellschaften leicht und ohne Gefahr passiert werden kann. Zu diesem Aufstieg werden gewöhnlich nur fünf Stunden gebraucht.
Unterkunft findet man in der Guschaalp, in Kaltbad oder Sarina, und wenn es sein muss, auch in den Bargün.
Wer möglichst wenig Zeit für die Besteigung verwenden will, wird den Aufstieg über Bargün, den Abstieg durchs Glecktobel wählen.
Weitaus am interessantesten scheint mir der weg über Guscha zu sein, da er die grösste Abwechslung bietet. Aber von reizender Schönheit ist auch das Fläscherthäli mit seinen drei lieblichen Seen, und der Abstieg über Jenins dürfte vermöge der prächtigen Aussicht in Thal und Gebirge an schönen Abenden besonders zu empfehlen sein. Ich unterlasse es, die landschaftliche Schönheit der Routen genauer zu skizzieren, da der Leser nach unsern Ausführungen genugsam orientiert ist. Jeder Weg hat etwas Eigenartiges an sich, das dem Wanderer eine Fülle des Genusses bieten wird. So möge denn der Falknis, dieser westliche Eckpfeiler des Rhätikon, in Zukunft die Beachtung finden, die er vermöge der Aussicht und der an Abwechslung reichen Wege verdient.
(E. Walder: Aus den Bergen. Wanderungen durch Graubünden und Tirol. Zürich 1896)