Dem iterirten begehren zu gratificiren / ist zuwissen / das zwahr das ganze Land mit lauter Bergen und Hüglen umgeben und angefüllet / von allen Ohrten her; die höchsten und grösten vom Alpgebirg finden sich gegen Aufgang und Mittag zu oberst im Land / bey und auf welchen die kostlichen Alpen anzutreffen. Dieses Toggenburgische Hoch- und Alpgebirg ist eben nicht allzeit erhobener als das Glarnerische und Pündtnerische / wann wir den Hohen-Säntis gegen dem Ober- und Appenzellerland / und den Speer gegen den Gaster ausnehmen / so mit den höchsten certiren / allein darum desto wunderlicher / das es (aussert besagten zweyen) von Menschen und Viehe überall fast bestiegen / und daher vortheilhaftig genuzt werden kan. Es umschanzet und bemauret gleichsam das Land oben her so vest / dass sonderlich 2 schöne Reygen und Linien aus selbigen mögen gemachet werden / die zu oberst im Land namlich im Wildhaus zusamen lauffen; der einte Reygen gehet von Morgen gegen Mittag / der ander kehret um von Mittag gegen Abend.
Von dannen kommet man in einer ½ St. auf den Wildhauser Schaafberg / der zwahr nicht gar gross / aber wild / und von Schaafen sonderlich geetzet wird. Weiters in einer ½ Stund auf den Golman / so der gemeinen Sage nach von den Grabseren um 30 Viertel Birenschnitz oder Stückli erkauft worden / und noch im Toggenburg ligt / auf den Grenzen des Oberlands.
Von Mittag und dem Wildhaus zeuhet sich nun eine andere Bergreyhe gegen dem Nidergang / dann so wir vom jeztgemeldten Golman ohngefehr 2 Stund weiters gehen / kommen wir zu einem über die maassen langen dicken hohen und grossen Berg / der gegen Aufgang das Alt St. Johanner und Starchenbacherthal und gegen über den Schwendiberg / Greppelenberg und Häderenberg / gegen Mittag den Wallenstatter-See hat / der länge nach von Sud gegen West gehet / und oben nebent den köstlichsten Alpen Selun und Selamath 6 grosse nebent einander gleich hohe und doch unterschiedene Bergspitz und Hügel hat; deren der erste der Astakäserruck fast ein ½ Stund lang und doch nicht höher als andere / der zweyte der Wildhauser-Schaafruk / unter dem ein gewüsser Boden seyn sol der Lermenboden genant / weil vor langem eine Schlacht da gewesen / und bald Hellparten bald Degengefess da gefunden werden; der dritte ist der Zustol / der vierte der Briseberg; der fünfte der Schibenstol; der sechste der Luner- oder Selunerruk so genennet von der Alp Selun oder Sylun / in deren der Berg stehet / und einen Rucken präsentirt; unter diesem Lunerruck wird ein Loch gefunden / durch welches man wenigst ein ½ viertel Stund mit einer Latern in den Berg hinein gehet. Vor diesen 6 Bergen ist noch ein ander Loch / so gerad nidsich in den Boden geht; die meisten heissen es ein Rauchloch / weil fast allezeit darinn ein Dampf aufgehet; wer dahin kommet / pflegt Stein hinein zu werffen / welche ein langes und selzsames Gethön von sich geben. Vom Luner-Ruck hat man ein ½ Stund auf den Leistberg / der wol der sibende in dieser Ordnung mag gesetzet werden / und auf Ammon anstosset; vom Leistberg erlanget man in einer Stund den Goggeyen / so ein Frey-Berg vor das Gewild / dieser hat oben 2 aufgethane so genante Scheren gleich einem Krebs / darvon die 1 ins Toggenburg die 2 auf Ammon gehöret. Weiter fürwerts ist die Windplesserples / ein wenig Sudwerts der Bremechen Silt / von seiner Alp also genennet; weiter gegen Mittag der Speer / so nach dem hochen Sentis der höchste an das Gaster grenzend.
Gegen Abend am end des Zürichgebieths Toggenburg und Thurgeus zu underst im Land stehet das Hörnlein.
St. Johann / den 14. Januarii 1708
(Quelle: Johann Jakob Scheuchzer: Helvetiae historia naturalis oder Natur-Historie des Schweitzerlands. Erster Theil. Zürich. In der Bodmerischen Truckerey, 1716. Daraus: Herr Joh. Heinrich Scherers V.D.M. Beschreibung der Toggenburgischen Gebirgen)
Im Toggenburg auf dem Lüner- oder Selüner-Ruk ist auch eine weite Höle / innert welche man wol 1/8 Meil kommen kann. In dieser Kruft were vor etlichen Jahren ein Jäger zu grund gangen wegen eines Felsen / der für das Loch hinunter gefallen / und den Pass gänzlich versperret / wann nicht dessen Hündlein / so voraussen geblieben / mit seinem Geschrey denen / so ohngefehr vorbey gangen / Anlas gegeben / seinen gefangenen Herren los zu machen. Sonsten ist in dieser Graffschaft eine andere Höle / das Rauchloch / also genant von aufsteigenden Dünsten / innert welcher ein eingeworfener Stein lang gehöret wird.
(Quelle: Helvetiae stoicheiographia. Orographia et Oreographia. Oder Beschreibung der Elementen/Grenzen und Bergen des Schweizerlands. Der Natur-Histori des Schweitzerlands. Erster Theil. Johann Jakob Scheuchzer. Zürich 1716)