Buchserberg – Ein Ski-Paradies!

Ein Ski-Paradies! Nicht im allgemein verstandenen Sinne, unter dem die grosse Masse von Skifahrern, bequem durch Stand- oder Schwebe-Seilbahnen erreichbare, grosse vielseitige Tourengebiete oder eine Mode gewordene lange Abfahrt versteht, geziert durch grosse, komfortable Klubhäuser oder Hotels, in deren Bereich man stets das Neueste in Ski-„Ausrüstung“ finden kann, seien es papageibunte Kostüme oder mechanische Errungenschaften aller Metall-, Leder- und Gummiarten. Nein. Das Paradies für uns Skiläufer der äussersten Nordostecke unserer Heimat, die wir noch, wie vor einem Jahrzehnt, in beschaulichem, geniesserischem Lauf als Erste Spuren durch flimmernden Pulver oder rauschenden Sulz zu ziehen uns gewohnt sind.

Buchserberg, bescheidener Name, und was bist du uns schon geworden! Unter diesem Allgemeinbegriff versteht der Eingeweihte soviele schöne Gipfel und Aufstieg- wie Abfahrtsgelegenheiten vom Dezember bis Anfangs Mai, besonders für den, der gerne auch noch einen kleinen Gipfel „mit den Händen“ macht.

Von der so günstig erreichbaren Schnellzugsstation Buchs aus gewinnen wir durch herrlichen Buchwald aufsteigend, sei es der Fahrstrasse nach oder abkürzend und die vielen möglichen Fusswege benützend etwas schweisstreibender, das Kurhaus Buchserberg (1112 m) am untern Rand des Hochwaldes gelegen. In stiller Ruhe träumt es seinen Winterschlaf, und so nehmen wir denn unsern Weg wieder unter die Füsse und spuren von hier in leichtem Pulver den Waldweg hinauf, am obern Waldrand den Weg nach rechts verlassend, stehen wir nach gut zweistündigem Marsch vor der Malbunhütte (1408 m), in der sich der Ski-Klub Buchs heimisch niedergelassen hat. Wir geniessen den Blick auf die Liechtensteiner Alpen und Falkniskette. Droben am Waldrand gegen Obersäss verschwindet eben ein Rudel Rehe im dunklen Tann. – Bald prasselt im Herd das lodernde Feuerlein und summt das Teewasser, uns an das leibliche Bedürfnis erinnernd, wenn sich nicht bereits der Magen selbst gemeldet hat. Aus des Rucksacks Tiefen werden die Leckerbissen hervorgeholt; denn hier heisst es noch: selbst ist der Skimann; auch im Tragen.

Sternennacht draussen. Ein Käuzlein heult drüben im Hasenwald.

Wie die ersten goldnen Sonnenstrahlen, die über die Drei Schwestern und hoch über das Rheintal weg uns treffen, stehen wir auch schon droben in der steilen Mulde „im Loch“. Der Kürze wegen haben wir diesen Weg vorgezogen, statt über Obersäss und Hahnenspiel. Hartgefrorene Schneebollen kleiner Lawinen liegen in unserer Spur am jetzt noch glasharten Sonnenhang. Doch bald erreichen wir die flachere Hochmulde und im feinsten Kristall pflügen sich unsere hölzernen Spitzen ihre Bahn in taktmässigem Rauschen, schschirrrr – schschirrrr. Erster Schnaufhalt beim Lunabrünneli, wo eine alte Spur von der Obersäss her einmündet. Der eine kann sich nicht beherrschen, einen kleinen Schuss zurück zu versuchen, derweil die andern drei sich der herrlichen Aussicht erfreuen. Keine Menschenseele ausser uns im weiten, weissen Gelände, in göttlicher Stille!

Über die welligen Marchböden gehts zur Glanna (2022 m), wo wir beim kleinen Schäferhüttli unsere Säcke zurücklassen und hinein spuren ins Glannatäli und hinauf zur Faulfirstlücke dem grossen Faulfirst zu. Zahlreiche Gemsspuren ziehen Grat auf und ab. Immer steiler wird die Mulde, enger die Spitzkehren und mit kräftigem Verschnaufen stecken wir droben in der Lücke zwischen dem grossen und kleinen Faulfirst die Bretter in den tiefen Pulver unter der Wächte. Längst sind wir im kalten Schatten und so gehts denn ungesäumt den Grat hinauf, Griffe auskratzend mit den Fingern, festen Tritt stampfend im losen Pulver, der Sonne zu, die golden um den Gipfel leuchtet. Der Tiefblick an der Gratkante, 700 m hinunter auf Malun-Palfriesalp, ist imponierend.

Da ist der Steinmann erreicht nach gut dreistündigem Aufstieg. (2385 m) Prächtig ist der Blick dem auf- und abzackenden Grat nach über Gärtliköpf-Krummenstein zum Alvier hinüber. Der Gipfelwind lässt uns nicht mehr geniessen als eine Zigarette, dann gehts vorsichtig wieder den Westgrat hinunter zur Lücke (2309 m). Mit steifen Fingern wird angeschnallt und schon windet sich der Tourenleiter in engen Telemarks die Steilmulde hinunter, bei der ersten Verflachung schon stieben die andern an ihm vorbei und nun in immer grössern Bogen und zuletzt in einem grossen Schuss in die Mulde hinab, gleich einem Schlusstrich unter das Genossene. Glannahüttli, so heisst ein herrliches Plätzchen zum süssen Nichtstun an wärmender Sonne angesichts unseres Gipfels. Und erst dort dem Alvier zu, da wäre noch Neuland für unsere Bretter. – Doch heute haben wir ein anderes Ziel, der Rosswies gilt’s!

Gestärkt ziehen wir hinüber zum Sissizgrat (2017 m) zwischen Glanna- und Margelkopf. Eine kurze Abfahrt folgt durch den abgeblasenen Hang in die hintere Mulde der Sissizalp. Und wieder in feinem Pulverschnee aufspurend geht’s durch einen herrlichen Slalomhang über die „Alte Alp“ dem Gipfel zu, der in grellem Weiss sich uns entgegenbäumt. Auch der letzte steile Hang am Ostgrat wird unser und droben stehen wir auf der Rosswies (2335 m) und schauen eine weite, herrliche Welt von Bergen und Tälern. Tiefblick ins Seeztal. Gerade uns gegenüber im Westen ragt der steile Gamsberg, dahinter Käserrugg-Gamserrugg. Unser Gipfel setzt sich fort in kühnem Auf und Ab nach Ost zum Faulfirst-Alvier. Hinter uns, wo wir aufgestiegen, grüssen Glanna- und Margelkopf.

Lockender Schnee lässt uns die Gipfelrast abbrechen. Den ersten Steilhang nehmen wir in zagen Schwüngen und dann folgt ein grosser Schuss zum ersten Buckel hinunter. Mags auch ein Ausrufzeichen geben, die aufstiebende Schneewolke verbirgt das verdutzte Gesicht und weiter geht die herrliche Fahrt in Schuss und Schwung. Immer schneller wird die Fahrt und zuletzt gibt es eine richtige Hatz. Wer tut zuerst den letzten Schuss in die grosse Mulde? Mit tränenden Augen blicken wir zurück auf unsere Abfahrtsspuren. Dann gehts in flacher Fahrt die Mulde hinaus zu den Hütten von Sissiz; denn heute wollen wir noch einmal die Camperney Abfahrt machen, da wir letztesmal die Abfahrt vom Glännli die Hochmulde hinab zum Farnboden Obersäss und Malbun genossen haben.

Zur Rast legen wir uns drüben am apern Kapfhang an die Nachmittagssonne. Bald aber heisst es aufbrechen, die Sonne neigt sich schon westwärts. Der fast apere Hang hinauf zum Kapf kostet uns noch einige Schweisstropfen; denn schwer drücken in der Nachmittagssonne die Bretter unsere Schultern. Doch auch dies hat ein köstliches Ende und nach 20 Minuten wird angeschnallt. Erst geht es sachte den Grat hinunter; denn links fällt die Wand an 900m direkt zum Voralpsee ab, der im kalten Schatten noch tief unter Schnee und Eis dem Sommer entgegen träumt. Rechts der Steilhang hinab ins Valspus. Doch bald wird der Grat breiter, und schneller unsere Fahrt. Bald links, bald rechts von der Bahn des Gamperney-Derby schwingen wir unsere Bogen; denn heute gehts um keine Rekorde. Nördlich der Gratkante sind wir im Pulver, südlich haben wir Sulz, so ists ein herrliches Schwingen. Ein kurzer Steilhang wird nach links gequert und schon flitzen wir im Schuss hinab auf die Fläche der Gamperneyalp. Hier treffen wir die ersten Menschen seit unserm morgendlichen Auszug aus Malbun. Es sind Sportkameraden vom Skiklub Grabs, der hier oben eine Hütte besitzt. Wir setzen uns zur letzten Rast nieder an die Sonne an eine Hüttenwand, die letzten Proviantreste werden noch vertilgt. Der Margelkopf steht schon wieder hoch über uns und dort drüben am Lunasattel sehen wir unsere Aufstiegsspuren vom Morgen. Wie sie locken. Doch umsonst, es muss sein, die Alltagspflicht ruft.

Los gehts, den steilen Buckel unter der Bützhütte hinunter und Druck und Schwung und Stop. Da sieht uns schon das grünende Rheintal entgegen mit seinen hingesäten Dörfern an den Berghängen. Wir aber schwelgen im letzten führigen Schnee über Buckel, durch Mulden und Haglücken, über Gräben und Wege, Schwung auf Schwung und der Letzte stellt uns mitten ins nasse, gilbe Gras zwischen Krokus, weiss und lila. Mit liebevollem Blick werden die Bretter, die uns heute wieder so köstliche Stunden geschenkt, zusammengeschnallt und per Sohle und Absatz gehts dem Tale zu. Da grüsst uns nochmals letztes Weiss, Schneeglöcklein, so recht das Sinnbild des Frühlings. Auch wir schmücken unsere Mützen mit einem Glöcklein und singen ein Frühlingslied, derweil die schneewasservollen Bächlein rauschend ins Tal springen. Von ferne grüsst Schloss Werdenberg, dem wir zustreben, und auf hartem Pflaster kratzen unsere Genagelten die Bahnhofstrasse hinaus unserem Ausgangspunkte zu. Das Letzte, was uns bleibt, ist ein Blick zum Wagenfenster hinaus auf die im letzten Lichte verblassenden Gipfel und die goldene Erinnerung.

(R. Bächtold: Buchserberg. In: Jahrbuch Schweizerischer Ski-Verband 1933)

Altes und Neues von der Gauschla

Den Namen haben ihr die Bewohner des Seeztales gegeben, denn Gauschla stammt von lateinisch casula = Häuschen, und von Süden bietet sich der Gipfelgrat tatsächlich als ein richtiger Dachfirst dar. Trotzdem ist die Gauschla der Wartauerberg. Von allen Dörfern aus sichtbar, reckt er sich als kühner Wächter über den bewohnten Teil der Gemeinde. Der hinter ihm liegende Alvier ist zwar einige Meter höher, wirkt aber nirgends so beherrschend. Auch er steht ganz auf Wartauerboden, doch ist man hier grosszügig geneigt, den Sevelern und Buchsern einen ideellen Anteil zu überlassen, und das Hüttenbuch auf dem Gipfel beweist, dass von diesem Recht ausgiebig Gebrauch gemacht wird. Die Gauschla hingegen bleibt ungeteilt, wenn sie sich schon am allerschönsten von einigen Punkten ausserhalb der Gemeinde präsentiert, so etwa vom Fläscherberg oder von Ragaz. Die Ragazer mögen sich an den eleganten Pyramide freuen, sollen aber bitte die weiblich grazile Gauschla nicht mit dem männlich klotzigen Alvier verwechseln. Dagegen müssen wir Protest erheben, auch wenn diese Namensunterschiebung im Interesse der Fremdenwerbung geschehen sollte.
Die Gauschla ist ein Grasberg und deshalb besser mit Tricouni als mit Vibram zu ersteigen. Wo das Gestein hervortritt, ist es meist morsch und lose, so dass man sich bei Kraxeleien vorteilhafter auf ehrliche Grasbüschel verlässt. Auf der Normalroute ist allerdings auch das nicht nötig. Sie führt von der Schaneralp über den breiten, nach Osten gewendeten Rücken und bietet keinerlei Schwierigkeiten.
Die „klassische“ Grastour auf die Gauschla ist die Kammegg, welche die Fortsetzung der Wasserscheide vom Gonzen her bildet. Ohne schwierig zu sein, verlangt dieser luftige Anstieg einen sichern Tritt und Schwindelfreiheit. Das hat ihm „im Volke“ den Ruf einer gewissen Gefährlichkeit eingetragen, und es ist schon darum der Stolz jedes Wartauerbuben, ihn bezwungen zu haben.
Noch höher im Kurs steht wohl der Übergang zur Abgelösten Gauschla. So nennt man hier jenen nördlich gelegenen Gratzacken, der durch einen tiefen Schnitt vom Hauptgipfel abgetrennt ist. Einen besonderen Anreiz bildet natürlich das vor einigen Jahren von einem Piz Söler gestiftete Gipfelbuch im Steinmann dieses Punktes. Zur Scharte gelangt man auf steilem Grasband in der Südflanke; ein paar Meter leichter Felskletterei ermöglichen von dort den Zutritt zum kecken Haupt. Im Frühjahr und bis weit in den Sommer hinein erleichtert der Schnee in der schattigen Lücke den Übergang, kann ihn allerdings unter Umständen auch erschweren, wenn er sich zu einem messerscharfen und eisigharten Grätchen aufbaut.
Von der Abgelösten lässt sich die Traversierung Richtung Alvier fortsetzen, indem man nicht ganz harmlos links in ein steiles Couloir absteigt und die schmale Gratkante bis an ihr Ende verfolgt. Den senkrechten Abbruch umgeht man rechts und gelangt wiederansteigend zum bekannten „Chemmi“ und damit zum Alvierweg.
An seinem „Hausberg“ probiert man alle möglichen Auf- und Abstiege aus und freut sich an Neuentdeckungen. So stiegen wir einmal zu zweit von Palfries direkt zur erwähnten Lücke vor der Abgelösten. Eine schluchtartige Rinne zerreisst hier die Bergflanke und legt den Fels bloss. Manche Steinsalve ging zunächst in die Tiefe, mit zunehmender Steilheit und Verengung wurde es aber interessanter, kaminartige Windungen und gutgriffige Stufen folgten sich, und wir bekamen wenigstens die Illusion, in einer grossen Wand zu stecken. Irgendwo fanden wir sogar einen Haken mit Ring, an dem sich einst kletterzünftige Piz Söler abgeseilt haben sollen.
Vielleicht das schönste, was man an der Gauschla erleben kann, ist eine Frühlingsfahrt mit Ski. Wenn die Skilifts ihren Betrieb schon allerorts eingestellt haben, liegt der Schnee noch herunter bis zur Schaneralp und es lohnt sich, die Bretter bis dort hinauf zu tragen. Wir werden entschädigt durch eine Abfahrt von 1000 Meter Höhendifferenz, die ihresgleichen sucht. Wenigstens wenn man die rechte Sulz erwischt. Die obersten Hänge sind allerdings sehr steil, sodass im Frühling mit zunehmender Tageswärme Schneebrettgefahr besteht. Man mache sich deshalb frühzeitig auf die Socken oder gehe das letzte Stück zu Fuss.
Sind schon die Wege zu unserm Gipfel gar nicht langweilig, so ist es noch viel weniger der Ausblick. Die Fernsicht reicht vom Tödi zur Bernina und in die Silvretta, doch besonders eigenartig und reizvoll ist dank der vorgeschobenen Lage der Tiefblick ins Rheintal und Seeztal. Man wird nicht müde, hinunterzuschauen, schon darum, weil man dann wieder wochenlang tagtäglich die umgekehrte Perspektive hat.
(Jakob Frigg in: Der Piz Sol. Nachrichten der Sektion Piz Sol 1951)

Bergtouren an der Grenze

Schweizerthor-Lünersee.
Ueber die sonnigen Terrassen von Montagna und das an Obstbäumen und üppigen Wiesen reiche Busserein wanderten wir zunächst Schuders zu. Auf dieser Strecke steigt man etwa 600 m, wovon aber 400 m auf die Schuderser Cresta kommen, über welche ein meist sehr steiniger Weg in vielen Windungen hinaufführt. Zum Glück ist diese Cresta ziemlich stark bewaldet, was die Unannehmlichkeit des Weges doch wesentlich mildert. Oberhalb des Waldes führt der Weg durch ein wüstes Rüfengebiet, das in beständiger Bewegung begriffen ist, so dass der Weg dort öfters neu angelegt oder verlegt werden muss und doch immer in sehr misslichem Zustand bleibt. Schuders ist eine kleine, ganz auf Viehzucht angewiesene Kirchgemeinde von wenig über 100 Einwohnern. Die Häuser und Ställe liegen zerstreut auf einer steilen Berghalde hoch über dem tief eingeschnittenen Tobel des Schraubachs. Kartoffeläcker und Hausgärten sind auf ganz kleine Flächen eingeschränkt und liefern geringe Erträge. Einige schmächtige Kirschbäume, deren kleine Früchte erst im August reif werden, erinnern daran, dass wir uns am obersten Rand der Obstbaumregion befinden. Um so stattlicher sind die noch zahlreichen Ahorne, die in malerischen Gruppen bei einander stehen und den schönsten Schmuck der Wiesen und Bachufer bilden. Auch ein kleines Buchenwäldchen thront noch oberhalb Schuders, in dem die Buchen bis über 1500 m steigen. Aber der Boden unter dem Dörfchen gegen das Tobel hin ist häufigen Rutschungen und Rüfen ausgesetzt. Manches schöne Gut ist schon von dem immer weiter um sich fressenden Tobel verschlungen worden; manches Haus und mancher Stall musste schon weiter aufwärts versetzt werden, um dem gierigen Rachen des Abgrunds zu entgehen, manche üppige Wiese wurde von tückischen Rüfen tief aufgerissen und mit Schlamm und Trümmerhaufen überschüttet. Auch der letzte, nasse Sommer hat wieder grosse Verwüstungen angerichtet und Wiesen, Bäume, Gebäulichkeiten und Wege theils für immer zerstört, theils für längere oder kürzere Zeit unbrauchbar gemacht.
Von Schuders an führt der Weg noch eine Weile ziemlich steil aufwärts, dann zieht er sich fast horizontal oder doch nur mit kleinen Steigungen und Senkungen theils durch den obern Waldrand, theils über schöne Bergweiden hin. Auf dem in grossen Tobeln drei Mal ein- und ausbiegenden, gut angelegten Alpweg erreicht man in etwa zwei Stunden das Vorder- oder Schuderser-Aelpli und in einer weitern halben Stunde das Hinter- oder Grüscher-Aelpli und bleibt dabei immer in einer Höhe von etwa 1600 m und im Angesicht der grossartig herrlichen Gestalten von Drusen- und Sulzfluh, die mit ihren weissschimmernden, stolzen Kalkmauern den Hintergrund der Landschaft prächtig abschliessen.
Um 12 Uhr waren wir im Grüscher-Aelpli, hatten also bis hieher mit Einschluss je einer halben Stunde Rast in Schuders und im Schuderser-Aelpli fünf Stunden gebraucht. Bei der Partutsquelle hielten wir uns nur so lange auf, als nöthig war, um einen erfrischenden Trunk zu nehmen. Diese Prachtsquelle sprudelt aus vielen Löchern in einer kleinen Bodennische hervor und bildet gleich von Anfang an einen starken Bach, der nach einem ganz kurzen Lauf in den schwächern Aelplibach fällt. Der Boden der Quellennische ist unregelmässig hügelig und von vielen grössern und kleinern Steinblöcken besäet, die ganz oder zur Hälfte im Wasser stehen und wie die Zwischenräume mit einem dichten Moosteppich bekleidet sind. Ueber diesen Teppich rieselt und sprudelt das wunderbar klare Wasser und sammelt sich rasch zu starken Adern, die sich wiederum zum ansehnlichen Bach vereinigen. Zwischen den schwellenden Mooskissen, die sich über die Steine ausbreiten, finden sich zahlreiche Vertiefungen und Becken von verschiedenen Dimensionen, die bis an den Rand mit dem klarsten, frischesten Wasser gefüllt und deren Grund wieder von dem schwarzgrünen Mooskleid oder von feinem, weissem Kies bedeckt ist. Es ist das vielleicht die schönste und stärkste Quelle im ganzen nördlichen Rhätikon und ihr Wasser ist ungemein erfrischend und wohlschmeckend. Freudig begrüsst man sie, wenn man nach längerem Marsch sie erreicht, und gern macht man, wenn man in die Gegend kommt, einen Umweg, um sie zu geniessen. Nur ungern aber verlässt man sie, namentlich wenn man weiss, dass nun bis auf die Höhe des Schweizerthors kein Wasser mehr zu finden ist. Freilich kann man, um dorthin zu gelangen, dem Aelplibach folgen bis zu seiner Quelle oder noch weiter bis zur Quelle, die am Fuss der Wand unter dem Schweizerthor hervorbricht, und dann von dort östlich und südöstlich ansteigen; aber das ist ein Umweg und führt über eine 200 m hohe und steile Schutthalde, auf der man nur mit Mühe aufsteigen kann, da der meistens feine und lose Schutt unter den Füssen weicht. Gute Kletterer können zwar, wenn sie die Stelle finden, rechts durch die Wand hinauf klettern, bis sie das Rasen- und Schuttband erreichen, über welches der auf der Excursionskarte eingezeichnete Weg führt. Aber das ist nicht Jedermann anzurathen, und auch gewandte Kletterer werden ohne Führer die Stelle nicht leicht finden und dann statt Vortheil Nachtheil haben.
Wir zogen vor, von der Partutsquelle allmälig, und doch für die Mittagszeit immer noch steil genug, nordöstlich empor zu steigen, zunächst zwischen den letzten Tannen und Ahornbäumen durch, dann über die grossblockige Trümmerhalde, die nur stellenweise feinem, beweglichen Schutt enthält und darum leichter zu passiren ist, als die Halde längs der Felswand. Man findet so leicht das schon von Weitem sichtbare Schutt- und Rasenband, das an der Felswand nordwestlich zur zahnlückenartigen Scharte des Schweizerthors führt. Dieses Band ist ziemlich breit, aber auch ziemlich abschüssig und geht nach unten oder für uns nach links in eine senkrecht abfallende Wand über, während rechts oben sich die gewaltigen Felsmassen aufthürmen, die das nordwestliche Ende der Drusenfluh bilden.
Weg ist keiner da, aber im Schutt und im spärlichen Rasen finden sich doch kleine Absätzchen, die wie schmale Geissenwege aussehen, auch etwa Spuren früherer Begehungen zeigen. Auf diesen kommt man ganz gut fort, doch sollte man schwindelfrei sein, mit den Augen das Terrain gehörig sondiren, um immer die besten Absätzchen zu finden, und sich eher nach oben halten, damit man sich bei allfälligem Straucheln nicht gleich am Rand des Abgrundes findet. Bei genügender Vorsicht ist das Band oder Terrässchen gefahrlos. Wir sind z. B. längere Zeit auf demselben geblieben, um theils stehend, theils sitzend den schönen Blick hinaus ins Thal und hinauf an die gewaltigen Felswände zu geniessen oder um einzelne Alpenblumen zu pflücken, die ihre farbenprächtigen Köpfchen aus Gras und Schutt hervorleuchten liessen. Ist das Band überschritten, so kommt man an eine kahle, glatte und steile, aber doch nicht senkrechte Felsenstufe, in welche drei Wasserrinnen wie Hohlkehlen eingeschnitten sind. Gewöhnlich führen diese Hohlkehlen kein Wasser, und durch sie, am besten durch die am meisten links herabkommende, kann und muss man nun zum Theil auf allen Vieren hinaufklettern, welches clubistische Kunststück auch von meiner Frau mit Bravour, wenn auch nicht ohne vorheriges bedenkliches Kopfschütteln ausgeführt wurde. Um 2 Uhr waren wir auf der Passhöhe (2151 m) und hatten also von der Grüscher-Alp zwei Stunden gebraucht, waren aber auch absichtlich langsam gegangen und hatten uns mehrfach mit Botanisiren aufgehalten. Sonst legt man diese Strecke auch leicht in 1 ½ Stunden zurück.
Auf der Passhöhe blieben wir nun eine volle Stunde, denn es ist ein sehr eigenartiger und interessanter Pass und man kommt nicht so oft dorthin. Schon die Aussicht nach der schweizerischen und nach der österreichischen Seite ist schön. Besonders fesselt aber die nächste Umgebung des Passes selber: die gewaltigen Wände der Drusenfluh und Kirchlispitzen und der tiefe Absturz im Süden gegen die Grüscheralp, dann im Norden das kecke Haupt der Zimbaspitze und vieles Andere. Auch zeichnet sich der Pass durch eine merkwürdige orographische und hydrographische Eigenthümlichkeit aus. Während derselbe nämlich im Süden in schroffen, kahlen Kalkwänden abbricht, breitet sich oben ein kleines, wellenförmiges Rasenplateau aus, das sich nach Norden in sanften Böschungen zum Rellsthal senkt. Den Südrand der Passhöhe bildet eine kahle Felsenschwelle, an welche sich auf der Nordseite eine kleine, versumpfte Einsenkung anlehnt, eine Art kleine Doline, wie sie grösser und zahlreicher am Grubenpass auftreten. Diese Schweizerthor-Doline sammelt mehrere Quellen, darunter eine mit vorzüglichem Trinkwasser an der nördlichen Dolinenwand. Sie hat, wie die Dolinen im Karst, keinen oberirdischen Abfluss und bildet doch auch keinen See, sondern hat nur einen etwas versumpften Boden. Das Wasser fliesst unterirdisch ab. Möglicherweise geht, wie die Hirten der dortigen Gegend meinen, ein kleiner Theil desselben nach Norden ins Rellsthal, aber die Hauptmasse sieht man als ziemlich starken Bach am Südrand der Doline in einer Kluft der dortigen Kalkmauer verschwinden. Durch unterirdische Gänge findet es seine ewig verborgenen Wege, bis es endlich, nach Unterteufung der Kalkmauer und der Landesgrenze, 200 m weiter unten auf Schweizerboden im circusähnlichen Hintergrund der Grüscher-Alp wieder zum Vorschein kommt. Das Schweizerthor zeigt also, abgesehen von den landschaftlichen Reizen, die es mit andern Pässen, z.B. mit dem Cavelljoch und dem Drusenthor, gemein hat, Eigenthümlichkeiten, die man anderswo nicht so leicht wieder findet. Es sind, kurz zusammengefasst, folgende: die völlig veränderte Natur auf der Süd- und Nordseite des Passes: senkrechter, kahler Felsabsturz auf der einen und wellenförmiges Rasenplateau auf der andern Seite; die Dolinenbildung oder beckenförmige Einsenkung mit versumpftem Boden auf der Passhöhe; der unterirdische Wasserabfluss, und zwar unter der höhern, felsigen Dolinenwand durch.
Um 3 Uhr brachen wir wieder auf, um hinter den Kirchlispitzen durch und über das Verrajöchl (nicht Nerrajöchl, wie infolge eines Missverständnisses im Itinerar und auf der Excursionskarte steht) dem Lünersee zuzusteuern. Es marschirt sich da leicht und angenehm, denn die Steigungen und Gefälle sind keine schroffen mehr, und man geht fast immer über blumenreichen Weideboden. Nur am Verrajöchl (2331 m) liegen kleinere und grössere Blöcke eines porösen, löcherigen, dunkelgrauen Arlbergkalkes umher, der nördlich ansteht und dort einige sonderbare, ruinenförmige Figuren bildet. Diese Felsbildungen sind auf der Karte zu wenig ersichtlich; es erscheint auf derselben dort herum Alles als Grasboden. Auffallend sind auch in den weissen Kreidewänden der Kirchlispitzen die blutrothen, breiten und langen Bänder von Seewerkalk. Ich betrachtete mir die Kirchlispitzen genau, um die Stellen herauszufinden, von und über welchen denselben beizukommen wäre, und ich glaube, drei solche Stellen gefunden zu haben, die ich mir merkte, um sie gelegentlich einmal zu probiren oder Andern mitzutheilen. Für diesmal aber liess ich sie links liegen und wanderte selbander in aller Gemüthlichkeit und Fröhlichkeit dem Lünersee zu. Um 4 Uhr erreichten wir denselben und um 4 ½ Uhr langten wir in der Douglashütte (1969 m) an und hatten also vom Schweizerthor 1 ½ Stunden, von Schiers aus 9 ½ Stunden gebraucht, wovon jedoch auf Rasten 2 ¼ Stunden, auf den Marsch selber 7 ¼ Stunden kommen. …

In der grossen, bewirtschafteten Douglashütte, eigentlich einem kleinen Sommer-Gasthaus mit 24 Betten und zwei grössern Speise- und Aufenthaltszimmern, ging es hoch her, denn der schöne Tag hatte viel Volk, Herren und Damen, herbeigezogen. Auch ein Künstler aus München war da, der prächtige Aufnahmen von den schönsten Punkten der Umgebung machte. Die freundliche Martina, die Wirthstochter von Brand, und ihre Gehülfin hatten alle Hände voll zu thun, um die vielen hungrigen und durstigen Gäste zu befriedigen, und selbst die anwesenden Führer mussten dabei etwa Hand anlegen. Es war ein herrlicher Abend, und das muntere Touristenvolk war in bester Stimmung und voll Bewunderung für den prächtigen See und seine grossartige Gebirgsumrahmung. Unwillkürlich denkt man hier an das Lied: „In den Felsen, die voll Schnee, liegt ein himmelblauer See”, ja es ist Einem, als wäre das Lied speciell mit Rücksicht auf diesen wundervollen Hochgebirgssee gedichtet worden. Wenn an einem schönen Sommertag, namentlich gegen Abend, die dunkelblaue Wasserfläche ruhig daliegt und die in der untergehenden Sonne erglühenden Kalkspitzen und Gräte ringsherum in der klaren Fluth sich mit einer Schärfe der Umrisse spiegeln, dass man im Spiegelbild jede kleine Einzelheit erkennt, so gibt das ein Bild, wie es so schön und rein, so wunderbar prächtig weder Feder noch Stift darstellen und nicht einmal die Phantasie sich ausmalen kann. Wohl gibt es ja noch viele schöne Bergseen im weiten Alpenland, und mancher hat einen noch grossartigeren, noch majestätischeren Gebirgskranz, wir erinnern nur an das Kleinod des Oeschinensees im Berner Oberland, aber keiner liegt so hoch und ist dabei so gross und klar. Und in dieser Höhe, so hoch über der Waldregion, im freien Reich der Alpenrose, ist nun einmal die Natur anders und wird anders empfunden, als weiter unten, wo die Luft schwerer, die Hitze drückender und die Alltäglichkeit näher ist. Auch der Daubensee an der Gemmi lässt sich mit dem Lünersee nicht vergleichen. Wohl liegt er noch fast 300 m höher, aber er ist kleiner, namentlich schmäler. Was ihm aber besonders abgeht, das ist die Klarheit des Wassers und die Freundlichkeit der Umgebung. Denn während am Lünersee die Grossartigkeit und Wildheit der Hochgebirgsnatur auf’s Schönste vereinigt ist mit der Lieblichkeit blumengeschmückter Alpenmatten, passt der Daubensee mit seiner trüben, grauen Wasserfläche gut zu der kahlen, trostlosen Einöde seiner düstern Umgebung.
Die Annehmlichkeit des Aufenthaltes am Lünersee wird noch erhöht durch die freundliche und gute Bewirthung und durch die Gesellschaft, die sich da jeweilen zusammenfindet und die sich aus Schweizern, Oesterreichern und Deutschen, meistens Mitgliedern des S.A.C. und des D. u. Oe. A.V., recrutirt. Aber bei aller Verschiedenheit der Herkunft, der politischen und religiösen Zugehörigkeit, der Lebensstellung und des Charakters ist hier Alles einig in der Liebe und Begeisterung für die Gebirgsnatur, und Alles verfolgt hier das eine Ziel: die Scesaplana.

Scesaplana-Brand.
So brachen denn am folgenden Morgen um 3 Uhr 45 Min. ganze Colonnen nach der Beherrscherin des Lünersees auf. Das Wetter war zwar etwas zweifelhaft geworden, aber man war guter Dinge und hoffte das Beste. Bei der kühlen Morgenluft kam man auf dem neuen, guten Weg rasch hinauf auf die Todte Alp. Hier ging der Weg aus, aber dafür folgte guttragender Schnee, auf dem man fast ebenso leicht marschirte, wie auf dem Weg. Unter dem Kamin wurde Kriegsrath gehalten. Die Einen meinten, man müsse umkehren, das Wetter werde je länger, je schlimmer; die Andern, vor Allen meine Frau und ich, sahen den Himmel voll Bassgeigen und erklärten alle Wetterzeichen, auch die schlechten, als gut. Schliesslich siegten die Optimisten, und vorwärts ging’s, dem schönen Ziele zu. Aber es kostete noch einige Mühe, denn auf den steilen Halden unter und über dem Kamin war der Schnee etwas weich geworden. Endlich war der oberste Grat und bald darauf, um 6 Uhr 15 Min., die königliche Spitze selbst erreicht. Und welch ein wundervolles Wetter! Während der letzten Stunde des Aufstiegs hatte ein günstiger Morgenwind die Nebel- und Wolkenmassen weggefegt, nur noch schwache, dünne Schleier blieben hoch über allen Gipfeln und brachten einige Schattirung in den sonst rein blauen Himmel, aber ohne die Aussicht irgendwie zu beeinträchtigen. Etwas frisch war’s da oben, denn es wehte ein kühler Wind. Da wir aber gut gekleidet waren, so konnten wir eine volle Stunde auf der hohen Warte bleiben und die weite Aussicht mit aller Musse geniessen.
Diese war wirklich grossartig. Auch der Bodensee war so freundlich, seinen weiten, blauen Spiegel zu uns herauf leuchten zu lassen, was man ihm hoch anrechnen muss, da er sonst gerne in ein graues Nebelgewand sich hüllt. Das untere Rheinthal, Theile von Appenzell und Thurgau, sowie die Landschaften jenseits des Bodensees bis zum deutschen Jura lagen dem Blicke offen und liessen durch das Fernrohr manche Ortschaften deutlich erkennen. Majestätisch aber stand in weitem Bogen der hehre Alpenkranz da wie eine geschlossene Phalanx: die Silvrettagruppe vom dreigezackten Fluchthorn bis zu der massigen Pyramide des Piz Linard, die lange Albulakette mit dem ernsten Piz Kesch und seinen Trabanten, zur Linken bis zu den Wächtern des Flüelapasses, Schwarz- und Weisshorn, zur Rechten bis zu den stolzen Häuptern von Oberhalbstein und Avers, Piz d’Aela, Tinzenhorn, Piz Piatta etc., dann die von der Morgensonne hell beleuchtete Adula- und Medelsergruppe, darunter die regelmässigen Pyramiden des Rheinwald- und des Güferhorns, die steil aufstrebenden, scharf geschnittenen Nadeln des Tambo- und Einshorns, der kantige Piz Terri und so viele Andere. Dahinter waren deutlich zu erkennen einzelne Zermatter Fürsten, speziell Monte Rosa (Dufourspitze und Nordend), Dom und, wie mir schien, auch das Zermatter Weisshorn. Gewiss sind noch andere Spitzen der dortigen Gegend und vielleicht selbst der Montblanc sichtbar, aber in dem unentwirrbaren Gipfelmeer nicht leicht zu bestimmen. Hätte man einmal ein gut gezeichnetes Panorama, dann könnte man der Sache besser auf die Spur kommen. Hoffentlich wird uns der D. u. Oe. A.V. bald mit diesem von vielen Seiten sehnlichst erwarteten Werk erfreuen. Beschlossen hat er es schon seit längerer Zeit. Die Berner Oberländer und die Tödikette präsentiren sich weniger vortheilhaft, da man sie nicht von der Front, sondern nur von der Flanke sieht, wobei die zahllosen Spitzen sich in einen dichten Knäuel zusammenschieben, so dass auch die hervorragendsten Riesen nur undeutlich sich von der Masse abheben. So stehen z.B. Trinserhorn, Vorab, Bifertenstock, Oberalpstock, Dammastock und Finsteraarhorn in einer geraden Linie hintereinander, ebenso ist die Linie nach der Jungfrau mit zahlreichen zwischenliegenden Spitzen, darunter der Tödi, besetzt, so dass es kaum möglich ist, dieselben alle von einander zu unterscheiden. Bei den höchsten Häuptern, wie Finsteraarhorn, Tödi und Bifertenstock, gelingt dies schon noch, namentlich mit Hülfe eines guten Fernrohrs. Wenn man aber da mit blossem Auge viele bestimmte Spitzen zu unterscheiden glaubt, so fürchte ich, dass man mehr mit der Phantasie, als mit den Augen sieht. Wenn ferner hie und da von Touristen aus dem Reich draussen auch der Brocken gesehen wird, so beneide ich dieselben wegen ihres Vermögens, um die Ecken, resp. um die Erdwölbung herum sehen zu können, und verwundere mich nur, dass dieselben bisher noch nicht den Leuchtthurm auf Helgoland und den Berliner Kreuzberg entdeckt haben. Allerdings sieht man viele ganz respectable Brocken von der Scesaplana aus, aber DER Brocken liegt unter dem Horizont! Wieder über demselben zeigt sich dann die stattliche Schaar der Algäuer und Bayerischen Alpen, unter welchen man die Mädelegabel, die Zugspitze, das Wetterstein-, Karwendel- und Miemingergebirge und andere Grössen besonders unterscheidet. Es folgen im äussersten Umkreis die Oetzthaler- und theilweise die Zillerthaler- und Hohen Tauern-Gruppen, dann der Ortler mit grossem Gefolge und vor allen prächtig die Berninagruppe, deren Häupter vom Cambrena bis zum Monte della Disgrazia sich alle deutlich vom blauen Himmel abheben. Was endlich Alles davor und dazwischen Platz gefunden, übergehe ich, um den Leser nicht mit einer zu langen Reihe von Namen zu ermüden. Wer je bei gutem Wetter auf freistehender und hochragender Bergspitze stand, weiss, wie zahllos die Gipfel sich drängen, wie Reihen auf Reihen hinter und neben einander folgen, und wer es nicht weiss, dem nützt keine Beschreibung etwas, der muss kommen und selber sehen. Das Gesagte mag genügen, um die Reichhaltigkeit und die Art der Scesaplana-Aussicht einigermassen zu charakterisiren.
Um 7 Uhr 15 Min. traten wir den Rückzug an. Der aber war lustig und ging rasch vor sich. Denn vom Gipfelgrat durch die Mulde bis zum Kamin, dann von diesem bis etwa halbwegs zum Todtalpsee ging’s mit fliegender Eile in langen Rutschpartien hinunter, die von Herren und Damen, im weichen Schnee sitzend, ausgeführt wurden und namentlich den letztern, die dem Ding Anfangs nicht getraut, dann aber es flott mitgemacht hatten, grossen Spass bereiteten. So war man schnell vorwärts gekommen und betrat, nachdem das letzte Stück auf dem gewöhnlichen Weg zurückgelegt war, um 8 ½ Uhr wieder die Douglashütte, hatte also für den ganzen Abstieg nur 1 ¼ Stunde gebraucht.
Wir blieben des herrlichen Wetters und des wundervollen Sees wegen bis etwas nach 12 Uhr hier oben und wären noch länger geblieben, wenn nicht um diese Zeit die Anzeichen eines nahenden Gewitters sich eingestellt hätten. Raschen Schrittes ging es über das Seebord und den Bösen Tritt hinunter, was jetzt leicht zu machen ist, da der D. u. Oe. A.V. einen sehr guten Weg, theils in den Felsen eingehauen, theils über den ersten grossen Schuttkegel, angelegt hat. Der ans dem Felsen hervorbrechende Abfluss des Lünersees, der dann, in mehrere Arme getheilt, in prächtigen Cascaden über die Felsenstufen stürzt, die zwei mächtigen, vom Zirmenkopf herabkommenden Schuttkegel mit ihren gedrehten Spitzen, dann weiter unten die üppig grünen Weiden und Wiesen mit ihrer Staffage von Heuern und Heuerinnen, die dunklen Tannen- und Laubholzwälder an den untern Abhängen und die steil darüber emporsteigenden Bergwände, weiter das Sommerdörfchen Schattenlaggant mit seinen wasserreichen Brunnen u. A. m. gaben Stoff genug zur Betrachtung und Unterhaltung, so dass die Zeit schnell dahinflog und Brand fast unversehens erreicht wurde. Um 2 Uhr kehrten wir im obern, ältern Gasthaus bei der uns wohl bekannten Familie Kegele ein und wurden von derselben, wie gewohnt, auf’s Freundlichste aufgenommen. Wir kamen gerade zur rechten Zeit, denn kaum waren wir im Haus, so stellte sich richtig ein kleines Gewitter mit tüchtigem Regenschauer ein. Doch hielt dasselbe nicht lange an, so dass wir einen herrlichen Abend verleben und neue Pläne für den folgenden Tag schmieden oder richtiger die nöthigen Vorbereitungen für die Ausführung schon geschmiedeter treffen konnten. Man ist zwar wohl aufgehoben in Brand, und das Thal bietet der Reize so viele, insbesondere auch vielfache Gelegenheit zu höchst interessanten Bergtouren (Zimbaspitz, Säulenspitz u. A.), dass man lange da verweilen könnte und als Sommerfrischler wie als Tourist volle Befriedigung finden müsste. Doch konnten wir für diesmal nicht länger bleiben.

Spusagang-Kleine Furka.
Nach guter Nachtruhe verabschiedeten wir uns von unseren lieben Gastwirthen, in der Hoffnung auf öfteres und fröhliches Wiedersehen, und traten um 5 ½ Uhr die Weiterreise an, um auf etwas ungewohnten Wegen wieder ins Prätigau zurückzukehren. Auf den sogenannten Spusagang hatten wir es abgesehen. Kuoni’s schöne Erzählung unter diesem Titel im „Schwizerdütsch” (Bändchen 29 und 30) hatte uns denselben besonders interessant gemacht, und drum wollten wir ihn genauer kennen lernen. Also schritten wir zunächst dem alpenreichen Zalimthälchen zu, das eine schöne Mulde bildet zwischen den zwei nördlichen Ausläufern der Scesaplana und im Hintergrund durch die kühne Pyramide der Zalimspitze, den höchsten Punkt des Panüeler Schroffen, abgeschlossen wird. Das Thälchen mündet am Nordfuss des Mottenkopfs durch eine enge, ungangbare Schlucht ins Brandnerthal. Man steigt darum auf der linken Seite dieser Schlucht in der Richtung gegen das Matschonjoch über grüne Matten und an schönen Gütern vorbei ein ordentliches Stück empor. Etwa nach einer Stunde kommt man, den Matschonweg rechts lassend, über einen Steg und betritt damit die Alp Unter-Zalim. Dann geht es fast eine Stunde lang über einen schönen, ebenen Thalboden, der gerade von einer grossen Zahl von Heinzen besetzt war, die wie Soldaten in Reih und Glied dastanden. Rechts und links steigen die zum Theil noch bewaldeten Hänge erst mässig, dann steiler an und machen weiter oben senkrechten Felswänden Platz, in denen besonders das breite, rothe Band von Seewerkalk auffällt, das in beträchtlicher Höhe vom Wildenberg zum Mottenkopf hinüberzieht und das man in genau gleicher Höhe, Ausdehnung und Form auch im jenseitigen Thälchen von Sonnenlaggant beobachtet, so dass diese Schicht die ganze Kette von einer Seite nach der andern durchzieht und also ein eigenes, vollständiges Stockwerk in derselben bildet. Der Mottenkopf sieht viel trotziger und böser aus, als er wirklich ist, denn er ist ganz gut, wenn auch nur auf steilem Weg, zugänglich und trägt noch eine ziemlich grosse, grüne Scheitelfläche. Bald hatten wir auch die Alp Unter-Brüggele hinter uns und erreichten nach einer schönen, zweistündigen Morgenwanderung um 7 ½ Uhr die Alp Ober-Zalim (1577 m E.-K.).
Ober-Brüggele liegt nicht an diesem Weg, winkt aber aus der Höhe, 200 m über Unter-Zalim, herab und liegt am Weg über den Pass „Im obern Sack”, dem kürzesten Weg von Brand nach dem Nenzinger Himmel. Auf der jenseitigen Alp Setsch trifft er mit dem Weg vom Matschonjoch oder Virgloriapass zusammen. Beide Pässe sind sehr interessant, reich an landschaftlichen Reizen und leicht zu begehen. Der Virgloriapass speciell bietet grosses geologisches Interesse, weil man an ihm die verschiedenen Formationen der alpinen Trias nahe bei einander findet. Eine dieser Formationen, der Virgloriakalk, ein schwarzer, von vielen weissen Spathadern durchzogener, sehr harter Kalk, der im Walgau vielfach technisch verwendet wird, hat von diesem Pass den Namen. Wir liessen diesen, wie den obern Sack rechts liegen, denn der Spusagang war unser nächstes Ziel.
In Ober-Zalim nahm uns eine Sennerin für ein halbes Stündchen in ihre Hütte auf und reichte uns bereitwillig treffliche Milch. In dem Häuschen befindet sich ein kleines Stübchen, in das man durch die Küche eintritt. Beide Räume, sowie die wenigen Geräthschaften und das Geschirr waren rein gehalten, das Bett gut gemacht und das Zimmer ordentlich gelüftet. Dazu war die Sennerin freundlich, zuvorkommend und gesprächig, und erschien uns darum in weit günstigerem Lichte, als die Caricatur in Petzendorfers „Naturgeschichte des alpinen Menschen”. Sie war aber nicht übel verwundert, als sie vernahm, dass wir über den Spusagang gehen wollten. Der Pass sei nach Allem, was sie davon gehört habe, schwierig und gefährlich und höchstens für Jäger und Schwärzer gangbar, jedenfalls aber nicht für „solche” Damen.
Wir liessen uns jedoch nicht abschrecken und pilgerten frohen Muthes zunächst noch über magern Weidboden ziemlich steil aufwärts, dann weniger steil durch ein auf der Excursionskarte nicht genügend oder gar nicht bezeichnetes Trümmerfeld und endlich über eine nicht sehr hohe, aber lose und steile Schutthalde und einige Felsstufen dem zerrissenen Grat zu. Das letzte Stück des Aufstiegs war allerdings für eine Frau nicht ganz leicht, erforderte einigen Muth und sichern Gang, wurde aber doch ohne irgendwelche Gefährde überwunden. Durch eine schräg links ansteigende kurze, kaminartige Rinne, deren Wände durch vorspringende Schichtenköpfe gebildet und deren Boden mit einem feinen, beweglichen Schutt bedeckt war, so dass man sich an einigen Stellen besser mit den Händen halten, als mit den Füssen auftreten konnte, erreichten wir den äusserst verwitterten und wild aussehenden Felsengrat, von dem wir nach Salaruel hinunter- und an die Kleine Furka hinübersehen konnten. Es sah da allerdings sehr ungemüthlich aus, aber ich war meiner Sache sicher und wusste, dass wir nur auf einer freilich sehr steilen und dem Fuss wenig Halt gebenden Schutthalde, die nach unten in einen Absturz übergeht, westlich um einen Felskopf herumgehen mussten, um den in Arbeit stehenden Weg auf den Panüeler Schroffen zu erreichen und dann auf demselben mit aller Sicherheit absteigen zu können. Das Traversiren dieses Schuttfeldes war für meine Frau das schwierigste Stück Arbeit der Reise. Allein mit einiger Hülfe ging es doch ganz gut, wenn auch langsam. Um 9 ½ Uhr befanden wir uns auf dem Punkt, wo der genannte Weg den Grat erreicht. Es ist das der obere Spusagang, während der untere Spusagang etwas nördlicher über den theilweise begrasten Kamm bei Punkt 2243 m durchführt.
Der Blick nach Salaruel hinunter und auf das kleine, blaue Seeauge des Hirschbades, auf die tischebene grüne Fläche des Nenzinger Himmels mit seinen vielen Hütten und der auf etwas erhöhtem Punkt stehenden St. Rochuskapelle, dann hinüber an die schöne Pyramide des Naafkopf und auf mehrere Alpen bietet viel Abwechslung und verbindet das reizend Liebliche mit dem überwältigend Grossartigen. Ueber alle Massen schreckhaft wild sind die zerrissenen, von der Verwitterung tief durchfurchten Wände des Panüeler Schroffen mit den von ihnen herabhängenden breiten Schutthalden. Da der Panüeler Schroffen über die Kleine Furka mit der Hornspitze zusammenhängt, so bildet das Ganze einen gewaltigen Halbkreis, der an die Ruinen eines zur Hälfte eingestürzten, ungeheuren Kraters erinnert. Man begreift, dass es Einem in dieser Felsenwildniss unheimlich zu Muthe werden kann, und dass die Leute sich nur mit Grauen von der Flucht zweier Liebenden über diese bis dahin pfadlosen Felsen erzählen. Jetzt ist es anders. Der D. u. Oe. A.V. hat einen zum grossen Theil in Felsen eingehauenen, weiter unten theilweise auch über Schutt- und Grashalden führenden, famosen Weg angelegt. Derselbe führt aus der Gegend des Hirschbades über den Spusagang auf den Panüeler Schroffen, von wo man dann in einer guten Stunde über den Gletscher auf die Scesaplana gelangen kann. Als wir da durchkamen, war der Weg schon bis weit über den Spusagang hinauf fertig. Ich habe den Weg bis zu der 3 m langen eisernen Leiter verfolgt, die oberhalb des Spusagangs angebracht ist, und mich überzeugt, dass er für schwindelfreie Touristen durchaus gefahrlos ist. Er wurde noch im Herbst 1890 fertig und am 21. September eingeweiht und begangen. Er hat 500 Gulden gekostet und heisst nun zu Ehren des Herrn Dr. Strauss aus Constanz, eines um die Erforschung der Vorarlberger Gebirge verdienten Alpinisten, Straussweg. Es ist das jetzt der schönste und interessanteste Scesaplanaweg, auf dem man vom Nenzinger Himmel leicht in sechs bis sieben Stunden auf die Spitze gelangen kann. In Verbindung mit dem Weg vom Lünersee her gibt das eine herrliche Längstraversirung des Berges, die jedenfalls in Zukunft oft ausgeführt und eine Lieblingstour der Scesaplanabesteiger werden wird. Besonders wird sich die Richtung von Ost nach Westen: Lünersee – Scesaplana (drei Stunden ) – Panüeler Schroffen (eine Stunde) – Spusagang – Nenzinger Himmel (drei Stunden) mit zusammen etwa sieben Stunden Marschzeit empfehlen, weil man dann am Morgen früh auf der Spitze sein kann. Die umgekehrte Richtung: Nenzinger Himmel – Spusagang – Panüeler Schroffen (fünf Stunden) – Scesaplana (eine Stunde) – Lünersee (zwei Stunden) erfordert acht bis neun Stunden.
Nach einstündigem Aufenthalt verliessen wir den schönen und interessanten Punkt, um der Kleinen Furka, die wir nun immer vor Augen hatten, zuzusteuern. Auf dem guten Weg kommt man im Zickzack rasch hinunter ins Salaruel, dann aber langsamer über ein weites, zum Theil mit Krummholz überwachsenes Trümmerfeld. Jenseits desselben führt ein wenigstens theilweise vorhandener Weg wieder aufwärts gegen die Kleine Furka. Etwa in der Höhe von 2000 m findet man eine starke Quelle mit vorzüglichem Wasser, an der man gerne einen Moment verweilt, um so mehr, als auch schönes Edelweiss in der Nähe winkt. Dann aber wird der Aufstieg schärfer und führt zuletzt wieder über eine Schutthalde ziemlich steil empor zur Passhöhe, die wir um 1 Uhr erreichten. Aus der Ferne sieht dieselbe wie ein schöner, runder Sattel aus, in Wirklichkeit aber ist sie stark geschartet und mit Thürmchen und sogenannten Reitern besetzt. Auch die Südseite des Passes wird, wie die Nordseite, von einer steilen Schutthalde gebildet.
Ueber dieselbe ging’s, nach einer halbstündigen Rast, leicht und rasch hinunter nach den grasreichen Mädern der Alp Fasons, auf denen gerade das duftende Heu eingesammelt wurde. Wir waren nun in wohlbekannter, heimischer Gegend, die wir schon oft durchwandert hatten. Aber es ist immer ein etwas langer und nicht gerade angenehmer Weg von da hinaus nach Seewis, der „trauten Heimat” des Dichters Johann Gaudenz v. Salis, der seinem Wunsche gemäss hier an des Friedhofs Mauer sein Ruheplätzchen gefunden hat.
Um 4 ½ Uhr waren wir in Seewis im heimeligen Hotel Scesaplana und hatten also von der Kleinen Furka an drei, von Brand an, mit Einschluss von etwas über zwei Stunden Rast, elf Stunden gebraucht; um 7 Uhr brachte uns der Abendzug der Prätigauerbahn von Grüsch nach Schiers. Damit war eine der interessantesten und abwechslungsvollsten Touren, die man im Rhätikon machen kann, zum Abschluss gekommen. Sie hat uns einen guten Einblick in ein herrliches Stück unserer Berge gewährt, uns viel Freude und Genuss verschafft und den Wunsch nach mehr in uns mächtig gefördert.


(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1890)

Touren auf die Scesaplana

Sektion St. Gallen. Die Sektion St. Gallen des S. A. C. hat letzten Sonntag und Montag die in ihr Sommerprogramm aufgenommene Besteigung der Scesaplana ausgeführt. Der Frühzug am Sonntag brachte die Clubisten, elf an der Zahl, nach der Station Landquart. Von dort ging’s über Pardisla nach dem freundlich gelegenen schmucken Seewis hinauf, wo in dem schönen und gut eingerichteten Gasthof zur Scesaplana das Mittagessen eingenommen wurde. Es lag in der Absicht, um 3 Uhr Nachmittags von Seewis aufzubrechen, um frühzeitig die zum Uebernachten bestimmte Alp Fasons zu erreichen, aber ein um 2 Uhr sich erhebender gewaltiger Sturm, sekundirt von Blitz und Donnerschlägen, vereitelte diesen Plan, und der Landregen, der sich nach dem Gewitter einstellte, liess nachgerade wenig Hoffnung mehr, dass die Bergpartie überhaupt noch ausgeführt werden könne.
Hoffnung auf Hoffnung geht zu Scheiter
Doch der Mensch hofft immer weiter.
Das thaten unsere Clubisten und siehe da, gegen fünf Uhr gelangte der Ostwind wieder zur Herrschaft, das Gewölk lichtete sich und um halb 6 Uhr konnte sich die kleine Caravane guten Muthes in Bewegung setzen. Ein Viertel nach 8 Uhr war das Feldhaus der Alp Fasons erreicht. In kurzer Zeit brodelte das Wasser im Kessel und bald nachher beglückte der geschäftige Koch die in der kleinen Stube beim düstern Lampenlicht harrenden Clubisten mit einer kräftigen Mehlsuppe.
Montag früh 4 Uhr wurde wieder aufgebrochen. Vom tüchtigen Führer Sprecher geleitet, stieg man langsam und sicher in die Höhe, zuerst zwischen herrlichen Alpenrosengruppen hindurch auf die sehr steilen Schutthalden des Schaftobels, von dort über ein kleines Schneefeld nach der fast senkrecht sich erhebenden Felswand, an deren unterm Theil man sich über lockeres Geröll, das sich fortwährend unter den Sohlen löste und bald in kleinen, bald in grösseren Massen nach der Tiefe rollte, hinaufbewegte zu den schiefrigen Kalkfelsen, von wo aus man in wenigen Schritten auf das prächtige Schneefeld gelangt, das einen wunderbar schönen Anblick gewährte, der ausserordentlich gehoben wurde durch das tiefe Blau des Himmels, das herrlich abstach von dem glitzernden weissen Firnschnee.
In einem schwachen Stündchen war das Schneefeld überschritten und in einer weitern Stunde, um 9.15 Vorm. die Spitze des Felsens erreicht.
Der Himmel war klar und die Luft rein, die Rundsicht äusserst lohnend. Majestätisch erhoben sich im Südosten die Bündnerberge mit ihren Gletscherpanzern, nordöstlich die Tyroleralpen mit ihren silberglänzenden Firnen, während gegen Norden, hinter den blauen Fluthen des Bodensees, die Rauhe Alp und Schwarzwald sichtbar wurden. Nordwestlich begegnete das Auge den bekannten Formen der Appenzellerberge, der Churfirsten, gegen Westen dem Falknis, dem Glärnisch, den Mythen und dem Pilatus, indes mehr südwestlich der Calanda, der Piz Sol und Ringelspitz mit dem Tödi und den Urnerbergen im Hintergrund ihre stolzen Häupter erhoben.
Bei der Menge von Bergspitzen, die sich nach vielen Hunderten zählen liessen, war es natürlich nur möglich, einige der bekannteren anzudeuten. Wir können uns aber von der majestätischen Scesa nicht trennen, ohne noch einen Blick auf den dunkelblauen Lünersee hinabzuwerfen, der dem Thalkessel gegen Osten hin einen äusserst malerischen Abschluss gibt. An diesen stillen See hinunter wanderten nun die Clubisten. Der Weg führte über zwei mächtige Schneefelder und einen kleinen Gletscher; dabei fehlte es nicht an frei- und unfreiwilligen Rutschpartien, die dem allzeit guten Humor der Reisenden neue Nahrung boten.
Munter abwärts schreitend über die Todtenalp gelangte man gegen halb 1 Uhr Mittags in die Clubhütte an den von himmelsanstrebenden Felsen umgebenen, mit reicher Alpenflora geschmückten Lünersee, dem die Mehrzahl der Clubisten leider nur zu schnell Valet sagen musste, um den unerbittlichen Bahnzug in Bludenz, der sie noch gleichen Abends ihrer Heimat zuführen sollte, nicht zu versäumen. Die sehr gelungene Scesaplanatour wird den Theilnehmern in langer und freundlicher Erinnerung bleiben. Vivat sequens!
(Quelle: Alpenpost 1873)

***

Auf den Sommer 1890 hatte ich eine Reihe schöner Pläne für eine vielseitige Bereisung des neuen Excursionsgebietes des S.A.C. entworfen. Rhätikon und Plessurgebirge sollten in den verschiedensten Theilen und Richtungen durchwandert werden, theils aus rein touristischem, theils aus wissenschaftlichem Interesse. Natürlich wollte ich dabei mein Itinerar, sowie die Excursionskarte auf die Probe stellen, resp. Stoff sammeln zu allfälligen Ergänzungen und Berichtigungen. Alles war mit Reisegenossen und, wo nöthig, mit Führern verabredet und vorbereitet. Es kam nur noch auf das Wetter an. Aber eben das Wetter! Das lässt sich nun einmal weder bestellen, noch bestimmen. Wie manche freudig begonnene Tour wurde da verregnet, wie mancher schöne Plan durchkreuzt! Eine planmässige Durchwanderung des Excursionsgebietes wurde durch das fast beständige Regenwetter und durch zeitweiligen Schneefall unmöglich gemacht. Man musste sich mit einzelnen kleinen Spritztouren von je ein oder zwei Tagen begnügen und die Ausfüllung der Lücken auf kommende Jahre verschieben. So bin ich z.B. fünf Mal nach dem westlichsten Abschnitt des Rhätikon aufgebrochen, jedesmal in der Absicht, mehrere Tage dort zu verweilen und die ganze Grenzkette von der Kleinen Furka bis zur Luziensteig zu begehen. Zwei oder höchstens drei Tage hätten dazu genügt. Aber es sollte nicht sein. Jedesmal hielt das gute Wetter nur einen Tag oder einige Stunden an, dann folgte wieder mehrtägiger Landregen, oft verbunden mit Schneefall in den Höhen. An Geduld, Ausdauer und gutem Humor hat es mir und meinem trefflichen Führer, Fortunat Enderlin von Maienfeld, nicht gefehlt. Wir haben es auch versucht, uns in Alphütten einzuquartieren und so die Regentage vorübergehen zu lassen. Aber was half es? Es regnete eben immer zu, die Wolken hingen in schweren, undurchdringlichen Massen am Himmel, die Nebel strichen trübselig und kalt an den Bergwänden umher, erfüllten überall die Thäler und Schluchten und gestatteten oft kaum, einige Schritte vor sich hin zu sehen. So war man auf der Stelle festgebannt und zu langweiligem Nichtsthun verurtheilt. …

Auf und um die Scesaplana
Der 28., 29. und 30. Juli 1890 waren wunderschöne Tage, eine der wenigen Schönwetterperioden des sonst so regnerischen Sommers, und sie werden mir immer in der angenehmsten Erinnerung bleiben, weil ich während derselben eine meiner genussreichsten Bergtouren ausführen konnte. Zwar war es keine gross angelegte Hochgebirgs- und Gletscherfahrt, es handelte sich nicht um Eroberung noch unbetretener Spitzen oder Auffindung netter Wege, es galt kein kühnes Wagen und Ueberwinden von Gefahren; aber die Tour führte in ein herrliches Gebirge, reich an reizenden Landschaften und grossartigen Scenerien, an weiten Rundsichten und lieblichen Idyllen, und das prächtige Wetter gestattete, all das Schöne und Grosse auch voll und ganz zu geniessen.
Am 28. Juli, Morgens 7 Uhr, trat ich mit meiner Frau eine Wanderung auf und um die Scesaplana an. Für sie war es die vierte, für mich die siebenzehnte Tour auf diesen herrlichen Berg, den Liebling der Prätigauer und Vorarlberger. Wenn man aber einen Berg mehrmals bestiegen hat, so ist er Einem zu einem Stück Heimat geworden, zu dem man sich immer wieder hingezogen fühlt. Die vermehrte Kenntniss erhöht das Interesse, und dieses treibt zu neuen Anstrengungen; nie hat man ausgelernt, denn die Natur ist auch auf dem verhältnissmässig kleinen Raum eines einzelnen Berges oder einer einzelnen Gebirgsgruppe unendlich reich. Ich für meine Person muss gestehen, dass jetzt, nachdem ich siebenzehn Mal auf der Scesaplana gewesen, das Verlangen nach der achtzehnten Besteigung nicht kleiner ist, als vor 15 Jahren das Verlangen nach der ersten Besteigung war. Nur suche ich, wenn ich kann, dem Berg neue Seiten abzugewinnen und scheue dafür auch Umwege nicht. Also wird sich Niemand verwundern, wenn wir, meine Frau und ich, auf unserer letzten Scesaplana-Tour für Auf- und Abstieg etwas weit ausholten.
(Von E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1890)

Der Naafkopf 1886 und 1891

… Unsere Reise galt zugleich dem Gipfel, der, in der Mitte zwischen Falknis und Scesaplana, den Scheitelpunkt des ausspringenden Winkels unserer Grenze bildet. Die letzte Instanz, das Blatt 273 des topographischen Atlas, lässt uns in Bezug auf seinen Namen im Stich; wir nennen ihn daher nach der österreichischen Karte den Naafkopf.
Am alten Schlosse Liechtenstein ob Vaduz vorbei führt ein Fahrsträsschen durch Wald und Wiesen bergan, vereinigt sich oberhalb des weitverstreuten Dorfes Triesenberg mit dem Hauptweg und zieht sich in vielen Windungen, fortwährend die schönste Aussicht ins Rheinthal, auf die St. Galler- und Appenzellerberge bietend, empor bis zur Uebergangsstelle am Grate des Bergzuges, der das Rheinthal vom Saminathal scheidet. Ein kurzer Tunnel führt unter der Schneide des Grates durch, und mit einem Schlage ist die Scenerie verwandelt. Statt des dörferbesäeten, weiten Thales, durchströmt vom jungen Rhein, an dessen Ufer die Bahnzüge nord- und südwärts rollen, öffnet sich ein idyllisches, weltabgeschiedenes Alpenthal, von dessen Weiden sich dunkler Tannwald hinabsenkt zum Saminabach, der in tief eingeschnittenem Bette der Ill zueilt.
Am Ausgang des Tunnels steht ein Wegweiser. Nach links zeigt sein Arm zur Alp Vallorsch; gradaus zieht sich das Strässchen zur breitesten Stelle der Thalsohle hinab und dringt ins Malbunthal hinein, aus dem das Sareiser-Joch nach St. Rochus im Gamperthon führt; thalaufwärts geht’s über Sükken nach der Valünen-Alp, und in den nahen Hütten von Sükken bezogen wir am Abend des 3. September unser Nachtquartier.
Am frühen Morgen des folgenden Tages wanderten wir thalauf, der Valünen-Alp (1397 m) zu. Bis hier ist der Weg immer noch so, dass Ross und Wagen durchkommen können. Dem schäumenden Saminabach entlang aufwärts, dem Thalschluss zu, geht’s über lange Schutthalden zum Jes-Fürkle hinauf; wir verliessen aber den Bach und stiegen an der östlichen Thalseite zur Alp Gritsch (1907 m) hinan, auf einem Wege, der in Anlage und Unterhaltung das Muster eines Alpweges genannt werden kann. Was wir von Vaduz bis zur Gritsch-Alp, bei einer Höhendifferenz von 1500 m, an Weganlagen gesehen haben, gibt uns einen hohen Begriff von den Leistungen des kleinen Fürstenthums Liechtenstein auf diesem Gebiete.
Die Hütten der Alp liegen am Fusse eines wild zerklüfteten Felsstockes, des gemsenreichen Gorvions, und zwischen dieser Spitze und unserem Ziele, dem aus Geröllhalden und Schneefeldern in steilen Wänden aufstrebenden Naafkopf, führt ein Pass über das „Bettlergrätli” zur Vermales-Alp im Gamperthonthal. Seinem Sattel streben wir über reiche Alpweiden zu und sehen bald von der Uebergangsstelle nach dem „Nenzinger Himmel” mit seiner St. Rochus geweihten Kapelle hinunter. Uns gegenüber steigt der Hornspitz, überragt von der Scesaplana, empor, und rechts von der weiten Lücke der grossen Furka erhebt der Tschingel sein felsiges Haupt.
So lieblich das Gamperthonthal ist, so wild und unwirthlich ist der Thalschluss, gebildet durch die gewaltigen Karrenfelder, die sich in verschiedenen Stufen vom Fusse des Tschingels herüberziehen zum Naafkopf.
Wir wenden uns unserem Ziele zu; der Grat wird rauher und felsiger; ein breiter Felskopf mit überhängenden Partien, auf unserer Skizze rechts, wird umgangen, und wir blicken in die starre Felsenwildniss des Nordabsturzes unseres Gipfels hinein. Hier verlassen wir den unpassirbar werdenden Grat und steigen auf dem Ostabhang des Stockes über Geröll und Platten und Schneeflecke steil, aber ohne Gefahr, zur Spitze empor, die wir um 11 Uhr erreichen.
Die Aussicht von diesem vorgeschobenen Eckthurme der Grenzkette ist ungemein lohnend. Ihr Hauptbild ist wohl die Pyramide der Scesaplana mit ihren Gletschern, umgeben von ihren Trabanten Tschingel, Hornspitz und Alpstein, und an sie schliessen sich die Berge von Vorarlberg in den mannigfaltigsten Formen an; als imposanter, kühner Felsstock tritt besonders der Findelkopf hervor, an dessen Abhang das Matschon-Joch von St. Rochus nach dem Brandner Thal hinüberführt. Die beiden Thäler von Gamperthon und Samina, auf deren Scheide wir heraufgestiegen sind, geben dem Panorama mit dem Grün ihrer Weiden und Wälder einen lieblichen Vordergrund. Fern im Nord, über dem Grate der Drei Schwestern mit seinen weissglänzenden Kurhäusern Gaflei und Maseschen, glänzt der blaue Spiegel des Bodensees. Die Säntisgruppe hat sich schon während des Aufstieges immer schöner entwickelt und bildet nun ein prächtiges Massiv; am Alvier vorüber sehen wir ins Thal des Walensees hinein, und die Spitzen der Glarner- und Bündner Berge grüssen über die grünen, weidereichen Gipfel des Prättigaus herüber. In unserer nächsten Umgebung sieht’s abenteuerlich aus. In wilden Klippen senkt sich der Grenzgrat zum Jes-Fürkle hinab und erhebt sich jenseits der Passscharte wieder zum Grauspitz und Schwarzhorn und zum Felshaupt des Falknis, das wir um einige Meter überragen. Am Nordhang des Naafkopf, da wo die Dufourkarte einen in Wirklichkeit nicht vorhandenen Gletscher angibt, breitet sich ein öder, kahler Kessel aus, in seinem oberen Theile mit Firn bedeckt, das „G’Neef” genannt. Von ihm hat wohl unsere Spitze den im Liechtensteinischen und in Vorarlberg allgemein gebräuchlichen Namen „Naafkopf” bekommen. Der nämliche Kessel, dessen Schnee die Sommersonne nie ganz zu schmelzen vermag, hat dem Gipfel den auf Schweizerseite gebräuchlichen Namen „Schneethälispitz” gegeben. Der weniger gebrauchte Namen „Dreiländerstein”, den er mit einem Gipfel der Silvrettagruppe und vielen anderen gemein hat, erklärt sich durch einen Blick auf die Karte von selbst; auf seiner Spitze treffen die Grenzen von Liechtenstein, Vorarlberg und Bünden zusammen.
Dieser Namenreichthum ist wohl Schuld daran, dass ihn unsere topographische Karte namenlos gelassen hat. Sie gab ihm dafür eine um so genauere Höhenquote, 2574,4 m. Der Name „Grauspitz”, den die Dufourkarte dem Gipfel verleiht, kommt nicht ihm zu, sondern seinem Nachbar nach Südwesten, der jenseits des Jes-Fürkle seine hellgrauen Wände erhebt. An ihn reiht sich das Schwarzhorn an, wie uns in Uebereinstimmung mit der Dufourkarte von Ortskundigen berichtet wurde. Herr Ingenieur-Topograph Held, der das Blatt Jenins des Siegfried-Atlas und mit ihm diese Berge aufgenommen, nennt diese beiden Gipfel „Vorder- und Hintergrauspitz” und vermuthet, dass sich der Name „Schwarzhorn” nur aus der Dufourkarte eingebürgert hat. Eine dunklere Färbung der Felsen liess uns auch den letztern Namen erklärlich erscheinen; die Farben des Terrains haben hier vielerorts die Nomenclatur beeinflusst.
Nach langer Mittagsrast stiegen wir über Fels, Geröll und Schnee, dem Grenzgrat in südöstlicher Richtung folgend, gegen „die Kellern” hinunter. Die Dufourkarte zeigt auch hier am Nordhange des Grates Firn, der nicht mehr existirt. Wir kamen bald (etwas unterhalb Punkt 2498 der topographischen Karte) zu der Uebergangsstelle des einzigen der Pässe zwischen Falknis und Scesaplana, den wir noch nicht betreten hatten. Den Namen „Pass” verdient übrigens der „Schwarze Gang”, obschon von Jägern und Landbewohnern oft benutzt, kaum. Der Boden der Passhöhe ist ganz bedeckt mit den feinen Splittern eines schwarzen Schiefers; auch hier ist es also die Farbe, die der Stelle zum Namen verholfen hat. Hier geht’s direct hinab zu den Hütten von Jes; auf halber Höhe hat eine eisenhaltige Quelle die Felsen roth gefärbt; der Punkt heisst denn auch „die rothe Platte”.
Die Hütten von Jes waren verlassen, als wir Nachmittags halb vier Uhr dort einrückten, aber es hatten sich schon andere Gäste angemeldet und durch den eingesteckten Löffel Quartier belegt. So viel Löffel an der Thür, so viel Jäger gedachten hier zu übernachten, und im Milchkeller hing eine Reihe frisch geschossener Murmelthiere.
Wir überliessen das Quartier nach genossenem Imbiss den Jägern. Die Sonne stand schon tief, als wir dem stillen Hochthal von Jes Valet sagten und die bekannte Felstreppe am Wasserfall des Jesbaches hinabstiegen. Die stattlichen Hütten von Stürvis unter uns lassend, überschritten wir den schäumenden Bach und wandten uns nochmals bergan, der Fläscher Alp Sarina zu, die wir im Abenddunkel erreichten.
(R. Wäber, Section Uto)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1886)

***

Der Naafkopf und die Grauspitzen.
Fast ein Jahr verging, bis wir unsere Pläne in den Bergen von Jes ausführen konnten. Am 27. Juni 1891 begab ich mich über Seewis und Ganey nach Stürvis, nachdem ich Führer Enderlin davon benachrichtigt hatte in der Hoffnung, er werde ebenfalls kommen. Wäre er nicht gekommen, so hätte ich eine Solopartie auf den Naafkopf unternommen und wäre dann über das Bettlerjoch ins Saminathal gegangen und über Sücca und den Triesner Kulm wieder in die Kulturregion zurückgekehrt. Aber er kam, und zwar durch das Glecktobel und über die Alp Sarina. Dazu hatte er von Maienfeld kaum drei Stunden gebraucht, während ich von Schiers aus 3 ½ Stunden benöthigt hatte, nämlich 1 bis Seewis, 1 ½ bis Ganey und wieder 1 bis Stürvis. Die Hütte, in der wir einkehrten, ist gross und bequem eingerichtet und enthält neben den gewöhnlichen Räumen noch ein besonderes, reiner gehaltenes Zimmer mit Tisch und Bänken, doch ohne Holzboden und Tafel und ohne Heizeinrichtung. Hier konnten wir unsere Sachen ablegen und den Abend im Verein mit den Sennen und Alpknechten zubringen. Mit geringen Kosten könnte man diesen Raum in ein angenehmes Gastzimmer verwandeln, um so leichter, als Maienfeld etwas weiter oben am Wallabach, zwischen Stürvis und Sarina und mitten in ausgedehntem Waldrevier, eine eigene Säge besitzt. Auch zu einer kleinen Wirthschaft würde dann wohl Rath werden.
Am Morgen brachen wir früh auf, um 3 ½ Uhr, und machten uns über die Stägen hinauf nach Jes, trotzdem das Wetter wieder zweifelhaft geworden war und die Nebel überall umherstrichen. Von Jes führte uns ein wenigstens theilweise erkennbarer Weg über mehrfach mit Schutt überführte Grashalden rechts hinauf zu dem Pass „Auf den Platten” oder „In den Kellernen”, den wir um 4 ¾ Uhr erreichten. Hier staken wir nun in ziemlich dichtem Nebel, der uns jede Aussicht verwehrte, auch unsern weitern Weg und die kellerartigen Vertiefungen oder kleinen muldenförmigen Dolinen der Gegend verbarg, von denen der Pass den Namen hat. Diese Bodeneinsenkungen finden sich namentlich östlich vom Pass gegen den Tschingel und gegen das Tschingelthäli und heissen hier im Volksmund „Kellernen”. Hinter Partnun, gegen Tilisuna, finden sich ähnliche Erscheinungen und die Vertiefungen heissen dort „Gruben”. An beiden Stellen haben die vorbeiführenden Pässe nach diesen Vertiefungen den Namen, hier also „Kellernenpass”, dort „Grubenpass”, oder „In den Kellernen” und „In den Gruben”. Der letztere heisst auch „Partnunpass”, der erstere nach der plattenförmigen Absonderung der Felsen auf der Nordseite auch „Auf den Platten”.
Trotz des Nebels schritten wir muthig weiter, dem Naafkopf zu, uns möglichst an den Grat haltend, der keine Schwierigkeiten bereitet und nur unbedeutende Gegensteigungen aufweist. Der Nebel wurde aber immer dicker und unheimlicher; wir sahen bald rein nichts mehr. Als wir dem Naafkopf schon nahe sein mussten, machten wir auf einem rundlichen Felsrücken Halt und hielten Kriegsrath, ob weiter zu gehen oder umzukehren sei. Da erschien uns durch den Nebel in scheinbar ungeheurer Entfernung und Höhe die wohlbekannte Form des Naafkopfs. Wir meinten im ersten Augenblick, uns tüchtig verirrt zu haben. Aber ein von Jes heraufkommender Wind fegte Wolken und Nebel in zwei bis drei Minuten sauber weg und der kurz vorher so entfernt und hoch scheinende Naafkopf stand nun unmittelbar vor uns, so dass wir ihn mit wenigen Schritten erreichen konnten. Es war 6 Uhr 15 Min., wir hatten also von Stürvis herauf 2 ¾ Stunden gebraucht. Bei hellem Wetter würden uns wohl 2 ¼ Stunden genügt haben.
Jetzt hatten wir prächtigen Sonnenschein und eine wunderschöne Aussicht. Das Gebirgspanorama ist demjenigen des Falknis natürlich sehr ähnlich, aber der Blick in die Thäler und in die nächste Umgebung doch ziemlich verschieden. Man sieht tief hinab in die obern Theile des Samina- und Gamperdonathales mit den schönen, hüttenbesäeten Böden von Steg und St. Rochus, dann Stücke des Prätigaus und des Rheinthales mit Chur und weiter unten Buchs, Werdenberg, Grabs und Gams. An Gebirgen hat man vor Allem das ganze, weite Gebiet der Bündner Alpen: die stolze Reihe der Albulakette mit dem Piz Kesch als Centralstock, dem Piz d’Aela und Tinzenhorn einerseits, dem Flüela Schwarz- und Weisshorn andererseits als stattlichen Flügelmännern, darüber hinaus die blendend weisse Berninagruppe, rechts die ausgedehnten Massen des Bündner Oberlandes mit dem Rheinwaldhorn und seinen Trabanten, links die hörnerreiche und schön vergletscherte Silvrettagruppe vom Piz Linard bis zum Fluchthorn und im Mittel- und Vordergrund das Plessurgebirge in schöner Gruppirung und den kühn gebauten Rhätikon mit seinen südlichen und nördlichen Vorbergen. Die Scesaplana vor Allem imponirt gewaltig mit dem senkrechten Absturz des Gipfels nach Norden und mit den colossalen, wild zerrissenen Wänden des Panüeler Schroffen, deren Charakter sich auch in den vielgezackten Ketten des Zimbaspitz und des Fundelkopf wiederholt. Im westlichen Ausschnitt des Horizontes schliessen den Kreis die östlichen Theile der Tödikette mit der Sardonagruppe und den Grauen Hörnern, weiter draussen der Glärnisch und Mürtschenstock und endlich die Alvier-Churfirstenkette und die Appenzellerberge mit Säntis und Altmann. Gewiss ein Panorama von grosser Erhabenheit und Schönheit und wohl werth, dem so leicht und auf verschiedenen Wegen zugänglichen Naafkopf eine grössere Zahl von Besuchern zuzuführen.
Um 7 Uhr 15 Min. machten wir uns wieder auf den Weg, denn wir hatten viel noch im Sinn. Durch den Schwarzen Gang, von Punkt 2498 m gegen das Weiss Sand, stiegen wir hinunter in den Hintergrund von Jes. Der Gang ist interessant, führt über Felsenstufen und stellenweise über kleinere Schutthalden und sogenannnte „Härtelen” oder „Härdelen”, d.h. erdige, aber unbewachsene Stellen – Härd = Erde – westlich und nordwestlich an den Südwänden des Naafkopfs hinunter, mit den Felsen mehrfach ein- und ausbiegend und vielleicht nicht für Jedermann passirbar. Vom Weiss Sand weg überschritten wir mehrere Felsrippen und stiegen dann auf einer derselben westlich hinauf zum Punkt 2391 m. Die Felsrippen waren schneefrei, die kleinen Thälchen dazwischen aber mit ziemlich weichem Schnee erfüllt. Von Punkt 2391 m an führte uns der Grat nordwestlich an den hintern Grauspitz, den wir an seinen Südflanken auf schmalen Felsbändern traversirten, um die Einsattelung zwischen beiden Spitzen zu erreichen. Die Felsbänder werden gebildet durch die einander treppenförmig ablösenden Schichtenköpfe der hier auf kurzer Strecke westlich fallenden rothen, weissen, grauen und dunklen Kalkschichten und bieten überall guten Stand und Griff, erfordern aber Schwindelfreiheit und einige Beherztheit. Am meisten Schwierigkeiten bereitete ein Couloir, das wir abwärtskletternd überwinden mussten. Vom Sattel kamen wir dann mit leichter Mühe und in wenigen Minuten um 10 Uhr 15 Min. auf den vordern Grauspitz, der mit 2601 m der höchste Punkt der Falkniskette ist. Wir hatten also vom Naafkopf an mit Einschluss von 45 Minuten für Rasten genau 3 Stunden gebraucht.
Die Aussicht ist mit Ausnahme der nächsten Umgebung von derjenigen des Naafkopfs und des Falknis so wenig verschieden, dass sie hier nicht weiter braucht geschildert zu werden. Nur die schönen Blicke in die umliegenden Alpthäler Jes, Radaufis, Samina und Lavena seien besonders erwähnt, sowie die prachtvollen Schichtenverbiegungen, die die Felsen in diesem Gebirgstheil aufweisen und die in Folge der verschiedenen Färbung (roth, weiss, braun, hell- bis dunkelgrau und schwarz) der Jura- und Seewenschichten ein deutlich gebändertes Aussehen erhalten.
Um 10 Uhr 45 Min. wandten wir uns dem hintern Grauspitz zu und erreichten denselben, grossentheils auf dem Grat marschirend oder kletternd, um 11 Uhr 15 Min. Hier fanden wir eine Flasche, aber keinen Zettel. Diese Spitze ist also schon früher bestiegen worden, nur ist unbekannt, von wem. Auf dem vordern Grauspitz fanden wir keine Spuren einer frühern Besteigung.
Der oberste Theil des Lavenathals – auf der Excursionskarte fälschlich Lauenenthal – gegen die Grauspitzen hinauf heisst Temerathal, nicht Pemerathal wie auf der gleichen Karte steht. Dasselbe wird gegen Samina begrenzt durch das aus der Nähe des hintern Grauspitz herabziehende Temeragrätli, welches die Kette der Drei Schwestern oder die Saminakette mit dem Rhätikon verknüpft. Ueber dieses Grätchen stiegen wir nun hinunter bis gegen den Punkt 2360 m und sausten dann in einer lustigen Rutschpartie mehr als 400 m tief über die schneeigen Hänge westlich hinab ins Thal. So waren wir bald wieder aus der Region des Schnees heraus, der in den nördlich geneigten, schattigen Thälern noch bis unter 2000 m und stellenweise bis unter 1800 m reichte, während die südlichen Thäler, die sonnigen Gräte alle schneefrei waren. Aus dem Temerathal marschirten oder stolperten wir, je nach der Beschaffenheit des Bodens, über theilweise sehr steile Schutt- und Grashalden um den Nordfuss des Falknis nach Westen und dann wieder hinauf auf den Mazoura- oder Guschagrat, den wir um 2 Uhr erreichten. Eine kurze Rast auf der sonnigen Höhe, die gerade im prächtigsten, farbenreichsten Blumenschmuck prangte, war nach den Anstrengungen der letzten zwei Stunden und vor dem uns bevorstehenden kniebrechenden Marsch über die steilen Gras- und Waldhalden hinunter nach Guscha, Luziensteig und Maienfeld gerade kein Luxus mehr und ebenso wenig die zwei Fläschchen, die wir uns auf der Steig verschrieben. Bis Guscha direct westlich, wenn nöthig im Zickzack, absteigend und von da nach der Steig wählten wir die kürzesten, dafür aber auch steilsten Wege und schritten rasch und kräftig aus. Dann aber nahmen wir es etwas gemächlicher, da wir bis zur Abfahrtszeit des Zuges, der mich wieder nach Schiers zurückbringen sollte, alle Zeit hatten. Enderlin hatte nicht genug daran, mir ein ausgezeichneter Führer gewesen zu sein, zum Schluss war er mir auch noch ein aufmerksamer Wirth, beides nicht um Geldes willen, sondern aus treuer Freundschaft und weil ihm das Wandern selber der schönste Lohn ist, wie dem Sänger das Lied. Ehre solchen Männern!
(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1891)

Kreuz und quer im Rätikon

… führten mich endlich die sonnigen Tage des Herbstes in die heimatlichen Fluren des Prätigaus, das nie herrlicher prangt, als im Spätjahr, wenn das Schwarzgrün der Tannen und das helle Gelb der Lärchenwälder, der bunte Schmuck des Laubwaldes, der in allen Schattirungen vom lichten Golde bis zum dunkeln Purpur spielt, das Grün der Wiesen und das matte Braungrau der oberen Alpweiden, deren Sommergewand verblasst ist, sich mit dem weissen Schimmer der höheren Fels- und Schneeberge und dem Blau des Himmels zu einem Bilde von wunderbarer Farbenpracht vereinigen. Allerdings bringt der Herbst für den Bergsteiger den Nachtheil mit sich, dass die Tage schon recht kurz werden, aber für die meisten Touren in unserem gegenwärtigen Clubgebiete genügt auch ein kurzer September- oder Octobertag vollständig.

Es war der 21. September, als ich im Prätigau eintraf und für einige Ferienwochen meinen Aufenthalt in Schiers nahm, welches Standquartier allerdings sehr tief, nur 660 m über dem Meere, liegt, dafür aber die Annehmlichkeit bietet, dass man von da aus leicht in alle Theile des Rhätikon- und des Hochwanggebietes gelangen kann. Auch relativ entferntere Höhen, wie Madrisa, Weissfluh, Pischa etc., werden von hier aus bequem in einem Tage erstiegen, seitdem die Bahn Landquart-Davos dem Touristen auf dem Hin- und Rückwege die streckenweise langweilige und namentlich sehr zeitraubende Thalwanderung abnimmt.

… In warmem Sonnenschein, in sehr behaglicher Stimmung verweilte ich etwas mehr als eine Stunde auf dem Gipfel ((Madrisa)). Dann betrat ich den Grat, der zu Punkt 2817 hinführt, verliess denselben jedoch bald, um mich den Schneefeldern zuzuwenden, über die ich in sausender Rutschpartie in wenigen Minuten auf die Gafierplatten gelangte. Hier glaubte ich einen Schuss zu vernehmen, konnte aber trotz eifrigen Umherspähens den oder die Jäger – es war der letzte Tag der Hochjagd – nicht entdecken. Und doch hatte ich mich nicht getäuscht; wie ich nachher vernahm, hatten sich einige Nimrode von Luzein dieses Gebiet auserkoren und auch jener Schuss hatte sein Ziel nicht verfehlt. In raschem Schritte durcheilte ich die Gegend zwischen den Bändern und den Ausläufern der Plattenfluh, sowie das mir neue Gafienthal, dem ich gern mehr Zeit gewidmet hätte; doch ich musste eilen, wenn ich noch den Abendzug nach Schiers erreichen wollte. Etwas nach 4 Uhr betrat ich das sehr empfehlenswerthe Gasthaus der Frau Lötscher-Buol in Castels (St. Antönien), mir den Scheffel’schen Vers auf meine Art zurechtlegend: „Wär nicht ein Trost im Thal Veltlin, genannt der Valtelliner, Ich fluchte auf das Engadin und auf die Engadiner.”
An Unterhaltungsstoff mit der gesprächigen Wirthin fehlt es nicht. Jagd und Schmugglerwesen bringen auch im Herbst noch Leben in dieses abgelegene Thal, das jetzt freilich durch ein Strässchen mit Küblis verbunden ist. Das Hochwasser des Jahres 1890 hat aber diese Verbindung an mehreren, den Rüfen ausgesetzten Stellen bedenklich mitgenommen. Es ist in der That sehr zu bedauern, dass die Bewohner des Luzeinerberges sich nicht zu gemeinsamem Vorgehen mit den St. Antöniern und zur Führung der Strasse über das aussichtsreiche Pany aufraffen konnten, zumal letztere Route an landschaftlichen Reizen dem in der Tiefe dahinziehenden Schanielawege weit überlegen ist. Von dieser Aussicht sah ich freilich nicht mehr viel, als ich, in Pany bei schon eingebrochener Dunkelheit angelangt, den holperigen Weg nach Jenaz hinunter zurücklegte, der mir einige mit dem Beten in sehr entfernter Verwandtschaft stehende Ausrufe entlockte. Doch kam ich rechtzeitig unten an und die kurze Fahrt nach Schiers schloss den schönen Tag.

Schweizerthor und Drusenthor.
Auf allen meinen Herbsttouren hatte ich reichlich Gelegenheit, mich von den Verheerungen zu überzeugen, die die gewaltigen Regengüsse des letzten Sommers verursacht haben. Unberechenbaren Schaden haben Erdschlipfe angerichtet, selbst an Orten, die man in dieser Beziehung vollständig ungefährdet glaubte, wie z.B. in der Foppa unterhalb Fajauna bei Schiers. Es dringt davon nicht viel durch die Presse in die Oeffentlichkeit, weil eben nicht der einzelne Fall, sondern die Summirung all der zahllosen kleinern Verwüstungen den oben gebrauchten Ausdruck rechtfertigt. Und dazu ist darin eine weitere Gefahr für die Zukunft enthalten; denn Verbauungen werden vielerorts unterbleiben und jene gelben Furchen, deren Anblick den Beobachter schmerzlich berührt, können als Anfänge von Tobelbildungen verhängnissvoll werden.
Schuders, das diesfalls in sehr exponirter Lage sich befindet, ist noch ziemlich glimpflich davongekommen. Diesen Eindruck empfing ich wenigstens, als mein Weg mich am 3. October dort vorbeiführte. Heute ging’s dem Schweizerthor zu, das ich noch nie passirt. Der Uebergang ist durchaus nicht gefährlich; nur muss man keine Geniestreiche begehen wollen, wie ich, als ich, etwas rechts von der Zahl 1947 auf der Karte ausgehend, das Rasenbändchen direct erkletterte, über das der Weg eigentlich führt, wie dies die Karte auch richtig zeigt. Ich gelobte mir damals, keine solchen Abkürzungen mehr versuchen zu wollen. Einmal drüben, besichtigte ich, zum Oefenpass und von dort zu Punkt 2374 zwischen dem Oefenpass und dem Zernaierjöchl aufsteigend, die Drusenfluh. Dieselbe ist eine imposante Berggestalt und übertrifft an Kühnheit und Eleganz der Formen selbst den Alpstein und Panüeler Schroffen, so massig und compact dieselben auch der Tiefe entsteigen. Zwei Stellen bemerkte ich, die mir als Ausgangspunkte für einen Besteigungsversuch geeignet erschienen; doch hier überlasse ich das Feld Hrn. Imhof, der am folgenden Sonntage mit Führer Sprecher von Seewis auf neuem Aufstiege die von Schweizern bisher noch nie betretene Spitze erreichte. Für mich war es heute zu spät, auch nur einen Versuch zu wagen. Ich war Morgens erst um 7 ½ Uhr aufgebrochen, war ziemlich lange in der Gegend des Zernaierjöchls verweilt und hatte noch einen weiten Heimweg über das Drusenthor und das Garschinafürkli vor mir, der denn auch den Charakter einer wahren Hetzjagd annahm.
Um zum Drusenthor zu gelangen, hat man an Höhe ziemlich einzubüssen, vom Oefenpass aus circa 400 m; dann kann man in südöstlicher Richtung traversiren, statt bis zu den Hütten der Obersporn-Alp hinabzusteigen und von dort aus den gewöhnlichen Passweg zu benutzen; doch hat die Traverse des lästigen Krummholzes und der Schutthalden wegen wenig Werth. Eisjöchl, Zahn und Thurm bei demselben und die drei Thürme des östlichen Massivs, alle auf dem heutigen Wege sichtbar, geben der Gegend ein eigenartiges Gepräge und zeigen gar trotzige Formen. Wäre ich Zeichner, so müsste mir diese Partie unbedingt ins Jahrbuch. Um 4 Uhr stand ich auf der Sporrenfurka, wie das Drusenthor gewöhnlich auch im Prätigau genannt wird. Dieser Uebergang ist einer der interessantesten im ganzen Rhätikon und zeichnet sich in mehrfacher Beziehung aus, so durch seine Höhe (2350 m) und durch die Breite der Einsattelung. Während man bei der Passage des Schweizerthors erstaunt ein kleines grünes, quellenreiches Plateau betritt, bietet das Drusenthor ein erhabenes Bild des Todes; das Geröll lässt hier keine Vegetation aufkommen. Die charakteristischen Zahn- und Thurmformen fehlen auch dem eigentlichen Passgrate nicht; doch ist der Uebergang sehr leicht und erfordert durchaus kein Klettern. In der Umgebung findet man neben dem gewöhnlichen hellgrauen Kalk auch den rothen Seewerkalk stark vertreten. Auf der Nordseite erinnern muldenförmige Vertiefungen einigermassen an den Grubenpass. Das Drusenthor, sowie die Drusenfluh und ein Theil der Sulzfluh sind vom Bahnhof Schiers aus sichtbar, und diese prachtvolle Partie erregt die Aufmerksamkeit aller Eisenbahnfahrer, die sich um die Gebirgswelt interessiren. Wundervoll präsentirt sich dieselbe beim Sonnenuntergang, wenn die hellen Kalkwände, nachdem die Vorberge schon im Schatten liegen, noch lange in rothgoldenem Lichte strahlen.
Auf der Südseite ist der Abstieg nach der Schierser Alp Drusen der vielen Steintrümmer wegen etwas beschwerlich, und da der Alpweg nach Schuders bei mir überhaupt nicht in besonderer Gunst steht, so eilte ich über das Garschina-Fürkli und die gleichnamige Alp hinunter nach St. Antönien. Nach kurzem Aufenthalt im dortigen Gasthause trottete ich durch das an vielen Stellen gänzlich ruinirte Strässchen im Dunkel hinaus nach Dalfazza und Küblis, wo der 7 Uhr-Zug meine heute ziemlich strapazirten Glieder aufnahm.

Versuch auf die Kirchlispitzen.
Am 10. October vollführte ich eine ähnliche Passwanderung, wie eine Woche früher, aber mit einem anfänglich nicht beabsichtigten Abstecher. Morgens 7 Uhr Schiers verlassend, stieg ich, Schuders rechts liegen lassend, zum Schuderser Maiensäss auf und gelangte so auf jenen schönen grünen Rücken, der sich vom Gyrenspitz herunterzieht. Derselbe ist auch vom Thale aus sichtbar und wird gewöhnlich schlechthin „Berg” genannt. Er wird mit mehreren Hundert Stück Galtvieh befahren und ist Eigenthum der Gemeinden Schiers und Grüsch, welche darüber in einen ziemlich complicirten Process gerathen sind. Wer von Schiers aus das Cavelljoch erreichen will, wie es heute in meinem Plane lag, dem ist unbedingt zu rathen, die genussreiche, leichte Wanderung über den „Berg” sich nicht entgehen zu lassen. Lohnend ist schon der Anblick der langen, fast senkrecht aufsteigenden Drusenfluh mit den Pässen links und rechts, welches Stück der hier schon prächtigen Aussicht den Wanderer am meisten fesselt. Auch erhält man hier einen guten Einblick in die tief eingeschnittenen Tobel des Salgina- und Schraubaches. Mir weckte die Gegend mancherlei Jugenderinnerungen. Lächelnd dachte ich daran, wie ich einst in meinen Knabenjahren, als Hirtlein bei einem Bauer verdingt, die Aufgabe erhielt, allein von Landen (hinter Schiers) aus fünf Stück Jungvieh auf den „Berg” zu befördern, der mir damals noch terra incognita war. Ich trat die Fahrt mit meinen Schutzbefohlenen in ähnlicher Stimmung an, wie wenn etwa ein Forscher eine Expedition in den dunkeln Welttheil unternimmt, jedoch mit dem Unterschiede, dass mein Bauer mir den Weg auf ein Blatt Papier vorgezeichnet hatte. Glücklich entledigte ich mich meines Auftrages und pries von Herzen das Salz als unschätzbares Lockmittel für die muthwilligen „Galti”.
Auch der aus der Tiefe heraufgrüssende Maiensäss Salgina, wo ich manche Nacht zugebracht, erinnerte mich an die Zeit, da ich als sogenannter Herbsthirt mit dem Stecken meines Amtes waltete. Wenn nämlich das Vieh von den Alpen abgetrieben worden ist, so beginnt noch nicht sofort die Stallfütterung, sondern es kommt dann zunächst auf die Grummetweide der Privatgüter, wo es natürlich der Aufsicht eines Hirten unterstellt sein muss. Zu diesem Zwecke dingt der Bauer, wenn er nicht eigene Kräfte zur Verfügung hat, einen Knaben, meistens aus der ärmern Classe der Bevölkerung, die kein Grossvieh besitzt. Der Dienstherr, bei uns „Patrun” genannt, gibt seinem Angestellten Kost und Logis. Klingenden Lohn erhält der Herbsthirte nicht, dafür aber ein derbes Paar Schuhe. Die Dienstzeit dauert vier bis fünf Wochen und ist eine Art Nomadenleben. Jeder Bauer besitzt nebst dem eigentlichen Heimwesen noch mehrere Güter, die oft stundenweit von seinem Wohnsitze entfernt sind und deshalb eigene Gebäulichkeiten, einen langen Stall mit angebautem Hüttchen, aufweisen. Daher rührt es auch, dass, wie Sererhard sagt, selten ein anderes „Land” so viele Dächer zeigt, wie das Prätigau. Die braunen Holzbauten sind oft sehr malerisch gelegen und muthen Einen heimelig an. Je nach der Grösse des Gutes und der Menge der vorhandenen Herbstweide wird nun das Vieh nach der Alpentladung 8 bis 14 Tage hier gehalten. Dann wird „gezückt”, d.h. der Eisenkeil der Viehkette mit eigens hiezu construirtem Hammer aus dem Holze herausgetrieben, und fort geht’s auf einen andern Maiensäss. So gelangt man nach und nach zum „Heimet” des Bauers. Mangel an Weide oder das Eintreten rauher Witterung bannen dann das Vieh Ende October in den Stall, und der Herbsthirte wird überflüssig. Kalte, neblige Tage ausgenommen, hat er ein zufriedenes, glückliches Dasein hinter sich. Mir gefiel dieses Leben so wohl, dass ich einst, als das Winterschulsemester schon begonnen hatte, das Hüten aber noch nicht beendigt war, nicht einrückte und mein Vater mich vom obern Busserein herunterholen musste mit der mir schrecklichen Drohung, ich dürfe sonst die Seminar-Uebungsschule nicht mehr besuchen!
Im hintern Theile des Schraubachgebietes liegen die Hauptwaldungen der Gemeinde Schiers, von denen namentlich Sunni- und Liziwald zu erwähnen sind (Liziseite heisst so viel als Schattenseite). Man trifft in ihren untern Regionen häufig noch Buchen; sonst aber bestehen diese Wälder aus prachtvollen hochstämmigen Tannen. Das Holz muss durch Flössen ins Thal hinausbefördert werden. Eine Ausnahme macht man beim Bauholz, den „Blöckern” oder „Tütschi”, deren Transport meist im Winter auf dem mit vieler Mühe practicabel gemachten Schlittwege vor sich geht. Wege im eigentlichen Sinne des Wortes führen nicht in diese Wälder, und ich wage nicht zu entscheiden, ob die enormen Baukosten und namentlich der äusserst kostspielige Unterhalt eines Strässchens durch den hieraus resultirenden Mehrwerth des Holzes aufgewogen würden. Das Flössen lässt das Holz an Werth verlieren, ist bei niedrigem Wasserstande höchst mühselig, bei höherm gefährlich und mit viel Risiko verbunden. Tritt während dieser Arbeit Regenwetter ein, so sieht sich der Flösser meistens um die Früchte seines Fleisses betrogen. Der sogenannte „Ueberschlag”, eine Art Schwellvorrichtung, durch welche das Holz aus dem Schraubach in den Mühlbach geleitet wird, wo es als gesichert zu betrachten ist, fällt dem furchtbar angeschwollenen Gewässer fast regelmässig zum Opfer, und die schönen „Spälten” schwimmen dann der Landquart zu, die sie theils an den Ufern und auf den Zwischensändern liegen lässt, zum grössten Theile aber mit sich fortnimmt. Auf diese Weise gingen z. B., als der Kirchwald am Stelserberg oberhalb Schiers abgeholzt wurde, in einer einzigen Nacht weit über hundert Klafter verloren. Zu solchen Zeiten haben die Bewohner des Rheinthals bis hinunter zum Bodensee Gelegenheit zu einer Art natürlich gerechtfertigtem Strandraub und eilen dann in hellen Haufen an den Strom, um das aus dem Kanton Graubünden herabgeschwemmte Holz aufzufischen.

Das Salginatobel ist weniger weitläufig und ärmer an Waldungen, von denen grosse Strecken gelichtet wurden, um Weide zu gewinnen; daher die „Schwendi” unterhalb Salgina. Die einschliessenden Bergabhänge sind theilweise sehr steil, und wer einmal in die Lage kam, in solchen Seiten herumzuklettern, die mit ihrem faulen, weil leicht verwitternden Schiefer ganz verwünschte Schwierigkeiten bieten, wird dieselben in Zukunft gerne vermeiden. Betrachtet man die Seitentobel und Rüfen, deren namentlich das Salginatobel viele aufweist, die aber auch dem eigentlichen Schraubach durchaus nicht fehlen, so wundert man sich nicht, dass letzterer bei anhaltendem Regenwetter so dunkle, schlammige Fluthen daherwälzt und sein Wasser zur Bodenanschwemmung für die verwüstete Thalsohle zwischen Schiers und Grüsch verwendet werden kann. Gewöhnlich aber ist der Salginer wasserarm und das Flössen dann höchst beschwerlich, was wir vor bald zehn Jahren selbst zu erfahren Gelegenheit hatten. Mehrere Tage waren wir, unserer Drei, in jenes Tobel hineingewandert, hatten schliesslich einige Klafter Holz aufgerüstet und vertrauten dieses dem Wasser an. Das Flössen ging verzweifelt langsam vor sich, so dass Freund M. ergrimmt ausrief: „Bis jedä Broch ä paar tusig Stüpf hed, will är nid ab Fläck.” Lebhaft wünschten wir mehr Wasser, das uns denn auch noch zu Theil werden sollte. Am Morgen des dritten Tages gelangten wir endlich in den Schraubach. Ein leichter Regen, anfänglich nicht ungern gesehen, hatte sich eingestellt, wurde aber immer intensiver und spornte uns zu angestrengtester Thätigkeit an, da der Bach sichtlich anschwoll. Schon waren wir in der Nähe des Dorfes, an der Stelle, da der Mühlbach abzweigt, in den wir noch etwa die Hälfte unseres „Flotzes” befördern konnten; dann aber riss das tobende Gewässer den „Ueberschlag” weg; die andere Hälfte schwamm auf Nimmerwiedersehen der Landquart zu, und wir selber kamen beim Uebersetzen auf das rechte Ufer in Lebensgefahr. Unser „Lentimahl” fiel nicht gerade grossartig aus.

Doch ich wollte ja eigentlich von meiner Wanderung reden; der Blick nach Salgina hinunter trägt die Schuld an der kleinen Abschweifung. Den „Berg” verlassend, gelangt man mit leichter Mühe über einige Tobel in die Gegend des „Steinhüttli” und von dort in nordwestlicher, fast horizontaler Richtung auf die Wasserscheide zwischen Cavell- und Valserbach. Wie auf der Karte der Name „Goldrosenhütte” sich einbürgern konnte, ist mir unerklärlich; bei uns wird der dortige Uebergang immer „auf Colrosa” oder „Calrosa” genannt, mit deutlicher Betonung der zweiten Silbe. Bis hinauf zur Höhe des Cavelljoches ist’s noch eine Viertelstunde; es war 11 ½ Uhr, als ich dort oben ankam. Zunächst genoss ich mit Musse das schon oft gesehene, aber immer wieder mit neuem Zauber fesselnde Bild des Lünersees mit seiner grossartigen Umgebung. Auch der kecken Zimbaspitze, die von jeder Seite ihrem Rufe Ehre macht, galt meine Aufmerksamkeit. Dann erfrischte ich mich gründlich, worauf es an eine Besichtigung des Absturzes der Kirchlispitzen zur Passhöhe ging. Doch erhielt ich bald den Eindruck, dass hier an einen Aufstiegsversuch nicht zu denken sei. Als ich mich zufällig umwendete, sah ich drei Gestalten von der Schweizerseite her das Cavelljoch betreten. Jede hatte einen ziemlich schweren Sack auf dem Rücken, welche Last eilig niedergeworfen wurde. Hierauf lagerten sich die Männer behaglich im Sonnenschein. Bald dämmerte mir ein Licht auf, auf was für Wegen sie sich befinden möchten, und da es mir nicht unerwünscht war, einmal mit Schmugglern, vulgo „Cuntrbändlern”, zusammenzutreffen, so verfügte ich mich zu ihnen hinüber. Meine Frage, ob sie Geschäfte in Kaffee machten, bejahten sie lachend. Einmal ins Gespräch gekommen, waren wir bald in gemüthlicher Unterhaltung begriffen. Sie kamen durch das Valsertobel von Seewis, und Jeder hatte 25 kg Kaffee geladen, welcher Artikel schwunghaft hinübergeschmuggelt wird. Von meiner Unverdächtigkeit hatten sie sich bald überzeugt, und so erfuhr ich denn interessante Einzelheiten über die Art und Weise, wie sie den, nicht der Bodenbeschaffenheit, wohl aber der „Finanzer” wegen gefährlichen Abstieg bewerkstelligen wollten. Was für Kniffe zur Irreführung der Grenzjäger angewendet werden, setzte mich in Erstaunen; selbstverständlich mache ich aber hier von den Enthüllungen keinen Gebrauch. Der Aelteste von den Dreien schien mir ein besonders geriebener Patron zu sein. Kräftig und gewandt, intelligent, mit ziemlichen Kenntnissen von Land und Leuten hüben und drüben, eignet derselbe sich wohl zur Einweihung jüngerer Genossen in die Geheimnisse dieser „freien Kunst”. Wohlgefällig erzählte er mir, wie er einst mit seiner Familie in Nationaltracht eine Schweizerstadt besucht, dort die Aufmerksamkeit der Bewohner auf sich gezogen habe und, mit Empfehlungen eines Prätigauers versehen, an verschiedenen Orten zuvorkommend aufgenommen worden sei. Mit Interesse betrachtete er die Excursionskarte des S.A.C. und war, wie seine Gefährten, sichtlich überrascht, den Lünersee hier so gross und formgenau zu finden. Hier erfuhr ich auch, was mir übrigens schon Hr. Imhof mitgetheilt hatte, dass der Uebergang von der Lüneralp zum Schweizerthor nicht Nerrajöchl, sondern Verrajöchl heisst; denn die Gegend bis hinauf zum erwähnten Joche bezeichneten sie auf meine Frage als Verraalp. Beiläufig bemerke ich, obwohl es eigentlich nicht hieher gehört, dass die Alp nordwestlich vom Bettlerjoch, im hintern Theile des Saminathales, welche die Excursionskarte Pritschalp nennt, richtig Gritsch heisst. Es ist dies dieselbe Alp, in welcher vor einigen Jahrzehnten eine Gesellschaft von Bündner-Jägern, die im Liechtensteinischen wilderten und gar zu sorglos in der Gritschhütte übernachteten, durch von Vaduz herbeigerufenes Militär umstellt und gefangengenommen wurde, bei welchem Anlasse einer der Jäger erschossen wurde.
Nach gut dreiviertelstündiger Rast schickten sich meine Gesellschafter an, aufzubrechen. Ich stieg mit ihnen gegen den See hinab, nahm dann Abschied und schwenkte, nachdem ich schwach 200 m an Höhe verloren, dem Verrajöchl zu. Besonders aufmerksam betrachtete ich heute die Kirchlispitzen. Dieselben sind eine interessante Erscheinung und zeigen einige Aehnlichkeit mit den Saxerköpfen in der Säntisgruppe. Sie würden entschieden imponiren, ständen sie nicht zwischen Scesaplana und Drusenfluh. Von einer Besteigung der höchsten Spitze ist nichts bekannt, da die geringe Höhe (2555 m) und die dem Anschein nach zu erwartenden Schwierigkeiten jedenfalls nicht zu einem Besuche ermunterten. Die Felswände fallen auf der Schweizerseite fast senkrecht ab und stellenweise auch auf der Nordseite; doch finden sich hier auch ziemlich lange und breite Halden von mässiger Steigung, dem Untenstehenden der nächsten Felsen wegen theilweise nicht sichtbar und auf der Karte nicht mit genügender Genauigkeit zu erkennen. Wie ich nun längs der untern Felspartien des westlichen Theiles dahinwanderte, gelangte ich zu einer Geröllhalde, die ziemlich weit hinauf das Vorwärtskommen zu gestatten schien. Diese Halde mag ungefähr da ausmünden, wo auf der Karte im Wort „Kirchlispitzen” das p steht. Sie begann oben am Fusse einer kühn geformten Pyramide, die jedes weitere Vordringen in dieser Richtung hemmen musste, und die ich irrthümlich für die höchste Spitze oder doch derselben sehr nahestehend hielt. Ich beschloss, einen Versuch zu wagen; denn ich glaubte ein schmales Bändchen zu bemerken, das, westwärts laufend, mich auf die Felsen führen konnte, unter denen ich in der Alp gewandert und über welchen ich eine Art Plateau vermuthete. Ohne Schwierigkeiten gelangte ich hinauf unter die Felswand, wo sich eine Höhle befindet, die aber nicht einmal 10 m tief in den Felsen hineinführt. Dort verliess ich den Schuttkegel, dessen oberer Theil mit festgefrornem altem Schnee bedeckt war, welchen ich, trotz der Steilheit des Gehänges, leicht hatte passiren können. Nun musste nach Westen abgeschwenkt werden. Was mir, von unten gesehen, als schmales Bändchen vorgekommen war, erwies sich jetzt als eine theils mit Geröll, theils mit Schnee bedeckte und mit felsigen Stellen durchsetzte Halde, über welche ich, nicht ohne einigemal umkehren zu müssen, zu einer Art Gemstobel à la Sulzfluh gelangte, durch welches der weitere Aufstieg ohne besondere Beschwerde vor sich ging; doch war beständig Vorsicht nöthig, da zu dieser Jahreszeit auf der Schattenseite immer verschiedene ungünstige Factoren zusammenwirken. Der Schnee war sehr hart, das Geröll fest zusammengefroren; ein Ausgleiten musste schlimme Folgen haben, wie ich an einigen versuchshalber losgelassenen Steinen beobachtete. Am schwersten waren übrigens die felsigen Stellen zu überwinden, dieselben waren wie mit Glasur überzogen, was wahrscheinlich von einer minimen Schicht frischen Schnees herrührte. Früher als ich’s gedacht, erreichte ich indessen, nun in südlicher Richtung wandernd, den von Westen nach Osten streichenden Grenzkamm, und zwar auf einer Einsattelung zwischen den Spitzen 2555 und 2541, der letztern etwas näher liegend. Diese Einsattelung mag nach meiner allerdings sehr oberflächlichen Schätzung etwas unter 2500 m Höhe haben. Hier spendete mir die Sonne wieder ihre wärmenden Strahlen, und während einer kurzen Rast genoss ich die hier natürlich nicht umfassende Aussicht, die aber das Auge dennoch fesselt durch den Blick über die hohe Felswand hinunter auf Vorder- und Hinterälpli. Dann aber galt es zu entscheiden, auf welche Seite ich mich wenden wollte. Westlich schien der Grat leicht Punkt 2541 gewinnen zu lassen; in ostnordöstlicher Richtung hatte ich die vorher erwähnte Pyramide vor mir, der ich schliesslich den Vorzug gab; denn wenn ich auch jetzt schon stark bezweifelte, dass sie die höchste Erhebung bilde, so konnte doch von dort aus vielleicht die oberste Spitze, Punkt 2555, erreicht werden. Von der Einsattelung führt ein nicht sehr einladend aussehender Grat hinüber, nach der Nordseite mehrere kleinere Kamine entsendend, die zwischen kleineren Felsköpfen ihren Anfang nehmen. Theils über letztere, theils mit Benutzung des obersten Theils der Kamine gelangte ich leidlich bis fast auf die vermeintliche Spitze; aber wenige Meter unter derselben vermochte ich nicht mehr weiter zu kommen, nicht wegen der besondern Steilheit, sondern weil dem obersten höckerartigen Theile die Vorsprünge und Zacken fehlen, die mir bisher guten Stand und Griff gewährten. Ein gewandterer Kletterer hätte die Schwierigkeiten jedenfalls überwunden; ich wagte es nicht. Es war aber auch kein besonderes Interesse mehr vorhanden; denn von meinem Standpunkte aus erblickte ich nun deutlich, etwa 200 m östlich, den Punkt 2555. Von meiner Pyramide aus, die übrigens diese Benennung nur von Nordwesten aus rechtfertigt, führt ein, wie mir schien, nicht sehr schwieriger Kamm fast horizontal zum Gipfel hinüber. Auf Schweizerseite läuft unter demselben in gleicher Richtung ein schmales Bändchen, dürftige Vegetation aufweisend, nach Süden in schwindlige Tiefe abfallend. Ich betrat dasselbe; aber es lief aus, bevor ich mich auf den wenig höhern Hauptkamm schwingen konnte, und ich war zur Umkehr gezwungen. Jetzt war mir zum ersten Mal etwas bänglich zu Muthe, denn noch stand mir das viel schwierigere Hinabklettern auf die Einsattelung bevor. Doch da half kein Zagen; nach kurzer Pause machte ich mich ans Werk. Ich war froh, heute noch keine geistigen Getränke genossen zu haben; dagegen verwünschte ich meinen Tornister, der mich auf alle erdenkliche Weise hinderte, und auch mein kurzer Stock ohne „Cuspe” war mir nur lästig. Tief aufathmend, erreichte ich endlich nach 20 Minuten aufregender Anstrengung den Sattel, wo ich neue Pläne schmiedete. Noch war es möglich, die westliche Spitze zu gewinnen, die scheinbar weniger Schwierigkeiten bot; aber ein Blick auf die Uhr zeigte mir, was zu thun sei. Es ging auf 3 Uhr; an einen directen Abstieg auf Schweizerseite war nicht zu denken und der weite Heimweg über Verrajöchl und Schweizerthor erforderte mindestens vier Stunden; Mondschein war nicht zu erwarten. Rasch formirte ich statt eines Steinmannes einen Kreis von Steinen und stieg dann vorsichtig zur Verraalp hinunter. Spuren eines früheren Aufstieges konnte ich nirgends finden; merkwürdigerweise entdeckte ich auch keine Gemsenspuren. Den Aufstieg bis zum Sattel kann ich auf Blatt Bludenz und Vaduz der österreichischen Generalstabskarte 1:75000 entschieden besser verfolgen, als auf der Excursionskarte. Obwohl erstere sonst zu unseren Siegfried-Blättern einen ähnlichen Contrast zeigt, wie ein guter Holzschnitt zu einem fein colorirten Bilde, zeichnet sie sich doch vielerorts durch vortreffliche Wiedergabe der Details des Terrains aus.
Der weitere Heimweg, der in beschleunigtem Tempo vor sich ging, bietet wenig des Erwähnenswerthen. Auf dem Verrajöchl angelangt, sah ich so recht, wie unüberlegt und planlos ich vorgegangen; denn wenn Punkt 2555 erstiegen werden soll, so geschieht es jedenfalls am leichtesten von hier aus, was ich freilich vorher nicht wissen konnte, da ich noch nie dieses Joch passirt hatte. Beim Schweizerthor unterliess ich heute jeden Abkürzungsversuch und benützte wohlweislich das Rasenband. Es dämmerte bereits, als ich auf dem nicht endenwollenden Alpwege gegen Schuders hinauswanderte. Dann hatte ich noch das Vergnügen, in ägyptischer Finsterniss die steile Cresta hinabzustolpern, von welcher der Sage nach der Teufel, als er sie hoch in der Luft gegen Schuders hineintrug, schon auf Busserein ein Stück verloren haben soll, was mir beim „Stutz” in der dortigen Gasse sehr glaubwürdig erschien. Um 7 ½ Uhr langte ich in Schiers an und verabredete noch am gleichen Abend mit zwei Clubgenossen eine Scesaplana-Fahrt, die denn auch, begünstigt vom prachtvollsten Wetter, am folgenden und nächstfolgenden Tage ausgeführt wurde und den Reigen meiner Wanderungen im Jahr 1890 in würdiger Weise schloss. Möge das Clubgebiet auch im Jahre 1891 seine Anziehungskraft bewähren und jedem Wanderer so helle Witterung beschieden sein, wie sie mir der Herbst 1890 bot!

Zum Schlusse erwähne ich noch, was mir auf meinen Streiftouren an Wild zu Gesichte gekommen ist. Da will ich vorerst bemerken, dass sich mir, trotzdem ich während dreier Wochen fast alle Tage ausrückte, auch nicht eine Gemse zeigte. Nicht etwa, dass sie so selten wären; aber die Tageszeit, in welcher ich die höhern Regionen erreichte, war in dieser Beziehung meist ungünstig. Die einzigen lebenden Gemsen, die ich im Excursionsgebiete je beobachtete, waren Waldthiere, welche öfters auf eine Wiese im Landquartberg gegenüber Schiers zur Weide herunterkamen, dorthin, wo auf der Karte die Zahl 855 steht. Längere Zeit konnte man dieselben vom Dorfe aus regelmässig Morgens und Abends sehen. Murmelthiere hörte ich viele und sah auch mehrere hinter der Drusenfluh. Acht Tage später, als ich die Kirchlispitzen besuchte, hörte ich ihre schrillen Pfiffe nicht mehr, obwohl sie in dieser Gegend sehr häufig sind. Wahrscheinlich hatten sie sich schon zurückgezogen, und wohl aus dem gleichen Grunde vermisste ich sie am 5. October an der Weissfluh, wo sie ebenfalls zahlreich vorkommen. Die Murmelthiere werden im Prätigau „Murmandä” oder „Murmändä” genannt, was der bekannten Ableitung von den Stämmen „mur”, resp. „mus” und „montan” entspricht. Der schönste Anblick wurde uns aber auf einer Tour nach Tschagguns zu Theil: auf der Tilisuna-Alp sahen wir vier Hirsche, die nicht gar eilig gegen Verspalen hinaufzogen, um dann, wahrscheinlich gegen die Sporn-Alp, zu verschwinden. Dieses edle Wild ist auch auf der Südseite des Rhätikon nicht ganz selten. Vor drei Jahrzehnten galt es im Prätigau fast als ausgestorben; nur wie eine Art Sage erzählte man sich, noch lebe „im Tobel drin” ein altes Exemplar von ausserordentlicher Grösse. Allgemein war man daher überrascht, als es Anfangs der siebenziger Jahre einem Jäger von Furna gelang, in einem strengen Winter einen prachtvollen Hirsch lebendig zu fangen. Auf den Märkten war das Wunderthier um Geld zu sehen, und auch ich bezahlte damals meinen Zehner, um es anzustaunen. In den letzten Jahren wurden in jeder Jagdsaison mehrere Hirsche geschossen. Manche der erlegten Exemplare habe ich selbst gesehen, darunter ein von dem tüchtigen Bussereiner Jäger David Willi geschossenes Prachtsthier von fast 200 kg. Gewicht.
Für die Armuth an Hasen mag der Umstand zeugen, dass ich nur eines einzigen ansichtig wurde. Allerlei Raubvögel, Steinadler, Falken, Weihen u.s.w., setzen dem Kleinwild furchtbar zu. Auerhahn und Birkhahn, die ich sonst etwa auf der Höhe des Landquartberges beobachtete, erblickte ich dieses Jahr nicht, ebenso wenig die schönen Pernisen oder Steinhühner, die mir früher hie und da begegnet waren. Schneehühner sah ich ziemlich zahlreich beim Drusenthor, an der Scesaplana dagegen nur ein einziges Exemplar. Ein drolliger, gar nicht scheuer Cumpan präsentirte sich mir auf der Alp Ober-Larein am Glattwang, nämlich der Tannenhäher, den ich viele Jahre im Prätigau nicht mehr beobachtet hatte.
Diese dürftigen, unzusammenhängenden Bemerkungen sollen nicht etwa zu einem Schlusse auf den Wildstand berechtigen; mit letzterem müsste es in diesem Falle sehr schlecht bestellt sein, was übrigens theilweise auch zutrifft, namentlich für das Gebiet des Rhätikon. Doch ist hierbei nicht zu vergessen, dass der flüchtige Tourist Manches unbeachtet lässt, was dem geschärften Auge des erfahrenen Jägers oder Naturforschers nicht entgeht.

(A. Ludwig, Section Scesaplana)
(Quelle: Jahrbuch 1890)

Aus den Bergen von St. Antönien

Am 31. Juli blieb ich daheim, um auszuruhen und einige Correspondenzen zu besorgen, aber am 1. August zog ich wieder aus. Ueber das Kreuz, das Kühnihorn und den Schafberg wollte ich zunächst Partnun erreichen. Das Kreuz ist ein Prachtspunkt und wird von den umliegenden Orten aus mit einer gewissen Vorliebe, aber doch noch viel zu wenig besucht. Ich war wer weiss wie vielmal da oben und habe es jedesmal gut getroffen. Die Tour kann eben leicht in einem Tag, ja selbst in einem halben Tag gemacht werden, und dabei kann man auf den verschiedensten Wegen auf- und absteigen. Man riskirt also nicht, bei gutem Wetter aufzubrechen und den Fuss des Berges zu erreichen, um dann am andern Tag bei Wind und Regen auf die wolkenumhüllte Spitze zu kommen oder ganz unverrichteter Sache umkehren zu müssen. Ein einziges Mal traf ich, es war an einem Abend bei Sonnenuntergang, auf der Ostseite des Berges gegen St. Antönien das Thal mit Nebel erfüllt, wodurch aber die Aussicht in die Runde umher nicht nur nicht vermindert, sondern um ein interessantes Stück, ein wohlausgebildetes Nebelbild, vermehrt wurde. Wir waren drei Personen und sahen unsere Schattenbilder, von einem prächtigen, kreisförmigen Regenbogen umschlossen, auf der Nebelwand. Die Figuren machten alle unsere Bewegungen und Stellungen genau nach und gingen sammt dem Farbenring mit uns hin und her. Standen wir nahe bei einander, so sah Jeder alle drei Figuren, doch sich selber am deutlichsten, entfernten wir uns von einander, so sah Jeder nur noch sich selber. Solche Nebelbilder kann man im Prätigau, wenn man darauf achtet, hie und da sehen. So habe ich sie schon beobachtet vom Gyrenspitz (auf dem Gyr 2167 m), ob der Luziensteig und von Fadera bei Seewis gegen das Rheinthal, zuletzt auch, bei meiner sechszehnten Besteigung, auf der Scesaplana am 25. Juli 1890, Morgens zwischen 5 und 6 Uhr, gegen den Südrand des Gletschers, in der Richtung des Schaflochs. Das letztgenannte Nebelbild, das von mehreren Personen, u. A. auch von unserem Jahrbuch-Redactor Wäber und seinen zwei Söhnen, sowie von Hrn. Seminarlehrer Zwicky in Schiers, gleichzeitig gesehen wurde, war mir dadurch merkwürdig, dass es sich binnen einer Viertelstunde auf den vom Winde bewegten Nebelmassen mehrmals bildete und wieder verschwand. Im Prätigau und draussen im Rheinthal kann man, wenn im Thal eine Nebelschicht liegt, während auf den Höhen die Sonne scheint, die Punkte bestimmen, von welchen man mit Wahrscheinlichkeit ein Nebelbild wird beobachten können. Man muss die Punkte so wählen, dass man hinter sich die Sonne, vor und unter sich die Nebelwand hat. Die Nebelbilder können aber sehr ungleich schön und deutlich erscheinen; es hängt das ab von der Dichte und Dicke der Nebelschicht, von der Entfernung derselben vom Beobachter und von der Reinheit der obern Luftschichten. Eine ausführliche Erklärung der Nebelbilder hat Professor A. Heim im XIV. Jahrbuch des S.A.C. (pag. 406 ff.) gegeben.
Um 6 ½ Uhr marschirte ich ab und stieg raschen Schrittes über Fajauna dem Stelserberg zu. Um 7 ½ Uhr war ich schon auf dem Hof, etwa 1380 m hoch, und hatte also in einer Stunde eine Höhe von 720 m erstiegen. Nun ging’s weniger steil über üppige Alpenweiden und bei fortwährend herrlicher Aussicht, namentlich auf den Rhätikon vom Falknis bis zur Sulzfluh, am Stelsersee vorbei und über den begrasten Rücken von Cavell auf’s Kreuz (2200 m) los, das ich exact um 10 Uhr erreichte. Die Luft war rein, die Aussicht darum sehr lohnend. Die anziehendsten Stücke derselben sind der Rhätikon und das Prätigau, die man beide in ihrer ganzen Ausdehnung überblickt, wenn auch nicht gerade jedes Dorf gesehen wird. Auch die Silvrettagruppe präsentirt sich prächtig, doch nur die eine Hälfte davon vom Piz Buin bis zum Piz Linard. Was nördlicher liegt, ist vom Madrishorn verdeckt. Nach Süden erheben sich in drei Etagen das Plessurgebirge, die Albulakette und die Berninagruppe, immer eines hinter dem andern und deutlich von einander zu unterscheiden. Doch muss man bei Weissfluh, Piz Kesch und Bernina, die fast in einer geraden Linie stehen, aufpassen, sonst erscheinen sie alle drei als ein einziger Berg. Weniger günstig zeigen sich die Adulagruppe und das Bündner Oberland. Man sieht dort nichts als ein weites Gipfelmeer und hat Mühe, die einzelnen Gruppen bestimmt von einander zu unterscheiden. Besser erkennt man wieder die St. Galler Oberländer mit den Grauen Hörnern, dem Calanda, der Ringelspitze und der Sardonagruppe.
Auch botanisch ist der Berg sehr interessant und bietet einzelne Seltenheiten unserer Gegend. … Es gibt keinen schönern Anblick, als die Hochfläche des Stelserberg bis zum See hinauf, wenn sie jeweilen in der ersten Hälfte des Juni im reichen Farbenschmuck der leuchtenden Alpenblumen erscheint. Dann sollte die umwohnende Bevölkerung hinaufpilgern, um die Bergweide in ihrer Herrlichkeit zu sehen, wenn diese als duftiger, hundertfarbiger Blumenteppich von wunderbarer Pracht erscheint! Und es wäre wohl der Mühe werth, auch von weiter her zu kommen, um etwas zu sehen, was man im Hochsommer, in der eigentlichen Reisezeit, niemals sehen kann.
Nachdem ich 40 Minuten auf dem schönen Berg verweilt, eilte ich in Sprüngen über steile Grashalden hinunter nach Valpun und dann durch eine Wald- und Sumpflandschaft nach der Einsenkung von Aschuel (1624 m), wo einige schöne Bauerngüter auch im Winter bewohnt sind und über welche der kürzeste Weg von Schiers nach St. Antönien führt. Um 11 Uhr 25 Min. war ich hier und dann um 12 Uhr im Meierhofer-Aelpli (1758 m) am Südabhang des Kühnihorn. Es war unterdessen heiss geworden an diesen sonnigen Halden, und ich kehrte darum gern auf eine Weile bei einem Bauern ein, der mich freundlich willkommen geheissen hatte. Um 12 ½ Uhr nahm ich Abschied und stieg nun während der heissesten Tageszeit im Zickzack die steilen Abhänge gegen das Kühnihorn hinauf. Allein in dieser Höhe belästigte mich die Hitze nicht so sehr, und so erstieg ich die 658 m doch in genau einer Stunde, denn um 1 ½ Uhr war ich auf der Spitze.
Das Kühnihorn (2416 m) bildet einen kurzen Grat, der nach Norden mit rauhen, verwitterten Felsköpfen steil abbricht, indes im Süden die Grashalden auch nicht sonderlich sanft sich absenken, so dass man an einzelnen Stellen kaum auf ihnen stehen kann und Mühe hat, sie zu traversiren. Der zum Theil ebenfalls noch bewachsene Gipfelgrat trägt zwei Steinmännchen, wovon das eine sehr gross ist und etwa 2 m Höhe hat. Ich notirte hier 26 Blüthenpflanzen, die Gräser nicht mitgezählt. Die Rinder steigen auch bis auf diese Höhe und auf den benachbarten Schafberg. Die Aussicht ist derjenigen vom Kreuz sehr ähnlich, besonders schön der Rhätikon. Vom Prätigau sieht man weniger, aber reizend ist der kleine, himmelblaue und von hier aus kreisförmig erscheinende Garschinasee. Um 2 Uhr 15 Min. verliess ich diesen Punkt und wanderte über den Grat nach dem Schafberg (2463 m), den ich um 2 Uhr 50 Min. betrat. Der Berg hat zwei fast gleich hohe Spitzen, die durch einen nach Nordwesten geöffneten Gratbogen verbunden sind. Von einer Spitze zur andern sind es fünf Minuten. Schafberg und Kühnihorn bestehen, wie das Kreuz, aus dunkelgrauem Thonschiefer. Die Schichten fallen nach SO., die Schichtköpfe und Steilhänge nach NW. Die letzteren sind felsig und stark verwittert und von vielen Runsen und Rufen durchfurcht. Die Vegetation ist, wie auf dem Kühnihorn und dem zwischenliegenden Grat, ziemlich reich, doch überwuchert auf dem Schafberg der blaue Eisenhut. Die Aussicht ist schöner und weiter, als auf dem Kühnihorn und dem Kreuz. Namentlich sieht man die Silvrettagruppe weit besser, mit Fluchthorn, Gross- und Klein-Buin, Verstanklahorn und Schwarzkopf, Plattenhörner und Piz Linard etc. Das Schönste und Grossartigste dieser Aussicht sind aber Sulz- und Drusenfluh mit dem dazwischenliegenden Drusenthor. Etwas Grossartigeres, als die ungeheuren Felsmassen dieses Riesenpaares, kann man in unserer Gegend nirgends sehen, und der Schafberg ist für deren Anblick der günstigste Punkt, der schon dieses einzigen Schaustückes wegen verdienen würde, von Partnun und St. Antönien aus fleissig besucht zu werden. Eine besonders empfehlenswerthe Tagestour ist die von Partnun über die Garschinafurka mit Abstecher auf den Schafberg und dann über die Schierser- (Drusen), Grüscher- und Schuderser-Alp nach Schuders und Schiers oder umgekehrt, was in der ersten Richtung etwa sechs, in der zweiten etwa acht Stunden erfordert, die Aufenthalte nicht eingerechnet.
Ich verliess den Schafberg um 3 Uhr 20 Min. und marschirte über die Garschinafurka und dann über die grosse Ganda, das Brunneneck und die schönen Partnuner Mäder hinunter nach Partnun. Die grosse Ganda ist südlich im weiten Halbkreis umschlossen von einer grossen Moräne, die stellenweise aus zwei oder drei concentrischen Kreisbogen besteht und die man z. B. auch von der Sulzfluh aus sehr gut sieht. Auf der Excursionskarte ist sie deutlich verzeichnet. Die Ganda selbst ist ein grosses Bergsturzgebiet, dessen Blockmassen von der Sulzfluh heruntergekommen sind. Angenehm überrascht wird man in demselben durch eine prächtige Quelle, deren frisches und reichlich fliessendes Wasser in einem kleinen Graben nach den Partnuner Mädern geleitet wird. Ueber die weiten, theilweise moorigen und schwammigen Gras- und Riedhalden der letztern geht es dann steil abwärts zum Schanielenbach, den man am besten auf halbem Weg zwischen Partnun-Staffel und Partnunersee auf einem kleinen Steg in der Nähe des Mieschbrunnen, einer ebenfalls starken und frischen Quelle, überschreitet. Die Mäder sind, wie ganz Partnun überhaupt, botanisch sehr reich und interessant.
Um 4 Uhr 25 Min. war ich in der von unserem Clubgenossen, Herrn Pleisch, gehaltenen und bestens geführten Pension Sulzfluh in Partnun, wo ich zu meiner Freude neben andern Bekannten auch zwei hervorragende Clubisten fand: die Herren Weilenmann aus St. Gallen und Baumann-Zürrer aus Zürich. Auch eine Gesellschaft fideler Studenten aus Basel war da, die einen Theil ihrer Ferien hier zubrachten, nach allen Seiten ausflogen und nebenbei ihrem Professor in der faunistischen Erforschung der Seen von Partnun, Garschina, Gafia und Tilisuna behülflich waren. Eine fröhlichere und lebenslustigere Kurgesellschaft hat man gewiss nicht bald an so abgelegenem Ort beisammen gesehen!
Am folgenden Morgen trat ich um 5 ½ Uhr den Marsch wieder an mit dem Programm: Kammwanderung über die Grenzkette vom Schollberg bis zum Gweilkopf. Also wanderte ich zunächst über den Wiesengrund der Glatten Böden, die aber ziemlich holperig und theilweise mit grossen, von der Mittelfluh stammenden Kalkblöcken besäet sind, dahin in der Richtung gegen Weberlis-Höhle und bog dann hier rechts ab, um nach einigem Steigen in das Silberthal einzudringen. Dieses kleine, zwischen hohen Felswänden eingeschlossene Thälchen steigt steil nach Südwesten an und endigt oben in der Lücke zwischen den beiden Gipfeln des Schollberges. Es ist ganz von Schutt und theilweise auch von Schnee erfüllt, und der Schutt besteht, wie die anstehenden Felsen zu beiden Seiten, aus Urgestein (Gneiss, Glimmerschiefer und Hornblendeschiefer). Um 7 Uhr 5 Min. war ich auf der nördlichen Spitze des Schollberges (2544 m), um 7 Uhr 20 Min. auf der südlichen, die mit 2574 m der höchste Punkt in der ganzen Madrishornkette nördlich vom St. Antönierjoch ist. Beide Spitzen bestehen, wie die ganze Grenzkette vom Madrishorn bis über den Gweil- und Alpilakopf, aus krystallinischen Felsarten, und diese reichen an der Westseite des Schollberges bis unter die Höhencurve von 2400 m. Erst die unter derselben folgenden Felsabstürze gegen die edelweissreichen Mäder sind aus östlich fallenden Kalkschichten zusammengesetzt, so dass die krystallinischen Gesteine dem Kalk aufgelagert sind. Die Grenze zwischen beiden ist eine sehr scharfe und schon von Partnun und St. Antönien aus zu erkennen, denn die Kalkwände erscheinen von dort aus hellgrau, die krystallinischen Spitzen bräunlich. Die letztern sind auf dem ganzen Grat noch theilweise bewachsen und tragen manche Blüthenpflanzen. Es sind mir z.B. aufgefallen: Primula integrifolia, Soldanella alpina, rothe und weisse Androsaceen, Anemone alpina, der blaue Fingerhut, die bärtige Glockenblume, ein Vergissmeinnicht, ein gelber Ranunculus und viele andere, vor allen aber auffallend grosse und schöne Nigritellen (Bränderli).
Die Aussicht von den Schollbergspitzen ist sehr schön und umfasst das ganze diesjährige und vorjährige Clubgebiet — Rhätikon, Plessurgebirge, Graue Hörner, Calanda, Ringelspitz etc. besonders aber die Silvrettagruppe mit allen ihren Hauptgipfeln. Endlich reicht sie auch weiter nach der Albulakette, Berninagruppe, in’s Bündner Oberland, nach der Verwallgruppe u. s. w. Auch ein Theil des vordern Prätigaus und des Rheinthals bei Landquart leuchten herauf.
Um 7 Uhr 50 Min. setzte ich das Gangwerk wieder in Bewegung und marschirte oder kletterte je nach der Beschaffenheit der vielen Felsköpfe ostwärts den Rungspitzen zu und hielt mich dabei immer genau auf dem beidseitig schroff abfallenden Kamm. Die höhere Rungspitze (2552 m Riedkopf) war um 8 Uhr 45 Min. erreicht. Auf ihr steht kein Steinmann, dafür aber einer auf dem etwas weniger hohen Punkt 2532 m. Der Marsch bis hieher bietet keine nennenswerthen Schwierigkeiten. An einer einzigen Stelle musste ich einige Meter rechts unter dem Kamm durchgehen. Der vielen Zacken wegen muss man allerdings viel auf- und absteigen, aber es handelt sich dabei immer nur um wenige Meter, was nur Abwechslung in die Bewegung bringt und vor Ermüdung bewahrt. Dabei hat man fortwährend das herrliche Bild der Silvrettagruppe und ihrer westlichen und nördlichen Ausläufer vor sich.
Der Marsch von der Rungspitze über den Grat nach Norden bietet im Ganzen wenig Bemerkenswerthes. Der Grat sieht freilich sehr verwittert und zerrissen aus, besteht aber durchweg aus krystallinischen Felsarten, und zwar herrschen in der südlichen Hälfte mehr die dunklen, hornblendereichen Casannaschiefer (Theobald) und Hornblendeschiefer, in der nördlichen Hälfte mehr hellgefärbte, glimmerreiche Gneisse und Glimmerschiefer. Diese Gesteine bilden hier nirgends so grosse, compacte, glatte Wände und Flühe, wie der Kalk an der Sulz- und Drusenfluh; auch grössere, abschüssige Gneissplatten, wie sie in der Silvrettagruppe sich häufig finden, sind hier seltener und lassen sich immer mit leichter Mühe umgehen. Der Grat und die vielen aus demselben hervorragenden Köpfe, Zacken und kleinen Pyramiden stellen oft nur wilde Blockmassen dar, über und zwischen welchen man leicht fortkommt, da man überall gut auftreten und, wenn nöthig, sich mit den Händen festhalten kann. So gestaltete sich denn mein Marsch zu einem äusserst angenehmen, genussreichen Spaziergang, in den das vielfache Auf- und Absteigen und einzelne kleine Klettereien etwas Abwechslung brachten. Die vielen Lücken zwischen je zwei Spitzen sind natürlich ungleich tief eingeschnitten, manche nur 20 bis 30 m, andere aber auch 100 bis 150 m tief, und so brauchte ich denn von einer Spitze zur andern oft nur wenige Minuten, hie und da aber auch eine halbe Stunde oder mehr. Mit Hartnäckigkeit überkletterte ich jedes auch noch so kleine Spitzchen des Grates, selbst so kleine Zähne oder Stöcke, wie sie am Vierecker- und am Sarotlapass vorkommen. Der dicke Felsklotz des Vierecker, ein vierschrötiger Obelisk, ist auf seinem Scheitel durch einen tiefen Einschnitt mit senkrechten Wänden von Ost nach West zerspalten, den ich allein nicht zu passiren wagte. Ich war darum gezwungen, nach dem Viereckerpass zurückzukehren und von da östlich unter dem Trotzkopf durch nach dem Punkt 2464 der Excursionskarte hinüberzusteigen. Das ist die einzige Stelle, an der ich den Grat für kurze Zeit verlassen musste. Auf den bedeutendem Spitzen, Rothspitz, Vierecker u. s. w., blieb ich jeweilen einige Zeit stehen oder sitzen, um die bei dem schönen, warmen Tag prächtige Aussicht, namentlich gegen die Silvretta- und Verwallgruppe, zu geniessen, diesen oder jenen Punkt mit Hilfe der Karte zu bestimmen und Notizen über Aussicht, Gesteine und Pflanzen, Beschaffenheit der Berge etc. zu machen. Auf der ersten und höchsten der Röbispitzen (2467 m) hielt ich von 11 Uhr 45 Min. bis 12 Uhr 15 Min. Mittagsrast. Um 1 Uhr 30 Min. war ich auf dem kleinern (2544 m), 1 Uhr 45 Min. auf dem grössern Sarotlaspitz (2562 m). Von hier sieht man den Tilisunasee und weiter draussen St. Bartholomäusberg an den grünen Halden über dem bei Schruns ausmündenden Silberthal. Die Vorarlberger und Algäuer Alpen sind überhaupt jetzt besser ins Gesichtsfeld gerückt, vom Rhätikon aber sieht man nur noch die Scheienfluh, die Sulzfluh und den Falknis, alles Zwischenliegende ist verdeckt. Herrlich ist immer noch die Silvrettagruppe, namentlich das Litzner- und Fluchthorngebiet.
Auf den beiden Sarotlaspitzen steht kein Steinmann von Menschenhänden gemacht, dagegen ein natürlicher auf dem nordöstlichen Vorsprung des höhern Gipfels, dann ein künstlicher, der offenbar als Wegweiser dienen muss, unten auf dem nördlichen Sarotlapass (2478 m). Hier fand sich auch ein kleiner See aus Schneewasser, der auf drei Seiten noch von einem dicken Schneewall umgeben war und nur im Osten ein Landufer hatte. Die Sarotlapässe führen von der Höhe des Plasseckenpasses nördlich und südlich von den Sarotlaspitzen durch über die Punkte 2395 m und 2478 m nach der Alp Sarotla und ins Gargellenthal. Ich überkletterte nun zunächst noch die beiden Spitzen zwischen dem nördlichen Sarotlapass und dem Gweiljoch, die beide wildzackige Gräte darstellen und besonders nach Osten steil und tief abfallen. Die südliche ist auf unserer Excursionskarte ohne Namen und Zahl, die nördliche heisst Platinakopf. Man würde beide wohl am besten als nördlichen und südlichen oder äussern und innern Platinakopf unterscheiden. Die Lücke zwischen beiden heisst Platinapass und ist ebenfalls mit einem kleinen See geschmückt, der aber möglicherweise in einzelnen Sommern austrocknet. Dieser Pass führt im östlichen Abstieg lange über ein steiles Trümmerfeld von meist feinem Gneiss- und Glimmerschieferschutt nach der Alp Platina. Man sieht, an Pässen fehlt es hier nicht; jeweilen zwischen zwei Spitzen kann man durchgehen von der schweizerischen nach der österreichischen Seite. Der ganze Kamm ist für Schmuggler wie gemacht und wird von diesen auch wacker benutzt. Gipfel und Pässe haben meist ihre Namen nach den ostseitigen Alpen. Dies gilt auch noch für das nun nördlich folgende Gweiljoch und den Gweilkopf, welch letzterer den Endpunkt meiner Gratwanderung bildete. Auf dem nördlichen Platinakopf war ich um 2 Uhr 50 Min., auf dem äussern Gweilkopf um 3 Uhr 45 Min. Als Aussichtspunkte sind vom ganzen von mir überschrittenen Grat der erste und letzte Gipfel oder also der Schollberg und der Gweilkopf jedenfalls die günstigsten. Der letztere bietet ausser der mehrfach angedeuteten Gebirgsansicht namentlich einen schönen Blick ins Montavon, besonders nach Schruns und St. Gallenkirch, und ist schon deshalb eines Besuches von der nahegelegenen Tilisunahütte aus werth.
Nach einem Aufenthalt von 15 Minuten auf dieser letzten schönen Spitze eilte ich nach dem Gweiljoch zurück und zur Alp Tilisuna hinunter, dann westwärts wieder hinauf nach der Tilisunahütte des D. u. Oe. A. V., wo ich um 5 Uhr ankam. Um 5 Uhr 25 Min. nahm ich wieder Abschied von dem alten, gemüthlichen Hüttenwirth, um nach Partnun zurückzukehren. Seitdem in Partnun und Tilisuna Absteigequartiere für Touristen entstanden sind und der Verkehr zwischen beiden grösser geworden ist, ist auch ein directerer Verbindungsweg entstanden. Derselbe führt von der Tilisunahütte direct gegen Punkt 2222 m und zieht sich dann, etwas rechts umbiegend, durch die Gruben, um gegen den Südrand derselben wieder auf den alten Grubenpassweg zu stossen. Man muss sich aber hüten, den nicht überall gut erkennbaren Weg zu verlieren, weil man sonst in dem wilden Felslabyrinth sich leicht verirren oder auch an den glatt geschliffenen Felsen und in den karrenartig durchlöcherten und zerschnittenen Kalkflächen in schlimme Situationen kommen kann. Namentlich bei Nebel oder am Abend, wenn die Nacht heranrückt, heisst’s aufpassen. Hat man sich verirrt, so ist es am besten, wenn man den östlichen Rand der Gruben zu erreichen sucht, auch wenn dies in ziemlich grossem, nach Norden gerichtetem Bogen geschehen müsste. Am Ostrand ist der Boden weniger felsig, es finden sich mehr beraste Flecken und weniger Schratten, so dass man da besser überall durchgehen kann. Auch wird man dort den meist gut kenntlichen alten Weg finden.
Ich unterlasse es, den gewaltigen Felsencircus der Gruben mit seinen gebleichten Kalkwänden und wirren Trümmermassen, seinen Rundhöckern, Gletscherschliffen, Schratten und Dolinen weiter zu beschreiben. Ebenso will ich nicht versuchen, ein Bild zu geben von dem auf drei Seiten von himmelanstrebenden Felsmassen — Sulzfluh, Scheienfluh und Gruben — umschlossenen und von leuchtenden Alpenblumen umkränzten Partnunersee. Aber so viel ist gewiss, eigenartige Landschaften sind es, diese beiden aufeinanderfolgenden Gebirgskessel, das untere, seengeschmückte und wenigstens auf der Westseite noch von grünen Halden eingefasste Thal und der 300 m höher liegende kahle und todte Felsencircus. Als ich da eilenden Laufes durchzog, lag schon Alles in tiefem Schatten, nur die weissen Wände der Scheien- und Sulzfluh und die braunen, vielgestaltigen Spitzen der Madrishornkette erglühten in dem feurigen Rosa der untergehenden Sonne. Um 6 Uhr 45 Min. kehrte ich in dem Gasthaus wiederum ein, von dem ich am frühen Morgen meine Wanderung angetreten hatte.
Am folgenden Tag regnete es zur Abwechslung wieder einmal, und da ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die Schönwetterperioden diesen Sommer je nur ein bis zwei, die Regenperioden aber vier oder fünf oder noch mehr Tage dauerten, so sagte ich gegen Mittag meinem Wirth und seinen Gästen Lebewohl und marschirte bei strömendem Regen hinaus nach Küblis, um von da per Bahn nach Schiers zu kommen und hier eine neue, kurzlebige Schönwetter- und Reisezeit abzuwarten.
(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1890)

Gleckhorn und Gläck

Vom Gleckhorn zum «Güggi» und weiter. Auch ein Schicksalsberg.
Ein tiefer Sprung ist’s von den hellen Kalkwänden des Gleckhorns hinab in die nur kalkgetünchten Wände des Güggi, des Spritzenhauses von Ragaz!
So unerwünscht dieses enge Gelass einer zweifelhaften Talschleiche werden kann, so gern streben die Blicke des Gipfelfreundes hinauf zum Gleckhorn, der eckigen Südschulter des Falknis.
Auch uns vom Weltkrieg als unbrauchbare Wracks an Rhein und Tamina verschlagene deutsche Kriegsgäste packte immer wieder der Anblick jener Höhen des Bündnerlandes: gleich als ob uns von dort Heil und Freiheit winke, wo im Frührot Steilwände wie Kamingläser aufglühten, wo am Abend geheimnisvolle blaue Schatten hinter den «Türmen» spielten!
Unwiderstehlich aber wurde der Zauber dieses Berges, als wir einmal vom Ausgang des Glecktobels am Gleckhorn hinaufgestaunt hatten. Mochte auch die sonst so gastliche Schweiz ihre Grenzmark nach Vorarlberg und dem Liechtensein’schen absperren: das Gleckhorn selbst lag doch noch in der Schweiz: «Hinauf um jeden Preis!» lautete unsere Parole für den letzten Septembersonntag 1918.
Die erste im Bunde, eine junge Ragazerin, liess sich auch dadurch, dass ein zweiter Wandergenosse plötzlich abberufen wurde, nicht abschrecken, und so überschritten wir denn zu zweit, in der sicheren Erwartung, am Spätnachmittag wieder in Ragaz zu sein, gegen sechs Uhr morgens auf der überdachten Holzbrücke den jungen Rhein und traten bald auf den weichen Boden der Fläscher Allmeind.
Morgennebel griffen in die Wälder und Wiesen; schon über eine Stunde waren wir gewandert, da tauchten im Steigwald, unter einer wuchtigen Tanne, zwei verdächtige Gestalten auf und schwankten mit breiten Hüten, schwarzen Bärten und Gewehr im Arm fragend auf uns zu. Nicht gerade erfreut über ihre Neugier gaben wir Antwort und, seltsam, beide erboten sich sofort, uns den Glecktobel hinaufzubegleiten.
Ein paar Zickzackwindungen des Wegleins taten wir mit, dann aber liessen wir die Söhne des Bünderlandes allein steigen, denn steil und steiler wand sich der Pfad, erst durch lichtgrüne Buchen, dann durch finsterhohe Tannen aufwärts. Immer häufiger senkten sich Geröllhalden von klotzigen Felswänden zu Tale und hier und dort schon hatten Steinschlag und Lawinen den Wald in undurchdringlichen Astverhau verwandelt. Zur Linken hob sich eine Schwester des Gleckhorns, die Gleckwand, hoch und weiss in den lichtblauen Herbsthimmel, darin oben jetzt die letzten Nebelfahnen zerflatterten. Die ersten Sonnenstrahlen liessen fern im Hintergrund Ringelspitz und Piz Sol, weit drunten den Rhein aufblitzen, sie fielen nieder in die grünen Wipfel des Tobels – und fingen sich endlich im braunen Haar meiner Gefährtin. Gerade vor uns aber reckte sich in Glanz und Steilheit das Gleckhorn selbst empor; an seinem Fusse fröstelten nur mehr kümmerliche Latschen – wie mochte es auf seinem festlich strahlenden Gipfel aussehen?
Auf dem «Gleckkamm» lag mit seinen 40jährigen «Buben» ein alter Gamsjäger: hielt die Pfeife im Mund und genoss, Gewehr im Arm, mit sichtlichem Behagen die in diesen Höhen (2000 m) schon recht tüchtigen ultravioletten Strahlen. Keiner von den dreien kannte die Namen der sich vor uns ausbreitenden Berge mit Ausnahme der gross aufragenden Scesaplana, doch mit Anerkennung folgten aller Augen dem «Frauenzimmer», dem ich über die wildzerklüfteten, einst vom Gipfel heruntergepolterten Felsblöcke nachklettern musste.
Klägliches Blöken liess uns plötzlich anhalten: durch die Trümmerwildnis suchten zwei Schafe ihren Weg und jedem folgte ein Junges. So schnell es die Knickebeinchen erlaubten, über Stock und Stein purzelten die Tierchen ihrer Mutter nach. Immer wieder fallend, sich kugelnd und wieder aufrichtend verschwanden die vier endlich in der Richtung auf die tief liegende Alp.
Hier in der Nähe hatte einst der «Allmöhi» gehaust und nicht gar weit lag die Heimat des «Heidi», das Guschadörfli. Meine bescheidene Frage, ob denn wohl alle Schweizermaiteli das Heimweh ergriffe, wenn sie wie das Heidi nach Frankfurt oder gar noch weiter ins Schwabenland «da ussi» verschlagen würden, war sicherlich überhört worden, denn gerade in diesem Augenblick entdeckten die Augen meiner Gefährtin einen Felseinschnitt, der geradenwegs auf den über uns erscheinenden Gipfel zu leiten schien.
Zuerst, solange der erdige Grund genügenden Halt bot, ging alles gut. Bald aber wurde es steil und steiler vor uns, Blöcke und Geröll versperrten eine zusehends enger werdende Spalte, die sich immer mehr zum Kamin auswuchs; dieser aber schien ohne Seil ungangbar. Unter unsern Händen brach morsches Gestein aus, sauste mit unheimlicher Deutlichkeit den Weg, den auch wir nehmen konnten …
Endlich hörte der Kamin auf und von allen Seiten starrten uns jäh abstürzende Platten entgegen. Nur ein kaum erkennbar schmales Band verhiess Rettung. Während ich mich darauf entlang tastete, traf mich ein unvergesslicher Blick, gleich als ob quer durch den Kamin ein unsichtbarer Faden gespannt würde, ein Faden stärker als Leben und Tod. Lag nicht in diesem Blick eine wortlose Antwort auf meine vorher geäusserte Frage? Und doch wollte es endlos scheinen, bis Griff um Griff erprobt und endlich auch von meiner Gefährtin der rettende Weg zurückgelegt war. Auf einem Grasfleck ruhten wir ein Weilchen aus; unser Blick fiel hinunter in die besonnten Alpen der Tiefe.
Da kam von der schafbevölkerten Alp «Bad» ein Wanderer zu uns heraufgestiegen. So selbstsicher haute der seinen Eispickel in die Kalkfelsen und so mitleidig klang sein uns hingeworfenes «Grüessi», dass wir gleich merkten, hier bereitet sich Wichtiges vor. Gar bald war er ein kleiner Schatten geworden, der hoch droben in einer Gesteinsfuge verschwand. Der würde es schaffen! Doch nein, da tauchte der Pickel wieder auf. Schlug von neuem ein, wurde wieder unsichtbar. Dann aber, wir trauten unserm Auge nicht, kehrten Mann und Pickel um und stiegen so langsam ab, wie sie behende gekommen waren.
Der Anblick fremden Misserfolgs hob unsern gesunkenen Mut. Aufmerksam spähten wir rundum und entdeckten, dass die Steilwand des Berges auf der nach Osten abfallenden Seite, zwischen Felsen eingesprenkelt, manchen Grasbüschel zeigte, der beim Klettern förderlich werden konnte. So klommen wir denn, auf einer mit den Augen vorher festgelegten Strecke, oft auf Händen und Füssen zugleich bergauf, und plötzlich wehte uns über der höchsten umkletterten Felsnase kühle Gratluft entgegen!
Aufatmend schauten wir uns um: vor und unter uns starrte die wilde Welt des Rhätikon: Falknis, Weisser Sand, Panüeler Schrofen; und vom Brandner Ferner übergossen erhob sich die Scesaplana. Kavalljoch und Schweizer Tor leuchteten wie Drusen- und Sulzfluh im Sonnenglanz. Auf einem ausgedehnten Geröllfeld der Grauspitzhänge krabbelten zwei winzige Lebewesen langsam abwärts; strebten einer Hütte zu (welch artiges Spielzeug!): diese dunklen Punkte sollten heute noch einmal unsern Weg kreuzen!
Es begann eine reizvolle, nicht immer ganz leichte Gratwanderung nach Westen, gipfelwärts, über immer neue zerrissene Türme und Blockhaufen. Der Grat fiel nach beiden Seiten in jähen Wänden ab und manche ausgesetzte, scharfe Schneide war nun im Reitsitz zu überwinden. Oft auch mussten wir den unzugänglichen Grat auf der Nord- und Südseite umgehen, wo uns Edelweiss beschert wurde. In mühseliger Kletterarbeit verging uns manche Stunde und schon mehrmals waren gipfelähnliche Gebilde im Westen erschienen, doch immer wieder stellten sich diese als Vorhöhen heraus. Zuletzt aber stieg ein verwegenes Horn von tiefbrauner Färbung auf, hinter dessen Schulterwänden, schreckhaft fast, Sonnenstrahlen aufblitzten: der Berggeist streckte hier sichtlich seine Zunge dem Herrn des Lichts entgegen!
Das war die Spitze des Gleckhorns. An einem seiner luftigen Gipfelzacken sicherte eine Gemse, die, von uns aufgescheucht, wie in einer Versenkung verschwand und scheinbar ins Bodenlose abstürzte! Ihr nachkletternd erreichten wir um drei Uhr den Steinmann (2451 m).
Ganz windstill war’s hier oben, kaum fanden wir Platz auf dem grasigen First. Die Sonne stand warm und glänzend am tiefblauen Himmel, dessen Ränder dort, wo Wildspitz, Bernina, Tödi, Sardona und all die andern Zuckerhüte und Gletscher erschimmerten, leicht verfärbt erschienen. Im Norden, hinter der Falknismasse, lösten sich die schwäbischen Höhen am Bodensee in feinem Dunst des Herbstnachmittags auf. In feierlichen Windungen weitete sich das Rheintal, darin Ragaz, winzig ineinandergeschachtelt, mit dem hellen Auge des Giessensees glänzte. Diesseits des Rheins fiel der Blick auf Maienfeld und dann fast senkrecht hinab in die dunklen Waldreihen des Glecktobels, wo wir heraufgestiegen waren und wo die Tannen, nach dem Kamm hinauf immer jämmerlicher zerzaust, den aussichtslosen Kampf mit Runsen und Schutthalden endlich ganz aufgaben. Der rings unter uns senkrecht gestellte Fels gipfelte im Steinmann, aus dem wir das Gipfelbuch herausklaubten.
Unserer Eintragung folgte ein Imbiss, bei dem uns ein luftiges kleines Brot das Dach des Gleckhorns hinunterrollte und in der Richtung unseres Kamins zerstäubte … Nicht geheuer wurde uns bei diesem Anblick, denn wir gedachten unseres Rückstieges gratabwärts, und schon nach halbstündiger Rast brachen wir nach Norden, in die Seenplatte des oberen Fläscher Täli, weil nach dort der Berg etwas gelinder abfällt.
Über weitgedehnte Geröllhalden ging es, nachdem wir den Grat verlassen hatten, über spitze Steintrümmer, die so unendlich mühsam werden können, wir fuhren Grashänge hinab und hüteten uns, ins Rollen zu geraten, denn oft brach der Berg jäh unter uns ab. Der Abendappell, der uns eigentlich wieder in Ragaz hatte sehen sollen, war schon nahe, als wir endlich den eingetrockneten mittleren See des Fläscher Hochtals erreicht hatten. Aus der Steinhütte des Obersäss, die wir schon vom Grat aus gesehen hatten, schauten uns neugierige, feldstecherbewehrte Augen entgegen. Unsere beiden dunklen Punkte, Männer in Jägertracht, kamen hinter uns her, hielten uns nach einigen unverfänglichen Fragen ihren Grenzwächterausweis entgegen und fragten nach unserem Namen! Wir hätten ohne Erlaubnis Grenzgebiet betreten und zwar gerade diese gänzlich verseuchte Alp, deren Insassen im Laufe dieses Sommers allesamt an der Grippe gestorben seien –
Die wilden Wände der Drusenfluh in der Ferne erschimmerten bei diesen in trocken-gutturalem Amtsstil vorgebrachten Wendungen der Grenzwächter in herrlichen gelbrötlichen Tönen der Abendsonne, doch half uns dieser Umstand leider gar nicht über die recht zweifelhafte Sachlage hinweg. Meinen Namen im Buch, entfernten sich die Alpensöhne: unser gutes Glück ging mit ihnen. Denn statt nunmehr den sicheren, wenn auch weiteren Rückweg über Jenins zu wählen, schlugen wir den Weg, den wir gekommen waren, wieder ein.
Diesmal überschritten wir den Gleckkamm mit seinen gespensterhaft fahlen Felsennasen im letzten Tagesschimmer. Nur mit Mühe erkannten wir den sich unruhig durch Schutt und Steine windenden Pfad und erreichten endlich den Anfang des Waldes. Der mondlose Himmel schimmerte nur sehr undeutlich durch die Tannenwipfel. Mit der Stockspitze tastend, immer unsicherer stiegen wir auf holprigen Steigen ab. Aus dem Wald traten wir hinaus auf eine Geröllhalde – und hier hatte offenbar der Gleckteufel seine Hand im Spiele, denn urplötzlich war jegliche Wegspur wie ausgewischt.
Den Pfad zu suchen, kletterte ich auf Steinblöcke, stolperte über Baumwurzeln, hielt mich an Felsenrippen über unsichtbaren Abstürzen: alles umsonst. Auch unsere Blinksignale mit einem Spirituskocher fanden keine Gegenliebe. Wir mussten uns damit vertraut machen, eine kalte Herbstnacht unvorbereitet in 1600 m Höhe zu verbringen.
Wir setzten uns auf einen Baumstumpf im Tannwald, wo dieser am dichtesten schien und liessen unsere Gedanken nach Ragaz gehen, wo man sich unser Ausbleiben nicht erklären würde. Ein Lichtfunke glomm in den finsteren Bergmassen auf, die Enderlin-Hütte drüben unter den Türmen und allmählich wurden in uns lichtere Bilder wach. Meine Gefährtin erzählte von einem deutschen Dichter in Ragaz, dessen Ruhm damals wohl noch nicht ins Weite gedrungen war und der späterhin den Gemälden des Gastfreundes ein so reges Verkaufsinteresse zuwenden sollte – Damals hatte er wohl erst ein Drama «Die Taminaschlucht» und einige Tage «Güggi» auf dem Kerbholz. Beim Worte Güggi fröstelte es mich zum erstenmal in dieser Nacht: Güggi, «’s klingt so sonderbar – – «
Die empfindliche Kühle dehnte diese Nacht ins Endlose. Erst gegen fünf Uhr dämmerte ein grauer Herbsttag herauf. Wir waren das Opfer einer jener breiten Steinhalden geworden, «Rüfe» genannt und gebildet aus unzähligen Felsscherben und Splittern, die in wirrem Durcheinander von den verwitternden Bergwänden abwärtsgleiten. Ich stieg diesen Steintrümmergletscher einen guten Teil aufwärts, fand zwar den Weg immer noch nicht, wohl aber einen Maienfelder Eingeborenen mit der unvermeidlichen Flinte, der uns bis auf den tiefsten Punkt der «Rüfe» niedergehen hiess. Hier kam unser Pfad lustig durch den wilden Wald herabgelaufen! Drei Stunden später erreichten wir Ragaz, wo man gerade dabei war, Rettungsmannschaften zu bestellen.
Beide Teilnehmer dieser Bergfahrt blieben von Grippe und Schnupfen verschont. Wenige Tage später aber sass ich im «Güggi», auf dessen steilen Kalkwänden bald Bleistiftfresken erstanden, die von Bündnerrauhheit und von Ragazer Liebreiz erzählten. So vergalt der schöne Berg auf seltsame Art die auf ihn verwandte Mühe: ja, noch wunderlicher wurde seine Rache. War er es doch, der aus dem Wrack ein glückhaft’ Schiff gemacht und zwei Lebensbooten eine gemeinsame Richtung gewiesen hat: am zweiten Jahrestag ihrer Bergfahrt waren die beiden Teilnehmer in den Hafen der Ehe eingelaufen. Weit hinter Frankfurt verschlagen, hält heute schon meine Lebensgefährtin das Steuer recht fest in der Hand. So wurde auch ich ein Opfer der Berge.
(Von Dr. Erich Schulze-Ründeroth)
(Quelle: Alpenfreund 1927)

***

Das Gleckhorn.
Wir kamen auch wieder! Es war am 18. Juli 1890, als wir wieder in Maienfeld eintrafen, um am folgenden Morgen womöglich eine grössere Tour im Gebiet des Falknis anzutreten. Die Reisegesellschaft bestand diesmal aus Führer Enderlin, Herrn Anton v. Sprecher von Maienfeld und dem Berichterstatter. Die ganze Kette von der Luziensteig bis zur Kleinen Furka sollte begangen werden, wozu zwei oder drei schöne Tage genügt hätten. Aber so schön und vielversprechend das Wetter am 18. Juli war, am Morgen des 19. hatte es schon wieder umgeschlagen, und statt um 3 oder 4 Uhr konnten wir erst um 7 ½ Uhr aufbrechen, und mit geringen Hoffnungen. Immerhin schien sich das Wetter während des Aufstieges wieder zum Bessern zu wenden; die Nebel verschwanden, die Wolken verzogen sich, und heiss, nur zu heiss, brannte die Sonne auf uns nieder, als wir über die Luziensteig nach Guscha und von da gleich weiter nach der Guscha-Alp stiegen. In Schweiss gebadet kamen wir hier an und waren froh, für ein Weilchen in einer Hütte Schatten und Kühlung zu finden und als Stärkung für den weiten Weg warme Milch zu bekommen.
Hier vernahmen wir auch, dass in Guscha nur noch drei Familien wohnen; mehrere Häuser stehen leer und verfallen allmälig. Zur Kirche geht man nach Maienfeld oder Fläsch, zur Schule ebenfalls. Doch müssen die Kinder den langen Weg, der im Winter natürlich auch sehr beschwerlich und nicht immer gefahrlos ist, nicht täglich zurücklegen, da sie für den Winter bei Verwandten in Maienfeld und Fläsch untergebracht werden. Um die Steilheit der Gehänge, an denen Guscha scheinbar klebt, zu illustriren und zu persifliren, erzählt man, dass die Hennen an ihren Füssen mit Hacken beschlagen und die Kinder angebunden werden, um nicht zu „erfallen”. Auch kommen Unglücksfälle in Folge des steilen Bodens etwa beim Holzfällen, bei Heu- und Holztransporten, auf der Jagd und bei Lawinenschlägen häufig genug vor.
Nachdem wir uns ordentlich restaurirt hatten, schritten wir wieder rüstig die steilen Grashalden hinauf und erreichten den Kamm in der Nähe von Punkt 1719 m der Excursionskarte des S.A.C. für 1888/89, der aber nicht Mittelhorn heisst, wie auf dieser Karte angegeben ist. Das Mittelhorn ist der nördlichste Punkt des Guschagrates und ist auf unserer Karte weder mit einem Namen, noch mit einer Zahl bezeichnet, während ihm die österreichische Specialkarte, Blatt Bludenz und Vaduz, Namen und Höhenzahl (1897 m) gibt. Am Mittelhorn biegt die Schweizergrenze, die über Punkt 1719 m ostnordöstlich streicht, nach Südosten um bis zum Rothspitz, der auf der Excursionskarte von 1888 ebenfalls unrichtig bei Punkt 1970 m, auf derjenigen für 1890/91 aber richtig und mit der Höhe von 2128 m angegeben ist. Wir hatten nun einen angenehmen Marsch über diesen aussichtsreichen Grat, auf dem uns ein Geissbube durch sein gewecktes Wesen und durch seine gescheidten und witzigen und doch auch wieder gutmüthigen Bemerkungen freute. Von Punkt 2150 m an wurde die Steigung wieder schärfer und der Grasboden wich allmälig dem Felsen. Doch konnten wir ohne nennenswerthe Hindernisse auf der Grenz- und Gratlinie bis zur Falknishöhe aufsteigen.
Die Aussicht war aber schon nicht mehr nach Wunsch. Die Thäler zwar zeigten sich in gewohnter Lieblichkeit und Schönheit, aber die Berge waren grossentheils in Wolken gehüllt; nur da und dort tauchten einzelne Gipfel und Gruppen aus denselben hervor. Ohne uns aufzuhalten, stiegen wir zum Fläscherfürkli hinunter, um von da das noch wolkenfreie Gleckhorn in Angriff zu nehmen. Unter dem Punkt 2344 m durch, theils über Gras-, theils über Schuttboden, erreichten wir zunächst die Tiefe Furka (2243 m), die uns einen prächtigen Blick in die Tiefe, ins Glecktobel und in die Herrschaft gewährte. Nachdem wir unter Felsen Schutz suchend einen kleinen Strichregen hatten vorüberziehen lassen, schritten wir am Nordhang des Gleckhorns hin, meistens über Trümmerhalden und über einzelne Schneeflecken. Auch einige Felsrippen mussten überquert werden. Etwa beim k oder h des Namens Gleckhorn in der Karte fanden wir die Stelle, die uns den Aufstieg ermöglichte. Eine steil südwestlich ansteigende, theilweise beraste Bergkante führte uns ohne eigentliche Kletterei auf den Gipfel, den wir um 4 ½ Uhr erreichten.
Leider war die Aussicht nicht besser, als kurz vorher auf dem Falknis, doch konnten wir ihren Charakter genügend erkennen. Natürlich ist sie von derjenigen des nur wenig höhern Nachbarberges nicht wesentlich verschieden. Nur die nächste Umgebung und auch der Rhätikon zeigen ein etwas verändertes Bild. Imposant ist vor Allem der gewaltige Felsabsturz gegen das Glecktobel und gegen die Alp Bad, der nach jeder Seite mehrere hundert Meter beträgt und fast senkrecht zu sein scheint.
Nach einem etwa halbstündigen Aufenthalt traten wir den Abstieg an, und zwar zunächst auf derselben Route. Auf ziemlich gerader Linie erreichten wir so die Hütten des Obersäss (2041 m) im Fläscherthal. Diese Hütten sind der Obersäss der Fläscheralp, deren Untersäss Sarina heisst (1824 m). Wir mussten auch hier wieder Schutz vor dem Regen suchen, der nun mehr und mehr den Charakter des Landregens annahm. In der Hoffnung, es könnte bis am Morgen doch wieder besser werden, gingen wir aber doch noch am Mittel- und Untersee vorbei und über der Alp Eck durch nach Jes, dem Obersäss der Maienfelder Alp Stürvis. Der von dieser Alp kommende Weg führte uns über die sogenannten Stägen, d.h. mehrere in die Felsen eingehauene Stufen, längs dem prächtigen Wasserfall des Jesbaches hinauf zu den Hütten, die wir als Nachtquartier ausersehen hatten. Dieselben liegen auf schönem ebenem Thalboden inmitten des Felsencircus, der die Alp fast rings umschliesst. Doch konnten wir diesmal die Schönheiten dieses Circus und seines Wiesengrundes nicht geniessen, denn wir kamen in strömendem Regen hier an und konnten nichts Besseres thun, als in einer der Hütten uns schleunigst einzuquartieren, was uns von den Sennen, so gut es ging, freundlichst gewährt wurde.
Wegen des unaufhörlichen Regens mussten wir endlich doch von der Verfolgung unserer Pläne abstehen und am dritten Tag den Heimweg über Stürvis, Ganey und Seewis antreten, so unangenehm der lange Marsch durch das nasse Gras, die wassergetränkten Sümpfe und über aufgeweichten und schlüpfrigen Boden auch war. Wir hatten auf dieser Tour wenigstens eines erreicht, die Besteigung des sehr trotzig aussehenden Gleckhorns, die vielleicht die erste touristische ist, wenn auch die Seewiser Führer berichten, dass dieser Berg schon früher einmal von Seewis aus bestiegen worden sei.
Ergänzungsweise sei hier noch darauf aufmerksam gemacht, dass, wie ich sowohl durch Augenschein, als von Jägern und Hirten weiss, das Gleckhorn auch über den Kamm, der vom Untersee des Fläscherthals geradlinig nach der Spitze zieht, bestiegen werden kann. So leicht geht es zwar nicht, wie man nach der Excursionskarte schliessen sollte, denn der dort angegebene Rasenkamm ist durch Felsabsätze und Felszähne unterbrochen, die besonders im obern Theil dem Fortkommen einige Hindernisse in den Weg legen und stellenweise auch einige Vorsicht nöthig machen.

Ferner mögen hier einige wenige Notizen über die Alpen des durchwanderten Gebietes folgen, wie wir solche namentlich in Jes zu sammeln Zeit hatten.
Stürvis, Eck und Sarina sind ursprünglich drei getrennte Alpen von je zwei Sennthümern und darum auch mit je zwei Sennhütten und den dazu gehörigen Ställen (Schärmen). Zu diesen drei Hauptalpen, als den Untersässen, gehören auch drei Obersässe, nämlich Jes zu Stürvis, Bad am Gleckkamm zu Eck und Radaufis oder das Fläscherthal zu Sarina mit ebenfalls je zwei Sennhütten, aber ohne Ställe. Wir haben also hier auf verhältnissmässig kleinem Raum 12 Sennhütten, d.h. Hütten mit Sennerei (grosser Küchenraum), Milch- und Käsekellern und Schlafraum für die Sennen und Alpknechte. Der letztere besteht freilich nur in je einem ziemlich engen Dachraum mit Heulager und einigen Decken. Die Alpen sind, wie überall im Prätigau, Gemeindealpen – Davos dagegen hat lauter Privatalpen – und ein Sennthum umfasst meistens circa 100 Kühe. Das macht in unserm Gebiet also etwa 600 Kühe. Dazu kommen einige Pferde und Schweine und eine grössere Anzahl von Schafen und Ziegen. Die Obersässe sind keine selbständigen Alpen, sondern nur Anhängsel der Unter- oder Hauptsässe, und sie werden von den gleichen Heerden abgeweidet, wie diese, und zwar im höchsten Sommer, meist Ende Juli und im August. Sind sie besetzt, so sind unterdessen die Untersässe leer, und umgekehrt. Einkehren kann der Tourist in der Regel nur in einem besetzten Säss; in einem leeren findet er nichts. Auch sind die Lager in den Obersässen meist schlechter als in den Untersässen. In unsern drei Obersässen sind sie aber noch ordentlich. Gegenwärtig ist die Eintheilung der Alpen im Falknisgebiet etwas anders, als oben angegeben. Da nämlich der Viehstand in Maienfeld gegen früher bedeutend abgenommen hat und auch mehr Vieh über den Sommer im Thal behalten wird, so hat Maienfeld jetzt statt vier nur noch zwei Sennthümer von je etwas über 100 Kühen, und Eck ist mit Stürvis zu einer Alp vereinigt. Die Hütten von Eck stehen darum jetzt auch im Sommer leer, werden aber gleichwohl in gutem Zustand erhalten, so dass sie jederzeit wieder bezogen werden könnten. Als sie vor einigen Jahren durch Lawinen argen Schaden erlitten, wurden sie wieder aufgebaut und eingerichtet. Bad ist nur noch eine Galtviehalp und Jes ist Obersäss für die vereinigte Alp Stürvis-Eck. Die Hütten sind alle in gutem Zustand und ziemlich gross, so dass kleinere Touristengruppen im Hochsommer auch in den Obersässen übernachten können, nur muss man sich dann etwas einschränken und bescheiden sein; dafür bezahlt man dann auch keine Hotelpreise.
(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1891)

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Der Gleckkamm
Der 5. September war ein Sonntag, und sonntäglich war auch uns zu Muthe, als wir die thauigen Matten hinanstiegen zum Gleckkamm am Fusse der gewaltigen Gleckwand. Da stehen wir auf seiner welligen Höhe, dem ersten Ziele unserer Wanderungen im Rhätikon, das wir vor 5 Jahren eines Abends in Regen und Sturm erreicht hatten. Heute liegen die reichen Mayenfelder Alpen im klaren Morgensonnenschein da, und die sie umschliessenden Berge, die sich um die hehre Scesaplana schaaren, recken ihre stolzen Häupter wohlig in den blauen Herbsthimmel hinein. Zu unseren Füssen aber senkt sich in tiefem Schatten und köstlicher Frische das Glecktobel hinab zum Engpasse der Luziensteig, und über den Fläscherberg schweift der Blick ins weite sonnige Land hinaus.
Von der Luziensteig, wo Landwehr-Genietruppen liegen, schallt Trommelwirbel herauf. Die braven Landwehrmänner mochten dort unten die sonntägliche Frühe zu einer Stunde Signalkenntniss benutzen; Tagwacht und Generalmarsch schlägt der Tambour. Uns sind diese kriegerischen Klänge kein Misston in der Sonntagsstille. Waren es doch, neben der Freude an der ewig schönen Bergwelt, auch Gründe militärischer Natur, die uns dieses Gebiet und seine Pässe, die Parallelwege zur Luziensteig, so gründlich hatten kennen lehren.
Wer im Gebirge die Wege aufsucht, die in der Kriegsgeschichte eine Rolle spielen – und es sind nicht viele Pässe in unseren Alpen ohne historische Reminiscenzen – und wer sich so die Bilder entschwundener Tage heraufbeschwört und die einsamen Steige im Geiste wieder belebt mit dem Kriegsvolk aller Länder, das sie im Laufe der Zeiten beschritt, dem muss sich der Gedanke aufdrängen: so war es damals; wie wäre es heute, wenn wir die Pässe zu besetzen hätten, um die seit Jahrhunderten von Fremden gestritten worden ist?
Da bieten uns die Berge auf einmal ein erhöhtes Interesse, und wir fangen an, sie mit andern Augen anzusehen. Wir quartieren unsere Milizen in die Sennhütten und Heuställe ein; wir forschen, was die Alpen, was die nächsten Dörfer ihnen für Hülfsmittel bieten; wir suchen den Vertheidigern die besten Wege zu den Passhöhen und merken uns die Stellen, wo wenige gute Schützen einem Feinde den Uebergang wehren können; wir sehen nach den Pfaden, auf denen die kleine Truppe umgangen werden könnte; wir notiren uns die Punkte, wo am Tage eine Fahne, Nachts ein Fanal den weitverstreuten Abtheilungen und ihren Reserven die Signale gibt.
Das Generalstabsbüreau hat Jedem, der zum Recognosciren Lust hat, gezeigt, was zu wissen noth thut. Den Militär, der auch nur einigermassen mit diesem Fache vertraut ist, wird die Menge der Fragen nicht schrecken; sind sie ja doch im Grossen und Ganzen derart, dass sie nur als eine systematische und logische Ordnung dessen erscheinen, was er von sich aus schon notirt hätte. Aber auch der Nicht-Militär, der mit offenen Augen im Gebirge wandert, kann durch Beantwortung der Fragen allgemeiner Natur werthvolles Material liefern, und wenn er sich an die Sache gemacht und vielleicht mit einem militärischen Freunde daheim seine Notizen gesichtet und besprochen hat, so wird mit jedem Male sein Urtheil weiter und sein Notiren werthwoller.
Das wäre auch ein erspriessliches Feld der Thätigkeit für den Schweizer Alpenclub, und die endliche Ausführung dessen, was er von Oberst Hans Wieland sel. als Testament übernommen hat. Und damit möchten wir den Clubgenossen die Fragebogen des Stabsbüreau dringend empfohlen haben; sie werden nicht weniger Genuss, aber hohe Befriedigung von ihren Passwanderungen davontragen. Unsere Berge sind darum nicht minder schön, wenn wir sie nicht nur vom Standpunkte des Sports, sondern auch vom Standpunkte dessen betrachten und durchforschen, der einmal dazu berufen sein kann, sie vertheidigen zu helfen.
(R. Wäber, Section Uto)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1886)

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Neue Bergfahrten. Gleckhorn.
Besteigung über die Westwand. 26. Juni 1921. Walter Risch allein.
Weg zum Gleckkamm bis zirka 1800 oder vom Enderlihüttli auf dem Schafweglein unter den Wänden der tiefen Furka horizontal bis zum Einstieg bei P. 1779, genau senkrecht unter dem Gipfel. Die einst senkrechten Felsschichten bilden hier aufrechte Zickzacklinien. Diesen folgend, immer genau in der Falllinie des Gipfels ohne wesentliche Abwechslung bis zur obersten Schlucht hinauf, durch welche man den Gipfel erblickt. Durch diese leichter direkt zum Steinmann. Schwierige Graskletterei. 5 Std.
(Quelle: Alpina 1924)

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Gläck – Das Salzlecken
Wie alle Wiederkäuer, lieben auch die Gemsen das Salz in hohem Grade und besuchen deswegen besonders gern Kalkfelsen, an denen sich Bittersalz findet, wo sie sich oft so durstig lecken, dass sie wie toll zum ersten besten Wasser laufen müssen, um zu trinken. Schon Gessner, der ehrwürdige Vater der schweizerischen Zoologie, und Scheuchzer kannten diese Gewohnheiten der Gemsen genau, und Letzterer sagt, man nenne solche salzhaltige Felsen in Bünden «Gläck», sonst aber Sulzen oder Sulzläckenen, und zwar lecken die Gemsen so gierig nicht nur des Salzes, sondern auch des Sandes wegen, der ihnen nicht nur den Pflanzenschleim im Rachen löse und Fresslust errege, sondern auch wie den Vögeln zur Verdauung diene und ihnen so den Mangel der «Kochinstrumente» ersetze. Die Jäger unterscheiden die trockenen Sulzen der Kalkschieferfelsen und die nassen der sandigen und sauren Moräste und wollen beobachtet haben, dass blos die Gemsziegen und ihre Jungen dieselben besuchen, und zwar ausschliesslich von Jakobi bis Mitte August. Gewöhnlich kommen sie mit Tagesanbruch vier oder fünf Tage nach einander oft viele Stunden weit zu den Sulzen her, lecken begierig eine Stunde und springen wieder fort. Es scheint dies auch wirklich eine diätetische Massregel zu sein, da man allgemein die Erfahrung gemacht hat, dass die an den Sulzen geschossenen Gemsen weit magerer waren als die anderen.
(Quelle: Das Thierleben der Alpenwelt. Friedrich von Tschudi. 1856)

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So viel ich in verschiedenen Gegenden der Alpen Gelegenheit gehabt habe, dergleichen Gemsenleken zu beobachten, so fand ich immer eine änliche Beschaffenheit bei ihnen; Der Anblik von dergleichen verwitterten Hornsteinschiferbänken wurde mir in der Folge mehrmals zur Anzeige, dass an solchen Stellen Gemsenleken befindlich seyn möchten, welches auch wirklich zutraf.
(Quelle: Alpenreise vom Jahre 1781, Gottlieb Storr, 1786)

Die Drusenfluh

Auf meinem touristischen Wunschzettel für den Sommer 1890 stand die Drusenfluh neben Piz Kesch und Fluchthorn obenan. Die Führer unserer Gegend hatten sich mit Begeisterung zu einem Versuch bereit erklärt. Ich selber hatte den Berg ringsum umgangen und genau durchmustert, um die zugänglichen Stellen ausfindig zu machen, auch bei Jägern und Hirten nach solchen mich erkundigt. So war ich zur Ueberzeugung gekommen, dass die Besteigung von der Südseite unmöglich oder doch nur mit den allergrössten Schwierigkeiten und Gefahren verbunden sei. Ob ein gewandter Dolomitkletterer zu anderer Ansicht käme, lasse ich dahingestellt, bezweifle es aber doch sehr, da die Dolomitgipfel bei allen Schwierigkeiten und Gefahren, die sie bieten, nach allen Beschreibungen doch weniger glattwandig sind und bessern Griff bieten. Mehr Hoffnung auf Erfolg schien mir, ausser der von den Oesterreichern — Führer Chr. Zudrell 1870 und die Herren C. Blodig und E. Sohm 1888 -eingeschlagenen Richtung, die Nordwestseite des Berges vom Schweizerthor bis zum Oefenjoch zu bieten. An zwei oder drei Stellen muss da der Aufstieg bis weit hinauf möglich sein. Am leichtesten schien er mir vom Oefenpass direct südlich zu sein. Ich war sicher, dass man dort bis auf den Grat östlich der Höhenzahl 2633 m müsste kommen können. Wie es aber von dort östlich über den Grat weiter ginge, war ich von unten auf und von umliegenden Punkten aus nicht im Stande sicher zu erkennen. Das konnte nur ein Versuch zeigen. Verschiedene Umstände, besonders das meist schlechte Wetter, liessen es aber den ganzen Sommer über nicht zu einem solchen kommen und im Herbst schien es wegen Mangel an Zeit erst recht nichts daraus zu geben. Schon war der prächtige September vorbeigezogen, ohne dass ich einen Versuch gemacht hätte, und der Winter sandte bereits seine Vorboten ins Land. Aber auch der October liess sich gut an, und so hiess es dann am ersten Samstag und Sonntag desselben: entweder jetzt oder dann nicht mehr in diesem Jahr!
Also eilte ich Samstag Nachmittags den 4. October nach Seewis, in der Hoffnung, dass von dort zwei Führer die Tour mitmachen könnten. Stattdessen konnte aber nur einer mitkommen: Johann Sprecher, ein junger, kräftiger und gewandter Mann, der als Führer und Jäger viel in den Bergen herumkommt. Sein Bruder Martin, der die Tour sehr gern mitgemacht hätte, war zu unserem und seinem Leidwesen durch Militärdienst verhindert. Auch der Vater konnte nicht mitkommen, da in dieser arbeitsvollen Zeit nicht alle männlichen Mitglieder der Familie von Hause abwesend sein durften. Die Aussichten für ein gutes Gelingen waren damit bedeutend herabgemindert. Dennoch beschlossen wir Zwei, das schöne Wetter nicht unbenutzt zu lassen und uns wenigstens über die Beschaffenheit des Grates östlich vom Punkt 2633 Sicherheit zu verschaffen. Doch wollten wir nichts erzwingen und uns nicht verwagen und also von der Erreichung des höchsten Punktes abstehen, wenn die Gefahren sich häufen sollten. Wir wollten uns auf eine möglichst genaue Recognoscirung des Berges, besonders des nordwestlichen Theiles desselben, beschränken, um dann im nächsten Jahr mit um so grösserer Sicherheit vorgehen zu können. Wir nahmen darum zwar wohl einen Pickel, aber kein Seil mit, um uns nicht durch dasselbe zu etwas Gewagtem verleiten zu lassen. Die folgende Darstellung wird zeigen, dass und wie aus der Recognoscirung eine fertige Besteigung wurde.
Um 3 Uhr marschirten wir von Seewis ab und erreichten über Ganey und Fasons um 6 Uhr 20 Min. die Schamellahütte, um hier die Nacht zuzubringen. Leider fanden wir diese erst vor acht Jahren erbaute und seither schon mehrfach reparirte Hütte in sehr schlimmem Zustand. Das Mauerwerk zeigt grosse Sprünge und droht auseinanderzufallen, so dass zu befürchten ist, dass die Hütte den Winter kaum mehr überdauern wird. Uns thut sie aber den Dienst noch, und wir bringen eine gute Nacht darin zu. Morgens 2 Uhr stehen wir auf und um 3 ½ Uhr machen wir uns auf den Weg. Es ist zwar etwas dunkel, aber wir kennen den Weg und finden uns gut durch. Um 5 Uhr passiren wir das Cavelljoch und treten damit auf die Nordseite des Rhätikon. Dann geht es über eine ziemlich weite Schutthalde hinter den Kirchlispitzen durch nach dem Verrajöchl, das wir um 5 Uhr 45 Min. erreichen. Unterwegs mustern wir auch die Nordhänge der Kirchlispitzen, um die zugänglichen Stellen herauszufinden. Als solche erscheinen uns jeweilen die rothen Bänder von Seewerkalk, der leichter verwittert als der hellgraue Kalk, aus dem die Hauptmasse des Berges besteht. Geissbuben, denen viel möglich ist, denen aber hie und da noch mehr angedichtet wird, sollen übrigens den ganzen zackigen Grat vom Schweizerthor bis zum Cavelljoch der Länge nach überklettert haben. Da ich selbst schon solche Geissbuben hoch oben auf dem Grat ihren Ziegen nachjagen sah, so will ich die Möglichkeit der genannten Ueberkletterung nicht ohne Weiteres in Abrede stellen. Für Touristen mag darin immerhin ein Fingerzeig liegen.
Vom Verrajöchl an nahmen wir nun die Drusenfluh scharf auf’s Korn. Um 6 Uhr waren wir auf dem Schweizerthor und um 6 ½ Uhr auf dem Oefenpass, dem von uns zunächst in Aussicht genommenen Angriffspunkt. Der Fuss des Berges wird dort durch mehrere glatte und ziemlich hohe Felsenstufen gebildet, unter denen wir mit nur geringer Steigung noch etwa ½ km weiter östlich gehen mussten bis zum ersten Felskopf, der zwischen zwei Steilmulden vorspringt. Nach einer Rast von 15 Minuten versuchten wir zuerst durch die östliche Mulde emporzusteigen, so dass wir dann über das erste u im Namen Drusenfluh der Excursionskarte direct gegen die höchste Spitze (2829 m) gekommen wären. Allein die Steilheit dieses Kars und die glatten Felsplatten und Felsstufen, die weder dem Fuss sichern Tritt, noch der Hand guten Griff gewährten, zwangen uns, davon abzustehen und unser Glück am Felskopf selber zu probiren. Aber auch dieser wollte sich nicht so bald ergeben, so dass wir schon daran dachten, es weiter westlich zu versuchen. Doch gelang es uns endlich dann nach längerem Suchen, mit Händen und Füssen kletternd, die untern, steilsten Partien des Kopfes zu überwinden, und zwar Jeder auf einer andern Linie. Ueber den untersten Steilabsätzen folgte ein theilweise berastes, theilweise immer noch plattiges und mehr oder weniger mit Schutt bedecktes Gehänge, das aber dem Aufstieg keine Schwierigkeiten entgegenstellte. Wir hatten eine Stunde gebraucht, um hieher, d.h. in eine Höhe von etwa 2400 m, zu kommen. Auf den Rasen- und Schuttboden folgten bald wieder steile Platten, die wir nur mit der äussersten Vorsicht, hie und da nur kriechend überwinden konnten. Einige übereiste Stellen konnten wir umgehen, sonst wären wir wohl zur Umkehr gezwungen gewesen. Weiter oben folgte harter Schnee, der das ganze Kar bis auf den Grat hinauf erfüllte, und auf dem wir rasch und sicher über das r im Namen Drusenfluh der Excursionskarte vorwärtskamen. Man konnte da ganz gut auf dem steil ansteigenden, aber ziemlich ebenen oder etwas wellenförmigen Boden der Felsmulde im Zickzack hin- und hergehen. Nur an den steilsten Stellen hielten wir uns an den linken Rand, um uns an der dort herabziehenden Felsrippe mit den Händen festhalten zu können. So kamen wir denn ohne weitere nennenswerthe Schwierigkeiten um 8 Uhr 30 Min. auf den Grat etwas östlich vom Punkt 2633 m, gerade südlich vom r des Namens Drusenfluh in der Karte. Der Punkt mag etwa 2700 m hoch sein, also etwa 400 m über dem Oefenpass liegen. Und für diese Strecke hatten wir 2 ¾ Stunden gebraucht, wovon 1 Stunde für den untersten Felskopf und etwa 1 ½ Stunden für die letzten 300 m! Die letzteren hätten wir leicht schneller zurücklegen können, allein wir gingen absichtlich langsam und blieben öfters stehen, um uns das Terrain genau zu betrachten und uns dessen Beschaffenheit für ein andermal, sowie für den Abstieg einzuprägen. Auch prüften wir die ganze Gegend, so weit sie uns sichtbar war, auf ihre Gangbarkeit und kamen zu der Meinung, dass man wahrscheinlich auch vom Schweizerthor, südöstlich über Platten- und Schuttstufen ansteigend, den Punkt 2633 erreichen und von da auf dem Grat weitergehen könnte. Wir oder Andere werden das im Sommer 1891 probiren. So ist es begreiflich, dass wir etwas viel Zeit brauchten Wir glauben, ein andermal auf demselben Weg und bei ähnlichen Schneeverhältnissen in 1 ½ Stunden vom Oefenpass auf den Grat zu kommen und speciell für den untersten Felskopf wenig mehr als ¼ Stunde nöthig zu haben.
Auf dem Grat gingen wir eine Weile hin und her, besuchten auch den Punkt 2633 und trafen dort ein ganz kleines Steinmännchen von sechs Steinen. Dann stiegen wir auf den verwitterten Grat unserem Ziele entgegen, das in Gestalt eines vielzackigen, von Nord nach Süd streichenden Grates in geringer Entfernung vor uns stand. Aber südlich vom ersten u im Namen Drusenfluh der Karte mehrten sich die Schwierigkeiten derart, dass wir am Weiterkommen zweifelten und uns vorläufig zu einer Rast niedersetzten.
Schon hier genossen wir eine über alles Erwarten herrliche Aussicht, die vom Piz Linard über die ganze Albulakette und Berninagruppe bis zur Adula- und Medelsergruppe reichte, auch den Tödi, die Sardona-Ringelspitzgruppe und die Grauen Hörner, sowie die Vorarlberger Alpen umfasste. Besonders reizend und anziehend ist der Blick auf die tief zu unseren Füssen ausgebreiteten Alpen, auf die sanften Formen der grünen Berge zu beiden Seiten des Prätigaus und hinaus nach Schuders, Schiers, Valzeina und Furna. Das Grossartigste ist aber die Drusenfluh selber, deren gewaltige Felsmassen, die nach Süden senkrecht in schwindelnde Tiefen abstürzen, deren Thürme und Obelisken und deren zerklüftete Wände einen überwältigenden Eindruck machen. Dieser Anblick allein, dem sich im Rhätikon nichts an die Seite stellen lässt, macht es der Mühe werth, den Grat, auf dem wir ruhen, zu besuchen.
Mittlerweile war es 9 ¼ Uhr geworden. Der Führer hatte aber auch das Terrain bereits recognoscirt und noch ein gutes Stück gangbar befunden. Also wurde wieder aufgebrochen. Es folgte zunächst eine kurze, aber etwas unheimliche Passage auf einem schmalen Felsband an der linken Seite der Gratschneide. Rechts konnte man sich zwar mit den Händen gut halten, aber links stürzten die Felsen in glattgeschliffenen Stufen in bedeutende Tiefe. Wäre man da gestrauchelt oder ausgeglitscht, so wäre man unaufhaltsam von Stufe zu Stufe in immer grössere Tiefen gestürzt und zerschlagen, vielleicht als formlose Masse weit unten im Kar liegen geblieben. Der Schwindelfreie und Furchtlose kann die Stelle wohl passiren, aber auch er muss sorgfältig Schritt für Schritt abwägen. Ich muss sagen, dass es mir angenehm gewesen wäre, hier nicht nur einen Führer vor mir, sondern auch einen hinter mir zu wissen und mit ihnen durch ein Seil verbunden zu sein.
Nach diesem Felsgesimse kam ein grosser, runder Felskopf, den man von Schiers aus ganz gut an seiner gelblichen Färbung erkennen kann. So unheimlich derselbe aussieht, so bietet er doch guten Griff und kann darum verhältnissmässig leicht überklettert werden. Von da an ist man nicht mehr auf dem Grat, sondern an der südlichen Bergwand auf einem schmalen, steil ansteigenden Gang, den man im Winter, wenn Schnee drauf liegt, ebenfalls von Schiers aus erkennen kann. Derselbe sticht schon aus einiger Entfernung, z. B. von unserem letzten Rastplatz aus, auch durch seine Färbung von der übrigen Wand ab, denn während diese aus hellgrauem und etwas ins Bläuliche spielendem Kalk, wahrscheinlich aus einem Jura- oder Kreidekalk besteht, wird unser Gang von einem dunkleren, schieferigeren und poröseren Kalk, der dem Arlbergkalk am Lünersee ähnlich sieht und wohl auch Arlbergkalk ist, gebildet. Derselbe scheint leichter zu verwittern, als der übrige Fels, und so entsteht denn jener steil ansteigende Gang, der zwar nicht rechtwinklig aus der Bergwand vorspringt, sondern nur eine weniger steile Partie derselben bildet und mit Schutt bedeckt ist, so dass, wer schwindelfrei ist, durch denselben aufsteigen kann. Als wir durchkamen, lag ausser dem Schutt auch noch einiger Schnee darauf, der das Gehen ebenfalls erleichterte. Auch hier könnte ein Seil gute Dienste leisten. Der Gang reicht bis südlich unter den höchsten Punkt und wird dort nahe an 2800 m Höhe haben. Nun folgt die schlimmste Stelle, indem der Gang um eine vorspringende Kante herum und dann in eine dahinter folgende ausserordentlich steile Runse oder Steinschlagrinne einbiegt, dabei zugleich sich etwas senkt und allmälig ausgeht. Da ist denn die allergrösste Vorsicht und einige Beherztheit geboten und namentlich hier wären drei Mann und ein Seil angenehm. Ist die Runse überschritten, so folgt eine zwar nicht gar lange, aber namentlich im ersten Theil etwas schwierige Kletterei über eine steil ansteigende Kante, die direct auf den Gipfelgrat führt.
Hurrah! um 10 Uhr 10 Min. ist Alles überwunden und die erste, südlichste Spitze des Gipfelgrates erreicht. Dieser selber bietet keine Schwierigkeiten mehr und mit Leichtigkeit schreitet man über denselben von Spitze zu Spitze, wenn man auch nicht überall auf der Schneide bleiben kann, sondern stellenweise am östlichen Hang hingehen muss. Der Grat ist in fünf oder sechs grössere und mehrere kleinere Zacken zerschnitten, und man hat ohne Instrument einige Mühe, zu entscheiden, welches die höchste ist. Immer wenn man auf einer steht, meint man, die nächstfolgende oder die eben verlassene müsse es sein. Jedenfalls ist der Höhenunterschied zwischen der mittleren und nördlichsten Zacke nur sehr gering. Um 10 Uhr 25 Min. war auch die letztere erreicht und damit der ganze Gipfelgrat abgeschritten. Auf der mittleren und wahrscheinlich höchsten Zacke fand sich in einem kleinen Steinmännchen eine Flasche mit zwei Zetteln. Leider war aber auch Wasser in die Flasche gedrungen, so dass die Zettel unleserlich waren und beim Herausnehmen in Fetzen zerfielen. Nur ein Name konnte noch gelesen werden, nämlich der von Hrn. Emil Schaller aus Nürnberg. Derselbe war im August oder September auf unserer Spitze. Welchen Weg er eingeschlagen hat und wer mit ihm war, konnten wir nicht lesen. Wahrscheinlich hat er von der Sporenalp aus die Route der Herren Blodig und Sohm gewählt. Seine Expedition ist also die dritte, unsere die vierte gewesen. Zwei, wahrscheinlich drei Expeditionen (Zudrell 1870, Blodig und Sohm 1888, Schaller 1890) gingen von der Sporenalp aus durch den sogenannten Thiergarten hinauf, die vierte vom Oefenpass aus.

Die Aussicht war wirklich grandios und natürlich noch ausgedehnter, als die vorhin skizzirte vom Grat aus. Sie erstreckte sich auch auf den Bodensee, die Bayerischen Alpen, die ganze Silvrettagruppe, den ganzen Rhätikon und die Drusenfluh selbst mit ihrem zerklüfteten Gletscher.
Ich weiss nicht, was uns diese Aussicht so grossartig und herrlich hat erscheinen lassen. War’s die Freude über das Gelingen unseres Unternehmens, war’s der wundervolle Tag mit seiner überaus klaren und durchsichtigen Luft, war’s der auf den höhern Gebirgen (Silvretta-, Albula-, Bernina-, Oetzthaler-, Ortler-, Tödi- und Adulagruppe) liegende, silberglänzende Neuschnee, waren’s die ungeheuren, gewaltigen Felsmassen der Drusenfluh oder waren’s alle diese Dinge zusammen? Genug, der Eindruck auf uns war ein überraschender und lässt sich unmöglich durch Worte wiedergeben. Mögen Andere kommen und selbst sehen und selbst erleben! Interessant müsste auch der Uebergang vom Punkt 2829 m über das Eisjöchl nach dem Punkt 2828 m sein. Der Anblick von unserem Punkt aus erweckt keine grossen Hoffnungen für einen directen Uebergang. Jedenfalls kann man aber dem Punkt 2828 m auf anderem Weg beikommen und es muss ein schöner Punkt sein, der auch dem unserigen puncto Aussicht kaum etwas nachgeben kann. Er stellt, im Gegensatz zu unserem Zackengrat, ein schönes, kleines Plateau dar, auf dem eine grössere Gesellschaft sich tummeln könnte.
Um 11 Uhr 10 Min. wurde der Abstieg auf dem gleichen Weg angetreten. Einen neuen Weg durften wir schon in Rücksicht auf die vorgerückte Zeit nicht versuchen; auch war es von Interesse, zu erfahren, wie sich der Abstieg auf unserem Weg machen würde. Endlich hatte Joh. Sprecher sein „Stutzerl” unterwegs abgelegt, und das konnten wir doch nicht im Stiche lassen. Der Abstieg über die Gipfelkante und der Durchgang durch die Runse und den oben erwähnten langen Gang war natürlich nicht leichter, als der Aufstieg, wurde aber doch, sammt der Passage über den runden Kopf und das daran sich anschliessende Felsensims, in 25 Minuten zurückgelegt. Auf dem Grat machten wir einen Halt von fast einer halben Stunde, und begannen dann um 12 Uhr den Abstieg durch die Steilmulde. Auf dem harten Schnee und weiter unten auf dem theilweise vereisten Schutt- und Grasboden und den glatten Platten war dieser Abstieg wesentlich schwieriger, als der Aufstieg, und musste zum Theil sitzend und langsam rutschend oder auf allen Vieren bewerkstelligt werden. Am untersten Felskopf ging’s an einem Ort durch ein kurzes Kamin in der Weise hinunter, dass man, den Rücken gegen den Berg gekehrt, mit den Händen und Ellbogen sich gegen die Felsen stemmte, bis die Füsse an vorspringenden Stellen einigen Halt gewonnen hatten, und man so, halb schwebend, halb aufliegend, sich etwas hinunterlassen konnte. Doch dauerte das nicht lange, bald befanden wir uns wieder unter den Felsen, und um 1 Uhr 20 Min. waren wir auf dem Oefenpass, hatten also vom Grat 1 Stunde und 20 Minuten gebraucht.
Ich stelle noch einmal die wichtigsten Zeitangaben zusammen und setze daneben in Klammern die Zeiten, die uns ein andermal bei ähnlichen Schnee- und Eisverhältnissen als genügend erscheinen, wenn man keine Zeit mit Suchen verliert:
Aufstieg vom Oefenpass bis zum Grat 2 Std. 45 Min. (1 Std; 30 Min.)
Vom Grat bis auf die Spitze 1 Std. – Min (-Std. 40 Min. )
Abstieg im Ganzen1 Std. 40 Min. (1 Std. 20 Min.)
Für Auf- und Abstieg ohne Rasten 5 Std. 25 Min. (3 Std. 30 Min.)
Würde man am untersten Felskopf und oben vom Grat bis zum Gipfel auch nur ganz geringe Wegverbesserungen anbringen, was sich mit Hülfe eines Steinhauerpickels und einiger Sprengungen machen liesse, so könnten die Schwierigkeiten wesentlich gemindert werden, ohne dass deswegen der Berg für Bergsteiger an Reiz und Werth verlieren würde.
Vom Oefenpass setzten wir unseren Marsch sogleich weiter fort und kamen über das Schweizerthor um 2 Uhr 40 Min. zur Partutsquelle, bei der wir eine halbe Stunde verweilten. Dann ging’s durch die schönen Alpen and Wälder hinaus nach Schuders und über Busserein nach Schiers, wo wir um 6 Uhr 15 Min. ankamen.
Wir waren und sind noch von unserer Tour aufs Höchste befriedigt, hatten wir doch neue Erfahrungen gemacht und neue, grosse Eindrücke erhalten, und war es uns gelungen, nicht nur überhaupt auf den Berg, der unser Interesse in besonderem Masse in Anspruch nahm, zu kommen, sondern auch einen höchst interessanten und für uns Prätigauer nicht zu langen Weg zu finden, den wir geübten, schwindelfreien und vorsichtigen Bergsteigern, aber auch nur solchen, empfehlen dürfen.
(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1890)

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Am 18. Juli wanderte ich in Begleitung von Fritz Eyth, Bregenz, wiederum zur Ob. Sporer-Alpe, wo Joseph Both uns erwartete. Unser Besuch galt diesmal der Königin des Gauer-Thales, der stolzen Drusenfluh … Both hatte mir viel von dieser interessanten Viergipfeltour erzählt und mich besonders durch seine lebhafte Beschreibung jenes überhängenden, auf geneigter, glatter Platte fussenden Kamines, der nur durch Abseilen überwunden werden konnte, recht neugierig gemacht und ich trug daher grosses Verlangen, diesen famosen Kamin durch eigene Anschauung kennen zu lernen. Auf meine Frage, ob er denn glaube, dass wir den Kamin im Aufstiege werden bewältigen können, meinte B.: wenn ich ihm wieder erlaube, dass er auf meinem Kopf stehe, werde es schon gehen …
(Victor Sohm, Sekt. St. Gallen)
(Quelle: Alpina 1900)

Der Falknis

Es ist gewiss schön und in hohem Grade anregend, in den höchsten Regionen, in Eis und Schnee sich zu ergehen und die Fürsten des Gebirges, die Riesen des Wallis, des Berner Oberlandes und des Engadins unter seinen Fuss zu setzen; aber es gewährt auch grossen Genuss und volle Befriedigung, ein enger begrenztes Gebiet, wenn dasselbe auch nicht zu den grossartigsten und in aller Welt bekannten gehört, möglichst allseitig zu begehen und bis in seine letzten Winkel und Falten kennen zu lernen. …
Aber dieser Genuss steigt nicht nothwendig mit der Höhe oder mit der Schwierigkeit und Gefährlichkeit der erklommenen Gipfel. Darum mögen auch die schmucklosen Schilderungen von Bergfahrten in den bescheidenen Gebirgen des gegenwärtigen Excursionsgebietes eine Stelle im Jahrbuch des S.A.C. finden.

Im Gebiet des Falknis.
Als Falkniskette oder Falknisgruppe bezeichnen wir hier wie im Itinerarium den Theil des Rhätikon, der westlich von der kleinen Furka liegt und dessen Hauptkamm mit einigen Krümmungen von Osten nach Westen zieht. Die Gipfelpunkte sind der Reihe nach: der Hornspitz, der Tschingel, der Naafkopf, der vordere und hintere Grauspitz und der Falknis. Die grösste Höhe hat mit 2601 m der vordere Grauspitz; aber der Falknis ist der vorgeschobenste und von den Thälern aus sichtbarste, der formenschönste und aussichtsreichste, darum auch der besuchteste und bekannteste, und darf also wohl die Führerrolle in diesem Gebirgstheil übernehmen. Wenn in unsern Gegenden vom Falknis und von einer Falknisgruppe die Rede ist, so weiss Jedermann, was darunter gemeint ist, würde aber von einer Grauspitzgruppe gesprochen, so würden die Wenigsten wissen, wo sie das Ding hinthun sollen. Der Name „westlicher Rhätikon” geht auch nicht an, denn darunter versteht man die ganze westöstlich verlaufende Kette vom Rheinthal bis zum Grubenpass, dem sich hier als östlicher Rhätikon die nordsüdlich verlaufende Kette vom Alpila- und Gweilkopf bis zum Madrishorn anschliesst. Also bleibt’s beim Namen Falkniskette.
An die zackenreiche Hauptkette schliessen sich zwei lange und zwei kurze Seitenäste an. Die zwei langen gehen aus vom Naafkopf und vom hintern Grauspitz und umschliessen, weit nach Norden ausgreifend, das Saminathal. Sie mögen als die Ketten des Gallinakopf und der Drei Schwestern bezeichnet werden. Die beiden kurzen Seitenäste zweigen vom Falknis ab, der eine nordwestlich über den Guschagrat zum Mittagspitz, der andere südöstlich über das Gleckhorn und den Hochfurnis zum Vilan.
Nachdem ich dieses Gebiet schon in frühern Jahren mehrmals besucht und die meisten Gipfel desselben bestiegen hatte, lag mir besonders in den letzten zwei Jahren daran, dasselbe möglichst planmässig und vollständig zu bereisen. Aber die Ungunst des Wetters durchkreuzte oft in der unliebsamsten Weise die schönen Pläne. So konnte denn nicht Alles ausgeführt werden, was auf dem Programm stand, und namentlich konnte es nicht in der gewünschten Weise, nicht in einem Zug und in einigen aufeinanderfolgenden Tagen geschehen. An Stelle einer einzigen mehrtägigen Tour traten mehrere, oft weit auseinanderliegende eintägige; jeder Gipfel musste dem hartnäckigen Regengott mit ebenso grosser Hartnäckigkeit und Unverdrossenheit förmlich abgerungen werden. Es hätte aber wenig Werth, über alle gelungenen und misslungenen Versuche, über die oft zurückgeschlagenen, aber immer wieder erneuerten Angriffe zu berichten, zu erzählen von den oft unter strömendem Regen ausgeführten Rückzügen, von dem stundenlangen Campiren in Wäldern und unter Felsen, von dem Zubringen unendlich langer Regentage und Regennächte in engen, frostigen Sennhütten, von dem Umherirren in undurchdringlichem Nebel, von dem Stampfen und Waten durch Neuschnee oder durch nasses Gras und bodenlosen Sumpf. Das alles und manches Andere gehört mehr zu den Leiden als zu den Freuden des Bergsteigers und mag der versöhnenden Vergessenheit anheimfallen. Der Bericht soll sich darum auf einige der gelungenen Touren beschränken.

Der Falknis.
Auf den Ostermontag 1890 hatte mich Führer F. Enderlin von Maienfeld zu einer Falknistour eingeladen. Ich liess mir das nicht zweimal sagen, und auch mein College, Herr W. Zwicky, war zu jedem Thun entflammt. Wir begaben uns also am Ostersonntag Abend nach Maienfeld und übernachteten dort. Am folgenden Morgen wurde früh aufgebrochen, der Führer in seinem freundlichen Heim, in der sogenannten Bündt oberhalb des Städtchens, abgeholt und die Richtung zunächst nach dem Glecktobel eingeschlagen. Man geht da zuerst über sanft ansteigende Weiden und tritt dann bald in den schönen Bergwald. Aber nicht lange dauert die sanfte Steigung. Nachdem man den Bach überschritten hat und damit auf die rechte Seite des Tobels gekommen ist, führt der steinige Weg in vielen Zickzacks durch den steilen Waldhang hinauf nach den Bargün (1462). Mit diesem Namen bezeichnet man hier nicht etwa eine Ortschaft, auch nicht einen Maiensäss, sondern eine Gruppe kleiner Heuhütten oder Heuschober, in welche man das Heu der umliegenden Waldwiesen und des sogenannten Falknis einsammelt. „Im Falknis” heissen hier die meist steilen Abhänge, die vom obern Waldrand bis an die Thürme hinauf reichen und ein kräftiges Bergheu liefern. Diese Bergwiesen werden ihrer Steilheit wegen nicht abgeweidet, sondern gemäht, und das so gewonnene Heu, sowie allfälliges Wildheu, kommt vorläufig in die Bargün, um später zu passender Zeit in’s Thal getragen oder „geschlittnet” zu werden. Eine mühsame und nicht gefahrlose Arbeit, die grosse Kraft und Geschicklichkeit erfordert. Von den Bargün an lichtet sich der Wald und geht dann bald ganz zu Ende, wohl mehr aus wirtschaftlichen als aus klimatischen Ursachen. Die Leute legen mehr Werth auf das Heu als auf das Holz dieser Stelle. Im Glecktobel geht der Wald weiter hinauf.

Ein ordentlicher Weg führte uns von den Bargün zuerst in leichtem Zickzack aufwärts bis an den Fuss der Thürme, dann rechts abbiegend unter diesen hin und zuletzt zwischen diesen und der Gleckwand und über eine steile Grashalde hinauf zum Fläscherfürkli (2247 m). Den Weg hat Führer Enderlin auf eigene Initiative und durch eigene Arbeit erstellt, und er heisst darum billig Enderlin’s Weg. Wir sind die Ersten, die den fertigen Weg begangen und gewissermassen collaudirt haben. Er bietet für die Falknisbesteiger bedeutende Annehmlichkeiten und Vortheile und macht es auch führerlosen Touristen leicht möglich, sich zurechtzufinden. Enderlin hat also mit Anlage dieses Weges sehr wenig im eigenen Interesse gehandelt, wohl aber sich Anspruch auf den Dank mancher Falknisbesucher erworben. Enderlin’s Weg ist jetzt von Maienfeld aus der kürzeste, bequemste, sicherste und aussichtsreichste. Ein rüstiger Steiger kann auf demselben in 4 Stunden die Falknishöhe erreichen und hat dabei fortwährend den herrlichen Blick auf Graubündens schönste und reichste Thallandschaft, auf das prächtige Gelände der Herrschaft mit den umstehenden Gebirgen.
Wie wir um den letzten Thurm herumbogen, um gegen das Fläscherfürkli aufzusteigen, trafen wir zwei weidende Gemsen, die aber bald für gut fanden, in fliegender Eile das Weite zu suchen. Bis zum Fürkli hatten wir trotz der frühen Jahreszeit (7. April) „apern” Boden gehabt. Nun aber folgten auf dem letzten Wegstück bis zur Spitze einzelne grössere Schneeflecken, über die wir, da sie hart gefroren waren, leicht und rasch aufwärts kamen. Auch das Fläscherthal, das östlich gegen Stürvis hinunterhängt, war noch voll Schnee und seine Seen noch mit der winterlichen Eis- und Schneedecke überzogen, so dass wir durch dasselbe jedenfalls einen weit mühsamern und unfreundlichern Aufstieg gehabt hätten, so schön es sonst im Hochsommer dort ist. Um 9 Uhr, 4 Stunden nach dem Abmarsch in Maienfeld, betraten wir die Spitze.
Der Himmel war wolkenlos, die Luft dunstfrei, die Temperatur angenehm und die Aussicht wundervoll. Der Falknis ist ein sehr günstiger Aussichtspunkt. Als westlichster Pfeiler des Rhätikon ist er weit vorgeschoben und steht verhältnissmässig frei; der Ausblick wird nicht durch benachbarte Höhen beschränkt und zeigt viel Abwechslung. Ein herrliches Gebirgspanorama wechselt mit prächtigen Thalbildern, zu den starren Eiswüsten gesellen sich die Stätten der Menschen und zu den eisigen Regionen des ewigen Schnees die warmen Rebengelände der Herrschaft, und obwohl der Falknis nur von mässiger Höhe ist (2566), so dringt der Blick doch unmittelbar in eine Tiefe von 2000 m. Das freundlichste Stück der Aussicht ist unstreitig die Herrschaft und das Churer Rheinthal, dieser reiche Garten Graubündens mit seinen Städten und Dörfern, seinen Fruchtfeldern und Weinbergen, seinen Obstbaumpflanzungen und Wäldern und dem das Ganze wie ein mächtiges Silberband durchziehenden Rhein. Aber auch über die Grenzen Rhätiens kann man das Rheinthal noch weithin verfolgen und ebenso das Seezthal. Weniger gut zeigt sich das Prätigau, doch sind auch von diesem grosse Stücke sichtbar, namentlich im mittleren Theil. Aber mit dem Lieblichen vereint sich das Grossartige! Ein weiter Gebirgskranz nimmt das Auge gefangen. Da thürmen sich die formenreichen Kalkstöcke des Rhätikon auf mit ihren gewaltigen Wänden und mauerartigen Abstürzen, darauf folgt die vergletscherte Silvrettagruppe, die sich in ihrer ganzen Ausdehnung vom dreigezackten Fluchthorn bis zu der mächtigen Pyramide des Piz Linard zeigt, dann die lange Front der Albulakette von den Wächtern des Flüelapasses bis zu den Riesen des Oberhalbsteins (Piz d’Aela, Tinzenhorn, Piz Michel) und darüber hinaus der silberglänzende Hofstaat der Berninagruppe, deren Hauptgipfel vom Piz Cambrena bis zum Monte della Disgrazia alle deutlich zu unterscheiden sind. Auch das Bündner Oberland (Adulagruppe und ihre Ausläufer), die Tödikette, die Toggenburger und Appenzeller Berge (Gonzen, Alvier, Churfirsten, Säntis etc.) und die Vorarlberger Alpen haben grosse Contingente zur heutigen Heerschau gestellt, und zwar Alles in der glänzenden Uniform des von der Sonne beschienenen Winterschnees. Selbst weniger hohe Gebirge, wie die Plessuralpen und die Vorberge des Rhätikon, dünken sich heute, da sie das Schneekleid noch nicht völlig abgelegt haben, gross und wichtig.
Es ist ein hoher Genuss, an solchen schönen Tagen auf freier Bergeshöhe zu stehen und den Blick über das weite Alpengebiet schweifen zu lassen, in demselben alte Bekannte aufzusuchen und sie von neuen Seiten, in neuen Gruppirungen, in veränderter Beleuchtung zu sehen und dazu neue, bisher weniger beachtete Formen aufzufassen und dem Geiste einzuprägen; aber die Freude ist eine doppelte, wenn sie bei angenehmer Temperatur ungestört genossen werden kann, und sie ist eine dreifache, wenn sie nach langem, arbeitsvollem Winter Einem in so freundlicher Weise zu Theil wird. Wir gaben uns ihr darum auch lange hin und traten den Rückweg erst nach mehr als zweistündigem Aufenthalt um 11 ½ Uhr an.
Einige Rutschpartien brachten uns rasch zum Fläscherfürkli hinunter, von wo wir uns rechts hielten, um ob den Thürmen durch nach dem Gyr (2167 m) zu traversiren. So konnten wir die Aussicht noch lange fast ungeschmälert geniessen. Der Weg biegt hier in den vielen kleinen Töbelchen und den dazwischen liegenden Bergrippen vielfach ein und aus, erfordert der Steilheit der Gehänge wegen auch einige Vorsicht, bietet aber sonst keine Schwierigkeiten. Auf dem Gyr machten wir wieder einen halbstündigen Halt und freuten uns an dem Blick über die scheinbar senkrechte Felswand hinunter nach der Luziensteig. Dann ging’s links hinab unter den Thürmen durch nach den Bargün und von da auf dem Weg, der uns zum Aufstieg gedient hatte, ins Thal. Da wir nicht pressirten und da und dort einen kleineren Halt machten, so brauchten wir für den Abstieg 3 ½ Stunden und kamen also um 3 Uhr in Maienfeld an. Gar gut mundete uns nun der treffliche „Maienfelder” aus dem wohlversorgten Keller Enderlin’s. Dann nahmen wir mit einem herzlichen „Gott dank Euch” und „Auf Wiedersehn” Abschied von unserem lieben Führer und fuhren mit dem Abendzug zurück nach Schiers, aber mit dem Entschluss, bald wiederzukommen.
(E. Imhof, Section Scesaplana)
(Quelle: SAC Jahrbuch 1891)