Mein Vaterland ist zwar kein Schlauraffenland, kein glückliches Arabien, und kein reitzendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg, dessen Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leuthe verschrieen waren. Wer ihnen hierinn Unrecht thut, mag’s verantworten; Ich müßte bey der Behauptung des Gegentheils immer partheyisch scheinen. So viel aber darf ich doch sagen: Aller Orten, so weit ich gekommen bin, hab’ ich eben so grobe, wo nicht viel gröbere — eben so dumme, wo nicht viel dümmere Leuth’ angetroffen. Doch wie gesagt, es gehört nicht in meinen Plan, und schickt sich nicht für mich, meine Landleuthe zu schildern. Genug, sie sind mir lieb, und mein Vaterland nicht minder — so gut als irgend einem in der Welt das seinige, und wenn er in einem Paradiese lebte.
Unser Tockenburg ist ein anmuthiges, 12. Stunden langes Thal, mit vielen Nebenthälchen und fruchtbaren Bergen umschlossen. Das Hauptthal zieht sich in einer Krümmung von Südost nach Nordost hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhöhe, steht — mein Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine trefliche Aussicht beynahe über das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal das entzückendste Vergnügen gewährte: Bald in das mit Dörfern reich besetzte Thal hinab; bald auf die mit den fettesten Waiden, Wiesen und Gehölze bekleideten, und abermals mit zahllosen Häusern übersäete Anhöhen zu beyden Seiten, über welche sich noch die Gipfel der Alpen hoch in die Wolken erheben; dann wieder hinunter auf die durch viele Krümmungen sich mitten durch unser Hauptthal schlängelnde Thur, deren Dämme und mit Erlen und Weiden bepflanzten Ufer die angenehmsten Spatziergänge bilden.
Mein hölzernes Häuschen liegt gerade da, wo das Gelände am allerlieblichsten ist; und besteht aus 1. Stube, 3. Kammern, Küche und Keller — Potz Tausend die Nebenstube hätt’ ich bald vergessen! — einem Geißställchen, Holzschopf, und dann rings um’s Häuschen ein Gärtchen, mit etlichen kleinen Bäumen besetzt, und mit einem Dornhag dapfer umzäunt. Aus meinem Fenster hör’ ich von drey bis vier Orten her läuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor meiner Thüre liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter Rasenplatz. Von da seh’ ich senkrecht in die Thur hinab — auf die Bleicken hinüber — auf das schöne Dorf Wattweil — auf das Städtgen Lichtensteig — und hinwieder durch’s Thal hinauf. …
… Und überhaupt macht mir dieß kleine Grundstück viel Vergnügen. Zwar ist die Erde ziemlich grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fünf und zwanzig Jahre bearbeitet habe: Dem ungeachtet giebt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen, und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genüge; mitunter auch Bluhmwerk, und Rosen die Fülle. Kurz, es freut mich so wohl als manchen Fürsten alle seine Babylonische Gärten. — Sag’ also, Bube! ist unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und doch so nahe bey den Leuthen; mitten im Thal, und doch ein wenig erhöht.
Oder geh’ mir einmal im Maymond auf jenen Rasenhügel vor unserer Hütte. Schau durch’s buntgeschmückte Thal hinauf; sieh’, wie die Thur sich mitten durch die schönsten Auen schlängelt; wie sie ihre noch trüben Schneewasser gerade unter deinen Füssen fortwälzt. Sieh’, wie an ihren beyden Ufern unzählige Kühe mit geschwollnen Eutern im Gras waden. Höre das Jubelgetön von den grossen und kleinen Buschsängern. Ein Weg geht zwar an unsern Fenstern vorbey; aber der ist noch nichts. Sieh’ erst jenseits der Thur jene Landstrasse mitten durch’s Thal, die nie lär ist. Sieh’ jene Reihe Häuser, welche Lichtensteig und Wattweil wie zusammenketten. Da hast du einigermaassen, was man in Städten und auf dem Lande nur haben kann. …
… Ueberhaupt genieß ich ein Glück, das wenigen Menschen meiner Klaße zu Theil wird: Arm zu seyn, und doch keinen Mangel zu haben an allen nöthigen Bedürfnissen des Lebens: In einem verborgnen romantischen Erdwinkel in einer hölzernen Hütte zu leben, auf welche aber Gottes Aug’ eben so wohl hinblickt, als auf Caserta oder Versailles: Den Umgang so vieler lebenden guten Menschen, und die Hirngeburthen so vieler edeln Verstorbnen (freylich auch etwa unedler mitunter) zu geniessen; beydes ohne Kosten und ohne Geräusche: Mit einem solchen Produckt in der Hand in einem schönen Gehölze, von lustigen Waldbürgern umwirbelt, spatziren zu gehn, und den beßten und weisesten Männern aller Zeitalter wie aus dem Herzen zu lesen — Welche Wonne, welche Wohlthat, welche Schadloshaltung für so viele hundert bittere Pillen, die man vor und nach verschlücken muß! …
(Quelle: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mennes im Tockenburg. Von Ulrich Bräker. Herausgegeben von H. H. Füssli. Zürich 1789)
… Ich kann nicht umhin, hier eines Toggenburger Landmanns Erwähnung zu thun, dessen von ihm selbst geschriebene Lebensgeschichte, vor einigen Jahren, wenigstens in der Schweiz, mit Antheil gelesen wurde. Dieses armen Mannes Bekanntschaft habe ich gemacht, ihn zu wiederholten Malen gesehen und herzlichst lieb gewonnen. Er ist mir ein merkwürdiges Beispiel, wie der Urstoff einer Seele bisweilen unter allen gedenkbaren Hindernissen sich dennoch erhält, von dem härtesten Drucke des Schicksals nicht zermalmt wird, sondern durch alle Schwierigkeiten hindurch seinem ursprünglichen Hange folgt. Bräcker, in der Jugend ein armer Hirtenknabe, im Alter ein armer Mousselinweber, ward von seinem Durste nach Unterricht durch alle Grade von Schwärmereien durchgeführt, arbeitete sich am Ende unter allen Vorurteilen und Gaukeleien der Einbildungskraft hervor, und errang sich die einfachen Wahrheiten eines gesunden Kopfs. Lesen und Schreiben war ihm Bedürfnis geworden; er griff nach jedem Buch, welches der Zufall in seine Nähe brachte, und schrieb, so oft es ihm möglich war, alles nieder, was in seiner Seele vorging. … Von seinen Landsleuten wird er Bücherfresser genannt, und wenige wissen ihn nach seinem Werth zu schätzen.
(Quelle: „Schilderung des Gebirgsvolkes“, 1802, Johann Gottfried Ebel)