Der Edelsitz in einem verborgenen romantischen Erdwinkel

Mein Vaterland ist zwar kein Schlauraffenland, kein glückliches Arabien, und kein reitzendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg, dessen Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leuthe verschrieen waren. Wer ihnen hierinn Unrecht thut, mag’s verantworten; Ich müßte bey der Behauptung des Gegentheils immer partheyisch scheinen. So viel aber darf ich doch sagen: Aller Orten, so weit ich gekommen bin, hab’ ich eben so grobe, wo nicht viel gröbere — eben so dumme, wo nicht viel dümmere Leuth’ angetroffen. Doch wie gesagt, es gehört nicht in meinen Plan, und schickt sich nicht für mich, meine Landleuthe zu schildern. Genug, sie sind mir lieb, und mein Vaterland nicht minder — so gut als irgend einem in der Welt das seinige, und wenn er in einem Paradiese lebte.

Unser Tockenburg ist ein anmuthiges, 12. Stunden langes Thal, mit vielen Nebenthälchen und fruchtbaren Bergen umschlossen. Das Hauptthal zieht sich in einer Krümmung von Südost nach Nordost hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhöhe, steht — mein Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine trefliche Aussicht beynahe über das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal das entzückendste Vergnügen gewährte: Bald in das mit Dörfern reich besetzte Thal hinab; bald auf die mit den fettesten Waiden, Wiesen und Gehölze bekleideten, und abermals mit zahllosen Häusern übersäete Anhöhen zu beyden Seiten, über welche sich noch die Gipfel der Alpen hoch in die Wolken erheben; dann wieder hinunter auf die durch viele Krümmungen sich mitten durch unser Hauptthal schlängelnde Thur, deren Dämme und mit Erlen und Weiden bepflanzten Ufer die angenehmsten Spatziergänge bilden.

Mein hölzernes Häuschen liegt gerade da, wo das Gelände am allerlieblichsten ist; und besteht aus 1. Stube, 3. Kammern, Küche und Keller — Potz Tausend die Nebenstube hätt’ ich bald vergessen! — einem Geißställchen, Holzschopf, und dann rings um’s Häuschen ein Gärtchen, mit etlichen kleinen Bäumen besetzt, und mit einem Dornhag dapfer umzäunt. Aus meinem Fenster hör’ ich von drey bis vier Orten her läuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor meiner Thüre liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter Rasenplatz. Von da seh’ ich senkrecht in die Thur hinab — auf die Bleicken hinüber — auf das schöne Dorf Wattweil — auf das Städtgen Lichtensteig — und hinwieder durch’s Thal hinauf. …

… Und überhaupt macht mir dieß kleine Grundstück viel Vergnügen. Zwar ist die Erde ziemlich grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fünf und zwanzig Jahre bearbeitet habe: Dem ungeachtet giebt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen, und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genüge; mitunter auch Bluhmwerk, und Rosen die Fülle. Kurz, es freut mich so wohl als manchen Fürsten alle seine Babylonische Gärten. — Sag’ also, Bube! ist unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und doch so nahe bey den Leuthen; mitten im Thal, und doch ein wenig erhöht.

Oder geh’ mir einmal im Maymond auf jenen Rasenhügel vor unserer Hütte. Schau durch’s buntgeschmückte Thal hinauf; sieh’, wie die Thur sich mitten durch die schönsten Auen schlängelt; wie sie ihre noch trüben Schneewasser gerade unter deinen Füssen fortwälzt. Sieh’, wie an ihren beyden Ufern unzählige Kühe mit geschwollnen Eutern im Gras waden. Höre das Jubelgetön von den grossen und kleinen Buschsängern. Ein Weg geht zwar an unsern Fenstern vorbey; aber der ist noch nichts. Sieh’ erst jenseits der Thur jene Landstrasse mitten durch’s Thal, die nie lär ist. Sieh’ jene Reihe Häuser, welche Lichtensteig und Wattweil wie zusammenketten. Da hast du einigermaassen, was man in Städten und auf dem Lande nur haben kann. …

… Ueberhaupt genieß ich ein Glück, das wenigen Menschen meiner Klaße zu Theil wird: Arm zu seyn, und doch keinen Mangel zu haben an allen nöthigen Bedürfnissen des Lebens: In einem verborgnen romantischen Erdwinkel in einer hölzernen Hütte zu leben, auf welche aber Gottes Aug’ eben so wohl hinblickt, als auf Caserta oder Versailles: Den Umgang so vieler lebenden guten Menschen, und die Hirngeburthen so vieler edeln Verstorbnen (freylich auch etwa unedler mitunter) zu geniessen; beydes ohne Kosten und ohne Geräusche: Mit einem solchen Produckt in der Hand in einem schönen Gehölze, von lustigen Waldbürgern umwirbelt, spatziren zu gehn, und den beßten und weisesten Männern aller Zeitalter wie aus dem Herzen zu lesen — Welche Wonne, welche Wohlthat, welche Schadloshaltung für so viele hundert bittere Pillen, die man vor und nach verschlücken muß! …
(Quelle: Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mennes im Tockenburg. Von Ulrich Bräker. Herausgegeben von H. H. Füssli. Zürich 1789)

… Ich kann nicht umhin, hier eines Toggenburger Landmanns Erwähnung zu thun, dessen von ihm selbst geschriebene Lebensgeschichte, vor einigen Jahren, wenigstens in der Schweiz, mit Antheil gelesen wurde. Dieses armen Mannes Bekanntschaft habe ich gemacht, ihn zu wiederholten Malen gesehen und herzlichst lieb gewonnen. Er ist mir ein merkwürdiges Beispiel, wie der Urstoff einer Seele bisweilen unter allen gedenkbaren Hindernissen sich dennoch erhält, von dem härtesten Drucke des Schicksals nicht zermalmt wird, sondern durch alle Schwierigkeiten hindurch seinem ursprünglichen Hange folgt. Bräcker, in der Jugend ein armer Hirtenknabe, im Alter ein armer Mousselinweber, ward von seinem Durste nach Unterricht durch alle Grade von Schwärmereien durchgeführt, arbeitete sich am Ende unter allen Vorurteilen und Gaukeleien der Einbildungskraft hervor, und errang sich die einfachen Wahrheiten eines gesunden Kopfs. Lesen und Schreiben war ihm Bedürfnis geworden; er griff nach jedem Buch, welches der Zufall in seine Nähe brachte, und schrieb, so oft es ihm möglich war, alles nieder, was in seiner Seele vorging. … Von seinen Landsleuten wird er Bücherfresser genannt, und wenige wissen ihn nach seinem Werth zu schätzen.
(Quelle: „Schilderung des Gebirgsvolkes“, 1802, Johann Gottfried Ebel)

Im Banne der Churfirsten – Selun-Ostgrat 1928

… Da drang der Name «Churfirsten» das erstemal an mein Ohr. Mit Spannung lauschte ich den Worten des Erzählers, dessen Schilderung manchmal vom Brüllen des Donners unterbrochen wurde. Aus seinen Worten drang eine heisse Liebe zu jenen Bergen, deren Kenner und Erschliesser er war. …

Jahre vergingen seit jenem Abend. Immer wieder erzählte mir ein Brief von gelungenen Fahrten, sandte mir ihr Kenner ein Bild von ihren Wänden und Graten. Aber nirgends sonst las ich, hörte ich von ihnen. Bis dann die Stunde kam, da ich sie am Morgen eines Wintertages das erstemal sah. Da wusste ich auch, dass ich sie lieben werde wie der Erzähler in jener Gewitternacht, in dessen Heimat ich nun fuhr.

Wenn man, von Feldkirch kommend, bei Buchs die Schweizer Grenze überschritten hat, erreicht man nach dreiviertelstündiger Bahnfahrt die Ufer des Wallensees. Blaugrün sind seine Wasser, wundervoll, malerisch ist die ihn umrahmende Landschaft. Während an dem südlichen Ufer gerade Platz genug für den Schienenstrang ist, ragen steile Felswände im Norden aus seinen Fluten. Nur an wenigen Stellen ist Platz für ein Häuschen und einige Obstbäume. Am östlichen Ende des Sees liegt der freundliche Ort Wallenstadt, in seinem Hintergrund die Wandflucht der Churfirsten. Vom Ort führt eine ziemlich steile Strasse in eindreiviertel Stunden zum bescheidenen Kurhaus Schrina-Hochruck, 1300 Meter, auf der ersten Talstufe, die sich als breite Terrasse von West nach Ost senkt. Im Norden entsteigt dieser Terrasse eine 150 bis 200 Meter hohe Wand, die dem eigentlichen Gipfelmassiv der Churfirsten vorgelagert ist. Eine ganze Reihe von Kletterpfaden aller Schwierigkeitsgrade durchzieht diese Wand, die wie geschaffen ist zum Üben. Benützt man nun einen dieser Wege oder umgeht auf schmalem Steiglein das westliche Ende dieser Wand, so erreicht man auf ihrem Scheitel die zweite Terrasse mit den oberen Almen. Ihren Matten entsteigen die Trümmerhalden und Felsflanken der eigentlichen sieben Churfirsten, durchweg Berggipfel, die eine Höhe von 2200 Meter erreichen. Überwältigend, abweisend sind die riesigen Wände mit ihren Überhängen und mehr als eine Bergflanke wartet hier noch heute auf ihren ersten Bezwinger. Der erste, der in die Geheimnisse dieser Grate und Wände näher eindrang und ihnen gar manchen Weg abtrotzte, er war es, unter dessen Führung ich mich überzeugen konnte von der Unberührtheit dieser Berggruppe. Gibt es doch da noch Routen, die seit mehr als zehn Jahren immer noch auf eine zweite Begehung warten. Und dies alles in einem Gebiet nahe der österreichischen Grenze, wenige Stunden oberhalb eines internationalen Schienenstranges. Man ist sicher, am Gipfel ungestört seine Bergfreuden zu geniessen; höchstens das Läuten der Viehglocken, das Jauchzen der Sennen dringt herauf. Und das erhöht nur das Gefühl herrlicher Bergeinsamkeit.

Selun-Ostgrat, 2208 Meter.

An einem heissen Sommernachmittag war es, als ich das erstemal zu einer Bergfahrt in diese Gruppe rüstete. Von Zürich kam ich im dunstigen Bahnwagen nach zweistündiger Fahrt an das Ufer des dunkelgrün leuchtenden Sees und nach Wallenstadt. Die Sonne stand schon ziemlich tief im Westen; ihre Strahlen drangen in die kleinsten Schluchten und Risse und zeigten die Wände in wundervoller Klarheit und Übersicht. Bald folgte ich dem rüstig steigenden Strässlein oder seinen vielen «Abschneidern» und konnte mich abwechselnd an den Durchblicken auf einen der Gipfel oder den Tiefblicken auf die leichtgekräuselte Seeoberfläche erfreuen. Höher oben dann, als der abendliche Wind von den Almen den Duft von frischem Bergheu herabwehte und der Wald zurückblieb, lagen im Westen und Süden vor mir die Umrisse der Glarner und Flumser Berge, unmittelbar über dem See der Felszahn des Spitzmeilen. Schüchtern, blinzelten die ersten Sternlein am Himmel, unhörbar kam aus den Tälern eine laue Sommernacht. Langsam stieg ich höher, vorbei an vereinzelten, riesigen Ahornen, deren tiefschwarze Umrisse sich deutlich von dem etwas helleren Hintergrunde abhoben. Bis plötzlich vor mir ein Lichtlein auftauchte und die Nähe des Hauses kündete. Von meinem verehrten Führer schon erwartet, bummelten wir noch ein Stündlein im nächtlichen Dunkel. Über unserm Haupte glänzte das Heer der Sterne, tief unten am See und weit draussen im Rheintal flimmerten die Lichtlein menschlicher Siedlungen. Von der nächsten Alphütte brachte ein Lufthauch verklingende Weisen einer Handharmonika.

Am frühen Morgen des folgenden Tages. Drüben in den Glarnern leuchteten die ersten Gipfel in den Strahlen der aufgehenden Sonne, während See und Tal noch unter dem Pfuhl grauer Nebelschwaden schlummerten. Schwerer Tau lag auf Gräsern und Blumen, die in üppiger Fülle den Almboden überwucherten.

Während wir auf schmalem Steiglein der oberen Terrasse zustrebten, trieben unten die Sennen mit lauten Zurufen das Vieh aus den Ställen. Wie liebliche Musik tönte das melodische Gebimmel der vielen Glocken zu uns empor.

Nach dreistündigem Steigen erreichten wir das Rappenloch, die Scharte, die zwischen unserm heutigen Ziel und dem Nachbargipfel liegt. Hier machten wir kurze Rast und freuten uns an dem Spiel der Sonnenstrahlen, die den letzten Dunstwölkchen über dem See herrliche Regenbogenfarben entlockten, um sie dann in ein Nichts aufzulösen. Bald aber wandten wir unsere Aufmerksamkeit der Fortsetzung unseres Weges zu. Mit einem senkrechten Grataufschwung setzt hier der Ostgrat an; scharfkantiges, festes Gestein verspricht eine genussreiche, luftige Kletterei. Die erste Seillänge ist die schwierigste des ganzen Weges und somit der Schlüssel zu dieser Tour…

Dem geübten Felsgeher bietet der Grat durch sein herrlich festes Gestein und seine Ausgesetztheit wahre Kletterfreuden. Vom Ostgipfel, wo die eigentliche Kletterei zu Ende ist, führt ein scharfer, felsdurchsetzter Rücken zum Hauptgipfel des Selun.

Wir grosse Eidechsen streckten wir unsere Leiber in die Sonne und freuten uns an dem umfassenden Rundblick, der sich dem Auge bot. Vom nahen Säntismassiv reichte der Blick hinüber ins Gebiet der Drei Schwestern, in deren Hintergrund vereinzelte Berghäupter der Rhätikon- und Silvrettagruppe hervorlugten. Uns gegenüber aber ragten die vielen Gipfel der Glarner Alpen in die föhnklare Luft, tief, tief unten wie ein dunkler Spiegel der klare See. Lange lagen wir so, ganz dem beseligenden Schauen in Weite und Tiefe hingegeben. Bis dann die Sonne zum Abstieg mahnte. Vom Gipfel in westlicher Richtung verfolgten wir den Kamm bis zur nächsten Scharte und turnten über Wandeln und Schrofen, durch grasige Rinnen und Stufen einer vorspringenden Felsrippe durch die Südabstürze unseres Berges. In der Gluthitze der Nachmittagssonne, die erbarmungslos auf uns niederbrannte, erreichten wir wieder die obere Terrasse. Auf einem malerischen Hügel, den einige grosse Blöcke und zerzauste Wettertannen zierten, liessen wir uns ins weiche Moos nieder zur letzten Rast. Immer wieder zog es die Blicke zurück, zur riesigen, grell leuchtenden Wandflucht, der die einzelnen Gipfel in erdrückender Wucht oder formenschöner Pyramide entstiegen. Jetzt erst packte mich so richtig ein Freudentaumel über die genossenen Stunden und ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit gegen die über alles geliebten Berge überkam mich, da wir in schweigendem Sinnen dem Hause zustrebten.

(Quelle: Der Naturfreund, 1928. Von Josef Langhammer, Zürich)

Versteckte PR für das Toggenburg 1873

Die prachtvolle Witterung hat auch in unsere Ortschaften mehr Leben gebracht. «Ebnat-Kappel als Kurort», ist kein frommer Wunsch mehr, sondern in erfreulicher Weise zur Wirklichkeit geworden. Täglich speist eine recht ordentliche Anzahl, die mit jeder Woche steigt, in den hiesigen Gasthöfen. Logis finden die werthen Gäste zu billigem Preise in Genüge bei Privaten. In dieser Beziehung wird wirklich eine Lücke im Kurwesen ausgefüllt. Wer die grossen Summen, welche die Luxusbad- und Kurorte erheischen, nicht aufwenden kann oder will, den laden wir in unser heimisch Thal, an den Fuss unserer Gebirgs- und Alpenwelt ein. Er findet hier die Schönheiten der Natur, die Angenehme der Gesellschaft, die günstigste Gelegenheit für Molkenkuren usw. so gut wie in den Kurorten von altem Ruf und kann sich dabei in einfacher und komfortabler Weise, wie es seiner Gewohnheit oder Neigung entspricht, einrichten.
Wir hoffen, dass andere toggenburgische Orte, deren Lage es erlaubt, das gegebene Beispiel namentlich in Bezug auf Verschönerungen nachahmen; was gilts, wir begegnen vor Umfluss von zehn Frühlingen dem quickenden «Yes» auf unseren Strassen.
Wer ausharret kommt an’s Ziel!

Immer mehr machen die sozialen Verhältnisse Landaufenthalte, Luft-, Bad- und Molkenkurorte zur Erholung wie zum Vergnügen zur Nothwendigkeit. Was früher dem Reichen zum Vergnügen und zur Gewohnheit war, ist selbst dem Mittelstande zum Bedürfniss geworden, nur ist letzterer angewiesen, Orte aufzusuchen, die ohne ihre Leistungen zu schmälern, den Anforderungen desselben doch entspricht.

In erfreulicher Weise hat das obere Toggenburg seine Thore geöffnet, um einer nach frischen Luft haschenden Welt Erholung zu gönnen und es gebührt desshalb dem Kurverein Ebnat-Kappel volle Anerkennung.

Es sind aber wohl noch viele interessante Punkte in dieser Alpenlandschaft, die noch verkannt und verborgen nur in ihrer nächsten Umgebung ihre Reize bieten.

Jeder Tourist kennt wohl der Kurfürsten stattliche Reihe, weniger aber das wonnige, eben Alpenthal zu ihren Füssen, mit zwei Stunden langer Ebene, verborgen am Fusse des Selun mit seiner Wildmannshöhle (9 ¼ Klafter tief in den Bauch des Berges, nicht 1000 Fuss) oder das Donnerloch auf der Ebene von Sollamatt mit seinem langen Echo aus dem gähnenden Schlund des Kraters.

Neben dem Malerischen der Formation muss nicht minder anziehend sein, die Reichhaltigkeit der alpinen Flora, die durch den Alpenrosenkranz wie durch die rasenbildende Silene, durch leuchtende Annemonen wie durch honigduftende Nigritellen allgemein gleich überraschen wird, während dem Botaniker seltene Spielarten der hohen Pflanzenwelt sich bieten werden.

Allgemein bekannt ist des Säntis überraschende Fernsicht, der neu erstellte Weg aber von Unterwasser aus, der von jedem mit Leichtigkeit passirt wird, da von da aus, respektive im Gasthof zum Sternen, sichere Führer und nöthigenfalls Reitpferde bis an den Fuss des Berges zu erhalten sind. Einer der Führer, Rüdlinger, hat bereits einen Ruf erhalten durch seine humoristischen Einfälle und die seltsame Benutzung seines Kopfes als Trommel bei der tragischen Besteigung des Säntis unter Blitz, Donner und Hagel durch eine Gesellschaft von Lichtensteig.

Wenige Fremde kennen aber die leichten Alpentouren von Unterwasser aus nach den schönen Alpseen von Schwendi und Gräppelen, Erstere, 2 anmuthige Seen am nordöstlichen Abhange des Käsernrucks, liegen in einer stillen, malerischen Mulde, dicht bekränzt vom grünen Tannenwald, eine Gondel, die auf denselben ist, sowie das zum Baden so vortreffliche Wasser bieten auf dieser Stelle einen Hochgenuss. Da dieser Punkt vom Sternen aus in einer halben Stunde erreicht wird, eignet sich diese Excursion vortrefflich für Spazierfahrten der Kurgäste des Toggenburgs. Im gleichen Verhältnis steht der See auf Gräppelen am Fusse des Lütispitz.

Am interessantesten, jedoch am wenigsten bekannt, ist der malerische Wasserfall in der Thurschlucht vom Kämmeritobel. Von Unterwasser aus in nördlicher Richtung zweigt sich ein kleines Seitenthälchen ab, das nördlich von fruchtbarem Wiesengelände, südlich von einem Waldkranze umsäumt wird, in seinem Herzen die junge Thur bergend. Ein wölbender Buchenhain bildet den Hintergrund des Thälchens und unter seinem schattenden Dach klemmt die Thur sich durch Fels und Gestein; am äussersten Punkt, wo die Thalwände von Ost nach Nord sich die Hände reichen, kommt abwechselnd in kühnem Wasserfall und aus grausiger Schlucht die Thur herab in ein gewölbtes Bassin, «Stube» genannt. Rings umschlossen in diesem steinernen Becken treiben still sich die Wogen, abgeschlossen von der Welt in dumpfem Echo erdröhnend. Imposant ist der Anblick, plötzlich aus dem malerischen Wiesengelände in diese Schlucht geführt zu werden, die kaum mehr einen offenen Blick gen Himmel gestattet.

Dieser romantische Punkt, kaum zehn Minuten vom Gasthof zum Sternen entfernt, dürfte jedem Reisenden empfohlen sein, um so mehr, da bis jetzt alle Reisehandbücher selbst unbegreiflicher Weise Berlepsch-Kohl, darüber schweigen. Wohl bedarf der Weg zur vollen Besichtigung des Wasserfalls bei grossem Wasser etwelcher Verbesserung, es hat aber Hr. Postpferdehalter Looser beim Sternen Schritte gethan. Interessant wäre des Nachts eine bengalische Beleuchtung dieser Schlucht; diese Manipulation sollte eine Gesellschaft nicht unversucht vorübergehen lassen, sie würde gewiss gerne von den Bewohnern von Unterwasser unterstützt und einen schweigenden Hochgenuss erhalten.
(Quelle: Alpenpost 1873)

Wildheu, Alp- und Forstwirtschaft

Wiesenbau.

… Die Wildheuplanken liefern einen grossen Teil des Winterfutters für das am Südabhange gehaltene Vieh. Die «mäckernde» Kuh Quintens ist fast ausschliesslich auf sie angewiesen. Allein das Wildheuen da droben – in Betracht kommt hauptsächlich die grosse Terrasse Sulzli – und der Transport des Futters nach der Thalsohle sind mit grossen Schwierigkeiten verbunden.

2 ½ Stunden oberhalb dem Dörfchen Quinten dehnt sich die Heualp Sulzli, östlich begrenzt von der Alp Säls, westlich sich verlierend in den Felsschründen gegen Amden, in einem Längsgebiete von über einer Stunde aus. Alljährlich, am letzten Sonntag im Juli, wird jedem Quintener Bürger sein Teil zugelost und dazu ein «Kamm», der an Steilheit gewöhnlich nichts zu wünschen übrig lässt. Anfangs August beginnt die Heuernte. Auf der eigentlichen Terrasse bietet das Heuen bei gutem Wetter keine besondere Schwierigkeiten, obgleich das «Mahd» auch dort wegen der vielen im Laufe des Jahres sich einbettenden Steine «eifriges Wetzen und Selbstgespräch» verursacht, wie der «Bote am Walensee» s. Z. berichtete. In den Kämmen jedoch ist das Heuen mit mancherlei Gefahren verbunden. Oft sind die zu mähenden Partien so steil, dass ein Ausgleiten den sichern Tod zur Folge hätte. Mit peinlichster Vorsicht hackt sich der Heuer mittelst der Fusseisen fest, Schritt vor Schritt neuer Gefahr vermehrte Aufmerksamkeit schenkend. – Das gewonnene Heu wird auf der Laubegg, unterste Partie der Sulzli-Terrasse, in den vielen kleinen Heustadeln aufgespeichert bis zum Herbst. – Nach Angabe meines Gewährsmannes werden auf diesen Terrassen und Kämmen jährlich über 1000 Zentner der duftenden Futters gesammelt und im Spätherbst auf Schlitten zu Thale gebracht.

Alpwirtschaft.

… Nicht am wenigsten sind es die Eigentumsverhältnisse, die den stationären Betrieb bedingen und einen Hemmschuh für jede Verbesserung bilden. Von den 18 Alpen – von denen, nebenbei bemerkt, nur 5 auf dem Südhang liegen, also 13 der Nordseite angehören – sind 11 im Besitze von Privatgenossenschaften; nur 4 sind Gemeindeeigentum, … Vernachlässigung der Weide in verschiedenen Richtungen, Verschwendung an Zeit und Material jeder Art und schlechtere Verwertung der Milch sind die überall zu Tage tretenden Folgen dieses Systems, das der Selbstsucht, dem Eigennutz und dem Misstrauen seine Existenz verdankt. … In den genannten Hochalpen ((Sellamatt, Breitenalp, Selun)) wird Vieh aus 55 Alpen und Weiden der Umgebung und aus stundenweiter Entfernung aufgetrieben, daselbst in 173 Senten gehalten und die Milch in 84 Hütten mit 173 Molkereien verarbeitet. Es gibt wohl kein zweites Beispiel ähnlicher (Miss-)Wirtschaft im ganzen schweizerischen Alpengebiet. … Auf den 13 Alpen des Nordabhanges löst sich der Betrieb in 268 Einzelalpungen und 3 kleinere Genossenschaftssennereien auf. Wer diese 268 köpfige Zwergalpung mit einem richtig geführten Genossenschaftsbetriebe vergleicht, der wird sich bald überzeugen, welchem Systeme der Vorrang zukommt und welches zur allgemeinen Anwendung gelangen sollte. Nur auf genossenschaftlichem Wege lassen sich die Anlage- und Betriebskosten auf das niedrigste beschränken und kann eine Wirtschaft erzielt werden, die in jeder Beziehung: Alppflege, Gebäudewesen, Milchverwertung, allen Anforderungen eines rationellen Alpwesens zu entsprechen vermag. Die Betriebszerstückelung ist der Anlass zum Schlendrian, das Hemmnis jeder Verbesserung, die Ursache des Rückganges.

Die Weise geniesst nirgends die Pflege, die ihr gebührt. Durch Reutungen, Räumungen, Verbauungen und Entwässerungen liessen sich noch manche Weideflächen nutzbar machen. Besonders den Räumungen wird viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt; harren doch noch ausgedehnte Flächen der Entsteinung….

Für Trinkwasser wurde besonders in den letzten Jahren derart gesorgt, dass ein wirklicher Wassermangel auf keiner Alp mehr zu befürchten ist. In mehreren Alpen hat man Wasser aus grossen Entfernungen in eisernen Leitungen auf die Weideflächen und zu den Gebäuden geführt, so in Schrina, Sellamatt und Iltios-Obersäss (Käserruck). An letzterem Ort ist eine zirka 200 m lange Eisenleitung erstellt worden zur Herleitung von Schneewasser (da anderes fehlt) auf die Weide. …

Die Einfriedungen bestehen zum weitaus grössten Teil aus natürlichen Abfriedungen. Anstelle des den Wald so schwer schädigenden Holzzaunes treten immer mehr die viel vorteilhafteren Mauern, sodass wir heute schon mehrere Alpen haben, die gar keinen Holzzaun mehr aufweisen. … Nicht bewährt haben sich Drahtzäune. Meines Wissens dient im ganzen Gebiete kein solcher mehr als Abfriedung.

Forstwirtschaft.

Ein Hauptübelstand in unserer Waldwirtschaft ist das Fehlen geeigneter Waldwege, weshalb meist noch die beiden ursprünglichen Transportarten, Schleifen und Riesen, die den Wald schwer schädigen, zur Anwendung kommen. Für das Riesen gelten fast überall noch dieselben Rechte und Pflichten, wie sie schon in uralten Zeiten festgesetzt wurden. … Es mag Verhältnisse geben, wo diese Art Holztransport, das Riesen nämlich, noch ihre Berechtigung hat, wie z. B. ob Quinten; im allgemeinen aber ist sie durchaus verwerflich, zumal sich eine richtige Pflege und Benützung der Waldungen nicht denken lässt. …

(Quelle: «Das Curfirstengebiet in seinen pflanzengeographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen», dargestellt von Dr. Gottlieb Baumgartner. Inaugural-Dissertation. St. Gallen. Zollikofer’sche Buchdruckerei, 1901)

Geografische Natur des Gebietes

Mit dem Namen «Curfirsten»* bezeichnet man jene charakteristisch geformte, durch tiefe Einschnitte in elf fast gleich hohe Spitzen oder Rücken getrennte Bergkette zwischen Walensee und Oberthurtal, also die elf Berggipfel, welche zwischen 6° 52’ und 7°2’ Länge, sowie 47° 7 1/2’ und 47° 12’ Breite liegen. In dieser Begrenzung sind die Curfirsten sozusagen ein für sich abgeschlossenes Ganzes, eine kompakte, natürlich abgeschlossene Einheit mit folgenden Grenzen: Im Süden der Walensee und der in diesen mündende Fabrikkanal, im Osten der dem Kanal zufliessende Widenbach, der Niederenpass, der Schlewizbach mit dem Voralpsee, weiter der Stofelbach, der Gamperfinbach und der Blutlosenbach, im Norden die Simmi, das Munzenriet und die Thur, im Westen der Leistbach, der westliche Felsgrat des hintern Leistkamm und der in den Walensee stürzende Lauibach.**

(*Diese Schreibweise dürfte wohl die richtige sein, obwohl häufiger «Churfirsten» oder «Kurfirsten» geschrieben wird. Irrtümlich und durchaus ungerechtfertigt ist dagegen der Name «Kurfürsten», dem wir auch noch hie und da begegnen, und der sich dann nur auf sieben Berggipfel, statt auf elf beziehen soll. Unsere Bergkette verdankt nämlich nicht der alten «Kurfürsten»-Institution ihre Benennung, sondern sie erhielt den Namen «Curfirsten» als die Bergfirsten, die das einstige Currhätien von dem deutschen Gebiete trennten; es sind also die Firsten, die gegen das alte Curwelschland so wunderhübsch Front machen.)

(**Die Grenze gegen SW wird weniger durch die Natur, als vielmehr durch die Gemeinde- und Alpgrenzen bedingt.)

… In dieser Umgrenzung umfasst es Teile der im Kanton St. Gallen gelegenen Gemeinden Wildhaus, Grabs, Walenstadt, Quinten, Amden und Alt-Johann.

Die tiefste Talsohle haben wir auf der Südseite am Walenseeufer bei 423m über Meer, auf der Nordseite bei 893m über Meer (Starkenbach). Zwischen diesen beiden Tiefen erhebt sich die Curfirstenkette, vom Thurtal aus bis auf die höchsten Gipfel sanft ansteigend und dann nach der Walenseeseite scheinbar senkrecht abfallend. Diese Gipfel erreichen – aufgezählt von Osten nach Westen – folgende Höhen: Gamserruck 2072m, Käserruck* 2266m und dessen Ausläufer Tristenkolben 2179m, Hinterruck 2309m, Scheibenstoll 2238m, Zustoll 2239m, Brisi 2280m, Frümsel 2268m, Selun 2208m, Scheere 2201m, Nägeliberg 2165m und Leistkamm, vorderer 2094m, hinterer 2105m. Die höchste Erhebung zeigt somit der Hinterruck mit über 2300m.

(*Die Schreibweise «Kaiserruck», der wir auch noch hie und da begegnen, ist ebenso irrtümlich, wie diese selbst: hat doch jener Bergrücken den Namen der an seinem nördlichen Abhange befindlichen Alp «Käsern» (früher «Astra-Käsern», ursprünglich «Astra») angenommen, und der Name selbst beruht wiederum auf der Tatsache, dass auf ihr zuerst «gekäset» worden ist, d. h. zu einer Zeit, da auf allen andern Alpen das ursprüngliche «Ziegern» (Zieger bereiten) noch allgemein üblich war.)

Die zwischen den genannten Erhebungen befindlichen Einschnitte oder Lücken, die ein schwindelfreier Klubist sämtlich passieren kann, sind folgende: Niedere 1833m, Gluristhal 2021m, Stollenthal 1957m, Brisithal 2012m, Frümselthal 2028m, Kaltthal 2031m, Wart 2038m und Gocht 1959m. Alle diese Punkte liegen auf der Wasserscheide. Zwischen Käserruck und Hinterruck scheint der zwischen den andern Gipfeln obligate Einschnitt noch nicht ganz fertig zu sein; denn von Norden her durch die sogenannten «Kammern» und von Süden durch das Falzloch zu einer tiefen Trennung geneigt, sind die beiden Rücken immer noch durch das «Joch» derart mit einander verbunden, dass man mit Leichtigkeit vom einen auf den andern gelangen kann, ohne in die Tiefe steigen zu müssen.

… Abgesehen vom romantischen Walensee *, der den Südfuss des Gebirges umspült, finden sich in unserem Gebiete noch drei weitere, kleinere Bergseen: der Voralpsee und die beiden Schwendiseen.

Der Voralpsee, 1116m hoch gelegen und entstanden durch einen vermutlich in postglacialer Zeit niedergegangenen grossen Bergsturz vom Kapf («rote Wand») her, welcher eine Stauung der aus Schlewiz, Naus, Voralp etc. kommenden Bäche verursachte, hat trotz des beträchtlichen Wasserzuflusses keinen oberirdischen Abfluss. Das Wasser fliesst unten durch die Bergsturzablagerungen ab. Das ist wiederum der Grund, weshalb der See zu verschiedenen Zeiten sehr ungleiche Dimensionen annimmt. Im Frühjahr, zur Zeit der Schneeschmelze, umfasst die Seeoberfläche oft 250,000 m2 und darüber; die grösste Tiefe mag dann 20-30m betragen.

(*Wie schon Götzinger («Die römischen Ortsnamen des Kantons St. Gallen») gesagt hat, haben «Walensee» und «Walenstadt» mit «wallen» nichts zu thun, sondern sind auf romanische Ansiedlungen zurückzuführen: Walh, Walch = Romane. Ursprünglich hiess der See lacus rivanus, und Walenstadt hiess früher Riva oder Ripa.)

(Quelle: «Das Curfirstengebiet in seinen pflanzengeographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen», dargestellt von Dr. Gottlieb Baumgartner. Inaugural-Dissertation. St. Gallen. Zollikofer’sche Buchdruckerei, 1901)

Geschichte der Besiedlung

… Über die ersten menschlichen Ansiedelungen sind wir sehr wenig aufgeklärt; namentlich wurde die schon oft ausgesprochene Vermutung, dass die Römer seiner Zeit Bewohner unseres Gebietes gewesen seien, immer wieder in Zweifel gezogen. Sicher ist, dass die Rhätier wenigstens den Südabhang der Curfirsten okkupierten und vielleicht, vom Rheintal aus vordringend, auch den Nordabhang; darauf scheinen die vielen rhätisch klingenden Namen – wie z.B. Brisi, Burst, Fabi, Frümsel, Gamplüt, Gasella, Iltios, Munzenriet, Plangge, Scheibenstoll, Selun, Sellamatt, Simmi, Stofel, Tentschora, Tristen, Troos und Zustoll, die nach Götzinger unzweifelhaft romanischen Ursprungs sind – hinzudeuten. Manche Geschichtsschreiber nehmen dagegen an, dass die ersten Ansiedler von Wildhaus und Alt-St. Johann allemannischer Herkunft waren; solche beherrschten ja auch das ganze übrige Toggenburg.

Aus historischen Überlieferungen wissen wir, dass Quinten* und Walenstadt schon im 6. Jahrhundert zu Currhätien gehörten und von da an die Geschicke dieser römischen Provinz teilten. …

(* Über die Bedeutung dieses Namens ist von Geschichts- und Sprachforschern schon viel geschrieben worden; aber auch Jeder, der ein Interesse für die Vorzeit einer Landschaft hat, muss hier auf die fünf offenbar mit einander in ursprünglichem Zusammenhange stehenden Ortsnamen: Prümsch, Seguns, Terzen, Quarten und Quinten aufmerksam werden. Während in den älteren Chroniken die genannten Orte als ehemalige römische Militärstationen, Warten oder Lagerplätze betrachtet werden, gewinnt in neuerer Zeit … die Überzeugung immer mehr Boden, dass jene Namen die Besitzungen eines weltlichen oder geistlichen Grundherrn bezeichneten, und die Vermutung, dass die Abtei Pfäfers der erste Besitzer und Namengeber gewesen sei, hat wohl am meisten für sich.)

… Nach dem Tode des letzten Grafen von Toggenburg, Friedrich VII, machte Graf Wilhelm von Sargans-Werdenberg gelegentlich über die Curfirsten einen Einfall ins Toggenburg; ,er wollte auch etwas erben! Und richtig, die an Zahl bedeutend überlegenen Oberländer schlugen die sich zur Wehre setzenden Älpler von Sellamatt und Umgebung auf den Schlachtböden (daher der Name), zwischen Gamser- und Käserruck, unter Hinterlassung von mehreren Toten in die Flucht und raubten zirka 1800 Stück Vieh, das sie über die Niedere nach den Walenstadteralpen trieben. Allein die geschlagenen Toggenburger Älpler holten Hilfe im Thal drunten und erlangten Revanche; eroberten sie doch schon auf dem ersten Beutezug wieder einen grossen Teil ihres Viehes von den Alpen Büls und Tschingeln (am Südabhange der Curfirsten) zurück. Damit man aber fürderhin und zu allen Zeiten auf den Alpen am Nordabhange der Curfirsten das Vieh in Sicherheit weiden lassen könne, wurde der Weg zerstört, was bei der Beschaffenheit des Terrains wohl keine besondere Schwierigkeit bot. …

(Quelle: «Das Curfirstengebiet in seinen pflanzengeographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen», dargestellt von Dr. Gottlieb Baumgartner. Inaugural-Dissertation. St. Gallen. Zollikofer’sche Buchdruckerei, 1901.)

Klettern in den Churfirsten 1899

Die Sektion Piz Sol hat durch Bergführer Josef Thoma Vater in Wallenstadt durch Sälzkamm und Gacht, 1959m, einen Weg erstellen lassen. Dadurch ist die äusserst lohnende Eintagstour Wallenstadt-Leistkamm, 2105m, Amden-Wesen oder umgekehrt für jedermann gangbar gemacht, ebenso die Besteigung von Nägeliberg, 2165m, Scheer, 2211m, Wart, 2068m, Selun, 2207m. Es ist die beste Aussicht, dass auch die Kurfürstenpässe Falzloch, 2260m und Niedere, 1833m, noch dieses Jahr verbessert und markiert werden, ebenso Culms, 1820m; der niederste und leichteste Pass der ganzen Kette zwischen Leistkamm und Kammeck. Diesem Gebirgszug zwischen Wesen und Sargans haben sich in den letzten Jahren viele Clubisten zugewendet und haben sich darüber sehr lobend ausgesprochen. Vorteile sind die Lage an der Eisenbahn, gute Unterkunft und Gelegenheit zu Kletterpartien. Der Schleichübel zwischen Wart und Scheer ist bekannt; dagegen ist noch nicht allbekannt, dass sämtliche Kurfürstenlücken, nämlich Kaltthal, Frümselthal, Brisithal, Stollenthal (Schnürli) und Gluristhal, und damit natürlich alle 7 Kurfürsten von Süden für jeden ordentlichen Kletterer erreichbar sind. Recht schön ist auch der Aufstieg Lüsis-Tristenkolben mit der Fortsetzung Kaisernruck-Hinterruck, 2309m. Bergführer für dieses Gebiet ist der altbewährte Josef Thoma Vater, Wallenstadt. Wirtschaften von Clubgenossen: Hirschen, Kurfürsten und Harmonie in Wallenstadt und Linde in Berschis.

(Quelle: Alpina VII – 1899. Von J. B. S. [Johann Baptist Stoop])

Wanderstudien

Nicht weit von Stein steht auf einem Bergvorsprung eine Alphütte, die mir nicht aufgefallen wäre, wenn sich daran nicht eine Geschichte knüpfte, die mich in hohem Grade interessiren musste. Das Lokal heisst Iltishag und mag wohl dem darin bezeichneten Gethier seinen Namen verdanken. Für Menschen ist sie im Winter unwohnlich, hat aber doch einmal in kältester Jahreszeit als Familienwohnung dienen müssen …

Im Weiler Starkenbach luden «die drei Eidgenossen» zur Einkehr ein. Bestimmungsgrund zum Eintritt war für uns aber weniger die durch das Wirthshausschild vergegenwärtigte Rütlisage als vielmehr die Sage, dass hier treffliche Forellen zu haben seien und wir fanden, dass diese Sage vollkommen mit der Wahrheit übereinstimmte. …. Nachdem wir so ein Stündchen bei den drei Eidgenossen verplaudert hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderung, deren Genuss sich noch steigerte. Ein «Bild stillen Friedens» that sich auf vor unsern Blicken, die ganze Poesie eines Alpthals wurde zur Wirklichkeit, als wir die Krümmung der Strasse überwunden und das Dorf Alt St. Johann, das Zentrum des Thalgrundes vor uns hatten. Zwei schlanke Kirchthürme erheben sich über die zahlreichen, von der Nachmittagssonne beglänzten Schindeldächer der Wohnhäuser, und weit und breit an den Berghängen und hoch hinauf sind Häuschen und Hütten zerstreut, welche kundthun, dass hier das Alpenleben die Herrschaft hat, ganz wie an der andern Seite des Säntis im Appenzeller-Ländli, wo auch die grünen Abhänge mit Alpenhütten übersäet sind.

Die Lieblichkeit dieses Thals wird erhöht, oder vielmehr man wird sich ihrer erst bewusst, wenn man aufblickt zu den Repräsentanten der grossartigen Gebirgswelt in unmittelbarer Nähe. … Die Kurfirsten haben wir schon auf dem Weg hieher geschaut und gefunden, dass sie von dieser Seite, wo sie aus der Einfassung zweier Vorderberge hervortraten, sich ganz anders zeigten als am Walensee. Da in der Höhe schon viel frischer Schnee gefallen war, so erschienen sie nicht als kolossale Felswände und nackte Felspyramiden, sondern als befirnte Gebilde der höhern Region. Im Thalgrund von St. Johann sind die Kurfirsten durch die Vorberge bedeckt, steigt man aber von den Kirchen auf dem Fusswege die Halde hinan, so treten sie nahe und schön hervor, und da sieht man auch, dass sie nach dieser Seite weit hinauf grüne Alpen tragen. Der imposante Beherrscher des Thals ist jedoch der Säntis, den man sogleich erblickt, wenn man von Starkenbach auf Alt St. Johann zu sich nur einige Minuten entfernt hat. Man darf auch von einer Säntisgruppe reden und dazu selbst die Kurfirsten und den Speer rechnen. … Die geschützte Lage in einer Höhe von ungefähr 3000’ macht das Thal sehr geeignet zu einem Luftkurort für diejenigen, welche einen erfrischenden Aufenthalt in der Alpenwelt wünschen, denen aber die strengere Gebirgsluft auf die Dauer nicht zusagt, und ich zweifle nicht, dass fortan, da jetzt die Eisenbahn an das Obertoggenburg heranführt und da die Zahl der Sommerfrische suchenden Menschen, der «Luftschnapper», wie Karl Vogt sagt, alljährlich zunimmt, – ich zweifle nicht, dass dieses Thal für den genannten Zweck in Aufnahme kommen wird. Daher möchte ich auch den Johannitern den Rath ertheilen, nicht unter dem Titel Hôtel et Pension eine Kaserne zu bauen, sondern eine Einrichtung nachzuahmen, welche sich in der französischen Schweiz sehr gut bewährt, die Ausrüstung von Chalets für die Sommerzeit zur Aufnahme von Fremden. … Grade die Menschen, welche den grössten Theil des Jahres hindurch grossstädtisch leben, spricht es am meisten an, wenn sie im Gegensatz zu ihrem gewöhnlichen Leben einige Wochen ein idyllisches Hüttenleben führen können, und wenn sie sich dabei der Uebernahme einiger Entbehrungen bewusst werden, so steigert das nur das Gefühl, dem arkadischen Hirtenglück recht nahe gekommen zu sein. Alt St. Johann hat manches schmucke Häuschen, das sich für den genannten Zweck eignen würde, und einige tausend Franken auf eine vollständige derartige Ausrüstung eines Hauses verwendet, würden ohne Zweifel gute Zinsen tragen. …

… Es war schon spät am Nachmittag, als ich mich aufmachte, um nach dem eine gute Stunde entfernten Wildhaus zu gelangen, welches 700-800 Fuss höher liegt als Alt St. Johann. Auf der guten Strasse wird man sich der Steigung kaum bewusst, aber an dem Fehlen des Baumwuchses merkt man, dass man höher in die Alpenregion gekommen ist. … Die Strasse, auf welcher ich wandelte, war einsam; da hörte ich Herdengeläute, eine grosse Rinderherde, von dem frühen gefallenen Schnee auf der höheren Region vertrieben, zog herab, aber bald war alles wieder still und ich war wieder allein, in einer Stimmung, die sich zur Andacht erhob, als die scheidende Sonne von ihrem Strahlenglanz am Säntis und am Schafberg den Farbenton zurückliess, den man Purpur zu nennen pflegt, der aber ein Farbenspiel ist von Purpur und Goldglanz, kontrastirt durch die Schatten, welche langsam die Niederung überziehen. …

… Der Säntis pflegt von Wildhaus nicht erstiegen zu werden, weil der Aufgang von Alt St. Johann bequemer ist, dagegen scheuen gute Bergsteiger nicht den ziemlich langen Gang auf der Kaiserruck (7333’), von wo die ganze Säntisgruppe sich herrlich präsentiren soll, ausserdem die Vorarlberger und verschiedene Berge Graubündens, die grauen Hörner, sowie der Speer und der Walensee überschaut werden. Wer diesen Höhepunkt erreichen will, hat es am leichtesten, wenn er auf der Landstrasse nach Alt St. Johann bis nach Unterwasser hinabgeht und dann zu den beiden durch einen Tannenwald getrennten Schwendiseen aufsteigt, wozu er nur eine halbe Stunde gebraucht. Wer auch nicht weiter vordringen will, verschafft sich durch den Besuch dieser stillen Seen, in denen sich die hohen Berge spiegeln, einen Genuss; wahrhaft zauberisch sollen sie im Morgensonnenschein sein. – Der gegen 8000’ hohe Schafberg ist ohne Gefahr von Wildhaus aus zu ersteigen, häufiger wird aber Alt St. Johann zum Ausgang gewählt. – Sehr zu empfehlen ist der nicht beschwerliche Gang zu den Hütten und dem kleinen See von Schönenboden. … Das Klima von Wildhaus, des höchsten Dorfes im Toggenburg, ist im Winter sehr winterlich, besonders soll der Schneefall enorm sein. Dagegen ist die Luft des Mittsommers im hohen Grade wohlthuend für die Athmungsorgane und die Aussicht, dass Wildhaus sich zu einem besuchten Luftkurorte erheben werde, begründet. Ein ansehnliches Dorf ist es schon. …

… Meine Erwartung im Obertoggenburg noch eigenthümliche Sitten zu finden, wurde zwar nicht getäuscht, aber kräftige Ausdrücke des Volkslebens sind schon abgeschwächt und seit das Ländchen mehr in den Weltverkehr hineingezogen ist, verschwindet manche Eigenart der Bevölkerung.

(Quelle: Wanderstudien aus der Schweiz. Erster Band. Von Eduard Osenbrüggen. Fr. Hurter’sche Buchhandlung, Schaffhausen, 1867)

Beschreibung der Toggenburgischen Gebirge

Dem iterirten begehren zu gratificiren / ist zuwissen / das zwahr das ganze Land mit lauter Bergen und Hüglen umgeben und angefüllet / von allen Ohrten her; die höchsten und grösten vom Alpgebirg finden sich gegen Aufgang und Mittag zu oberst im Land / bey und auf welchen die kostlichen Alpen anzutreffen. Dieses Toggenburgische Hoch- und Alpgebirg ist eben nicht allzeit erhobener als das Glarnerische und Pündtnerische / wann wir den Hohen-Säntis gegen dem Ober- und Appenzellerland / und den Speer gegen den Gaster ausnehmen / so mit den höchsten certiren / allein darum desto wunderlicher / das es (aussert besagten zweyen) von Menschen und Viehe überall fast bestiegen / und daher vortheilhaftig genuzt werden kan. Es umschanzet und bemauret gleichsam das Land oben her so vest / dass sonderlich 2 schöne Reygen und Linien aus selbigen mögen gemachet werden / die zu oberst im Land namlich im Wildhaus zusamen lauffen; der einte Reygen gehet von Morgen gegen Mittag / der ander kehret um von Mittag gegen Abend.

Von dannen kommet man in einer ½ St. auf den Wildhauser Schaafberg / der zwahr nicht gar gross / aber wild / und von Schaafen sonderlich geetzet wird. Weiters in einer ½ Stund auf den Golman / so der gemeinen Sage nach von den Grabseren um 30 Viertel Birenschnitz oder Stückli erkauft worden / und noch im Toggenburg ligt / auf den Grenzen des Oberlands.

Von Mittag und dem Wildhaus zeuhet sich nun eine andere Bergreyhe gegen dem Nidergang / dann so wir vom jeztgemeldten Golman ohngefehr 2 Stund weiters gehen / kommen wir zu einem über die maassen langen dicken hohen und grossen Berg / der gegen Aufgang das Alt St. Johanner und Starchenbacherthal und gegen über den Schwendiberg / Greppelenberg und Häderenberg / gegen Mittag den Wallenstatter-See hat / der länge nach von Sud gegen West gehet / und oben nebent den köstlichsten Alpen Selun und Selamath 6 grosse nebent einander gleich hohe und doch unterschiedene Bergspitz und Hügel hat; deren der erste der Astakäserruck fast ein ½ Stund lang und doch nicht höher als andere / der zweyte der Wildhauser-Schaafruk / unter dem ein gewüsser Boden seyn sol der Lermenboden genant / weil vor langem eine Schlacht da gewesen / und bald Hellparten bald Degengefess da gefunden werden; der dritte ist der Zustol / der vierte der Briseberg; der fünfte der Schibenstol; der sechste der Luner- oder Selunerruk so genennet von der Alp Selun oder Sylun / in deren der Berg stehet / und einen Rucken präsentirt; unter diesem Lunerruck wird ein Loch gefunden / durch welches man wenigst ein ½ viertel Stund mit einer Latern in den Berg hinein gehet. Vor diesen 6 Bergen ist noch ein ander Loch / so gerad nidsich in den Boden geht; die meisten heissen es ein Rauchloch / weil fast allezeit darinn ein Dampf aufgehet; wer dahin kommet / pflegt Stein hinein zu werffen / welche ein langes und selzsames Gethön von sich geben. Vom Luner-Ruck hat man ein ½ Stund auf den Leistberg / der wol der sibende in dieser Ordnung mag gesetzet werden / und auf Ammon anstosset; vom Leistberg erlanget man in einer Stund den Goggeyen / so ein Frey-Berg vor das Gewild / dieser hat oben 2 aufgethane so genante Scheren gleich einem Krebs / darvon die 1 ins Toggenburg die 2 auf Ammon gehöret. Weiter fürwerts ist die Windplesserples / ein wenig Sudwerts der Bremechen Silt / von seiner Alp also genennet; weiter gegen Mittag der Speer / so nach dem hochen Sentis der höchste an das Gaster grenzend.

Gegen Abend am end des Zürichgebieths Toggenburg und Thurgeus zu underst im Land stehet das Hörnlein.

St. Johann / den 14. Januarii 1708
(Quelle: Johann Jakob Scheuchzer: Helvetiae historia naturalis oder Natur-Historie des Schweitzerlands. Erster Theil. Zürich. In der Bodmerischen Truckerey, 1716. Daraus: Herr Joh. Heinrich Scherers V.D.M. Beschreibung der Toggenburgischen Gebirgen)

Im Toggenburg auf dem Lüner- oder Selüner-Ruk ist auch eine weite Höle / innert welche man wol 1/8 Meil kommen kann. In dieser Kruft were vor etlichen Jahren ein Jäger zu grund gangen wegen eines Felsen / der für das Loch hinunter gefallen / und den Pass gänzlich versperret / wann nicht dessen Hündlein / so voraussen geblieben / mit seinem Geschrey denen / so ohngefehr vorbey gangen / Anlas gegeben / seinen gefangenen Herren los zu machen. Sonsten ist in dieser Graffschaft eine andere Höle / das Rauchloch / also genant von aufsteigenden Dünsten / innert welcher ein eingeworfener Stein lang gehöret wird.
(Quelle: Helvetiae stoicheiographia. Orographia et Oreographia. Oder Beschreibung der Elementen/Grenzen und Bergen des Schweizerlands. Der Natur-Histori des Schweitzerlands. Erster Theil. Johann Jakob Scheuchzer. Zürich 1716)