Schon der blosse Name «Gamsberg» (2383 m) übt auf jene, die seine Geschichte kennen, – abgesehen von seiner, von der Südseite betrachtet, gigantischen Gestalt – einen so magischen Eindruck aus, dass seine Erzwingung bei einigen bergfreundlichen Kollegen und mir schon kuriositätshalber abgemachte Sache ist. «Führer» sind für die Südbesteigungen dieses Berges bis heute noch nicht «erkäuflich», und so heisst es denn, mangels Besserem sich auf eigene Füsse stellen.
Der ziemlich wetterunsichere Sonntag des 21. Juli war also zu einer vorläufigen Rekognoszierungstour um den Gamsberg ausersehen, und zwar hatte ich im Sinn, diesem Herrn – auf Umwegen allerdings – so nahe als möglich auf den Leib zu rücken.
Kollegen gesellten sich unverhofft morgens 6 Uhr auf dem, in Bezug auf Aussicht höchst dankbaren äusseren Trabanten der Faulfirstkette – dem Alvier (2338 m) – zu mir, und halb verwirrt, melancholisch noch von den mächtigen Eindrücken eines schönen Sonnenaufganges, gingen wir fröhlich über Schneefelder rutschend, westlich, dann nach Blumen haschend, über Krummenstein (2260 m) nach dem zwischen Krummenstein und Gärtlisegg gelegenen Sattel (2078 m).
Ein pikantes, leichtes Kamin führt, direkt vom Sattel aufsteigend, auf Gärtlisegg (2244 m), und verblüfft, geradezu wie angedonnert, ist derjenige, der, ohne es sich vorgesehen zu haben, jenem Kamin entschlüpft, auf die offenen Matten tritt, und sich vor Blumenreichtum kaum durch diese lieblichen Kreaturen durchzuwinden vermag.
Sie sind in Massen da! Und das ist eben das Verblüffende, dieser Reichtum und diese Vollkommenheit der Alpenflora. Noch nie habe ich eine komplettere Sammlung angetroffen, als dort oben an jenem Sonntag, und noch nie habe ich einen Berg besucht, der den Namen «Gärtli» in so hohem Masse verdient hätte, wie sein Namensträger. Von den frühesten bis zu den spätesten, gemeinsten bis zu den seltenern, sind sie alle da: die Alpenrosen, Edelweiss, Männertreu, verschiedene Enziane, Kleearten, Kugelblumen, Soldanellas, Glockenblumen, Steinbrech, Arnica, die bescheidenen Alpenveilchen und -Vergissmeinnicht, die jetzt selten mehr vorkommenden Anemonen, und gleich dabei wieder die schönsten Exemplare ihrer Früchte, die «Altmannen» etc. etc., einträchtig nebeneinander, ein Teppich von ungeahnter Pracht. Als Merkwürdigkeit mag hervorgehoben sein, dass hier die Edelweiss – jedenfalls des Ensemble’s wegen – ganz aus ihrer Gewohnheit herausgekommen sind, und vorzüglich auf der Nordseite vegetieren, währenddem die viel günstiger scheinenden, steilen Südhänge nur spärlich mit denselben bedacht sind.
Speziell Blumenfreunde also sind es, die ich hiemit darauf aufmerksam machen möchte, dass sie jetzt dort oben in Gärtlisegg und Gärtliköpfe, für verhältnismässig kleine Mühen, ein selten dankbares Erntefeld finden; es sei aber auch daran erinnert, dass sie alle, die Gesellschafter der Faulfirstkette, auch in Bezug auf Aussicht gar nicht zu verachten sind, und dass es auch für Kletterer an den schroffen Hängen derselben, die sich von Flums aus durch das Berschnerloch gesehen – gigantisch – wie senkrecht abfallende Wände einer mächtigen Festung mit Kuppeln ausnehmen, manch hartes Stück Arbeit zu kosten, und manches Problem zu lösen giebt.
Dieses kleine, aber trotzige Gebirge eignet sich für Eintagstouren von Flums oder Mels aus ganz famos. Im übrigen bieten die in 2 ½ – 3 Stunden erreichbaren, geräumigen Alphütten auf Sennis und Malun den gewohnten alpinen Komfort, und gute Gastfreundschaft.
Einmal bei den Gärtliköpfen angelangt, entzückt von der mich umgebenden Pracht, bin ich dann von meinem ursprünglichen Vorhaben abgekommen, und habe ihn nicht weiter behelligt – den Gamsberg. – Also auf ein andermal!
Aber selbst bei besserem Erfolg, ja wenn ich ihn unter mir gehabt hätte, so hätte ich kaum vergnügter sein können, als ich es war beim Abstieg, schwer beladen mit Edelweiss und einem ganzen Chaos von Blümchen und Pflanzen, und freudetrunken beim Gedanken an die morgen mit der ersten Post nach allen Richtungen hinreisenden Sträusschen.
«Alpine Grüsse» von den stolzen Zinnen der Faulfirstkette! (F. R., Piz Sol)
(Quelle: Alpina 1901)